Die Mitte meines Mandalas

Einen Nachtrag habe ich noch. Einen Nachtrag dazu, warum ich nunmehr weiß, dass ich stärker loslassen werde, vom Außen, um mich ganz meinem Mandala anzuvertrauen.

Mich selbst in der Mitte meines Mandalas befindlich zu erkennen - und damit die Herrin alles dessen, was daraus entsteht und in die Welt hinaus strebt, ist für mich der Kern, das Wesen, die Seele des inneren, des yogischen, vielleicht auch des schamanischen Weges.


Wichtig ist, sich immer wieder die Frage zu stellen, die allzu oft als Paradox erscheint: Wer war zuerst da - das Huhn oder das Ei? Sich immer wieder dahinter zu verstecken, dass die Welt als gewordenes Wesen schon da war, bevor ich geboren wurde, ist die schlechteste Antwort auf das Leben. Ich komme nicht ins Leben, um alles das einfach als gegeben hinzunehmen, was schon vor mir da war. Und hier scheinen buddhistische Lehrer allzu oft zu verharren.

Brücken schlagen über unüberwindlich scheinende Gräben, das kann ich nur in mir selbst. Und immer nur auf andere, vor mir Gewesene zu schauen, wie sie damit umgegangen sind, wird das mir gegebene Leben nicht ausschöpfen. Dann werde ich irgendwann an einem Punkt sein, wo ich leere Rituale wiederhole und mich auf das Kaffee- oder Teetrinken beschränke, während die Welt sich weiter bewegt. Und zwar ohne mich. Ich werde aufhören, die an mich überlieferte Herzenslinie des Wirkens und Bereicherns dieser Welt fortzusetzen.

Das ist beinahe so, als verlegte ich mich schon mit zwanzig aufs Altenteil. Und zwar im westlichen Sinne: Ich habe nichts mehr zu tun, als mich auszuruhen. Die Weisheit und Verwirklichung meines Herzens wird dann unausgelebt bleiben. Nachfolgende Generationen werden sich an mir kein Beispiel nehmen.

Am Leben zu sein ist zugleich eine Investition, von der ich nicht weiß, ob sie je aufgehen wird. Jeder Atemzug, in dem ich bewussten Wissens und Gewissens gebe, was ich habe, ist eine Investition. Und leiste ich diese Investition nicht, weil ich immerzu von anderen Investition erwarte, habe ich mein Leben verfehlt.

Deshalb ist es jetzt wichtig, mit dem innigsten Wesen meines Mandalas eins zu werden. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob dieses Mandala in Farbe und Design, Aufbau und Wirkungsweise dem, was andere uns als ein solches Mandala überlieferten, gleich ist. Wenn es nicht neue Züge trüge und damit diese Welt neu bereichern würde, sollte ich sogar stutzig werden. Dann habe ich irgendwo nicht richtig investiert, in die Befreiung meines Herzens.

Wenn Prozesse, Gegebenheiten, Institutionen allzu statisch werden, liegt darin schon der Tod und das Vergessen ursächlich angelegt. Dann nützt es auch nicht, seine ganze Kraft in das Bewahren des Alten zu stecken. Dies wird unser aller Fehlinvestition sein.

Wirklich alles zu geben, ist die richtige Investition. Und dem Gegenüber zu überlassen, was er aus dieser Investition Gutes macht, anstelle immer haarscharf zu kontrollieren, ob er auch der Tradition gemäß handelt, ist sehr wichtig.

Ich bin hier ein Freigeist, das freie Herz, was genau versteht und achtet, dass Veränderung nicht nur das alles durchdringende Leid ist, wie es im Buddhismus stets beschrieben wird, sondern die größte aller Chancen, die Freiheit unserer Herzen zu erobern und zu bewahren.

Wie man sich bettet, so liegt man - und das, was uns leiden macht nicht ebenso als das zu erkennen, was uns auf unser Glück verweist, wäre dumm.

Wofür ist es denn wichtig, im Herzen frei zu sein? Für nichts anderes, als die Liebe, die Weisheit, das Leben an sich zu bewahren und im Sinne der Gesetze dieser Erde zu führen. Nur als freies Herz werde ich verstehen, warum die anderen Wesen ebenso Anspruch darauf haben, das Leben gemäß ihrer Überlieferung fortzuführen und im Zuge dessen immer wieder anzupassen, an die Gegebenheiten und Erfordernisse gegenwärtigen Lebens.

Voreingenommenheit und zu starkes Anhaften an der Tradition kommt dem Schaufeln eines Grabes gleich. Und obwohl ich mit einer solchen Haltung noch denke, dass ich es den anderen schaufele, die der Tradition nicht folgen wollen, wird es mein eigenes Grab sein.


Denn vielleicht bin ich in einer solchen Haltung einfach zu blind dafür, dass diejenigen, die die Tradition nicht übernehmen wollen, dies gar nicht können. Und eventuell können sie es nicht, weil ich den Fluss des Lebens nicht mehr spüren und ihm folgen kann, weil ich im Bewahren der buchstäblichen Tradition irgendwo meinen eigenen, yogischen oder schamanischen Weg verlor.

Anstelle mich in die Mitte meines Mandalas zu begeben und dabei zu erforschen, wie dasselbe beschaffen ist, habe ich mich wahrscheinlich selbst zu stark zensiert, im Wunsch, alles der Tradition gemäß zu sehen, was sich mir von meinem Mandala zeigte. Und was daran nicht passte, machte ich passend, bis mein natürlicher Fluss stockte. Ich zementierte mich selbst ein, völlig vergessend, dass der Sinn meines Seins nicht die Tradition, sondern das Leben ist, was Altes harmonisch und dynamisch in Neues übergehen lässt.

So lebe ich in irgendjemandes Mandala, nur nicht in meinem. So folge ich irgendjemandes Beispiel, als selbst ein Beispiel zu sein. So inspiriere ich niemanden, nicht einmal mich selbst und bin schnell dabei, mit anklagendem Finger auf andere zu zeigen, die Hindernisse bereiten. Dabei bin ich mir selbst ein Hindernis, weil ich meinen Lebensfluss nicht seinem natürlichen Flussbett überlasse.


Sicherlich ist es schwierig, sich selbst als Brücke zu verstehen. Irgendwie sind wir süchtig danach, den Weg gewiesen zu bekommen. Irgendjemand muss es doch geben, der uns den Weg weist, oder? Warum sollte ich alles selbst machen müssen?

Hier ist es einfach notwendig, zu verstehen, dass ich selbst die falschen Fragen ans Leben stelle. Denn fragte ich einmal, was der Sinn meines Lebens sei, so erführe ich, dass jedes Leben die Brücke in etwas Neues, nie Dagewesenes bildet, wenn ich es richtig ausschöpfen will. Ich selbst bin die Synthese von Alt zu Neu. In mir wird möglich und lebendig, was ich von anderen wünsche.

Ein guter Lehrer wird also der sein, der selbst in die Mitte seines Mandalas getreten ist, anstelle die traditionell überlieferten Mandalas wieder und wieder zu visualisieren und zu kopieren. Dies verstehend, ist jeder vom Leben selbst ermuntert und aufgefordert, seinen eigenen Weg zu gehen und der Überlieferung des Herzens ein neues, innovatives Kapitel hinzuzufügen. Und damit steht er allein und dennoch im Austausch mit dem Alten.

Ein liebloses, uninspiriertes Übertragen der Tradition, ein Aufgehen im Alten, ohne neue, eigene Nuance, kann die Herzen nicht öffnen und begeistern. In Ordnung ist es, diese Arbeit, die das Leben an sich ist, nicht leisten zu wollen. Dann aber sollte ich mich in mein eigenes Leben zurückziehen und Abstand davon nehmen, an andere etwas weitergeben zu wollen. Wenn ein Lehrer nicht bereit ist, über die verinnerlichten Schriften hinaus zu wachsen, kann er keine Brücke zu uns schlagen.

Ein inniges, sich gegenseitig Berühren und Durchdringen ist das, was Liebe tut. Und natürlich ist es, dadurch bereichert und verändert zu werden. Und wenn dein Leben erfüllt von Liebe sein will, ist es notwendig, der Liebe ihren Weg zu lassen. Und damit auch in Kauf zu nehmen, weder Huhn, noch Ei, manchmal beides und ebenso manchmal das eine oder das andere zu sein.

Sich dieser Selbstlosigkeit zu überlassen und ebenso eins mit dem ganz eigenen Mandala zu sein, was zwar manchmal von Schriften und Schriftstellern inspiriert, letztlich dennoch nur aus der eigenen Lebenserfahrung schöpft, ist für mich der Sinn des Lebens.

Und ein Lehrer, der klar bei sich selbst bleibt und diese, seine Erfahrung weitergibt, anstelle nur das, was in den Schriften steht, wird die Brücke schlagen. Und dem Alten etwas Neuartiges hinzufügen. Genau, wie du und ich, wenn wir uns ganz dem natürlichen Fluss in Hingabe und Offenheit anvertrauen. So sei es.
Das eigene Mandala anzunehmen, zu verstehen und wirken zu lassen, ist das, was der Welt Zukunft gibt. Aus ihm heraus entsteht das höchste Geben, die wahre Intention und Investition, die weder zu stark rückwärts gewandt ist, noch definieren und kontrollieren will, wie es richtig gemacht wird und wofür das gut ist.





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