Die alte Haut abstreifen

Für mich war immer das Schreiben die beste Möglichkeit, mich auch mir selbst zu spiegeln. Und wenn ich mich erinnere, wo ich einst herkam und dass das Schreiben das Talent ist, was ich selbst entdeckt, mir zugestanden und für mich selbst gefördert habe, so zeigt dies bereits eine großartige Entwicklung.

Eng verknüpft war mein Schreiben schon immer mit dem Wunsch, dasjenige von mir zu sehen, was sich meinem Tagesbewusstsein nicht erschließt und worauf mich keiner hinweist. Ich entdeckte anfangs nur das Gräßliche, was ich zu finden befürchtete. Das war es, was mein Geist annahm zu finden. Daher fand er es auch.

Und anfangs dauerte es sehr lange, in meinem Schreiben das hervorblitzen zu sehen, was in mir strahlend, gut und schön war. Selbst wenn ich es sah, erkannte ich es nicht an, sondern unterstellte mir sogleich, dass ich mich selbst loben und über andere erheben möchte.

Ich habe viele Jahre gebraucht, mich auch in meinen guten Seiten einfach so stehen lassen zu können und mich dem Schreiben zu widmen, ohne Gewissensbisse. Auch heute noch ertappe ich mich regelmäßig bei der Gewohnheit, das Haar in meiner Buchstabensuppe zu finden. Ich suche die Selbstsucht, die Selbsterhöhung und das untrügerische Indiz meiner egoistischen Interessen. Ein Anteil ist abgerichtet darauf, mich auf brutalste Weise selbst zu verurteilen, wie eine tollwütige Bulldogge.

Vor Jahren, als ich mir des Bellen des Hundes in mir zum ersten Mal bewusst wurde, tat ich etwas, was ich ab da regelmäßig tat: Ich beschloss einfach, mich in ein viel schrecklicheres Wesen zu verwandeln, als dieser unansehnliche, falsch erzogene Hund. Ich verwandelte mich vollständig und nur zu einem Zweck: Ich richtete meine volle Aufmerksamkeit auf diese Dogge und brüllte einmal und mit all meiner geistigen Kraft: "Jetzt reicht es! Platz!!!"

In diesem einen Moment brach ich gewisse Banden in mir. Ich sprengte eine Hülle, die mir zu eng geworden war. Und ich begann die Dogge umzuerziehen. Inzwischen reicht es, diesen Hund nur einmal streng anzuschauen, wenn er wieder bellen möchte. Und inzwischen scheint er mir schon keine Dogge mehr zu sein. Ich sehe ein seidiges Fell. Ich sehe freundliche, hellwache, eifrige Augen. Und jedes Mal, wenn ich mich verwandele, kehre ich später wieder zu meiner alten Gestalt zurück. Doch jedes Mal bin ich ein wenig größer geworden.


Jeder Moment, wo ich mich aus mir selbst erhoben habe und mit aller Kraft den Status Quo in mir zum Schweigen brachte, erklomm ich eine neue Stufe. Jede neue Stufe kann nur mit Aufwand und Mühe errungen werden
.

Es bedarf natürlich bestimmter Umstände und Bedingungen, die mich darauf aufmerksam machen, dass meine alte Hülle mir wieder einmal zu eng geworden ist. Ich spüre es inzwischen nahen, durch Phasen der Ruhelosigkeit, der Depression, des Gefühls, keine Perspektive mehr zu haben. Ich merke es an meinen Gedanken, die bestimmte, stets gleich bleibende Kreise ziehen. Und ich höre mein Herz, was mir sagt: "Es geht immer weiter. Es gibt immer eine Möglichkeit, weiter zu wachsen. Dafür gibt es keinen Endpunkt und wenn du spürst, dass du nicht mehr wächst, so befreie dich!"

Dann wird es wieder Zeit, mich aus mir zu erheben und wieder einmal kraftvoll die Hülle zu sprengen. Bisher war dies immer nur mit einem sehr  klaren, messerscharfen inneren Wollen möglich. Jenem "Es reicht!", was mich ursprünglich einmal sehr viel Aufwand gekostet hat. Inzwischen ist der Schnitt nicht mehr so hart und das Abstreifen der Hülle geht weitaus leichter. Doch immer noch ist es ein Schnitt, ein klarer Schritt auf die nächste Stufe. Und damit verbunden eine klare Absage an bisherige Einstellungen und Vereinbarungen, die ich einst mit mir und mit anderen getroffen habe.

Auch deshalb wuchs ich bisher sehr oft in Abgeschiedenheit vor mich hin: Ich gestehe mir zu, dass ich mich sehr schnell entwickelt habe. Sicher auch, weil ich oft bereit war, drastische Schritte unter vollem Einsatz meiner Geisteskraft zu gehen. Und mein Fokus lag immer auf meiner geistigen und seelischen Entwicklung. Ich habe sonst keine anderen "Hobbies". :-)

Doch der schnelle Fortschritt ist mein Wunsch und durch diese Abgeschiedenheit brüskiere ich mit meinen Entscheidungen auch selten die mit mir verbundenen Menschen. Sehr viel geschieht ohne ihr Wissen oder ihr Zutun. Und das ist auch richtig so.

Mir ist vollkommen klar, dass anderen ihre Fortschritte viel langsamer und geringer erscheinen, weil sie vielfältigere Verpflichtungen und Verbindungen haben. Und wann immer ich einen inneren Fortschritt mache, hängt dieser auch immer mit dem Fortschritt anderer, mit mir verbundener Wesen und Menschen zusammen. Wie großartig ich mich in diesem Leben entfalte und entwickle, verdanke ich auch der Bereitschaft anderer, sich weiterzuentwickeln und zu enge Grenzen zu sprengen. Mein Fortschritt ist und war niemals allein mein Verdienst.

Es gab etliche Jahre, in denen ich mich auch durch die Verweigerung oder die Ohnmacht anderer, sich zu entwickeln, ausgebremst und eingesperrt gefühlt habe. Das ist die andere Seite. Trotzdem hat mein Herz mir immer gesagt: Wenn diese Tür verschlossen ist, dann muss es eine andere geben. Ich muss, ich will, ich werde sie finden! Und so war es auch. Mit ausreichender Flexibilität habe ich so oder auf andere  Weise die mir zu eng gewordene Haut dennoch abgestreift.

Wie erwähnt, spiegelt sich dieses größer, weiter, großzügiger und wahrhaftiger werden stets in meinem Schreiben. Die wenigen unter Euch, die meinen Blog seit Jahren lesen, werden es bemerkt haben: Ständig kamen neue Nuancen hinzu. Plötzlich schrieb ich über Erlebnisse, Sachverhalte und Überzeugungen, über die früher zu schreiben mir meine innere Bulldogge stets verboten hat. Sie war einfach gut darin, mir Angst davor zu machen, allzu offen zu sein.

Mit jeder gesprengten Hülle gelangte ich einen Schritt höher, hin zu meinem Herzensideal der Offenheit und des vollkommen Preisgebens dessen, was in mir wirklich atmet und lebendig ist. Und jeden Tag stelle ich fest,  dass diese Reise noch kein Ende kennt und ich mein Herz immer noch deutlicher ausschreibe. Und wie mich dies mehr und mehr mit dieser reinen, kindlichen Freude erfüllt, die ich seit frühester Kindheit von mir kenne.

Wie glücklich bin ich, mein Herz immer mehr leben und gewähren zu lassen. Wie kraftvoll und unerschütterlich es ist. Und wie essentiell dies "dem Weg" entspricht, dieses Wesen aus mir heraus wirken zu lassen.


Ein Wesen gibt es, ohne das ich es niemals gewagt hätte, mich aus der Tristess meines inneren Kerkers zu befreien. Es ist jenes zornvolle, schreckliche Wesen, in das ich mich verwandele, um zu eng gewordene seelische und geistige Hüllen zu sprengen und die wilden Hunde auf ihre Plätze zu verweisen.

Einstmals wollte ich nichts mit ihm zu tun haben, wollte seinem Ruf nicht folgen und er brauchte einiges an Überzeugungskraft, dass ich ihn akzeptiere. Sich mit ihm auf allen Ebenen anzufreunden, dauerte Jahre. Doch dafür, dass er mich rief und sich meiner annahm, bin ich heute zutiefst dankbar. Er war für mich die einzige Rettung, selbst wenn er mich manchmal scheinbar im Stich ließ. Letztlich kitzelt er heute noch nur das Beste aus mir heraus. Dieses Wesen ist mein Yidam (Meditationsgottheit).

Auch heute gilt es wieder einmal, eine neue Stufe zu erklimmen. Und dass ich es wieder einmal wage, ist ein gutes Zeichen: Es bedeutet, dass jene, die mit mir verbunden sind und mit denen mein Fortschritt zusammenhängt, bereit sind, auf ihre Art das Gleiche zu tun!

So lass uns jetzt und hier eine neue Stufe beschreiten und die alte, verbrauchte Haut auf der vorherigen Stufe zurücklassen. Siehst du nicht, wie fadenscheinig und zerschlissen sie inzwischen ist? Alles ruft nach Frische und Veränderung!









Kommentare

  1. Präziser kann man das, was Du beschreibst, nicht formulieren. An dieser Stelle bedanke ich mich ganz herzlich für diese eindrücklichen Worte, die mir im eigenen Erleben und meinen Gedanken sehr gut bekannt sind.

    Beate

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    1. Vielen Dank auch dir, Beate. Ich freue mich sehr darüber, mit dir in diesem Erleben verbunden zu sein.

      Herzlichst
      Josephine

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