Unerschütterliches Vertrauen

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da war ich dessen, was ich lebte und wie ich lebte, komplett überdrüssig. Dies war der Moment, in dem ich mir selbst ein Versprechen abgab. Ich versprach, ab sofort nur noch den Hinweisen meines Herzens zu folgen und dass ich nur das tun würde, was sich im Herzen richtig anfühlt.

Über Jahre hatte ich den Eindruck, dass ich damit die größte Katastrophe meines Lebens los getreten hatte. Es hagelte nur so an Schwierigkeiten, die aus diesen Entscheidungen entstanden und ich hatte lange Zeit sehr viele Ängste, die durch diese Entscheidungen an die Oberfläche gespült wurden.


Doch als ich damals diesen Entschluss fasste, so tat ich es aus Liebe zur Buddha-Natur. Ich spürte so tief und innig in mir, dass mein Leben von faulen Kompromissen und endlosem Misstrauen mir selbst gegenüber durchzogen war, dass ich so einfach nicht mehr leben konnte und wollte. Und damals rezitierte ich sehr oft das Bereinigungs-Mantra von Vajrasattva.

Ich meine, mich zu erinnern, dass es einige Jahre mein Hauptfokus war, dieses Mantra zu sprechen. Und ich machte mir die Arbeit, mir einige Übersetzungen ins Deutsche zusammenzusuchen und mir daraus meine eigene Version zu formulieren. Denn nur so würde ich dieses Mantra wirklich in meinem Herzen halten können und mich wirklich auf Vajrasattva stützen können.

Nebenbei bemerkt, hatte ich nicht die Möglichkeit, traditionell zu praktizieren. Ich saß also nicht unter geschützten Bedingungen irgendwo im Retreat, während ich Vajrasattva visualisierte und praktizierte. Ich hatte nur die Möglichkeit, es mitten im Leben, in aller Verwirrung, allem Umherirren und inmitten der Tatsache zu sprechen, dass ich mich über lange Zeit permanent schlecht und verängstigt fühlte. Doch es war mein Schutz und führte mich stets zu dem zurück, was ich im Herzen wirklich wollte. Und so sei es heute mit Euch geteilt:


"Om Vajrasattva mit dem Großen Gelübde, möge ich durch dich beschützt werden.
Verleihe mir Unterschütterlichkeit.
Verleihe mir Freude und Glückseligkeit.
Verleihe mir reine Liebe.
Verleihe mir alle Verwirklichungen.
Verleihe mir die Aktivität eines Bodhisattvas und mache meinen Geist prachtvoll, HUM!
Ha, Ha, Ha, Ha, Hoh, oh am höchsten Verwirklichter,
Bitte, gib mich nicht auf!
Du, dessen Wesen von unwandelbarer Natur ist.
Einzigartiger, mit dem Großen Versprechen,
mit vajragleicher Rede,
mit vajragleichen Geist,
der alle Negativität zerstört. (Ah hum phat)"

Die letzten drei Zeilen beziehen sich auf die in der Gelug-Tradition übliche Hinzufügung von "Ah, Hum, Phat" am Ende. In anderen Traditionen fehlt dies.

Ich war so wild entschlossen, endlich zweierlei Vertrauen zu leben: Das Vertrauen in die Buddhas und das Vertrauen in mich selbst. Und von diesem Entschluss konnte mich, einmal getroffen, seit 2002 nichts mehr abbringen. Nicht einmal ich selbst. Denn wenn ich schreibe, ich hatte sehr lange Zeit mit Angstzuständen zu tun, so kann sich jeder vorstellen, dass ich zwischendrin schon einmal die Perspektive verlor.


Es gab sehr viele Momente, Tage, Wochen und Monate, da beschwerte ich mich sehr bei den Buddhas, denen ich stets mein Herz ausschüttete. Manchmal weigerte ich mich, zu akzeptieren, dass ich mich mit dem starken, alles durchdringenden Entschluss, meinem Herzen zu folgen, einen unumkehrbaren Prozess aktiviert hatte. Dieser Prozess hatte sich verselbstständigt und folgte seinen eigenen Regeln. Ich fühlte mich streckenweise einfach nur erbarmungslos mitgeschleift.


Doch heute, heute weiß ich um diese Unerschütterlichkeit in meinem Herzen. Jenes Vertrauen, das mir so mangelte, dass ich meines Lebens und meiner selbst überdrüssig war. Ich verinnerlichte es, trotz aller lebenspraktischer Schwierigkeiten. Ich ließ mich zunehmend seltener ablenken, von dem, was unsere Gesellschaft uns von klein auf suggeriert: Dass wir keine selbstständigen Wesen sind, die eigene Entscheidungen treffen können.

Mit "selbstständig" meine ich natürlich nicht "unabhängig". Es gibt gewisse Notwendigkeiten, denen ich mich nicht entziehen kann, weil sie die Basis dieser Gesellschaft bilden. Ich brauche zum Beispiel einen Wohnsitz und muss für grundlegende Abgaben Geld verdienen. Punkt. Ich könnte innerhalb Deutschlands niemals wie eine wilde Yogini leben und einfach nur von einem Ort zum nächsten reisen.

Was ich mit selbstständig oder selbstbestimmt meine, das ist, dass ich stets die Möglichkeit habe, mich von allem, was mir die Gesellschaft aufzwingt, innerlich so weit zu distanzieren, dass ich diesen Zwängen nicht mehr einfach unhinterfragt folge. Diese Freiheit ist machbar. So auch die Freiheit, denen zutiefst zu vertrauen, die den Weg vor mir gegangen sind, selbst wenn sie nicht mehr in einem menschlichen Körper unter uns weilen.

Im Laufe der Geschichte Europas oder des Westens ist so viel Misstrauen in uns entstanden, dass ich dieses Misstrauen für unser größtes Leiden halte. Dieses Misstrauen, dass aus den drei gnadenlosen Schwestern Angst, Scham und Schuld erwächst, hält uns davon ab, unsere Buddha-Natur anzuerkennen und zu erwecken.


Ich bin davon überzeugt, dass für sehr viele Praktizierenden dieses tief sitzende Misstrauen die größte Hürde auf dem Pfad ist. Misstrauen, vorrangig gegen sich selbst. Und daraus erwächst eine tiefe Angst, dass es die Buddhas und andere unsichtbare Wesen und ihr Wirken gar nicht gibt. Die Angst, dass es der größte Fehler und der größte Irrtum unseres Lebens sein könnte, an so etwas wie die Buddhas oder Vajrasattva zu glauben und sich auf sie zu verlassen,verhindert, dass wir uns wirklich öffnen. Und Offenheit zu Gott oder den Buddhas ist nötig, dass wir die so bitterlich erhoffte Hilfe auch empfangen können.

So beobachte ich oft, dass westliche Praktizierende beinahe erleichtert sind, sagen zu können, dass all die Gottheiten, die man im tibetischen Buddhismus visualisieren und praktizieren kann, "nur" psychische Aspekte des eigenen Geistes sind. Ist das wirklich so, möchte ich fragen? Und was wäre wenn diese Lesart zwar richtig, aber wiederum nur ein Aspekt, eine mögliche Lesart von vielen wäre, die am Ende ein Großes Ganzes ergeben?


Ohne Vertrauen geht es nicht. Und wenn du, so wie ich, am Anfang des Weges diese zwei Komponenten in dir trägst, so gilt es, eine klare Entscheidung für eine von beiden zu treffen:

1. Eine tiefe Sehnsucht, vertrauen zu wollen, in das Gute und die heilsamen Qualitäten verwirklichter Wesen und Menschen.
2. Eine tiefe Angst, dafür viel zu klein, wertlos, unrein und verwirrt zu sein und vielleicht mit dieser Sehnsucht schon völlig falsch zu liegen und daher immer nur Verderben zu fürchten.

Ich kenne beides und habe mich seit 2002 trotz lange nagender Zweifel immer nur für 1. entschieden. Und es letztlich nie bereut. Am Schluss langer innerer Auseinandersetzungen habe ich immer wieder zutiefst gespürt, dass diese Entscheidung die einzig Richtige ist.
Willst du vertrauen, bleibt dir nichts anderes, als zu vertrauen. Dorthin gibt es keine Annäherung, keine Vorstufe oder keine Probezeit. Entweder vertraust du und öffnest dich der Hilfe und deinem Weg, oder nicht. Und natürlich wirst du Anfangs mit allem konfrontiert, innen und außen, was dich vom Vertrauen abhält.

Nach und nach wirst du aus jenen Momenten des Vertrauens und was dir in diesen Momenten an Hilfe zuteil wurde, lernen. Langsam werden sich die Momente erfolgreichen Vertrauens in das Gute und diejenigen, die vor dir gegangen sind, summieren. Und irgendwann werden diese Momente auch in dir die kritische Masse erreichen, die notwendig ist, damit du ab sofort in deinem Vertrauen unerschütterlich bist.

Und je mehr Momente jenes unerschütterlichen Vertrauens in deinem Leben wirksam werden, desto weniger Turbulenzen werden sich manifestieren. Denn aufgrund der Unerschütterlichkeit deines Vertrauens werden selbst stärkste Schwierigkeiten dir kaum noch Angst einjagen. Du spürst und weißt, dass sie zu meistern machbar ist. Und das ist gut so. Diese Meisterschaft ist deine Freiheit.







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