Wer wärest du, wenn...?

Die lange Zeit,  in der ich diesen Lotus noch am Leben und mit mir in eine neue Existenz gewandert glaubte, erwartete ich, dass alles so weiter gehen würde. Dass ich Anschluss finden würde. Dass es dort weiter gehen würde - nur besser - wo das letzte Leben geendet hatte. Es kostete mich eine harte Zeit, viele Jahre, um zu begreifen, dass ich einem Mythos erlegen war. Der Mythos, dass es immer weiter gehe.

Obwohl das letzte Leben so viele Zeichen auf brutalste Art und Weise sendete, dass ab sofort nichts mehr so sein würde, wie früher, hat sich etwas in mir lange Zeit geweigert, das als wahr anzunehmen.

Heute weiß ich, dass der unwiderbringliche Untergang des Alten richtig ist. Niemanden nützt es, krampfhaft an etwas festzuhalten, wofür die rechte Grundlage nicht mehr gegeben ist. Allen nützt es, sich mit den neuen Grundlagen vertraut zu machen und nach vorn zu schauen.

So schälte ich von mir ab, was da mit großer Verbissenheit, mit Panik, mit dem Schmerz der Erinnerung an wahres Glück, immerzu etwas wieder herauf beschwor, was gestorben  da lag. Und dann, diese Tage, musste sogar noch vieles aus diesem Leben in mir sterben.

Sterben musste alles, was sich an diesen Mythos knüpfen wollte, was unabwendbare Folge meines unbegründeten Vertrauens in die Überlieferung war. Jetzt, wo ich es schrieb, schmerzt es wieder.

Grausam scheint sie mir, diese Formulierung "mein unbegründetes Vertrauen in die Überlieferung". Unerbittlich, hart, gnadenlos klingt dieser Satz in mir. Doch leider lernte ich, dass er wahr ist.

Je deutlicher ich zu begreifen beginne, dass die alten Zeiten vorbei sind, desto mutloser will ich manchmal werden. Vielleicht ahnst du, weswegen? Vielleicht spürst du dies auch schon in dir, diesen konsequenten Ruf, vollkommen neu zu denken? Die Zeiten fordern es und damit verlangen  diese Zeiten zugleich, die radikale Abkehr von der Bequemlichkeit des überlieferten Wissens.

Die Überlieferung wird vollkommen neu bewertet, interpretiert, beinahe umgedichtet werden müssen, um ihren wertvollen, essentiellen Kern, dieses kostbare Herz-Juwel, nicht zu verlieren. Doch wer kann und wird diese Arbeit leisten? Und wo anfangen? Was weglassen? Was betonen und vertiefen, da bitter notwendig für die Bedürfnisse der fühlenden Wesen der heutigen Zeit?

Es gibt wenig, was derzeit einen festen Grund unter unseren Füßen bieten würde. Außer vielleicht die Freundschaft im Herzen Gleichgesinnter, die bereit sind, die Ärmel aufzukrempeln und sich an die Arbeit zu machen.

Als ich jenen so lange erhofft und gesuchten Lotus in mir zu Ende welken und zu Staub verdorren sah, entstand ein langer Zeitabschnitt der Leere in mir. Und jetzt, wo auch das bereinigt und gelöst wurde, was ich seit meiner Hoffnung auf jene längst verdorrte, hier fremdartige Blüte in mir selbst verfestigt und erbaut hatte, da sehe ich diese neue Blüte.

Und in den letzten Tagen sehe ich immer deutlicher und klarer, dass diese Blüte nun eine einheimische Blüte, nämlich eine Rose, ist.

Ich erwartete einen Lotus.

Doch sobald ich in meinem Herzen nach der Blüte schaute, war es eine Rose.

Noch sehe ich nicht viel mehr als sie. Doch ich ahne, ich spüre, ich erkenne deutlich, dass dies ein Zeichen dafür ist, dass die Blüte des Wissens hier, in europäischen Gefilden, Wurzeln schlagen möchte.
Denn nicht ich bin es, die diese Blüte formt und schafft. Sie selbst ist es, die sich Form und Gestalt wählt und damit neue Formen für das schafft, was sie seit Jahrtausenden in ihrer Essenz zu verbreiten hofft. Sie selbst ist es, die durch uns sprechen und uns nutzen möchte, als Gefäß und Sprachrohr, um sich Unseresgleichen verständlich zu machen.

Ich weiß, dass mit diesem neuerlichen Sterben noch nicht alles für sie, die Rose, getan ist. Innerlich heiße ich sie willkommen, doch was bin ich bereit, äußerlich, lebenspraktisch, konzeptuell und ganz normal menschlich zu tun? Wie bereite ich dieser Blüte ein solches Willkommen, dass sie immer mit mir sein wird, wie sie es im letzten Leben einmal war?


Wie finde ich nach beinahe einem halben Menschenleben dauernden, allmählichen Begreifens, worum es heute geht, den Anschluss und die Erdung, die ich brauche, um endlich anzukommen? Wer wäre ich, wenn diese Blüte eins mit mir und meinem Leben wäre?

Findest du nicht, dass plötzlich die Konturen von allem, was geschieht, ungleich scharfkantig sind? Auf einmal erscheint alles, was nicht mehr dem Herzen entspricht, unerbittlich deutlich. Alles schreit nach Veränderung. Und dennoch weiß ich noch nicht, was genau dafür zu tun ist.

Dieser Blüte den Weg bereiten, das ist es nun einmal, was ich im Herzen wirklich will. Und ich weiß, dass so vieles ganz einfach würde. Klar, einsgerichtet, ohne Zweifel, unerschütterlich, präsent, liebevoll und dennoch bescheiden. Sehnst du dich auch danach, diese Lebensart wieder mit allen Sinnen zu erleben?

Warten wir noch ein wenig. Ich vertraue darauf, dass nichts von all den Mühen um Erkenntnis, um Bereinigung, um Verwirklichung auch nicht eine Sekunde umsonst investiert war. Warten wir noch, bis diese Gewissheit des nächsten Schritte sich unmissverständlich zeigt. Lass uns diese Arbeit sorgfältig zu Ende bringen.


Und irgendwann wird die Blüte die Regie übernehmen. Irgendwann wird die Frage, wer ich dann wäre, sich einfach nicht mehr stellen. Irgendwann wird alles an den rechten Platz rücken.

Ich vertraue darauf, dass jeder, der die neuen Zeiten sehen und denken kann, eines Tages vollkommen mit ihr eins sein wird. Eines Tages ist die Gewissheit errungen. Eines Tages herrscht eine klare Ausrichtung auf das Wesentliche, das per se diese feine Rosenblüte in der Mitte meines Wesens ist.

Und ich vertraue darauf, dass du mit mir sein wirst, denn sonst spürten wir nicht dieses beständige Wachsen der Liebe zu einander, während wir damit beschäftigt sind, mit unserem innigsten Wesen eins zu werden.

,

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Bedeutung, Begeisterung, Selbstwirksamkeit

Die Bedeutung des Fühlens

Konsens oder das Gesetz des Stärkeren?