Die verlassene Unschuld

Mitten hinein ins Leben zu gehen, ohne sich noch hinter Büchern, Schriften und Theorien zu verstecken - das probieren wir heute selten aus. Sicherer scheint es, sich erst einmal schlau zu machen. Und wir verlassen damit die Sphäre der fortwährend stattfindenden Erfahrung, die Leben eigentlich ist.

Ich wage heute einmal zu behaupten, dass wir dies aus Gründen tun, die sich im innersten Kern stets darum ranken, dass wir etwas falsch machen könnten. Und dann wird da irgendwo jemand sein, der uns dafür schuldig sprechen wird. Sei es auch erst irgendwann am Ende unseres Lebens, wenn der Herr des Todes bestimmt, ob uns dies gen Himmel oder in die Hölle ziehen wird.

Manchmal glaube ich fast, diese unbewusste Selbstverurteilung ist inzwischen in unseren europäischen Genen angelegt. Auf eine Art ist es faszinierend, zu beobachten, wie die Vorannahme einer Schuld unser ganzes Leben bestimmt und verändern kann.

Niemand von uns möchte ein Narr sein, der völlig unbedarft und frei in ein Abenteuer marschiert, um einfach herauszufinden, was passiert. Wir wollen vorher schon informiert sein, über mögliche Gefahren ebenso, wie über Strategien, die im Gefahrenfalle uns einen Ausweg bieten können.
Die Unschuld des Narren hingegen, mit der er einfach schaut, was sich ergibt, steht für ein hohes Maß an Vertrauen, dass unterwegs in einem drin schon die richtige Lösung für ein Problem dann auftauchen wird, wenn es ein Problem gibt und dass man Mensch genug ist, um damit umgehen zu können. Diese Unschuld ist sogar die Zuversicht, dass die Summe bisheriger Erfahrungen eine gesunde Stütze sein werden.

Wir im Hier und Heute denken ganz anders. Völlig unbemerkt haben wir das Vertrauen in unser Lebenspotential gegen tausend Ratgeber und Sachbücher eingetauscht. Wir gehen generell davon aus, dass irgend einer auf der Welt das vorstellbare Probleme schon einmal gehabt und eine Lösung gefunden hat. So verbringen wir viel Lebenszeit lesend auf der Couch, im Internet unterwegs mit Google oder vor dem Fernseher, um Reportagen anzuschauen, bevor wir losgehen.

Für mich war es daher eine Zeit der harten Umstellung, als ich, einem ungewöhnlichen inneren Impuls folgend, alle diese mir von außen zugeführte Stützen einfach los ließ und übte, nur den Hinweisen des Herzens zu folgen.

Wenn ich mit meiner inneren Entwicklung nicht weiter kam, weil ich einen Irrtum, einen Knoten, eine Blockade fühlte, spürte ich tief mitten hinein und stellte innerlich Fragen, was ich tun kann, um den natürlichen Energiefluss herzustellen. Und manchmal spürte ich dann, dass ich einfach losgehen muss, irgendwo hinaus, um mich inspirieren zu lassen.

Ich achtete dabei penibel darauf, dass ich den Bildern folgte, die sich vor meinem inneren Auge einstellten, sowie auf das freudige, Neugier weckende Gefühl in meinem Herzen. Dieses Gefühl, was sich beinahe so anfühlt, als klopfte das Herz plötzlich schneller, oder als zöge es mich irgendwo hin.

Ich übte das, weil ich tief in mir überzeugt bin, dass ich in guter Verbindung zu Wesen stehe, die mich auf meinem Weg unterstützen werden und  mich zu den Impulsen und Inspirationen führen werden, die ich gerade brauchte. Und dass außerdem die Erfahrungen vieler Leben in meinem Herzen verankert sind.

Das heißt nicht, dass dies nicht auch ein Buch sein konnte. Der Unterschied in der Herangehensweise des Herzens ist nur der, dass ich vorher nicht weiß, was genau ich finden werde. Ein Bild kann zum Beispiel sagen, dass ich dringend in diesen oder jenen Buchladen in der Stadt gehen muss - und dann gehe ich hin. Unterwegs stellen sich vielleicht weitere Bilder ein, die mich vorbereiten, in welchem Stockwerk oder welcher Rubrik ich mal aufspüren werde, was ich gerade brauche.

Und ich lasse nicht ab, Bild um Bild, Gefühl und Gefühl zu folgen, wie die Nadel des Kompaß den magnetischen Polen dieser Erde. Ich blättere hier, schaue da - auch unter Rubriken, die ich früher aus Prinzip mied oder aus Vorurteilen heraus für nicht für mich bestimmt betrachte.

Völlig unvermittelt kommt dann der Moment, wo ich irgendetwas lese, von dem ich aufgrund der Reaktion meines Herzens sofort weiß: "Das ist es!" Und dieser plötzlichen Gewissheit in mir folge ich dann ohne zu zögern.


Ich gehe los, wie ein unwissender Narr und komme nach Hause, mit der notwendigen Nahrung, um meinen inneren Weg fortzusetzen.

Dieses Aufspüren dessen, was mein Herz mir weisen möchte, wandte ich über die Jahre auch auf anderes an. Ich ließ mich unbekannte Wege durch Natur und Parks führen, ich ging in Filme, die nicht meiner verkopften Wahl entsprochen hätten, ich fand berührende, Energien freisetzende Musik, die ich früher schon aufgrund des Band-Namens ignoriert hätte.

Die Beispiele sind ganz alltäglich, jedoch kamen sie, den daraus resultierenden Erfahrungen nach, großen Entdeckungen gleich. Und niemals wäre ich zu diesen bewegenden Impulsen gekommen, wenn ich meinen Kopf und unsere europäische Gewohnheit, immer alles vorher schon durchdacht, geplant und durchorganisiert zu haben, gefolgt wäre.

Kleinen Übungen nur glichen diese Erfahrungen, doch stärkten sie mein Vertrauen in die unbegründbare Weisheit und Richtung meines Herzens ungemein. Meine Neugier auf das, von dem ich vorab nicht wusste, was ich finden oder erleben würde, wuchs unaufhaltsam an und aufgrund meiner sich so ansammelnden Erfahrung, dass dem verrücktesten, inneren Bild zu folgen, mich unendlich bereichern würde, übertrumpfte zunehmend den latent gegenwärtigen Verdacht, ich könnte einen schlimmen Fehler machen.

Diese Impulse können aus unserem Tagesbewusstsein unmöglich kommen, den dieses ist nicht mehr als der Computer, der unser Erleben verwaltet. Und gespeist wird er vorrangig aus allem, was wir schon kennen und was die Routinen unseres Zerebrums durchlaufen hat. Routinen, die ganz klar nur darauf ausgerichtet sind, das ungefährliche, sichere Verhalten vorauszusagen.

Genau darauf zielen heute viele Wissenschaften ab: Sie beruhen vorrangig auf der Herangehensweise, aus dem Erforschten Schlüsse zu ziehen und daraus zukünftiges Geschehen, Wirken und Verhalten zuverlässig vorauszusagen. Und damit ist diese Wissenschaft Abbild unserer freiwillig verlassenen Unschuld, die Welt und das Leben immer wieder neu zu sehen und zu erleben. Denn wozu soll diese verlässliche Voraussage denn anderem dienen, als dazu, uns vor potentiellen Gefahren zu schützen und unseren momentanen Besitzstand zu wahren?


Dieses Abwenden von Gefahr schon im Vorfeld sowie das Abwenden der Schuld, wenn die Gefahr doch Schaden bringen sollte, ist ein alles dominierende Gewohnheit geworden. Und obwohl das wahre Leben uns wieder und wieder lehrt, dass dieser Ansatz verlorene Mühe ist, machen wir weiter und weiter so.

Notwendige Folge ist, dass es uns oft an Frischluft fehlt und wir vor Veränderungen panisch zurückscheuen. Wir verbarrikadieren uns hinter dem ständigen, geistigen Durchspielen des "Was wäre, wenn... und wie verhalte ich mich dann, ohne einen Fehler zu machen?". Das wahre Leben, im wechselseitigem Austausch mit lebenden Wesen und den Elementen, geht an uns vorbei. Und wir vermeiden es vielmehr, uns auch nur eine Sekunde auf uns selbst zu verlassen. Denn wer nichts erlebt, der kann auch keine Weisheit aus vielfältigen Erfahrungen ziehen und nach dieser leben. Folglich greift man immer zu Büchern, in denen andere ihre Weisheiten geschrieben haben.


Diese Theorielastigkeit wieder in ein gesundes Gleichgewicht zu bringen, ist heilsam. Denn mit jedem Schritt, den ich allein mache, nehme ich die Weisheit und Führung meines Herzens wahr.

Deshalb habe ich  bewusst aufgehört, mir systematisch Wissen über dies oder das anzueignen. Ich lausche immer und zuerst nach innen, bevor ich von außen etwas heranziehe, um es als Stütze zu nehmen. Dadurch stehen noch etliche ungelesene Sachbücher und auch Bücher über Dharma in meinem Regal.

Selbst wenn ich manchmal denke, dass ich dieses Buch dort schon so lange da stehen und noch nicht gelesen habe, checke ich in innerer Zwiesprache und intensiven Nachspüren ausgiebig, ob es mich wirklich ruft. Oft höre und spüre ich deutlich: "Das ist jetzt nicht dran." Stattdessen verbringe ich viel Zeit damit, auf meine innere Wahrnehmung zu achten, was sich gerade richtig anfühlt.

Inzwischen können die Impulse auch recht zwiespältig sein. Es ergeben sich im Alltag manchmal Situationen, auf die ich im ersten Gefühl ablehnend, ängstlich und voreingenommen reagiere. Ich fühle, wie alles sich in mir sich sträubt, mit dieser Situation etwas zu tun haben zu wollen. Doch ich kenne diesen ersten Reflex wiederum als Hinweis, dass da etwas der gewohnten, sicheren Routine zuwider läuft - und daraus erwächst ein innerer Widerstand. Dann spüre ich dahinter und darinnen die auftauchenden Bilder auf, die sich ergeben.

Zwei Arten von Bildern und Gefühlen sind dann oft präsent: Die eine Sorte ist grau, statisch, negativ besetzt und diese fühlen sich dumpf und schwer an. Die anderen sind frisch, lebendig, bunt und ihnen wohnt dieser gewisse innere Sog inne. Die ersteren beschreiben mir die Prognose, die aus meinen bisherigen Erfahrungen entstanden ist. Die anderen zeigen mir deutlich, was eben passiert, wenn ich durch den Widerstand einfach hindurch gehe und mich trotzdem der Situation ausliefere, ohne auf Nummer sicher zu gehen.

Oft weiß ich dann schon im Vornherein genau, wofür es gut ist, den Widerstand zu brechen. Und ich vertraue diesem Hinweis fest und gehe direkt auf die unliebsame Situation zu. So bin ich schon durch manche innere Wand gegangen, die oft nicht mehr als ein grauer Nebel war, der flux verflog, sobald ich anders handelte, als der zu bewahrende Status mir suggeriert hatte.

So kehre ich nach und nach zu meiner Unschuld zurück, die mein Kopf mir zu verlassen lehrte, um stets auf der sicheren, in die Zukunft als richtig gelebtes Leben prognostizierbaren Seite zu sein. Diese Absicherung, die dazu dienen soll, mich vor der Hölle zu bewahren. Einer Hölle, die allzu oft ungefragt und unvermutet in unser Leben einbricht, ob wir darauf vorbereitet waren, oder nicht. Wozu dann der ganze Absicherungs-Wahn?

Diese Unschuld, mit der ich auf mein Herz vertraue,  macht mich nicht zur Närrin, sondern erweitert Tag für Tag meine Lebenssphäre. Und nur auf diese Weise werde ich, irgendwann einmal, alle gewohnten Wahrnehmungs- und Beurteilungsweisen gebrochen und mich der wahren, inneren Weite geöffnet haben. Diese Weite, die alles umfasst, selbst die so geächteten Höllen, ist es, die mir erlaubt, mit allen Wesen zu sein und keines von ihnen aufzugeben.

So betrachtet, ist der Pfad des unschuldigen Herzens der einzige, der mich dabei unterstützen wird, eine wahre Bodhisattvi zu werden. 

Ein Buch allein, in dem ich nur darüber lese, wird mich zu dieser grenzenlosen Offenheit niemals führen. Oder auch ein Wissen davon, was alles schon darüber gesagt, gedacht und gesprochen wurde, wird mich nicht befreien. Ich muss schon selber meine Erfahrungen mit dem Leben und den Wesen machen  und sie peu à peu in meinen Herzensraum einschließen.





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