Nur das Beste ist gut genug

Idealisierten die Ethnologen im 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert die indigenen Völker, die sie bereisten und erforschten, indem sie ihnen ein höheres Maß an Gutheit und Reinheit unterstellten (Die edlen Wilden), so beobachte ich des Öfteren im buddhistischen Haltung eine ähnliche Tendenz (Der edle Tibeter, der edle Buddhist). Die Antwort der Gegenseite besteht oft darin, die Westler für dumm und nicht zurechnungsfähig zu halten und ihnen mit Misstrauen zu begegnen.

Mag diese Haltung bei den Ethnologen inzwischen schon lange überholt sein, so ist sie doch eine hartnäckige Alltagsweisheit. Sowohl die "Naturvölker" als auch die "buddhistischen Tibeter" betreffend.


Ein gutes Gegenbeispiel dafür war mein Wurzellehrer. Zwar war er nicht mehr jung, als er von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama gebeten wurde, nach Hamburg zu gehen und das dortige Tibetische Zentrum zu führen, so habe ich doch eine solche, selbst subtile wahrgenommene Haltung bei ihm nie bemerkt. Er sprach niemals Deutsch und dachte anfangs, er ginge nach Japan, weil er mit "Deutschland" nichts zu assoziieren wusste. Doch diese Unwissenheit legte er schnell ab und tat stets das Allerbeste, um uns in die Lage zu versetzen, Dharma von grundauf zu lernen, zu verstehen und kritisch zu hinterfragen.

In der Zeit, als ich seine Schülerin wurde, setzte er sich darüber hinaus aktiv und intensiv für den interreligiösen Dialog in Hamburg ein. Und in meiner Zeit im Vorstand des Vereins, begleitete ich ihn ein, zwei Mal zu einem solchen Treffen.

Ich habe für ihn nichts in mir, außer Dankbarkeit, dass er bereit war, sich so in diese, ihm völlig fremde Welt einzubringen und dass er dieses umfangreiche Buddhistische Studium möglich gemacht hat, was berufsbegleitend in ca. 7 Jahren im Tibetischen Zentrum absolviert werden konnte. Inzwischen ist dort, in Hamburg, alles anders und mehrfach umstrukturiert worden. Und die  fünf Jahre, die davon für die philosophischen Lehrmeinungen innerhalb der buddhistischen Schulungen gewidmet waren, habe ich nicht studiert. Ich hatte keine Geduld dafür, mit den Vaibashikas anzufangen, wenn ich doch gleich Unterweisungen im Madhyamakaavatara hören konnte ;-).

Ich trage für ihn nichts in meinem Herzen, außer Liebe und Dankbarkeit, weil er für alle unsere, aus Kennerposition betrachtet, naiven Fragen eine engelgleiche Geduld bewies. Niemals hat er eine Frage offen gelassen und niemals hat er mit einem knappen, dahin geworfenen Satz geantwortet, als vielmehr ausführlich und liebevoll erläutert, bis der Frager alle Informationen hatte, die er brauchte, um zu verstehen.

Ich fühle eine unaussprechlich tiefe Dankbarkeit für ihn, weil er mich wieder auf reinste und aufrichtigste Weise mit dem in Kontakt gebracht hat, was für mich bis heute noch das Kostbarste ist, was ich kenne: den Buddhadharma.

Wie ich oft erwähnte, war meine Zeit mit ihm viel zu kurz. Das bedauere ich oft und finde es enttäuschend, dass Vieles von dem, was er lehrte, heute nicht allgemein zugänglich gemacht wird. Es gibt unzählige Audioaufzeichnungen und tolle Belehrungen, die bereits transkribiert worden sind. Doch nichts von dem ist jemandem zugänglich, der nicht im intensiven Kontakt zum dortigen Zentrum steht.

Damals, als ich ihn kennenlernte und später Zuflucht bei ihm nahm, da war ich voll der naiven Bewunderung und alles, was er lehrte, nahm ich mir zutiefst zu Herzen. Heute sehe ich vieles differenzierter und würde nicht alles übernehmen, was er lehrte, für mich persönlich und meine Praxis. Doch dieser kritische Blick und die Prüfung, was ich davon annehme und was nicht, ist gesund und macht eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung aus. Und wie man sich auf rechte Weise seinem Lehrer anvertraut, auch darüber hat er uns ausführlichst belehrt und informiert. Nur das kann letztlich auch den Schüler in die Lage versetzen, für sich eine verantwortungsvolle Entscheidung zu treffen, was er für sich und seine Praxis umsetzen möchte und was nicht.


Eine Lehrer-Schüler-Beziehung ist für mich etwas Lebendiges. Und ich habe darin nur anfangs etwas Einseitiges gesehen. Nur in der ersten Zeit glaubte ich, ich müsse meinem edlen, buddhistischen Lehrer bedingungslos und in allem folgen. Lebendig wird die Beziehung auch gerade dadurch, dass ein Austausch stattfindet und manchmal unterschiedliche Positionen nebeneinander stehen bleiben können, ohne dass der Mensch, der sie eingenommen hat, in Frage gestellt wird. Leider habe ich diese Reife in einer Lehrer-Schüler-Beziehung mit ihm nicht leben können. Nicht zuletzt wegen der Sprachbarriere.

Eine solche Beziehung ist es, die ich heute zutiefst vermisse.

Ich habe niemals das Empfinden gehabt, dass mein Wurzellehrer irgendetwas vom Dharma je für sich behalten hätte und uns, seinen Schülern, nicht alles, was er wusste, zur Verfügung gestellt hatte. Und niemals habe ich mich vor ihm dumm gefühlt und als begegnete er mir mit diesem Misstrauen, was daraus entsteht, wenn jemand einem nicht wirklich etwas zutraut.

Umso mehr entsetzt mich, wenn ich Vertretern des tibetischen Buddhismus begegne, die eine Haltung des Misstrauens, des mangelnden Zutrauens und der mangelnden Menschenliebe kultivieren. Sie geben mir immer wieder ein schlechtes Gefühl, dass da Vorbehalte sind und nicht alles offen gegeben wird, was möglich wäre. Und diesen Vertretern kann ich meinerseits nicht auf Augenhöhe und in Offenheit begegnen. In dieser Haltung schwingt schon ein Urteil mit, über mich, wer ich bin und wo ich herkomme. Sie ist wie ein Brandmal, ein Stigma, was mir unauslöschlich auf die Stirn gebrannt wurde, von diesen Vertretern. Und dieses Stigma definiert zugleich wiederum eine klare Vorstellung, wie weit ich es wohl mit dem Dharma bringen werde.

Ich bin über so etwas nicht nur entsetzt, es macht mich leider ziemlich wütend. Denn diese Haltung verwehrt mir schon von vornherein, mein Potential bestmöglich auszuschöpfen. Nur, wenn ich alle Informationen habe, die ich brauche, um zum Beispiel ein Gelübde im besten Sinne und bei vollem Bewusstsein anzunehmen, wird es auch seine volle Kraft in meinem Geist und meinem Körper entfalten können. Und nur bei vollem Bewusstsein genommene Gelübde und bewusst eingehaltene Gelübde, können sich in voller Intensität entfalten und rasche Fortschritte bringen. Dies als Beispiel. Letztlich bezieht sich das auf alle Kenntnisse, insbesondere und besonders kostbar auf das Gesetz des Abhängigen Entstehens angewendet.

Jetzt bin ich wieder an dem Punkt, wo ich von in meinen Augen ungeeigneten Lehrern und Vertretern des Buddhismus spreche. Sicher werden jetzt einige von Euch sagen: Diese ungeeigneten Lehrer gibt es doch überall. Das mag sein. Doch in einem so genannten "abgelegenenen Land", für das ich Deutschland, den Dharma betreffend, nach wie vor halte, ist es einfach fatal, wenn die wenigen, ständig anwesenden Lehrer dann auch noch schlechte Lehrer mit einer voreingenommenen Haltung sind.

Für jemanden wie mich, die sich wünscht, dass der Dharma wirklich und tiefgründig in Deutschland Fuß fassen möge, ist dies einfach kaum auszuhalten. Es bricht mir nahezu das Herz. Für gute, aufrichtige Praktizierende in Deutschland wird es so Gang und Gäbe, dass sie mit einem gebrochenen Herzen durch ihr Leben mit dem Dharma gehen müssen. Ihnen bleibt gar keine andere Wahl, als mit diesem gebrochenen Herzen zu leben. Und das ist grausam.

Im Dharma kann und darf niemand Kompromisse machen, will er in diesem Leben noch die bestmögliche Entwicklung nehmen. Und, wie schon oft erwähnt, geht es einem solchen Praktizierenden, wie mir, so hat er kaum Gelegenheit und die günstigen Umstände, zu einem guten Lehrer zu reisen.

Ich gehe sogar so weit, zu behaupten, dass wir hier in Deutschland, den Dharma niemals rein praktizieren werden, wenn sich nicht wirklich gute Lehrer entscheiden, hier zu leben, wie es mein Wurzellehrer tat. Irgendeinen Vertreter zu entsenden - damit ist niemandem von uns gedient.

Diesen Beitrag schreibe ich natürlich aus einem bestimmten Anlass. Einen, der mich wieder seit Tagen ärgert. Und weil ich meinem Herzen vertraue, wenn es sich über ein Thema gar nicht beruhigen will, schrieb ich diesen Beitrag aus demselben Herzen, um es von seinem Ärger und seiner Traurigkeit zu befreien. Durch diesen Beitrag ändert sich nichts. Doch ich  vertraue darauf, dass klar formulierte Gedanken Kraft haben. Und indem ich nach wie vor Wunschgebete spreche, dass sich die Lage hiesiger tibetischer Buddhisten verbessern möge und nicht tiefgründig genug durchdachte Entscheidungen korrigiert werden mögen, wandele ich meinen Ärger in etwas Nützliches.

Wann immer ich an meinen Wurzellehrer denke, weint mein Herz. Und ich traf schon den einen oder anderen Praktizierenden, die den gleichen Lehrer ihren geistigen Vater nennen, deren Herz ebenso weint. Es ist unaussprechlich grausam für viele von uns, ihn ersatzlos vermissen zu müssen. 





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