Ja, so ist es

Weit über das Mittelmaß hinaus haben wir uns auch sprachlich bewegt. Wir haben harte, scharfkantige Kategorien erschaffen und wissen damit alle Phänomene für uns einzuordnen. Doch die Sprache, in der unser Herz atmet, die haben wir allzu oft vergessen. Stattdessen ergehen wir uns in Substantivierungen.

Die Sprache des Herzens ist lieber warm, weich und sanft und erzeugt damit eine Melodie, die uns zum Schmelzen bringt. Plötzlich fließen wir dahin, aufgelöst in Liebe und im Bejahen dessen, was gerade ist. Wir geben alle Schutzmechanismen auf, zu denen auch unsere zahllosen Kategorien und Schubladen gehören. Wir gehen unvermutet dicht dran, an den Moment und verstehen Situationen, Menschen, Ereignisse, die uns sonst ganz sonderbar erscheinen.

In diesem sanften Fließen muss Vieles nicht mehr nach unserem Kopf gehen. Wir lassen zu, dass alles anders ist, als wir dachten. Und haben meist nicht einmal einen schlauen Spruch parat, weil wir so beschäftigt sind, mit Spüren und Lauschen. Das, was sich zeigt, klingt in uns nach und berührt Welten in uns, von denen wir nicht einmal ahnten, dass sie da sind. Denn in den Worten des Herzens wird ein umfassender Gleichklang erschaffen, zwischen innen und außen.

In dieser Sprache zu sprechen, ist ganz einfach, wenn ich mein Herz zulassen kann. Dann plätschert auch mein Wirken in einem sanften Fluss dahin, ohne Hindernisse beseitigen und Grenzen sprengen zu wollen. Die Worte schlängeln sich darum herum, betrachten von allen Seiten, um letztlich zu nichts mehr zu kommen, als einem alles bestätigenden Nicken: "Ja, so ist es."

Die Zweiheit, die wir sonst leben, taucht darin auf. Wir sehen, spüren, schmecken Ungleichgewicht und Schmerz, doch können wir zulassen, dass das unser Leben und die Wahrheit ist.

Ich achte sehr darauf, wer eine solche Sprache spricht. Selten höre ich sie noch, immer hoffend, dass sich das ändert. Stattdessen tönen von überall her diese falschen Versprechungen, dass alles besser wird und ich immer nur das Gute sehen muss. Oder dass ich jederzeit mich selbst positiv stimmen kann und auf allen Ebenen meines Lebens erfolgreich sein werde, wenn...

Warum nicht einmal mit jemanden weinen, der verlor, was er liebte? Warum nicht einmal Verlust spüren und der Schmerz, der daraus entsteht. Warum nicht einmal zuhören und hineinspüren in unharmonische, dunkle Situationen und Umstände? Warum nicht einmal tief hinab schauen auch in diese dunkle, ungeliebte Seite des Lebens und darin ebenso die Gesetzmäßigkeiten des Universums finden, wie in allem Glück und aller Freude?

Das Herz findet selbst dafür eine sanfte Sprache. Und vielleicht ist sie es, die uns gerade in unseren dunklen Stunden heilt, weil sie uns zu Tränen rührt. Sie rührt uns tief an, damit wir uns in unserer Unvollkommenheit nicht länger verstecken und schelten wollen, sondern auch dazu einfach einmal zustimmend nicken: "Ja, so ist es." Und das ändert alles.

Nein, sicherlich verursachen sie keine Kehrtwendung, die Worte des Herzens. Doch erlauben sie uns in ihrer alles umarmenden Schwingung, auch die dunkle Seite als Teil des Lebens anzunehmen. Und wo keine Angst und Abneigung vor dem Scheitern und Verlust mehr anwesend ist, da ist irgendwo  ein erleichterndes Seufzen, dass hier gegen nichts angekämpft und nichts verteidigt werden muss.

Auch ich übe sie noch, die Sprache des Herzens. Weil ihre Schwingung Liebe ist, erfindet sie mich jeden Moment neu. Mich und mein Schreiben. Und damit weitet sie sich aus und sucht sich eine Situation, ein Wesen vielleicht, das sie tief berühren kann. Und daher ist es wichtig, ihr keinen Maulkorb zu verpassen. Der Maulkorb des rechten Schreibens ist für sie genauso hinderlich, wie der Maulkorb des vorgefassten Ziels.

So fliege ich mit den Worten wie der Wind über die Felder und schreibe nicht, was mir gefällt, sondern was sich aus dem Moment ergibt. Ja, so ist es.

Noch weiß ich nicht viel zu berichten, über mein inneres Reisen, was ich angetreten habe, in mein inneres Mandala, das ich lange verschmäht habe. Und auch das, so merke ich jetzt, hängt noch oft mit einer zu starken Orientierung im Außen zusammen. Auch mit einem starken Greifen, nach Umständen, Situationen. Da hebt mitunter noch der Dämon des Kategorisierens, des Festzurrens und des starken Benennens als "Mein" sein unansehnliches Haupt. Da wird von außen auf mich geschaut, da wird darüber nachgedacht, was zu mir passt oder nicht, da wird identifiziert und abgegrenzt.

Ich mag das alles gar nicht mehr, denn im Fluss des Herzens zu sein, macht seinerseits süchtig. Gesund süchtig, wenn ich bedenke, wie lange ich den Kontakt zu diesem Fluss verloren hatte und wie umsichtig liebevoll und dennoch frei ein Leben in diesem Herzensfluss ist.

Schlimme Geschehnisse sind immer noch schlimm und werden eine Last für mein Herz sein. Doch immer wieder mich diesem offenen Fließen anvertrauend, gelange ich in den Moment, indem ich sagen kann: "Ja, so ist es." Und im Klang des dann wortlos singenden Herzens spüre ich manchmal, warum. Aus dieser Gewissheit heraus dann zu wissen, was zu tun oder nicht zu tun ist, ist das Beste von allem.

Die Klarheit des Herzens spricht, wenn die Worte schweigen. Doch das Klingen und Singen der Worte bereitet meistens diese besondere Stille vor. Daher spricht man allerorten auf der Welt Gebete und ist seit Jahrtausenden nicht davon abgekommen. Ja, so ist es.

Alles dieses Herzensgeschehen ist frei von Verbissenheit. Hier gilt es nicht mehr, etwas zu beweisen oder zu erobern. Hier gilt es auch, manchmal in einer unangenehmen Situation länger auszuharren, bis sie sich selbst befreien und sich der Weite ergeben kann. Und jedes Mal wird danach der Moment entstehen, indem ich nicht länger leide, sondern in dem ich sagen kann: "Ja, so ist es. Es konnte so lange gar nicht anders sein."

Diesen Weg aus sich selbst zu gehen, aus der Mitte des eigenen Mandala, ist ganz persönlich und individuell. Trotzdem finden alle Herzen zusammen, in diesem Moment des "Ja, so ist es." Und ich merke gerade, das dies eigentlich das Tollste ist, nicht der Moment, indem ich weiß, was zu tun ist!

Das tollste am Herzen und seiner Art zu sprechen, ist der Moment, wo wir alle, so unterschiedlich wir auch sein mögen und so unterschiedlich unsere Erlebnisse, Freuden und Leiden sind, in diesem gemeinsamen "Ja, so ist es." verweilen können. Wir sprechen nicht darüber, spüren ihn nur, diesen kostbaren Augenblick. Und dann gibt es nichts anderes mehr, als das gemeinsam schlagende Herz. Ja, so ist es.






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