Die Kraft des entflammten Herzens

Etwas sehr Kostbares, was ich von meinem Lehrer gelernt habe, ist das tiefe Vertrauen in den Fortschritt, der entsteht, wenn ich alles gebe. Wenn ich wirklich alles gebe.

Und lehrte er mich dies, indem er Vorträge darüber hielt oder mich ausdrücklich darauf aufmerksam machte? Nein. Ich lernte das ohne Worte von ihm, von seiner inneren Haltung, die er ausstrahlte. Von seiner unerschütterlichen Beständigkeit und Aufrichtigkeit. Ich lernte das von ihm, durch seine pure Anwesenheit.


Es gab viele Hindernisse auch für ihn und das Zentrum. Und wann immer ich heute etwas über dritte Personen von dort höre, so haben die Hindernisse kein Ende genommen. Doch er ließ sich in seiner inneren Haltung nicht davon beirren und blieb sich selbst, seinem Weg und seiner Vision absolut treu. So und nicht anders habe ich ihn stets wahrgenommen.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass er mir dies gezeigt hat. Durch pure Anwesenheit, durch pures "Display". Dies hat mich oft auch unbewusst gestärkt, insbesondere in den starken Bereinigungsphasen, in denen ich absolut verwirrt war und meiner selbst und meines Lebens streckenweise nicht mächtig war. Wo ich mich selbst schützen musste, indem ich mich allem entzog und somit auch dem Urteil, dass ich komplett verrückt geworden bin.

Diese Phase war sehr einsam, forderte von mir das beständige, unerschütterliche Vertrauen in ein Herz, dessen Kraft ich in diesem Leben noch nicht erlebt hatte. Dieses Vertrauen war anfangs äußerst fragil. Doch gestützt wurde ich durch die Haltung meines Lehrers und die Erinnerung daran, wie er sich angesichts zahlreicher Hindernisse verhalten hat.

In meiner Wahrnehmung war er immer der gleiche Mensch. Sein "Display" wandelte sich nicht von Ereignis zu Ereignis. Er kannte kein Entertainment und spielte keine wechselnden Rollen. Er war stets er selbst. Und das wollte ich auch sein. Ich bemerkte, dass diese Haltung nicht durch Ereignisse im Außen ins Wanken zu bringen war und dass er aus sich selbst heraus und dem Vertrauen in seine Praxis handelte.

Ich erwähnte schon weiter oben das Wort "Vision", die er meiner Ansicht nach hatte. Damit meinte ich nicht, dass ihm wohl irgendjemand erschien, irgendeine Gottheit oder so etwas. Nein. Ich spürte in seinem ganzen Gebahren, dass er eine klare Verabredung mit sich selbst getroffen hat. Dass er weiß, warum er es bei uns in Deutschland aushielt.

Mag da am Anfang der Auftrag Seiner Heiligkeit des Dalai Lama gewesen sein, das Zentrum in Hamburg zu führen, und mag er anfangs um seiner Hingabe und Treue zu Seiner Heiligkeit diesen Auftrag angenommen haben, so wurde daraus zunehmend mehr. Der angenommene Auftrag hatte sich, irgendwo unterwegs, im Verlauf von über zwanzig Jahren, in eine Vision verwandelt.

Und aufgrund dieser Vision gab er alles, was er hatte. Sein Herz ebenso, wie sein Wissen. Wenn man so will und buddhistisch ausgedrückt, brachte er sich vollständig dar. Diesem Leben, diesen Umständen, uns, dem Dharma und vielleicht noch vielem anderen, was ich nicht bemerkt habe. Er behielt nichts zurück. Er tat es hartnäckig, beständig und durch alle Schwierigkeiten hindurch. Ich spürte da keine Strategie dahinter und keinen vorher ausgeklügelten Plan, auf den er sich beschränkte. Wenn es die Situation erforderte, etwas anders zu geben, als bisher, so ging er flexibel mit der Situation. So habe ich ihn wahrgenommen.

Dies lehrte er mich aufgrund seiner Anwesenheit, aufgrund seiner Existenz und der Tatsache, dass ich das Glück hatte, zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu sein. Und dies geschah keine Sekunde auf Ebene des Verstandes, sondern rein auf der Ebene des Herzens. Deswegen bemerkte ich lange Zeit nicht, dass ich dies alles überhaupt mitbekommen habe. Es enthüllte sich mir erst viel später, als er schon längst gestorben und ich meinem Leben und mir selbst überlassen war. Und es stärkte mein Vertrauen, dass ich auf dem richtigen Weg war.

Ich bin von Natur aus ein visionärer Mensch. Mit Aufträgen kann ich nicht so viel anfangen. Bevor ich zwischen dem, was mich jemand bittet, zu tun und meinem Herzen nicht eine klare Übereinstimmung gefunden habe, kann ein Auftrag höchstens so etwas wie ein Gefallen sein, dem ich jemanden tue.

Hat ein Auftrag hingegen das Format einer Vision, dann bin ich nicht mehr aufzuhalten.


Der Unterschied zwischen einem Auftrag und einer Vision ist für mich also ganz klar, dass nur bei einer Vision mein Herz komplett in Flammen steht. Und dann verbrenne ich vollständig und rückstandslos für diese Vision. Dann gebe ich alles, was ich habe. Dann treffe ich tiefgründige, nachhaltige Entscheidungen und denke dabei langfristig an die Zukunft - und damit nicht an meine persönliche Bequemlichkeit und meine privaten Belange.

Lebe ich im Gestus, einen Auftrag zu haben, so verhalte ich mich so, als ginge ich zur Arbeit: Ich muss meinen Lebensunterhalt verdienen und wenn ich es mit etwas tun kann, was mich wenigstens auch interessiert, dann ist das ganz prima. Dann habe ich wenigstens etwas Spass an der Arbeit, wenn ich schon am Geld verdienen nicht vorbei komme. Also tue ich in der Arbeit alles, um den Auftrag zu erfüllen und habe dann alles, was ich brauche, um auch meinen privaten Interessen und Wünschen nachzugehen. Das wars. Dies bedeutet: In der Arbeit bin ich der Mensch, der gemäß des Auftrags handelt - und zu Hause dann ein anderer.

Ich tue mich, wie gesagt, etwas schwer mit diesem Unterschied. Denn wenn ich nicht auch in der Arbeit wenigstens einen Bruchteil meines natürlichen Herzblutes einbringen kann, dann halte ich persönlich das auf die Dauer nur schwer aus. Doch viele Menschen haben überhaupt kein Problem damit, diese zwei Gesichter zu leben und es sich damit richtig gemütlich zu machen.

Weil mein Lehrer nicht einfach nur seinen Auftrag erfüllt hat, wird mein tiefer Respekt und meine Liebe ihm bis zu meinem letzten Atemzug sicher sein. Hätte er nicht so etwas wie visionäres Blut gehabt, wäre ich auf meinem Weg nicht so weit gekommen. Ich hätte nicht lange durchgehalten.


Ich sehe da zwischen meinem Fortschritt und der Aufrichtigkeit, der Hingabe, der Eindeutigkeit, dem Vertrauen und der Beständigkeit meines Wurzellehrers einen direkten Zusammenhang, eine klare positive Abhängigkeit, für die ich zutiefst dankbar bin. Denn sie erlaubt mir, im tiefsten Herzen unabhängig zu werden, indem ich heute selbst in Flammen stehe und auf meine eigene Kraft, den Weg zu gehen, vertrauen kann. Sein Beispiel ermöglicht mir diese abhängige Unabhängigkeit.

Wir brauchen Lehrer mit einer Vision und aus dieser Vision genährter Liebe, damit Dharma unsere Herzen nachhaltig erwecken kann. Feuer kann nur mit Feuer entzündet werden. Und ein Lehrer, der eine Position zugeteilt bekommen hat und seinen Auftrag erfüllt, ohne für diesen bis in die tiefsten Tiefen seines Verantwortungsbewusstseins zu brennen, wird unsere Herzen nicht öffnen und uns erlauben, aus eigener Kraft in Flammen zu stehen.

Und was wir nicht aus eigener Kraft in uns halten können, erzeugt eine negative Abhängigkeit. Die Abhängigkeit von einem Lehrer, der selbst für die Flamme steht, an der wir uns immer wieder wärmen müssen, um uns sicher zu sein. Ein solcher Lehrer hat nicht die Kraft, die Flamme so nachhaltig in uns zu erwecken, dass sie von allein brennt. Er lebt sozusagen auf Sparflamme.

Die Schüler eines solchen Lehrers sind davon abhängig, dass der Lehrer ihnen wieder und wieder sagt, dass sie es richtig machen. Und im schlechtesten Fall wird ein solcher Lehrer ihnen ständig Anweisungen geben, was sie zu tun und zu lassen haben. Und solche Schüler werden nicht in der Lage sein, hinaus in die Welt zu gehen, um wiederum die Herzen anderer für immer in Brand zu stecken.

Ich war mir sehr lange Zeit gar nicht bewusst, dass ich dies von meinem Lehrer lernte. Hätte er nicht unter uns gelebt und ich mit ihm nicht etwa vier Jahre verbringen können, wer weiß, ob ich dies dann auf der nonverbalen Ebene so mitbekommen hätte. Denn von diesem "Display" zu profitieren, braucht Zeit und die Möglichkeit der Anteilnahme.

Hätte er nicht in Hamburg gelebt, dann hätte ich alles dies nicht beobachten und in die Tiefen meines Herzens aufnehmen können. Und wäre er nicht so ein guter, aufrichtiger Praktizierender gewesen, wer weiß, ob ich heute die wäre, die ich bin?










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