Der Moment des Vergessens

Liebe Gefährten, 
in dem Moment, als ich diesen letzten Schritt über die Schwelle trat, hinüber in jenes Land, vor dessen Toren der treue Wächter mich und Euch alle grüßte, setzte das Vergessen ein. Schleichend war der Prozess und erfasste zuerst die unbewussten Tiefen meines Wesens, sodass ich nicht bemerkte, was geschah.

Es war, als wäre mit dem Übertreten der Schwelle ein Wind aufgekommen. Er tönte und rauschte, hier oben in den würdevollen Bergen, nahm allmählich an Stärke auf - und zugleich war es, als sei ich in eine dunkle, warme, geborgene Stille getreten. Ich bemerkte nicht, dass der Wind in meinem Inneren zu klingen begann, dass er mit sich nahm, was in mir sich über Jahrhunderte gesammelt hatte, und meinem Herzen zutrieb.


Aus allen Ecken meines Wesens kehrte er meine Erfahrungen hervor und schemenhaft wabernd nahm ich Bilder und Empfindungen wahr. Dass ich in diesem Moment ganz mit mir und bei mir war, schlussfolgerte ich nur irgendwann, als ich merkte, dass ich allein war. Von Euch, war dort, jenseits der Schwelle nichts zu hören und zu sehen.

Mich überfiel nur dieses süße, willkommene Sehnen, mich einfach tief sinken zu lassen und nichts mehr zu wollen.
Ich wollte so gänzlich und vollkommen nichts mehr, dass es beinahe ein Sterben war.

Diese Schemen, Bilder und in der Ferne an mir vorbei huschenden Empfindungen, wirkten auf mich nur wie ein Hauch von Erinnerung. Etwa so, als ginge ich durch das saftige Frühlingsgrün, das sich langsam der vollen Kraft des Sommers zuneigt, und erinnerte zu jedem, mich streifenden Duft ein Bild aus der Kindheit, als ich dies alles noch viel intensiver und zum ersten Mal wahrnahm.

Ich wollte dies alles nicht einfrieren, indem ich willentlich eines dieser  Gestalten ergriff und näher bestimmte. Ich ließ diese einfach nur wie ein Hauch von allem, was ich je erlebt hatte, an mir vorbei streichen. Und irgendwann fühlte sich dies unvermutet so an, als hätte jemand die Tür meines Hauses der Sommerhitze geöffnet, um die klamme Luft entweichen zu lassen.

Ab und an weckte mich die Überraschung, wenn Erinnerungen und Empfindungen vorbei raunten, die mir längst entfallen waren und deren Geborgenheit ich doch vermisst hatte. Alsbald driftete ich wieder davon, in die Unwirklichkeit dieses auf einmal so tröstlich anmutenden Vergessens.

Ich ließ es zu, im tiefen Wunsch, mich einfach nur in dieses sanfte Fließen und manchmal lauter werdende Tönen des Windes hinein zu kuscheln. Ich dachte nicht an ein Eingreifen, dachte an kein Ziel. Und manchmal empfand ich leise Hoffnung, dass dies niemals enden und die Geborgenheit des Nichtwollens mir ab sofort und für immer ein Heim sein würde.

Dass darüber mehr als ein Monat verrann, bemerkte ich nicht. Nur ab und an gab es da Momente, wo das Fließen ins Stocken geriet, wo ich gefordert war, ein paar Anstrengungen und bewusstes Verknüpfen loser und scheinbar nicht zu meinem Erleben gehörender Ereignisse zu leisten, damit das Wehen und Ziehen alles des mir Bekannten in die Tiefe meines Herzens weiter gehen konnte.


Nun ist es vollbracht, heißt es. Woher mir diese Erkenntnis kam, weiß ich nicht. Jetzt, wo mein Tagesbewusstsein wieder gewollt Kontakt zum übrigen Sein aufnimmt, schlussfolgere ich es nur. Auch anhand des deutlichen Gefühls, dass mir wieder einmal ein sicher geglaubter Boden unter den Füßen entrissen wurde. So sieht es mein Tagesbewusstsein, weil es sich ohne sicheren Bodenkontakt deutlich wackelig und orientierungslos fühlt.

Ja, gerade erwache ich zu einer neuen, in seiner Qualität mir noch unbekannten Orientierungslosigkeit. Und sie ist wiederum ein mir vertrautes Symptom eines absolvierten Loslösungsprozesses, eines intensiven Akts des Vergessens, über den mein Tagesbewusstsein eben nichts zu sagen weiß. Mir bleibt einzig die Symptomatik als grobe Richtschnur, also als das, was das Tagesbewusstsein als so etwas Ähnliches wie einen Halt zu greifen vermag.

Und ich spüre Überdruss - ein weiteres Symptom. Ich bin diverser Einstellungen, Vorstellungen und daran geknüpfter Denk- und Verhaltensweisen so müde und erkenne, wie sie mich um die eigene Achse rotieren lassen, ohne Sinn und Verstand.


Ich weiß, dass ich dennoch das eine oder andere Muster demnächst wieder aufgreifen werde, doch aus gänzlich anderen Beweggründen und mit einem geläuterten Geist des Erkennens, worin ihre bisherige Sinnlosigkeit bestand. Ich muss sie wieder aufgreifen, weil meine hiesige Existenz und das soziale und kulturelle Miteinander dies notwendig macht. Doch nunmehr werde ich immer wieder erinnern, warum ich ihrer eigentlich zutiefst müde bin.

So ist das Rad des Samsara und unsere Existenz. Und aus einem Muster bewusst auszusteigen, bedeutet nicht, es ganz und gar wegfallen zu lassen. Es heißt lediglich, sich diesem nicht mehr automatisch, unbewusst und ohne Klarheit über die daraus resultierenden Konsequenzen, unterworfen zu fühlen.

Sah ich vor dem Überschreiten der Schwelle noch Bilder, dass ich über sie hinüber muss, um in das Zentrum meines eigenen Mandalas, das mein Herz ist, zu gelangen, so weiß ich hier und heute, dass dies noch nicht an der Zeit ist. Dieser Moment, wo ich eins werde, mit dem innigsten Innern meines Wesens, jetzt und für den Rest dieser Existenz, dieser ist noch nicht gekommen. Doch der Augenblick, sich dieses langen Moments des Vergessens zu erinnern, dieser Augenblick ist heute.

Ich kann nur vermuten, dass es Euch derzeit ähnlich geht. Dass auch ihr aus der Diaspora hinaus und in Euch hinein getreten seid, ohne es zu merken. Dass auch ihr mit allem beschäftigt seid, was ihr bisher als Euch zugehörig, wenn nicht gar Euch konstituierend, wahrgenommen habt. Seltsam entrückt mögt ihr Euch gefühlt haben. Entrückt, den sonst soviel Wichtigkeit und Dringlichkeit beanspruchenden alltäglichen Dingen.

Und vielleicht fangt auch ihr an, zu bemerken, dass inmitten dieser so geborgen sich zeigenden Dunkelheit in Euch, eine sonderbare, in all dem Chaos der wehenden Schatten und Schemen so ruhig verweilende, Blüte zu leuchten begann.

Genau betrachtet, wurde diese Blüte aus diesem langen Vergessen allmählich geboren, mitten hinein in diesen warmen, dunklen Raum. Fein gewoben aus den Fäden unserer, aus allen Ecken unseres Seins, vom Wind Eures Geistes, herbeigewehten Erfahrungen.

Fein gewoben aus sowohl dem Guten und dem Schlechten Eures Erleben. Eines Erlebens, was Euch hier, im Raum des Vergessens, zugleich nicht mehr in dieser scharfkantigen Wertigkeit unterschieden erschien. Als dämmerte Euch plötzlich, eine winzige, kristalline und klare, und doch wieder flirrend und fließend entschwindenden Weile lang, dass da gar kein Unterschied ist. Dass es egal ist, woraus diese feine, so agil und beinahe sprechend wirkende Blüte in Euch genau gewoben wird. Nur dass sie überhaupt entsteht, ist Euch einzig von Belang.

Ich beobachte sie, diese Blüte, die in mir befindlich zu nennen seltsam und unpräzise erscheint. Ich weiß, dass ich ebenso diese Blüte bin, wie ich sie dennoch auch von außen und wie etwas von mir Getrenntes betrachten kann. Ich beobachte das sanfte Spiel ihrer Blätter und bin fasziniert davon, deutlich zu spüren und zu sehen, dass nicht der wehende, webende Wind es ist, der ihre Blätter bewegt, als vielmehr sie selbst.

Und dort, wo der Sockel der Blüte natürlicherweise sich in einem Stiel bündeln würde, sehe ich Wurzeln hervortreten. Sie sind genauso lebendig, wie die Blütenblätter. Sie wachsen tastend voran, in die Tiefe und suchen nach frischer, nährender, saftiger Erde. Bereitwillig wollen sie nun Bodenkontakt finden, damit die Blüte nicht nur ein paar wenige Blätter, sondern sich schon bald zu voller Blüte öffnen und zu einem würdigen, sicheren Fundament im Zentrum meines Mandalas werden kann.

Und bevor die rechte Erde nicht gefunden und die Blüte somit eine Entscheidung für das feste Verweilen an einem gesegneten Ort getroffen hat, solange kann auch ich die Mitte meines Mandalas noch nicht betreten.

Die Bilder nämlich, die ich vor der Schwelle der Heimat meines innigsten Herzens sah, die auch Eure Heimat ist, waren Hinweise auf den nächsten Schritt. Nicht mehr und nicht weniger. Noch bin ich nicht angekommen, am Ort meiner Bestimmung, am Ort meiner neuen Geburt, die zugleich ein Bekenntnis zum Verweilen ist. Abschied nehme ich dann, vom bisher immer neu getroffenen Bekenntnis zum Reisen.

Und inmitten dieses zur Zeit noch andauernden, langsam verebbenden Moment des Vergessens, will ich dem Geschehen auch nicht weiter vorgreifen. Ich will nicht mutmaßen, wo der rechte Ort, die rechte Erde zu finden ist oder wann dafür der richtige Moment ist. Die in die Welt strebenden Wurzeln der Blüte des Wissens werden es mir zeigen. Sie werden selbst ihre Entscheidung treffen.

Die Verantwortung für diese Entscheidung habe ich in der Zeit des Vergessens, die zugleich ein Nichtwollen meines alles dominierenden, blinden Tagesbewusstseins war, an mein Herz und der in ihm heranwachsenden Blüte erleichtert abgegeben. Diese Verantwortung will mein Ich nicht mehr tragen. Und das ist gut so.

Ja, es ist gut so. Ich möchte Euch mit diesen Zeilen aus der tiefen Freude meines Herzens, die ich seit dem Moment empfinde, als sich in mir diese Blüte zeigte, versichern, dass alles gut ist. Die Zeichen stehen günstig und ein Fortschreiten von uns allen gewiss.






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