Der Wind weht, wohin er will

Zwar bin ich selbst etwas überrascht, dass bereits heute der richtige Zeitpunkt für den nächsten Beitrag gekommen ist, doch ich reite wie immer mit dem Wind. Und daher kümmere ich mich nicht darum, wieviel Tage seit dem letzten Beitrag verstrichen sein mögen.

Heute morgen dämmerte mir, dass viele der Beiträge, die ich die letzten Wochen schrieb, Themen transportieren, die mir seit Jahren schwer auf dem Herzen lagen. Ich schrieb sie nicht, aus Achtsamkeit und Wertschätzung. Ich gab mich selbst nicht dafür frei, weil ich nicht der Meinung bin, für alles berufen zu sein und immer meinen Senf dazugeben zu müssen.

Doch wenn mich Themen seit einem Jahrzehnt beschäftigen und in diesem Jahrzehnt meine anfangs für Irrtümer gehaltenen Beobachtungen sich erhärteten, und nicht in etwas anderes verwandelten, dann enthalten sie Wahrheit. Und ein Mensch, der sein Herz öffnet, muss wahr sprechen, um selbiges nicht zu verraten.

Ich spüre, dass ich mich nun aufmachen muss, in die Mitte meines Mandalas. Wie lange dieser Abschnitt meiner Reise dauern wird, weiß ich nicht. Doch dafür muss ich einiges loslassen, nachdem ich es ausgesprochen habe.

Vor Jahren studierte ich Philosophie, Anthropologie, etwas Soziologie und Kulturgeschichte. Ich beschäftigte mich auch sehr mit Psychologie. Doch alles dies ließ keinen nachhaltigen Funken überspringen und mein Herz zu entzünden, sodass es hätte lichterloh brennen können, für dieses Leben und sinnvolles Tun. Ich erlebte schon an der Universität dies alles nur als Stückwerk. Da gab es diese Sicht und jene, diese Entwicklung und jene. Da standen Sichtweisen konträr entgegen gesetzt, weil sie von unterschiedlichen Grundlagen ausgingen. Und ein wahrer Dschungel sind die vielfältigen Therapieformen, die es heute gibt.

Lange Zeit war mir nicht bewusst, was mir fehlte, um mich zu überzeugen. Ich konnte mein inneres Bild, was alle diese Splitter in einem gemeinsamen Ursprung vereint zeigte, nicht in Worte fassen. Ich suchte etwas, was alle diese Spielformen geistigen Erlebens und Erkennens in ein und demselben Kern verwurzelt erwies. Doch ich fand es während meines Studiums nicht. Erst später fand ich auch ein Wort dafür: In meinem Inneren fand ich ein dreidimensionales Mandala, was alles umfasste und im innersten Kern alles einte.

Kurz nach meinem Studium, als ich mich dem Buddhismus zuwandte, war ich so glücklich, weil die Weltsicht des Buddhismus diesem Mandala sehr nahe kam. Und daher fiel es mir leicht, mich ehrlichen Herzens zu ihm zu bekennen. Doch das Glück, eine Entsprechung für jenes innere Erleben gefunden zu haben, währte nicht lange.

Sehr schnell wurde ich mit der Institution Buddhismus konfrontiert und merkte zusehends, wie mein inneres Bild nicht mit dem Buddhismus, der sich mir gesellschaftlich zeigte, konform gehen konnte.

Zusehends verwirrte mich das in Jahrhunderten geschaffene, überbordende Regelwerk, was zwangsläufig auch anderen Weltsichten zu eigen ist, die über Jahrhunderte literalisiert und durchstrukturiert wurden. Und das monastische Leben des Buddhismus scheint mir der organisierte, kategorisierte, durchstrukturierte Elfenbeinturm des Ganzen zu sein.

Elfenbeintürme werden irgendwann einstürzen, weil sie sich im Laufe der Geschichte verselbständigen und ablösen, vom realen Leben und der Flexibilität, die ein im Fluss des Lebens und der Umstände geerdetes Herz beweist. Ein solches Herz ist offen und dicht am wahren Leben dran.


Beschäftigt man sich mit Kulturen und Ethnien, die selbst nie literalisiert wurden, die weder über Schrift noch Geschichtsschreibung verfügen, so kann man beobachten, dass ihre Paradigmen sich wandeln. Die Überlieferung alles Wissenswerten findet mündlich statt, durch Geschichtenerzähler und Halter des Wissens. Und diese Geschichten passen sich von Generation zu Generation fließend den Lebensverhältnissen an.

Diejenigen Legenden, die keine Relevanz mehr haben, werden irgendwann nicht mehr erzählt. Und neue Erlebnisse schaffen neue Geschichten, die Interesse und Neugier wecken und daher öfter erzählt und lieber gehört werden. Die Geschichte einer solchen Kultur und Ethnie bereinigt sich quasi ganz von selbst und bleibt daher immer schlank und flexibel.

Der Buddhismus als literalisierte Religion hat, genau wie die Kulturen und Religionen Europas, stattdessen Schrift auf Schrift, Kommentar auf Kommentar, Überzeugung auf Überzeugung gehäuft. So ist das Studium des Buddhismus zu einer ganz eigenen Wissenschaft geworden, die an Klosteruniversitäten in jahrelangen Studien erlernt wird. Und dieses umfangreiche Wissen ist für Laienpraktizierende viel zu sperrig, um bewältigt, durchdrungen und mit dem eigenen Leben verbunden werden zu können.


Wir in Europa, im Westen sind nun einmal zum Großteil Laienpraktizierende.  Und daher sind wir auf die Intelligenz und Fürsorge von Lehrern angewiesen, die uns nicht mit Vielfalt überschwemmen, sondern fähig sind, die wesentlichsten Schriften auf den Punkt zu bringen und uns zu lehren.

Nach meinem persönlichen Empfinden ist die Bündelung des Wissens und der daraus verinnerlichten Erfahrung in Sachen Buddhismus im Westen noch nicht nachhaltig genug erfolgt. Das Wesentliche zugänglich zu machen und so aufzubereiten, dass wir Laien eine verlässliche, allgemein zugängliche Grundlage haben, die uns zur Anwendung im Alltag gereicht, wird in meinen Augen in Deutschland (vielleicht auch allgemein in Europa) noch Jahrzehnte dauern.

Ich kann diese Arbeit nicht leisten, und nur ständig Einweihungen zu irgendeinem Aspekt zu nehmen und eine zeitlang zu praktizieren, ist mir nicht genug. Zugleich ist die in Büchern zugängliche Literatur zwar immerhin etwas, doch halte ich uns Europäer noch nicht  für reif und in der Praxis geübt genug, um den Inhalt ohne Erklärungen eines qualifizierten Lehrers tiefgründig genug zu verstehen.

Viele Schriften gibt es nur auf Englisch, wozu oft genug die Erklärungen fehlen. Und die wenigen Schriften auf Deutsch, die dann auch jenen Buddhisten zugänglich sind, die kein Englisch können, scheinen mir oft abgespeckte Light-Versionen zu sein, die mir nicht tiefgründig genug sind.

Es gibt übrigens sehr viele deutsche Buddhisten, die kein Englisch beherrschen. Selbst ich habe mir viele buddhistische Begriffe auf Englisch mühsam aneignen müssen. Meine ersten englischen Dharmabücher las ich mit dem Wörterbuch daneben. Und lange dauerte es, bis ich zeitweise ohne dieses auskam. Das Missverhältnis, das in den letzten Wochen Inhalt meines Schreibens war, zeigt sich allein auch schon darin, dass viele Deutsche inzwischen Tibetisch können. Aber wie viele tibetisch-buddhistische Lehrer können Deutsch?

Jetzt bin ich an einem Punkt, wo ich loslasse. So gern ich den Buddhismus sehr tiefgründig studiert hätte, habe ich mich jetzt entschlossen, mich auf das Wenige, was ich aufnehmen konnte, zu verlassen und mit meinem Herzen zu gehen.

Weil ich als Laie viele der Regeln für nicht im Alltag praktikabel und für selbigen unsinnig finde, lasse ich auch sie los. Ich verlasse mich auf meine innere Führung und schaue, wohin dieser Wind mich wehen wird. Ich verlasse mich darauf, dass ich so flexibel mit dem gehen werde, was mir begegnet. Ich passe mich den Erfordernissen des Weges ebenso an, wie den Wesen, die selbigen kreuzen und Hilfe und Zuwendung von mir fordern.

Dass ich trotzdem alle meine Beobachtungen der letzten fünfzehn Jahre hier ehrlichen Herzens beschrieb und nicht für mich behielt, brachte mir große Erleichterung. Und dahinter, so spüre ich, erwacht eine neue Zuversicht da hinein, dass die Weisheit und Hilfe derjenigen, die vor mir den Weg gegangen sind, sich auch über mein Herz und die Hinweise, die ich über mein Herz erhalte, offenbaren wird.


Ich belaste mich nicht länger mit dem, was in meinen Augen für deutsche Praktizierende mühsam und hinderlich ist. Ich akzeptiere einfach, dass das Gewünschte nicht für mich zugänglich ist.

Der Weg des Herzens ist eher ein Weg, wie ihn alte Kulturen kennen, die über keine Schrift verfügten. Sie folgten dem, was sie aus ihrem Inneren heraus motivierte und führte, selbst wenn sie dafür keine Worte und Kategorien fanden. Sie kommen ohne starre Strukturen aus, weil sie wissen, dass ihre Lebensumstände oft nicht vorhersagbar und planbar sind.

Vielleicht gleiche ich in meinem Weg hier eher der Nomadin, die mit Vieh und Familie weiterzieht, wenn die aufgesuchte Weide kein Futter bietet. Ich baue mir kein Haus aus Beton und Stahl, was noch über drei Generationen hinaus Heimstätte sein wird. Und hoffe, dass ich so von Nutzen bin.

Viele Jahre machte solch ein Gedanke mir Angst, denn mir ist es sehr wichtig, meinen Lehrern Ehre zu erweisen. Doch da ich deren Leben nicht buchstäblich nacheifern kann, bleibt mir nichts anderes, als es ganz auf meine persönliche Weise zu tun - und nicht auf traditionell überlieferte Art.

Was mein Wurzellehrer dazu denken könnte, beunruhigt mich inzwischen nicht mehr, denn nicht die Handlung ist es, die Ehre erweist, sondern die Geisteshaltung, mit der ich etwas tue. Und auf die innere Haltung zu achten, egal was ich auch tue, ist mir inzwischen schon so etwas wie die zweite Natur geworden.

Ich bin froh, jetzt loslassen zu können, nachdem ich mir all die Steine vom Herzen schrieb. Sie machten meine spirituellen Überzeugung zu einem Gefängnis und verbarrikadierten den Zugang, zu meiner inneren Freiheit.

Was genau nun folgt, wohin es führt und wozu diese Wegetappe letztlich gut ist, kann ich noch nicht sagen. Ich weiß nur, dass alles Weitere nun ganz bei mir liegt. Und mit einem schlechten Lehrer und oberflächlichen Teachings mich zufrieden  zu geben, nur weil es das für mich Zugängliche ist, das kann ich nicht. Ich werde keine giftige Nahrung zu mir nehmen.

Wenn man so will, spüre ich, dass ich also einmal wieder (im übertragenen Sinne) auf gepackten Koffern sitze. Auf den nächsten Abschnitt meiner Reise nehme ich natürlich alle bisherigen Erfahrungen mit mir, die ich in Form jener Rosenblüte in meinem Inneren trage.

Und nun (er)warte ich einfach, was als nächstes passiert. Der Wind wird bestimmen, in welche geistige Himmelsrichtung ich nun aufbrechen werde.

Und der Wind weht bekanntlich, wohin er will.  





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