Gebunden an das Rad der Zeit

Was ich an Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama wirklich schätze, ist seine Ausrichtung auf universale Werte. Er betont nicht die Unterschiede , sondern die Gemeinsamkeiten. Und das bringt nicht nur ihm sehr viel Respekt und Liebe ein, sondern auch dem tibetischen Buddhismus, den er repräsentiert. Gerade weil die tibetischen Buddhisten so einen authentischen und aufrichtigen Repräsentanten haben, hoffe ich sehr, dass sich diejenigen, die ihn als ihren Lehrer anerkennen, tagtäglich der Mühe bewusst sind, die ihn das sicherlich kostet.

Um die Gemeinsamkeiten betonen zu können, muss man sie kennen. Und um sie zu kennen, muss man sich informieren, fortbilden und idealerweise das persönliche Gespräch zum Andersdenkenden suchen. Nur so wird man letztlich seinen persönlichen Horizont erweitern, der dann wiederum die gute Grundlage dafür bietet, mehr Menschen in das eigene Wohl und eigene Wirken einzubeziehen. Ich sehe ihn als einen Menschen, der genau dafür unermüdlich und sehr, sehr hart arbeitet.


Dass er keine Mühe dafür scheut, spricht dafür, dass er ein genaues Herzensziel hat. Oder, wie ich schon in einem früheren Beitrag schrieb, dass er eine Vision (und keinen Auftrag) hat, die weit über das, was er in diesem Leben zu sein scheint, hinausweist. Er lebt diese Vision bewusst, klar - manchmal unerbittlich klar. Und gerade letzteres schätze ich an ihm am meisten. Er redet nicht diplomatisch um irgendeinen heißen Brei herum, sondern spricht aus Herzensüberzeugung. Diese ist immer klar und deutlich und kann manchmal in ihrer Schärfe weh tun. Der dadurch empfundene Schmerz ist für mich jedoch einer, der dabei hilft, zu gesunden - und mir persönlich daher sehr willkommen.

Im tibetisch-buddhistischen Sinne gesprochen, repräsentiert und verkörpert er für mich vor allem Kalachakra.

Von Kalachakra im traditionellem Verständnis habe ich sicherlich nicht viel Ahnung. Doch das wenige, was ich bisher dazu erfahren habe, versuche ich immer auch mit meiner Wahrnehmung zu verknüpfen. Und aus dieser Wahrnehmung und Weltsicht heraus schreibe ich hier.

Kalachakra steht für mich für eine sehr tiefgründige, spirituell gesprochen, sehr hochfrequent schwingende Ebene des Geistes. Eine Ebene, die sich auf die essentiellen Gemeinsamkeiten und Gesetzmäßigkeiten unserer Welt und des Universums bezieht. Sie steht für das, was uns in Körper und Geist alle eint, egal welcher Nation, welcher Religion oder welcher Welt wir angehören.

Ob ich Christ oder Buddhist bin, in diesem Leben oder in einem anderen - solange ich auf der Erde Geburt annehme, bin ich den Gesetzen unterworfen, denen das Leben auf der Erde folgt. Die kulturellen, materiellen Unterschiede oder die der Flora und Fauna sind nur territoriale Ausprägungen. Dass in Europa das Klima anders ist, als in Australien, hängt mit diesen Gesetzmäßigkeiten zusammen. Und dass für mich das Wort "Glaube" nicht mit dem Wort "Vertrauen" gleichgesetzt werden kann, ist ebenso eine territoriale Ausprägung, jedoch nicht zu allen Zeiten an allen Orten gültig. 

Spricht man also in Zusammenhang mit Kalachakra vom "Rad der Zeit", so geht es dabei genau um diese für alle gleich geltenden Gesetzmäßigkeiten. Die Unterschiede, die wir oberflächlich wahrnehmen, sind von diesen Gesetzen nicht getrennt und in ihrer Verschiedenheit nur bedingt durch unterschiedliche Ursachen und Umstände.


Ob du in Asien geboren bist, oder hier, so bist du doch der gleiche Mensch, der über ein Skelett, Muskeln, Haut und Knochen verfügt. Dass ich blond und blauäugig bin und du vielleicht schwarzhaarig und dunkeläugig - das ist nur die menschliche Varianz, die zugleich auch an ein bestimmtes Territorium gebunden ist. Doch selbst diese Grenzen verwischen sich allmählich.

Besinne ich mich auf Kalachakra, so besinne ich mich zugleich auf das allen Menschen und allen anderen Wesen Gemeinsame. Solange wir hier, an die Erde gebunden,leben, existieren wir aufgrund gleicher Voraussetzungen. Diese universale, grundlegende Identität ist es, die für mich Kalachakra repräsentiert.

Trotzdem ist Kalachakra in der Form, wie es überliefert und gelehrt wird, wiederum eine kulturelle Varianz dieser universalen Wahrheit, die oft zu Missverständnissen und Verwirrung führt. Doch dass durch die Kalachakra-Inititiation einst Vertreter verschiedenster Religionen versöhnt und geeint wurden, kann ein hilfreicher Hinweis dafür sein, dass mehr dahinter steckt, als einfach nur tibetischer Buddhismus.

Oft wird in Zusammenhang mit Kalachakra auch immer der Weltfrieden erwähnt. Besinne ich mich auf die universalen Werte und richte mein Leben danach aus, ist es egal, welcher Kultur und Religion ich und du angehörst. Mag es auch sehr viel geistige Arbeit kosten und mag es auch bedeuten, täglich hinzulernen zu müssen, so wirst du nach und nach in jedem Menschen stets das menschlich Grundlegende anerkennen und nicht länger auf die Gültigkeit und Hoheit deiner eigenen Kultur und Denkweise bestehen.

Dass vor kurzem in Ladakh die 33. Kalachakra Initiation durch Seine Heiligkeit den Dalai Lama gegeben wurde, mag der eine oder andere mitbekommen haben. Und auch dort waren Vertreter unterschiedlichster Religionen zu Gast. Mich hat es wieder an die Kalachakra Initiation in Graz 2002 erinnert, an der ich teilgenommen habe.

Niemals kämen so viele Menschen zu einer solchen Veranstaltung, wenn nicht Seine Heiligkeit der Dalai Lama sie geben würde. Davon bin ich überzeugt. Denn er zeigt in jeden Moment seines öffentlichen Auftretens, wessen Geistes er ist und dass er genau nichts anderem die höchste Hoheit in seinem Leben gewährt, als den universal gültigen Werten. Trotzdem sagt er immer wieder, dass er es ebenso als seine Aufgabe sieht, die tibetische Kultur zu fördern und zu bewahren.

Das eine schließt das andere nicht aus. Das eine darf das andere nicht ausschließen. Nur dann können wir den größten Nutzen sowohl aus unserer Kultur ziehen, als auch andere Kulturen mit diesem Nutzen bereichern. Genau deshalb ist es wichtig, sowohl die eigene Kultur wertzuschätzen, als auch das, was uns sonst noch hilft und inspiriert und nicht notwendigerweise unserer eigenen Kultur entstammt. Nur so kann die hohe Bewusstseinsebene von Kalachakra in unserem Leben wirksam werden und ein freundliches Miteinander ergeben. Sowohl in uns selbst auch im gesellschaftlichen und sozialen Alltag.

Ich schrieb im letzten Beitrag von jener Frau, die im Moment sowohl Christin als auch Buddhistin ist. Ich habe Respekt vor der inneren Arbeit, die sie gerade leistet. Und da sie ein Mensch wie du und ich ist und ich letztlich auch einige Jahre Integrationsarbeit leisten musste, so ahne ich, dass dies in ihrem Inneren nicht reibungslos abgeht.

Es bedeutet harte, innere Arbeit, das Verbindende in beiden Religionen zu finden. Es bedarf Gründlichkeit, sich beide durchdringen und ergänzen zu lassen und letzten Endes das Nützliche aus beiden heraus zu filtern. Und diese Arbeit muss jeder hier leisten, sobald er auf den in Europa noch recht kurzlebigen Buddhismus trifft.

Dies ist der Grund, warum ich Respekt und Wertschätzung seitens der Lehrer wünsche. Genau genommen wünsche ich mir, dass sie uns ihrerseits entgegen kommen und mit uns gemeinsam diese Arbeit leisten. Dass die Lehrer uns genauso weit entgegen gehen, wie wir ihnen, indem wir ihnen bei uns Raum geben, sich in ihrer kulturellen Identität zu zeigen. Ich wünsche mir, dass sie uns mit dieser Integrationsarbeit nicht allein lassen.

Letztlich spüre ich recht schnell, welche geistige Einstellung die buddhistischen Lehrer haben, die zu uns nach Europa kommen. Versuchen sie, im Geiste Kalachakras zu leben und zu praktizieren, oder sitzen sie noch auf dem hohen Roß, uns die beste Sicht der Welt und des Universums zu liefern, für die wir einfach endlos dankbar zu sein haben?

Konfliktfrei wird eine solche Annäherung niemals verlaufen können. Da mache ich mir gar keine Illusionen und bin daher auch nicht der Meinung, dass jede Begegnung in aufgesetzter Freundlichkeit verlaufen muss, die jeden Konflikt scheut. Den Geist wirklich auf die Frequenz von Kalachakra zu erheben, ist nicht einfach, denn manche kulturell gewachsene Eigenheiten scheinen einander zu bekämpfen und völlig entgegen gesetzt zu sein. Wirklich in die Tiefe zu gehen und über fünf Ecken nachzuvollziehen, was die Ursachen einer solchen Eigenheit ist, braucht Lebenszeit und viel geistige Kraft.

Und letztlich wird es von uns allen fordern, geliebte und gewohnte Eigenheiten loszulassen und nicht mehr stur nur auf die eigenen Ansichten zu bestehen. Es erfordert, sich vieler Schutzmechanismen zu entledigen und sich wirklich zu öffnen, auch in allem Schmerz. Nur so kann letztlich eine Integration des Anderen gelingen und von Nutzen für alle sein.

Am Ende wird keiner von uns mehr der/die Alte sein. Und auf einer neuen Ebene der gegenseitigen Achtung und Verbundenheit können wir dann etwas Neues, was die Essenz des Alten mit sich nimmt, gemeinsam aufbauen. Und dieses Neuland ist für mich nichts anderes, als Shambhala. Es kommt nicht zu uns herab geschwebt, aus irgendwelchen Himmeln. Aus unseren Herzen heraus verwirklichen wir es, wenn wir dafür hart arbeiten.

Lehrer, die einfach kurz vorbei kommen, um eine Einweihung und kurze Belehrungen zu geben und dann wieder verschwinden, werden in meinen Augen keineswegs beim Aufbau dieser neuen Geistesebene in Europa dabei sein. Sie sind nicht mehr als Gäste, die geistig in ihrer eigenen Welt leben, aber nicht in unserer.

Und diejenigen, die bei uns leben, jedoch nicht bereit sind, diese harte Arbeit mit allen in Europa beheimateten Wesen (auch den dem menschlichen Augen nicht sichtbaren Wesen) zusammen zu leisten, werden immer wieder Hindernisse und Schwierigkeiten hier haben. Dessen bin ich mir im Herzen sicher.

Für die Einweihung in Graz 2002 gab es auf geistigen Wahrnehmungsebenen sehr große Hindernisse. Auch Seine Heiligkeit der Dalai Lama sprach dort selbst davon, dass er es eigentlich nicht für möglich gehalten hatte, dass eine solche Veranstaltung in Europa je zustande käme. Und ich habe heute dazu meine Assoziationen aus meinem persönlichen Erfahrungen der letzten zwölf Jahre. Ich gehe generell davon aus, dass die Hindernisse, die der Buddhismus heute noch in Europa hat, aus einem Mangel an gegenseitiger Wertschätzung und Austausch entstehen.

Viele sind sich nicht einmal der Hindernisse bewusst, wundern sich höchstens, warum es nicht so leicht ist, die Herzen hier wirklich nachhaltig zu erreichen. Spiritueller Materialismus - also Oberflächlichkeit - scheint weit verbreitet zu sein. Dies ist die Wahrheit und ich sehe aus meiner ganz persönlichen, und daher nicht generell gültigen Erfahrung, dass dies nicht am Unwillen der Europäer liegt, sondern dass nicht weit genug in die Tiefe gegangen wird. Auch die buddhistischen Lehrer gehen nicht weit genug in die Tiefen unserer Kultur.

Um bereit zu sein, diese notwendige Tiefenanalyse zu betreiben, muss man uns europäische Wesen hier lieben und dafür wirklich eine Berufung im Herzen spüren. Vom hohen Roß des Glaubens an das Primat des Buddhismus gegenüber allen anderen Religionen und Kulturen wird das auf gar keinen Fall gelingen. Weil einem solchen Glauben die Wertschätzung für die Gleichwertigkeit allen Lebens fehlt. Weil einer solchen irrtümlichen Sicht  das Vertrauen in unsere Herzen fehlt, wenngleich sie noch oft verschlossen sind und mehr Geduld und Arbeit fordern, als mancher Lehrer sich vorgestellt oder gewünscht hat.

Dass die Kalachakra Initiation in Graz 2002 gelungen ist, hat für mich zuerst und vor allem mit der inneren Einstellung Seiner Heiligkeit des Dalai Lama zu tun, an der er uns so oft teilhaben lässt. Und dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Einem so guten Beispiel nacheifern zu wollen, ist nicht nur erfüllend und innerlich erhebend, es liegt auch den Grundstein dafür, dass die Essenz des Buddhismus zusammen mit der Essenz anderer Religionen, in Form universaler Werte, und unter welcher Benennung und in welcher Kultur auch immer, einstmals überleben wird.

Und zwar dann, wenn wir ganz persönlich wieder und wieder gewillt sind, uns aus der naturgegebenen Engstirnigkeit unserer persönlichen Sichtweisen zu erheben und auf das andere, oft fremdartige Gegenüber möglichst ehrlich, neugierig und offenherzig zu zugehen. Und manchmal auch den oberflächlichen Konflikt der Auseinandersetzung nicht zu scheuen, um zur tiefer gelegenen Einheit zu gelangen.

Mögen wir öfter bereit sein, wirklich viel Lebenszeit für den Anderen dort zu investieren. Und sei es, dass wir über dessen Andersartigkeit meditieren und damit unsere Sichtweise aufbrechen und unsere inneren Grenzen täglich erweitern. Nur so kann eine Integration wirklich gelingen und tiefgreifender Frieden entstehen.


Ich wünsche von Herzen, dass Seine Heiligkeit der Dalai Lama noch lange leben und zeigen möge, was damit gemeint ist, auf der geistigen Ebene Kalachakras zu sein.

Und ich denke oft: Was machen wir, wenn Seine Heiligkeit nicht mehr in seinem menschlich sichtbaren und greifbaren Körper unter uns weilt? An wem, ja um Himmels willen, an wem werden wir so genannten tibetischen Buddhisten uns in Zukunft ein so einzigartiges, auf höchstem Niveau gegebenes, lebendiges Beispiel nehmen können?







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