Ruf des Herzens aus der Ferne

Lieber Freund, die Tage des Wartens sind vorbei. Wofür möchtest du dich, dein Wissen, deine Erfahrung, deine Liebe, die doch dein Leben sind, denn aufbewahren? Worauf wartest du? Worauf hoffst du?

Besteht nicht die Gefahr, sich ans Warten zu gewöhnen und den rechten Moment zu verpassen, an dem es Zeit wird, endlich hinüber zu gehen? Hinüber, ans andere Ufer, das nicht das Jenseits des Todes, sondern jene andere Welt ist, die sich dir nun schon seit Jahrzehnten angekündigt hat.


Sicher bist du ein Wissenshalter und es ist deine Pflicht und deine Verantwortung, sorgsam mit der Überlieferung umzugehen. Doch nirgendwo macht sie halt, die Vergänglichkeit. Und nur, weil sie sich so deutlich äußert, in diesem Leben, heißt es noch lange nicht, dass du all deine Erfahrung letzten Endes mit ins Grab nehmen musst.

Ich kenne das Gefühl und die innere Unwissenheit gut, die mit manchem großen Einsichten verbunden ist. Ein langer, schwerer Weg hat sie uns beschert und deshalb glauben wir, dass nur jemand, der einen ähnlich schweren Weg ging, wirklich verstehen kann.

Vielleicht ist es an der Zeit, zu differenzieren. Zwischen denen, die dich im Herzen mit allen deinen Entbehrungen und Wunden spüren und mit dir schwingen können und jenen, die bestimmt sind, dein spirituelles Erbe aufzunehmen. Am Erfolg versprechendsten ist immer jemand, der beides in sich vereint: Das Verstehen und Nachfühlen dessen, was du tatsächlich bist und zugleich ein gutes Gefäß für den Schatz deiner Erfahrungen zu sein.

Vielleicht hast du auf so jemanden immer gehofft und gewartet. Weil du selbst zutiefst spürtest, dass beides vorhanden sein muss, um einen Weg in das gänzlich andere Dasein jenseits erwähnten Ufers zu finden. Denn diesen  Weg konntest du bisher nicht sehen. Irgendwo endeten alle deine Versuche, Zugang zu finden, irgendwo im Nichts.

Vielleicht gibt es diese eine Person, die beides vereint. Und vielleicht hast du ihr schon einmal in die Augen geschaut. Doch differenzieren musst du zwischen dieser einen, besonders gesegneten Herzensverbindung und was dann mit dem Schatz deiner Erfahrungen geschieht, wenn du ihn in einer stillen, starken Übereinkunft mit dieser Person geteilt hat.

Vielleicht ist diese stille, starke Übereinkunft tatsächlich der Weg und die Brücke an jenes andere Ufer, was so weit weg von dem liegt, was du bisher gelebt hast.

Und vielleicht wird etwas gänzlich Unerwartetes wachsen, aus dem, was Kraft der Übertragung Eurer Herzen entsteht. Sobald du in aller Herzenstiefe geteilt hast, ist unversehens aus dem "dein" ein "unser" geworden. Und dann, dann muss die Reise weiter gehen. Neue Wege werden beschritten.

Genau in diesen Tagen ist es soweit.

Vielleicht hast du nicht erwartet, dass ein solcher Schritt in diesem Leben noch auf dich zukommen könnte. Doch das tatest du mit dem Bewusstsein, dies nicht zu erwarten. Im Herzen erwartetest du schon. Du hofftest auf eine Begegnung, die dich bis ganz in die tiefsten Tiefen deines Wesens einnehmen und deine Vereinzelung vergessen lassen würde. Auf diese Begegnung, bei der nichts, gar nicht verborgen bleiben würde. Weder in dir, noch in dieser anderen Person.

Vielleicht dachtest du, der Tradition ist mit dem Leben, das du bis dato führtest, Genüge getan und offenbar muss es so sein. Vielleicht vermutetest du in dieser letzten, unheilbaren Sehnsucht einen Schleier des Irrens und der Anhaftung, den du letztlich noch von deinem Herzen beseitigen wolltest.

Was aber, wenn diese Sehnsucht der Wunsch nach tiefer Vereinigung ist, den dein Herz selbst aussprichst? Was aber, wenn dieser Wunsch jeden beseelt, der einst begann, tief in sein Herz hinabzusteigen? Nur, um das Herz dann vollständig und ganz hinzugeben, das Herz gänzlich zu verschenken?

So oft versuchtest du, dein Herz so zutiefst zu veräußern, dass es dich auf der Stelle zu Nichts als Herz werden lässt. Doch nirgendwo fandest du den rechten Empfänger. Immer wurde nur ein Teil von dem, was du bist, akzeptiert, nicht jedoch wirklich und ungefiltert alles. Doch du fühlst so deutlich, dass dein größter Lebenstraum sich nicht erfüllt, wenn du dieses letzte Veräußern dessen, was in dir lebendig ist, nicht durchleben kannst.

Daher wartetest du. Daher bewartest du. Daher hieltst du dich bedeckt und schlichest, einem schwarzen Panther gleich, im Verborgenen umher, ohne dich vollkommen zu erkennen zu geben.

Ich rufe dich jetzt, weil ich nicht möchte, dass es für dich und deinen Traum zu spät ist. Der Sinn deines Lebens hat sich nicht erfüllt und daher hast du keine Zeit zu verlieren.

Ich rufe dich jetzt, weil es irgendwo jemanden gibt, der alles das braucht, was du so lange bewahrt hast. Und indem du es dieser Person schenkst, wird sie daraus etwas Neues schöpfen. Alles das, was du zu bewahren hofftest, wird darin zu neuer Blüte gelangen. Doch anders ist die Blüte, als du erwartest. Denn anders wird die Erde und das Klima sein, in dem sie gedeiht.

Vielleicht weißt du genau, wer die Person ist, denn du blicktest ihr einmal schon durch die Augen mitten ins Herz. Und einige Jahre vergingen, bis du erkanntest, dass du, um dein Herz ganz zu verschenken, doch nicht bis zum Äußersten gegangen bist. Denn mit diesem einen Blick ist es eben nicht getan. Das ist nicht mehr, als ein erstes Erkennen.

Was bist du bereit zu tun, damit diese Begegnung Realität werden kann, die dein Herz endgültig befreit? Das frage ich dich. Und wenn du es weißt, dann tue es bald. Tue es kompromisslos. Tue es, ohne dich weiter zu verstecken. Vielleicht ist es das einzige in deinem Leben, was noch fehlt, um zu wahrer Erfüllung zu gelangen.

Eine Gefahr gibt es: Die Gefahr, im Bekannten zu verharren und selbst nicht auf seine Träume und den tiefen Erkennen und Empfinden zu vertrauen. Die Gefahr, ganz einfach so weiterzumachen, wie bisher. Die Gefahr, etwas für eine unheilsame Leidenschaft oder einen Schleier zu halten, was in Wahrheit reine Liebe ist. Die Gefahr, sein bisheriges Gewand nicht ablegen zu wollen, um in den Augen anderer zu bleiben, wer man gerade ist. Die Gefahr, ein Teil von sich geheim zu halten und daran ganz bitter zu leiden.


Mir dieser Gefahr bewusst seiend, rufe ich dich. So viele Leben vergingen unter Konventionen, die andere sich erdachten. Und die zu erfüllen unsere Pflicht zu sein schien, um jenen, die an diese Konventionen glaubten, nicht zu schaden.

Doch was machen wir heute, an dieser Grenze zu einer neuen Zeit? Im Moment, wo zu erkennen wichtig ist, dass das andere Ufer eben auch zum Leben dazu gehört? Jenes fremdartige Land, was in anderen Leben jenseits unseres Wissens lag, was heute jedoch nicht mehr zu leugnen ist. Du kannst es nicht länger ignorieren. Auch in ihm fühlen die Wesen Leid. Und auch in ihm wünschen sie, sich vom Leid zu befreien.

Vielleicht fühlt sich diese Person, deren Herz als ebenbürtig du bereits erkanntest, dort ziemlich allein. Allein gelassen, von allen Wissenden, die sich einfach nur scheuen, diesen reißenden Fluss zu überqueren und alles Bekannte hinter sich zu lassen. Die davor zurückschrecken, ein neues Leben unter unbekannten Bedingungen anzufangen und statt dessen ihren Status quo und die damit verbundenen Privilegien zu bewahren.

Lieber Freund, so jemand bist du im Herzen nicht. Sonst wünschtest du niemals so innig, dein Herz vollkommen preis zu geben im Erkennen der Ebenbürtigkeit. Sonst genügte dir das Leben, das du gerade lebst und du fändest nichts in dir, was noch ungeboren ist. Wenn du zutiefst mit dir eins und glücklich in deinem Land wärst, dann spürtest du im Herzen diese Sehnsucht nicht. Dann würdest du nicht warten. Und etwas in dir für jemanden aufbewahren.

Ich wünsche dir die Kraft, den Mut, die alles überwindende Liebe, die Demut und die gespürte Notwendigkeit, einfach hinüber, in ein anderes, präsentes, ganz von dir und einem innigsten Wollen erfülltes Leben zu gehen. Du würdest neue Akzente setzen für das, was dir am Wichtigsten ist. Und du würdest jemanden mit gebrochenem Herzen retten, der oder die tief im Inneren genau so fühlt, wie du.

Alles läuft auf eine Vereinigung der Herzen hinaus, um mit neuer Kraft und neuem Esprit eine neue Welt zu erschaffen. Eine Welt, in der beide Ufer zu Hause sind. Eine Welt, in der Gräben sanft geschlossen und Herzen still und unprätentiös gesunden können. Eine Welt, in der Freiheit und Liebe möglich und die Macht hinderlicher Konventionen gebrochen ist. Eine Welt, die Altes vergehen lässt, weil hier zu Recht erkannt wurde, dass das zu Bewahrende ein neues Gewand braucht.

Ich rufe dich jetzt und weiß, dass du im Herzen die Wahrheit und Dringlichkeit wirklichen Erwachens spürst.  

Möge diese Kraft deines wahren Herzens mit dir sein. So sei es.






Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Bedeutung des Fühlens

Bedeutung, Begeisterung, Selbstwirksamkeit

Schwarzes Rauschen - oder der Fluch der Dunkelheit