Emotionale Erpressung

Ich erinnere mich jetzt deutlicher des Krieges, den meine Eltern in schwierigen Zeiten gegeneinander führten. Für mich als Kind war das selbstverständlich die Hölle und ich flüchtete mich oft hinaus in die Natur. Und dennoch blieb keines von uns Kindern frei davon, uns auf Ebene des Limbischen Systems einiges davon mitzunehmen. Unbewusst also übernahmen wir bestimmte Einstellungen zueinander. Einstellungen zwischen Mann und Frau.

Ich akzeptiere heute klar, dass ich deswegen so frei meiner Wege gehe. Nichts von dem, was mich damals zu Tode ängstigte und zugleich sich auch auf mich und mein Verhalten auswirkte, wollte ich in meinem Erwachsenenleben fortführen. Dazu war ich wild entschlossen.

Sehr vieles ist nichts Persönliches, was so typisch für meinen Vater und meine Mutter und auch das Verhalten zwischen uns Geschwistern war. Vieles erkenne ich als Verhalten, was uns von kleinauf eingeimpft wird. Es sind soziale und kulturelle Zuschreibungen, die insbesondere auf der nonverbalen Verhaltensebene wirken.



Eines davon ist das Konzept, dass Frauen mit ihren Tränenausbrüchen immer etwas erreichen wollen. Dass jede Äußerung starker Emotion nur der emotionalen Erpressung dienen. Dies geht so weit, dass sie als berechnend und nicht echt erachtet werden, sondern eben nur als Mittel zum Zweck.

Vom Mann wird darauf mit Verachtung und Sturheit reagiert. Je mehr die Frau emotional wird, desto härter und abweisender reagiert der Mann. 

Das erlebte ich immer wieder, dass auch ich als Kind oft mit Zuschreibungen belegt wurde, sobald ich emotional wurde. Brach ich in Tränen aus, verstand das so gut wie nie jemand als Hilferuf oder dass es mir nicht gut ging. Sofort wurde geschlussfolgert, dass ich zickig und hysterisch sei. Weil ich keine klaren Satz dazu formulieren konnte, was ich wollte und brauchte, wurde ich mit Ignoranz abgestraft und weggeschickt. Und je mehr ich mich unverstanden und abgelehnt führte, desto stärker schmerzte es und desto stärke weinte ich.

Emotionen zu zeigen war inakzeptabel. Einzig klare Sätze zu sprechen und zu sagen, was ich will, wurde gelten gelassen.

Für mich ist es schwere Kost, darüber zu schreiben. Schwere Kost deswegen, weil es zeigt, wie dominant männliches Denken war und das Wesen der Frauen bekämpft wurde. Ich lernte, dass Frauen sich für gute Verbindung zum Gefühl hassen und bestrafen müssen. Nur ein sachliches, emotionsloses Auftreten fand Anerkennung. Wenn ich das als Mädchen mitbekam, wieviel Chancen gibt es, dass meine Mutter es anders sah?


Gerade in den schwierigen Zeiten, in denen es für meine Eltern miteinander schwer war, wurde auch auf mich Druck ausgeübt. Natürlich ist, dass dies auf mich Auswirkungen hatte. Diese Differenzen zwischen meinen Eltern zu erleben, verunsicherte mich zutiefst. Zugleich jedoch wurde ich bestraft, wenn ich offen und ehrlich diese Orientierungslosigkeit und Angst zeigte. Bestraft, indem ich weggeschickt und gezwungen wurde, es mit mir selbst auszumachen. Ging es meiner Mutter am Ende genau so? Ich gehe stark davon aus.

Diese Verachtung jeglicher Gefühlsäußerung gegenüber und die Unterstellung, sich mit dem Zeigen von Gefühlen nur wichtig machen, in den Mittelpunkt zu spielen und etwas Eigensüchtiges für mich selbst erreichen zu wollen, hat mich damals  am tiefsten und nachhaltigsten verletzt und erschüttert. 
Diese Kälte und Berechnung die wiederum aus diesen machtvollen Zuschreibungen und von denjenigen ausging, die mich damit quälten, hat mich zugleich sehr zornig gemacht. Heute reagiere ich darauf daher mit einem sofortigen Verschließen meines  Herzens. Wer mir so etwas heute unterstellt, beißt bei mir auf Granit.

Heute spüre ich in diesem Krieg zwischen Sachlichkeit, Emotionslosigkeit und Intellekt versus Offenheit, Gefühl und Verbundenheit zum eigenen Herzen den Krieg zwischen Mann und Frau, zwischen Bruder und Schwester, zwischen Macht und Vertrauen. Ich spüre die Anzeichen dieses Kampfes bei vielen Ehepaaren und auch anderweitig zwischen Mann und Frau. Ihm habe ich eine klare Absage erteilt, denn es geht nicht darum, wer am Ende die Oberhand hat, schon gar nicht in der Familie. Allein dies zu denken, kann nur in Männerköpfen entstehen. Ab und an bestätigt mir das ein Mann.

Vor einem Wochen erzählte ich einem Kollegen, dass ich mit einer Freundin zusammen joggen gehe. Sie hätte sich vorgenommen, dies wieder regelmäßig dreimal die Woche zu tun. Und weil es gemeinsam leichter ist, machte ich mit. Wir erziehen uns damit gegenseitig, sagte ich. Der Kollege sagte zu mir: "Das bewundere ich. Männer kämen nie auf eine solche Idee, sich gegenseitig zu unterstützen. Sie würden sofort in Konkurrenz treten und schauen, wer der Bessere ist."

Wie idiotisch, denke ich oft. Inzwischen ist es unsere gemeinsame Sache, unser gemeinsames Ziel, dreimal die Woche joggen zu gehen. Und es macht regelrecht Spaß, sich gegenseitig beim Durchhalten zu unterstützen oder zur nächsten Herausforderung anzustiften. Konkurrenzdenken ist dabei wirklich keine einzige Sekunde vorhanden!


Ist es nicht auch sehr männlich, hinter jedem Busch einen Verbrecher und hinter jeder Äußerung Berechnung zu vermuten? Ist es nicht Verfolgungswahn, Berechnung zu unterstellen und damit zugleich zu meinen, die Frau wäre im Begriff, den Mann zu übervorteilen? Ich frage mich wirklich sehr oft, was in den Hirnen der Männer und deren Emotionalkörper vorgeht, dass sie es so schwer haben, an ein Miteinander zu denken?

Und manchmal brechen Emotionen sogar noch eher hervor, als das das Tagesbewusstsein versteht, worum es geht. Ich habe schon selbst sehr oft erlebt, dass ich weine, aufgrund eines Gefühls - und erst nachdem ich mich hinein vertiefe und das Tagesbewusstsein damit verknüpfe, stellt sich ein Aha ein, das mir sagt, worum es gerade geht. Und zu weinen ist so wichtig, um Schmerzen zu verarbeiten. Und den Schmerz zu verarbeiten ist wiederum wichtig, um das Herz offen und heil zu halten und Irrtümer und Knoten zu lösen. Es geht oft nicht ohne bewusste Trauerarbeit. Und Trauerarbeit ist nichts anderes, als eine emotionale Sache.

Um noch einmal zurückzukehren zu den Schwierigkeiten meiner Eltern: Meine Mutter hat sich für ihre emotionalen Ausbrüche gehasst, obwohl aufgrund der Last, die sie trug, ganz natürlich und gesund war, sich dies alles Bahn brechen zu lassen. Doch dafür gab es damals keine Anerkennung und kein Verständnis. Auch kein Verständnis dafür, dass die Psyche nicht unendlich belastbar und ein Mensch seelisch nicht unzerstörbar ist.

Viele Jahre brauchte ich dafür, in mir selbst diesbezüglich umzulernen. Oft spüre ich in mir diese starken Zuschreibungen, wie sie mir einreden wollen, was an mir und meinem gefühlsbetonten Frausein alles unnatürlich und verachtenswert ist. Denn immerzu der emotionalen Erpressung sich schuldig zu fühlen, führte automatisch dazu, dass ich mich davon abzuspalten begann und nun betont sachlich und intellektuell vorging. Lange verstand ich nicht, dass ich dafür ein Versteinern meines Herzens in Kauf nahm. Und als ich den Zusammenhang verstand, war ich am Boden zerstört und meinte lange Zeit, es niemals zurück zu meiner Natürlichkeit und Offenheit zu schaffen.

Dass jemand, der mir pauschal irgendetwas unterstellt, ohne mich gefragt oder erfühlt zu haben, auf Granit beißt, ist demnach ganz klar ein Schutzmechanismus. Ohne ihn komme ich leider nicht aus. Und die Angst, vor dem Verlust derjenigen, die mir nahestehen, habe ich aufgegeben. Im Gegenteil: Sobald mich jemand für meine Emotionalität abstrafen und beschuldigen möchte oder mir wiederum unterstellt, dass ich damit nur etwas Bestimmtes zu meinem Vorteil erreichen will, dem kehre ich nach einer gewissen Probezeit rigoros den Rücken.


Für mich sehe ich sonst keine andere Möglichkeit, als aus dem Krieg, der zwischen Mann und Frau oft herrscht, auszusteigen. Ich weiß aus meiner Kindheit, wieviel Lebenszeit ohne Respekt, Würde und Anteilnahme verstreicht, wenn sinnlos um die Vormachtstellung innerhalb einer Beziehung gekämpft wird. Lebenszeit habe ich damit schon genug verschwendet.

Dieser Krieg herrscht zwischen jedem und in einem jeden von uns. Ihn konnte ich für mich nur beenden, indem ich immerzu mit meinen Gedanken, Zuschreibungen, Gefühlen und damit gekoppelten Unterstellungen und Schuldzuweisungen arbeite. Und noch immer fordert dies, wie dieser Beitrag zeigt, noch viel Aufmerksamkeit und Achtsamkeit von mir.

Und das Wichtigste, was ich aus diesem Krieg gelernt habe, ist Folgendes: Es liegt nicht in der Natur des Mannes, noch der Frau, berechnend zu sein und deshalb allerlei Bösartigkeiten auszuhecken. Es ist Gewalt, jemand zu unterstellen, er sei berechnend und böse. Sei es sich selbst, oder anderen. Wenn wir uns als berechnend oder böse wahrnehmen, dann nur, weil uns etwas fehlt. Und dass wir nicht immer alles haben, was wir brauchen, ist wiederum natürlich.

Das Ego in uns - egal ob männlich oder weiblich - ist es, was diese Aufwertungen und Übertreibungen vornimmt. Ist etwas für uns attraktiv und scheint es das zu beinhalten, was und fehlt, glorifizieren wir es und beten es an. Befürchten wir Schaden und Verlust durch etwas oder jemanden, schelten wir ihn böse und berechnend. Beides sind künstliche Übertreibungen.

Das, was unseren Problemen wirklich zugrunde liegt, ist einfach, menschlich, natürlich - und im gewissen Maße auch logisch nachvollziehbar. Und diese Logik beherrscht auch eine Frau. Diese natürliche Logik beruht auf den Naturgesetzen, nachdem alles - auch Mann und Frau - funktioniert. Und das Wissen darum und den Zugang dazu, tragen wir alle im Herzen. Gefühle gehören ganz sicher und grundlegend dazu, ebenso wie unsere Gedanken.

Mit dem Hirn allein und ohne Erdung desselben im Herzen, lassen sich diese Prozesse weder verstehen, noch beeinflussen. Beeinflussen ist ein sehr männliches Wort. Weiblicher wäre es, davon zu sprechen, im Einklang mit diesen Gesetzen sein Leben zu gestalten.

Doch wenn ein Mann einer Frau diese Weisheit nicht zugesteht und eine Frau den Mann für seine mangelnde Einfühlung beschuldigt, wird der Krieg weitergehen. Der Krieg, der aus dem Vorurteilen der notwendigen, männlichen Dominanz und der berechnenden, weiblichen, emotionalen Erpressung entsteht.

Und in diesem Krieg kann, will und werde ich nicht mitspielen.

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