Zurück zur Natur

Zugegeben, in diesen gedankenfreien Gefühlszustand zu gehen, ist gar nicht so einfach. Dies bedarf ein wenig Übung und Konzentration. Doch dass es überhaupt möglich ist, eine solche Haltung bewusst einzunehmen, macht Hoffnung. Zum Beispiel die Hoffnung, dass es möglich ist, seinen eigenen Geist und die inneren Zustände zu klären und zu steuern, anstelle ihnen hilflos unterworfen zu sein. Und am besten steuern wir sie, wenn wir uns zum ursprünglichen Zustand zurückbewegen und diesen gewähren lassen.

Es hat mich wirklich einige Jahre Lebenszeit gekostet, zu verstehen, dass dies, sinnbildlich gesprochen, eine Rückwärtsbewegung ist. Wirklich zurück zum Ursprünglichen - und nicht nach vorn. Hier geht es um Weglassen, Fallenlassen, Geschehenlassen - im Gegensatz zum Hinzulernen von Techniken, Optimieren des Vorhandenen oder Erschließen neuer Ressorcen.

Im Westen lernen wir das vollkommen anders. Wir horten, fügen hinzu, preschen nach vorn. Doch nachhaltig auch unser Inneres zu verschlanken und spartanisch zu halten, darin sind wir nicht geschult. Und deswegen kann es passieren, dass wir die wertvollen Mittel der Meditation und anderer durch östliches Denken zu uns gelangter hilfreicher Wege zum Selbst missverstehen.

Wie oft erwähnt, mag dem einen oder anderen von seiner kulturellen Prägung her das Ansammeln von Mantras im tibetischen Buddhismus nahestehen. Das ist unserer Erziehung gemäß nachvollziehbar. Doch im Seinlassen, da liegt für uns ein großes Angstpotential. Die gewaltige Angst vor Kontrollverlust. Dabei hat unser Herz die viel bessere Kontrolle, weil es auch die Teile des Eisbergs umfassen und einbeziehen kann, die unter der Wasseroberfläche liegen. Viel besser, als unser logisches Denken.

Im Verlauf der vergangenen 18 Jahre, die ich nun meditiere, schimmerte ein Wissen um das "Weniger ist Mehr" schon aus meinem Herzen zu mir durch. Doch noch nahm ich es nicht wirklich ernst. Stattdessen bemühte ich mich oft, die vielen Verpflichtungen einzuhalten, die ich mir an Land zog, während ich parallel versuchte, tibetische Buddhistin zu sein.

Ja, heute trenne ich bewusst Meditation davon, tibetische Buddhistin zu sein. Obwohl in letztgültiger Weise beides für mich nicht zu trennen ist. Doch heute sage ich, Meditation gehört zu meiner Spiritualität. Verpflichtungen einhalten, gehört zur Religion tibetischer Buddhismus. Und ich will voneinander trennen, weil alles andere ungütig wäre.

Im Erkennen des "Weniger ist Mehr", lasse ich immer mehr meine Vorstellungen von der Religion Buddhismus los und wende mich der ursprünglichen Spiritualität meines Herzens zu. Und in diese Spiritualität spielt zu einem Großteil universale Menschlichkeit. Hinzu kommt, dass ich wirklich an die Buddhas glaube und ihr Wirken in der Welt.  Dass Bodhichitta für mich so essentiell ist, wie die Luft zum Atmen - das ist spirituell.


Durch die Übung der Meditation lernte ich, bewusst in diesen Fühlzustand zu gehen, der frei ist von verbalen Zuschreibungen, Hoffnungen und Ängsten. Und damit ist Meditation für mich auch ein Mittel zur Heilung. Zur Heilung vom vermessenen Ansammeln überflüssigen Gedankenguts und des eloquenten, aber nicht alltagstauglichen Sammeln desselben, was typisch für uns im Westen ist.

Nach und nach dünnte ich meinen Geist aus, auf das Einfache und Wesentliche. Und das ist eben sehr viel universale Ethik und Menschlichkeit - und eine  Brise Spiritualität, die am Grunde meines Herzens wohnt. Alles andere lernte ich, über Bord zu werfen - und noch stecke ich da mitten im Training, weiter locker zu lassen und nichts festzuhalten.

Diesen leeren und weiten, mit allem verbundenen Zustand einzunehmen und beizubehalten, nenne ich innere Freiheit. Ich erlebe ihn als Freiheit, ebenso wie meine Möglichkeit, aus dem leeren, inneren Raum heraus bewusst und auf gesunder Distanz zu den Geschehnissen in meinem Leben Entscheidungen zu treffen oder sich diese vertrauensvoll ereignen zu lassen.

Ja, ein freier Raum, in dem ich frei bin, ja und nein zu sagen, geboren aus meinem offenen Herzen - das ist Freiheit.

Es hat sich für mich gelohnt, dieses Training anzugehen. Ich lernte, dass diese Freiheit möglich ist, und nichts, was wir neu lernen müssen. Denn dieser Zustand ist per se unsere Grundnatur. Ebenso wie Menschlichkeit unsere Grundnatur ist. Und ebenso, wie wir täglich atmen und essen.


Wir lernen nichts Neues, sondern erinnern uns. Oder, anders gesagt, machen wir uns erstmalig bewusst, was wir wirklich sind und können. Früher  war dies so selbstverständlich, dass wir es nicht bemerkt und irgendwann sogar für nicht möglich gehalten haben.
Diesen gedankenfreien Zustand des Fühlens und Wahrnehmens dessen, was gerade geschieht, haben wir alle schon sehr oft erlebt. Nur hatten wir dafür keine bewusste Benennung. Wir waren uns dessen nicht gewahr, dass er gesund und heilsam ist. Und vielleicht sogar das rechte Mittel, um uns alle vom alltäglichen Overload an Informationen und zu denkenden Gedanken zu heilen. Vom Overload, den wir in dieser Gesellschaft tagtäglich produzieren und ohne den diese Gesellschaft auch nicht wäre, was sie momentan ist.

Wenn wir unseren Geist als ein Gefäß betrachten, so wäre dieses Gefäß zur Zeit wirklich vollkommen zugestopft mit allerlei Sachen. Und weil wir bis zur Nasenspitze vollgestopft sind, können wir oft genug schon gar nicht mehr wahrnehmen. Wir fühlen uns gar nicht. Nicht wirklich, in unseren innigsten und wichtigsten Bedürfnissen.

Diese ständige Verstopfung führt dazu, dass wir Vieles in unser Gefäß hereinholen, was gar nicht unser ist, geschweige denn, unserem Wesen entspricht. Wir beschäftigen uns fast ausschließlich mit etwas außerhalb von uns und holen Fremdes in uns hinein, anstelle es da zu lassen, wo es ist.

Die Folge ist, dass wir emotional angreifbar sind und uns mit diesen Geschehnissen im Außen identifizieren. Egal, was da draußen abgeht, wir beziehen es auf uns und nehmen es als permanente Beurteilung oder Verurteilung wahr.

Wir haben verlernt, einfach in uns drin und dennoch offen zu sein. Denn die innere Weite ist uns so fremd geworden, dass sie uns panisch werden lässt, sobald wir sie bemerken.

Doch diese Leere, die doch Schöpferin alles dessen ist, was wir in diese Welt einbringen, ist kein Nichts. Auch wenn ich dieses Wort in meinem letzten Beitrag benutzte, um diesen Fühlzustand zu beschreiben. Zwar nehmen wir Leere wahr, doch eher im Sinne einer Weite. Und inmitten dieser Weite zeigen sich alle Phänomene in ihrer Natur, ihrem Werden und Vergehen. Diese Leere ist unverstellt und nicht angefüllt mit Regalen, in denen wir unser erlerntes Wissen horten.


Dieser weite, innere Raum, der unserer wahren Natur entspricht, ist angefüllt mit dem Entstehen und Vergehen der Phänomene und der Weisheit, die aus diesen natürlichen Vorgängen erwächst. Der gelebten Weisheit lebendigen Seins.

Und daher kann inmitten dieses Raumes auch so etwas wie ein Text entstehen, obwohl doch nichts da ist, aus dem er direkt herleitbar ist. Er entsteht aus der Summe unserer gemachten Erfahrungen und der daraus erwachsenen Liebe, dem Mitgefühl, der Weisheit, dem Gerechtigkeitssinn, der Großzügigkeit, der Geduld, der Tatkraft, unserer verinnerlichten Ethik und unserer Erfahrung damit, alles dies gespürt, verknüpft und verstanden zu haben.


Alles dies ist in dieser Weite gespeichert und doch auch nicht. Denn ein Speichermedium, ein greifbares, wirst du dort in diesem inneren Raum nicht finden. Und doch ist alles da und äußert sich. Und aus diesem Raum heraus kannst du spüren, wie du mit allem verbunden bist und empathisch wahrnehmen, wie deine Erfahrungen mit den Erfahrungen anderer kommunizieren. Und alles das ist einfach phantastisch unerklärlich - und dennoch real und wirklich da.
Seinem Herzen zu vertrauen, bedeutet daher immer, sich dieser inneren Weite anzuvertrauen. Dieses Herz ist verlässlich, weißt du dann. Wann immer ich es brauche, wird es mir dasjenige aus meinem Erfahrungsschatz zu Verfügung stellen, was mir hilft, mein Leben zu leben. Darauf verlässt du dich.

Dafür brauchst du keine tausend Techniken und fünfundsiebzig Theorien über eine Sache zu kennen. Aber vielleicht ist es gut, ein oder zwei Techniken zu beherrschen. Zum Beispiel die Technik, die du trainierst, wenn du regelmäßig auf eine bestimmte Art meditierst und dir dein Herz erschließt, sowie die richtigen Zusammenhänge herstellst und Konsequenzen aus dem ziehst, was du in der Meditation erfährst. Meditationstechniken gibt es sehr viele. Ich übte vorrangig die sogenannte Shamatha-Vipassyana-Meditation.

Außerdem wissen viele, die sich mit Psychologie beschäftigt haben, dass wir in unseren vielfältigen Existenzen (sofern du an Wiedergeburt glaubst) auch Fehlschlüsse aus dem gezogen haben, was uns in unseren Leben widerfahren ist. Und viele Erfahrungen waren dabei, die traumatisch sind. Und unser ganzes System wird uns mitunter aus diesen Fehlschlüssen irreführende Signale schicken.

Auch dafür ist es gut, sich mit Meditation angefreundet und diesen Fühlzustand schon ein wenig kennengelernt und verinnerlicht zu haben. Allmählich lernst du, zu unterscheiden, was der ursprüngliche Zustand ist und wie du dich darin fühlst - und was er nicht ist. Vereinfacht gesagt, müssen wir mit allen Zuständen, die nicht diesem gedankenfreien Zustand entsprechen, viel Geduld haben. Auch das ist möglich.

In der Zeit, die du in deiner ursprünglichen Liebe und Weisheit verbringst, lernst du, mit allen deinen inneren Zuständen zu arbeiten und umzugehen. Du ergründest sie in aller Tiefe und wirst irgendwann feststellen, dass alle Irrtümer nur oberflächlich, deine Weisheit und Liebe jedoch die Wurzel von allem sind. Und dass aller Schmerz und aller Irrtum diesen Hort innerer Erfahrungen nicht berühren und nicht zerstören kann. Und daran wächst dein Vertrauen und macht es unerschütterlich.

Indem du nun bewusst den Schatz deiner Erfahrungen im Herzen ebenso mit grundlegender Liebe und Weisheit betrachtest, wie alle leidvollen Zustände, stellst du Verknüpfungen her und hast hier und da ein befreiendes "Aha"-Erlebnis. Alles darf in Ruhe an seinen wahren Platz rücken und im rechten Licht erscheinen. So kann tiefes Verständnis für deinen Weg und auch deine Irrtümer entstehen, gedankliche Knoten lösen sich vollständig auf und noch mehr Weite entsteht.

Wie du merkst, wirkt die Rückkehr zum natürlichen Zustand wiederum auf all die Momente, die du nicht in der Natur deines Geistes bist. Und so entsteht Einsicht und Heilung, die nicht von außen übernommen und zugeführt, sondern ganz aus dir selbst heraus geschehen ist. Ist das nicht wunderbar?

Im Laufe der Zeit wirst du nur noch eins wollen: Dass dieses Gefäß, was du bist, rein und leer ist. Damit du unverfälscht die Dinge und Wesen so wahrnehmen kannst, wie sie sind. Ebenso, wie dich selbst. Und mit jedem Tag, an dem du aus dir selbst heraus strahlst und Weite bist, wirst du weniger von Außen haben wollen.

Wenn du heute auch noch gewohnheitsmäßig glaubst, dir etwas von Außen zuführen zu müssen, wirst du mehr und mehr dazu übergehen, aus der Fülle, die deiner inneren Herzensweite entspricht, geben zu wollen. Denn auch diese Tendenz, zu geben, statt zu nehmen, entspricht unserer wahren Natur. Und so wird irgendwann, eine natürliche Balance in dir und mit deiner Umgebung entstehen. So sei es.





Kommentare

  1. Liebe Josephine,
    vielleicht meinen wir einen ähnlichen Zustand, den man durch Meditation erreichen kann. Es ist ein Gefühl völliger Einheit, Leere, Liebe, Geborgenheit und Freude. Ich meditiere jeden Tag schon seit längerem mehr als eine Stunde. Allerdings nicht nach einem Schema, das ich übernehme. Das habe ich versucht, Yoga, verschiedene Meditationspraktiken. Aber letzten Endes habe ich alles wieder gelassen und bin meinen eigenen Weg gegangen. Was mir etwas hilft, sind die Gedanken christlicher Mystiker über ihren ganz persönlichen Weg. Da gibt es einige Übereinstimmungen und so kann ich mich auf meine Meditation einstimmen.
    Ganz liebe Grüße von Deiner aufmerksamen Leserin Anke!

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    1. Liebe Anke,

      ich bin mir sicher, dass wir den gleichen Zustand meinen. Und es gibt viele Techniken und Methoden, ihn zu erreichen.

      Schön, dass du festes Vertrauen in deinen Weg und die Inspiration der Mystiker hast. Letztlich wird die Methode irgendwann nebensächlich, nicht wahr?

      Fest steht, dass man diesen Zustand nicht mehr missen möchte, weil er so heilsam und alles befriedend ist.

      Ich freue mich für dich und mit dir, dass du ihn kennst und jederzeit findest. Das ist sehr kostbar.

      Vielen Dank, dass du meinen Beiträgen so treu folgst. Auch, wenn ich es nicht immer schaffe, auf alle E-Mails zu antworten, wertschätze ich jedes deiner Lebenszeichen sehr ;-)

      Fühle dich herzlich umarmt.

      Alles Liebe
      Josephine

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