Kulturelle Identität wertschätzen

Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Ich möchte mich für meine kulturelle Herkunft nicht schämen müssen. Bisher habe ich dies nur leise anklingen lassen und nicht so deutlich ausgesprochen.

Wenn mir also buddhistische Lehrer beibringen wollen, dass ich die Grundlage meines Lebens und meine Umstände gar nicht zu schätzen weiß, dann kann ich nur die Augen gen Himmel wenden und meiner Wege gehen. Ich brauche keinen Lehrer, der zu wissen meint, welche Belehrung die richtige für mich ist und mir quasi mit dem moralischen Zeigefinger vor dem Gesicht herum fuchtelt. Vor allem nicht, wenn er gar nicht weiß, wie ich lebe und was ich bisher erlebt habe.


Deswegen gehe ich kaum zu öffentlichen Vorträgen. Sie werden mich ganz sicher langweilen. Sie werden mich vielleicht sogar enttäuschen, weil ihnen oft die liebevolle Anteilnahme fehlt. Eine Liebe, die natürlich abwesend ist, wo jemand nichts über den anderen weiß - oder eben kaum etwas.

Oftmals habe ich meine persönliche Erfahrung hier dargestellt - und auch meine Meinung. Jedoch bin ich mir dessen bewusst, dass die Schnittmenge derer, die sich damit identifizieren, klein ist. Ich gehe nicht davon aus, dass alle Deutschen, die zufällig Buddhisten sind, die gleiche Wahrnehmung haben, wie ich. Daher versuche ich, stets nur von meiner Wahrnehmung zu sprechen und vermeide, anderen Diagnosen zu stellen. Mit anderen Worten: Ich rede und schreibe nicht darüber, was das Problem von diesem Lehrer dort ist und was ich denke, was ihm helfen würde. Vielleicht gelingt es mir nicht immer, doch bin ich sehr motiviert, darauf zu achten.

Umgekehrt brauche ich auch auf gar keinen Fall, dass ein Lehrer kommt und mir sagt, was mein Problem ist, weil ich zufällig im Westen lebe. Oder was mein Problem ist, weil ich Deutsche bin. Oder, um die Situation ein wenig zuzuspitzen: Dass ich so oder so kaum Buddhistin jemals sein werde. Jedenfalls nicht so, wie es Tibeter sind, die eine viel größere Wertschätzung für das wenige Gute haben, das sie haben. Ich brauche niemanden, der mir sagt, dass ich keine Wertschätzung für das tolle Leben empfinde, das ich führen kann, weil ich im Westen geboren wurde.

Habe ich ein tolles Leben? Lässt die Vermutung, dass ich Zentralheizung und fließend Warmwasser habe grundsätzlich den Schluss zu, dass aufgrund dessen mein Leben toll ist? Oder wird das, was an meinem Leben leidhaft ist, automatisch und nachhaltig dadurch relativiert, weil ich mich dieser guten Umstände erinnere?

Ich sage: Genauso, wie man sich an diesen guten Standard im Westen gewöhnen kann, kann man sich auch daran gewöhnen, das mit dem Leben im Westen verbundene Leid über die Maßen abzuwerten, nur weil es diesen Standard in Asien nicht selbstverständlich gibt.

Wie gesagt, habe ich einen Fulltimejob und habe in meiner Arbeit mit einem Kreis von ca. 75 Mitarbeiter zu tun. So viele unterschiedliche Schicksale und Charaktäre, die alle hart arbeiten müssen. Diesen Job habe ich selbst vier Jahre gemacht und weiß, wie ausgepowert und erschöpft ich täglich war. Gott sei Dank gab es oft so etwas wie eine heiße Dusche danach!

Weder mir noch den Kollegen dort fällt ihr "gutes Leben" einfach zu. Viele haben mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die man sich wahrscheinlich als ein Lehrer, dem alle alltäglichen Erledigungen erleichtert werden, nicht vorstellen kann. 


Erzählt mir dann also jemand, der nicht meinen Job hat und meinen Werdegang kennt, etwas über mangelnde Wertschätzung, die uns im Westen generell zu eigen ist, kann ich nur mit dem Kopf schütteln und das Kompliment zurückgeben. Wer selbst im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen, würden wir in Deutschland sagen.

Wer unsere kulturelle Identität nicht gekostet hat, indem er wirklich nah dran an den ganz normalen Menschen war (und nicht den Luxus-Buddhisten), muss vielleicht auf so eine Generalisierung kommen. Doch derjenige, der sich wirklich geöffnet hat und offenen Herzens  versucht, uns hier zu verstehen, wird sich solche Pauschalisierungen nicht länger erlauben. Von meinem Lehrer habe ich niemals so etwas gehört. Er hat sich auf das beschränkt, wovon er wirklich etwas verstand: den Buddhadharma. Gott sei Dank!


 Apropos "Gott sei Dank": Neulich war ich mal wieder in Schneverdingen, im Milarepa Retreat Zentrum. Dort traf ich eine Bekannte, mit der ich vor mehr als einem Jahr ein Manjushri-Retreat absolviert habe. Und wir machten gemeinsam einen Spaziergang, wo sie mich fragte, warum ich keine Christin mehr sei. Sie ist beides, muss man wissen: Seit kurzer Zeit hatte sie sich dem Buddhismus zugewandt, ist jedoch nach wie vor aktiv in ihrer Kirchengemeinde und im Kirchenchor. Und sie ist innerlich sehr stark damit beschäftigt, wie sie beides zusammen denken und zusammen spüren kann.

Zuerst traf mich die Frage ganz persönlich, denn ich komme aus sehr christlichen Umständen, wie der regelmäßige Leser weiß. Und ich trauere der Tatsache keine Sekunde nach, dass ich vor nunmehr 15 Jahren den christlichen Glauben bewusst hinter mir gelassen habe. Oder vielmehr die Kirche. Zu Jesus habe ich nach wie vor großes Vertrauen.

Doch dann versuchte ich ihr zu erklären, wofür ich Wertschätzung am Buddhismus hege: Für den inneren, mystischen Weg, christlich ausgedrückt. Und ich sagte: Wenn dieser im Christentum ganz und gar frisch und lebendig wäre und das Abhängige Entstehen ebenso erläutert würde sowie mich niemand dazu nötigen würde, an einen allmächtigen Schöpfergott zu glauben... vielleicht wäre ich dann Christin geblieben. Das konnte sie akzeptieren. Doch sie hatte so viele christliche Zitate parat, die verdeutlichten, dass es viele Ähnlichkeiten gibt, zwischen beiden Religionen, die ich im Laufe der Zeit schon längst vergessen hatte ...


Käme jetzt ein buddhistischer Lehrer mit seiner eloquenten Erklärung, was der Unterschied zwischen Buddhismus und Christentum ist, würde er jener Neuinteressierten am Buddhismus wahrscheinlich das Herz brechen. Dessen bin ich mir sicher. Denn der christliche Glaube ist Teil unserer kulturellen Identität und es ist notwendig, behutsam und liebevoll an uns heranzutreten.

Wertschätzung für eben diese kulturelle Identität, im Gegenzug für unsere Wertschätzung für den Buddhadharma, vielleicht. Doch Wertschätzung für uns spüre, höre und sehe ich bei vielen im Osten sozialisierten Lehrern nicht, sondern vor allem Unwissenheit. Wie sollte es auch anders sein, wo viele vermutlich über den christlichen Glauben nichts wissen, als dass er sich in dem schlagfertigsten Argument vom Buddhismus unterscheidet: Dem Postulat des Schöpfergottes. Basta. Aber die Spenden, die bei mit erhobenen Zeigefinger gehaltenen Vorträgen gesammelt werden, diese kann man ja trotzdem mit nach Asien nehmen, um sein Herzensprojekt damit aufzubauen. Das ist doch moralisch o.k., oder?

Hier haben Sie es mit Menschen zu tun - und nicht mit philosophischen Argumenten oder Beobachtungsobjekten, die ungefragt zum Gegenstand einer Generalisierung gemacht werden. Und diese Menschen wollen ebenso Befreiung aus Samsara, ihren Veranlagungen, Ursachen und Umständen entsprechend.

Das Stichwort "Wertschätzung" wurde heute nicht von mir vorgegeben, aber dieser Begriff ist sehr eng mit einer vertrauensvollen Lehrer-Schüler-Beziehung verbunden, die immer auf Gegenseitigkeit beruht und beruhen muss.

Ich weiß, ich bin heute böse. Doch dieser Post ist ein folgerichtiger Post in einer Reihe von Beiträgen, die verschiedene Facetten ein und desselben Themas umfassen.

Ehrlich gesagt, bin ich manchmal regelrecht schockiert, weil ich das Empfinden habe, dass viele westliche Schüler sich beinahe von ihren östlichen Lehrern beschimpfen und gängeln lassen. Hier werden in meiner Wahrnehmung oft den schon vorhandenen Scham- und Schuldgefühlen noch welche hinzugefügt. Subtil wirken viele Lehrer auf mich so, als wollten sie mir mitteilen, dass ich als im Westen Geborener weniger Anspruch auf den Buddhadharma habe, als andere. Und zudem muss ich sowieso mit einem längeren Weg rechnen, weil es mir viel zu gut geht und ich das einfach nicht mehr bemerke?


Heute morgen hatte ich einen wirklich glücklichen Start in den Tag. Und ich teilte diesen außerdem noch mit meiner besten Freundin, mit der ich zum Joggen im Münchener Westpark verabredet war. Wir liefen ganz ruhig und langsam und sogen gemeinsam alle diese wunderbaren Details in uns auf: Die Morgensonne, die Wärme, die von den asphaltierten Wegen aufstieg, während es im Schatten der Bäume kühl und feucht war. Die Gänse, die die morgendliche Stille noch auf den Wiesen genossen und ab und an ein munteres Schnattern von sich gaben. Ein Schwan, der sich in Würde unter einem Baum niedergelassen hatte. Oder das Häschen, was gelassen am Wegesrand saß und das morgendliche Treiben mit der Aufmerksamkeit eines Parkwächters beobachtete. Da war noch der süße, schwere Duft der Rosen, wann immer unsere Laufrunde uns am Rosengarten vorbei führte. Nicht zu vergessen, die anderen Menschen, die sich ebenso in den morgendlich friedlichen Park aufgemacht hatten und deren Lächeln dafür sprach, dass sie ebenso genossen.

Ich erinnerte meine Freundin daran, wie viele Sommer wir überhaupt nicht bewusst den Sommer in seiner Pracht bemerkt hatten, in den schwierigen Zeiten und Jahren, die hinter uns lagen. Und wir würdigten einmal mehr gemeinsam die Möglichkeit, am Leben, im Grünen und verbunden mit der Natur zu sein.
Diese Momente schätze ich wert. Und diese Wertschätzung erfüllt mein Herz mit Freude. Selbst wenn die Dusche, die ich nach dem Joggen nahm, mir inzwischen allzu selbstverständlich geworden scheint...








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