Die (Un)Schuld der Frauen

Inmitten der Prozesse, die mich die Tage bewegen, ist mein Nachdenken über fehlende weibliche Vorbilder am nachhaltigsten gewesen. Am einfachsten ist es, der eigenen Mutter nachzueifern. Doch wenn diese Mutter selbst nicht auf ihre Qualitäten vertraut, was dann?
 
In meiner Jugend gab es eine Phase, da sagte meine Mutter einen folgenschweren Satz zu mir. Er hat mich zutiefst erschreckt und brannte sich in mich ein, wie ein Brenneisen. Und so unerwartet äußerte meine Mutter ihn, dass ich nicht einmal den Mut aufbrachte, ihn zu hinterfragen.

Dieser Satz lautete: 
"Die Frauen sind es, die an allem Schuld sind."
Und damit meinte sie, Schuld an allem, was schief geht, insbesondere die Beziehung. Und dass es Frauen sind, die Schuld sind, wenn einer von beiden fremd geht. Sie sah die Frau als schuldig und Verführerin.

Jahre später, als mein Vater im Sterben lag, erzählte sie von sich aus einige Ereignisse aus ihrem Leben mit meinem Vater, die ich bisher nicht kannte. Mir schien es so, als wollte sie unbedingt alles klären und bereinigen, was die Schattenseiten dieses Zusammenlebens ausgemacht hatte und wiederum erschrak ich tief.

Ich stellte nichts von dem, was sie erzählte, in Frage, noch hinterfragte ich es allzu tief. Ich vertraute darauf, dass sie von selbst alles mitteilen würde, was noch schwer auf ihrer Seele lag. Ich hörte meistens zu und spürte in ihre Mimik und Gestik und die gewählten Worte hinein.

Mich erschütterte tief, wie schwer sie es hatte, ein gutes Haar an sich zu lassen. An Entscheidungen, die sie getroffen hatte, an verzweifelten Ausflüchte, wenn ihre Bestrebungen und Wünsche in Bezug auf die Ehe nicht umsetzbar waren.  Und an ihrer Ohnmacht, wenn sie mit einigen ihrer Bedürfnisse, die sie äußerte, immer wieder gegen die Wand lief.

Mich erschütterte tief, dass sie immer noch im tiefsten Inneren überzeugt war, dass sie schuldig war. Obwohl sie das niemals in Worten zugegeben hätte und auch heute nicht würde, fühlte ich, wie es dennoch ihr Wesen durchdrang und vergiftete.

Damals wurde so viel Ungesagtes an die Oberfläche gespült, dass ich ganz erschöpft war, von vielen emotionalen Turbulenzen und Neuigkeiten. Jetzt bemerke ich, wie stark alles dies noch immer in mir nachhallt und wie es endlich angenommen und verstanden werden will.

Heute, mit der Distanz etlicher Jahre, spüre ich, dass meine Mutter als Frau genauso wenig glücklich war, wie viele andere. Doch kennen wir es oft nicht anders, weil dieses Unbehagen alles durchdringt.

Als ich zum ersten Mal den Satz "Die Frauen sind an allem Schuld" gehört hatte, antwortete etwas in meinem Inneren spontan und entschlossen: "Das stimmt nicht!". Doch laut hatte ich es nicht ausgesprochen. Auch heute sehe ich das so. Es fehlt die Leichtigkeit und Freiheit in unserem Leben, weil so vieles an den Frauen hängt und dies immer noch als selbstverständlich gilt.


Keine Frau, die mütterlich ist und Familie hat, würde jemals auf Gedeih und Verderb ihre eigenen Pläne durchziehen, wie es Männer oft trotzdem tun. Manchmal scheint mir, als rechneteten sie nicht mit mütterlicher Weisheit, sondern Weichheit. Als rechneten sie damit, dass die Frau letztlich doch nachgeben wird, dass sie letztlich doch Verständnis aufbringen wird, dass sie sich letztlich doch fügen wird.

Und in diesem Gefängnis erlebte ich meine Mutter gerade in meiner Jugend. Sie stieß auf taube Ohren, mit ihren Wünschen. Und wenn sie dann laut wurde, um nicht ignoriert werden, gab mein Vater verbal nach, machte aber trotzdem weiter wie bisher. Als fürchtete er, sonst sein Ansehen und sein Gesicht zu verlieren. Als wollte er die Anerkennung, die seine Arbeit ihm verschaffte, nicht gegen den Familienfrieden einlösen.

Meine Mutter war keine Hausfrau, sondern hatte einen Fulltimejob, während wir Kinder klein waren. Sie kümmerte sich nach der Arbeit nicht nur um die Hausarbeit. Außerdem betreute sie eine zeitlang beide Großmütter, als sie pflegebedürftig wurden. Sie duldete es, wenn meine Brüder übers Wochenende eine ganze Schar von Freunden nach Hause brachte, die beköstigt werden musste. Sie verschloss auch keinem Verwandten die Tür, die regelmäßig am Wochenende auch gerne mal unangekündigt vorbei kamen, um Landluft zu schnuppern, ihr Herz auszuschütten und sich Trost und Zuspruch zu holen.

Erst, als wir drei Kinder schon unserer eigenen Wege gingen, begann sie ihre Arbeitszeit zu verkürzen und tat ab und an etwas, was ihr Spaß machte. In dieser härtesten Zeit war der Vater bis auf drei Wochen Urlaub im Jahr kaum für die Familie da. Und das, obwohl sein Arbeitsplatz direkt zu Hause war. Das ist ein hartes Leben, für eine Frau. Oder?

Und dann soll diese Frau am Unglück, an Schwierigkeiten, an Spannungen und an manchem verzweifelten Versuch, auszubrechen aus einer unerträglichen Situation, allein Schuld sein? Wie kommt es nur, dass Frauen so denken? Das tut mir im Herzen sehr weh, dass viele Frauen sich so wenig selbst lieben und respektieren. Und in meinen Augen tun sie das, weil sie es nicht gelernt haben. Weil seid Generationen uns Frauen starke Vorbilder fehlen.


Was heute als starke Frau gesehen wird, ist für mich oft keine Frau. In einem Beitrag erwähnte ich es schon. Diese so genannten starken Frauen sind oft Frauen, die Männer imitieren. Und so eine Frau möchte ich persönlich nicht sein. Sie wirken oft hart, unnahbar und kalt, insbesondere, wenn sie erfolgreich sind.

Am meisten schreckt mich eine Haltung solcher Frauen ab, die ich als besonders männlich finde: Zu suggerieren, dass alles zu schaffen ist, was man(n) nur will und kein Verständnis mehr zu haben für andere, die das nicht so gut können. Es grenzt beinahe an Verachtung, wie solche Frauen sich im Leben breit machen und immer wieder verlautbaren, dass es nur an Faulheit und Bequemlichkeit liegt, wenn andere nicht so erfolgreich sind, wie sie. Dem natürlichen Wesen einer Frau entspricht so etwas nicht.

Im Buddhismus ist eine starke Frau in aller Munde: Tara. Irgendwie wird sie oft angebetet, aber auch das kommt mir im Herzen oft künstlich vor. Die Weiße Tara wird in einigen Traditionen nahezu überstrapaziert. Ständig finden Retreats statt und sobald ein Lama Größeres vor hat, wird wieder ein Retreat veranstaltet, um ihm gute Umstände zu verschaffen. In letzter Zeit fällt mir auf, wie berechnend eine solche Hingabe an die Tara ist. Beinahe so, als holte man sie mal eben hervor, wenn man sie braucht - primär um das Leben eines Lehrers zu verlängern - und wenn sie ihre Schuldigkeit getan hat, wird sie wieder in die Ecke gestellt.

Schon vor über zehn Jahren sagte eine meiner Dharma-Schwestern in Hamburg zu mir, dass unser Lehrer ihr gesagt hätte, dass sie immer, wenn sie Angst hat, Tara rufen soll. Dann käme sie sofort. Und voller Begeisterung sagte meine Dharma-Schwester: Es funktioniert! Ich dachte damals nur: "Und dann, was passiert dann, wenn sie da ist? Dann nimmt sie deine Angst fort und verschwindet wieder, oder was?"

Von Tara wird in meinen Augen oft erwartet, dass sie funktioniert, wenn man(n) sie braucht. Und fertig.

Was eine Tara den Rest der Zeit so braucht oder wie sie ihr Leben dann gestaltet, wenn sie mal nicht gebraucht wird - interessiert das irgend jemanden? Ich tendiere zu folgender Antwort: Nein. Mögliche Argumente, warum dies berechtigterweise so ist, sind dann: "Na, sie ist doch ein Buddha. Die braucht nichts mehr. Sie ist ja dafür da, zu helfen." So, wie jede Frau dafür da ist, dass die Familie funktioniert?

Was aber, wenn uns die Weiße Tara etwas ganz anderes lehren möchte, wenn sie uns viel mehr geben und mitteilen möchte? Was aber, wenn ihre Leben verlängernde Kraft gerade darin liegt? Doch wer weiß schon etwas über die Weiße Tara und ihre anderen Schwestern? Meistens werden einfach nur ab und an ihre Gebete rezitiert.

Sich wirklich auf Tara einzulassen, sich mit ihr in der Tiefe zu verbinden, ihr wirklich Respekt zu erweisen und auf ihren Rat zu hören, das geht nicht so einfach. Dies gelingt nicht, indem man ab und an mal eine Mala ihrer Mantras rezitiert. Und wenn ich jemanden davon reden höre, dass ihm Tara in einer Vision erschien, dann ist das erste, was mich interessiert: "Und was hat sie mit dir gemacht? Was hat sie dir gelehrt und wie hast du dich dafür erkenntlich gezeigt? Wie hast du dich verändert?" Doch davon erfährt man nichts. Sich mit einem solchen Ereignis zu rühmen, scheint ausreichend zu sein.

Frauen wirken viel tiefer und viel nachhaltiger, als diese oberflächliche Verehrung, die sich letztlich auf "Es funktioniert!" beschränkt, je verdeutlichen könnte. Sie geben sich selbst und behalten nichts für sich. Frauen geben viel mehr von ihrem Leben auf, als viele Männer das jemals bereit wären zu tun. Und dass sie das tun, ist so selbstverständlich, dass sie sich schuldig fühlen müssen, es einmal nicht zu tun. Und das ist wirklich eine Schande.


Mir wird in den letzten Tagen immer deutlicher, dass meine Identität mich weitaus stärker unterschwellig beschäftigt, als bisher bewusst wahrgenommen. Ich sehe viele klare Gründe, dass ich im Moment mein Leben allein lebe und mir wirklich von niemandem hinein reden lasse. Insbesondere nicht von einem Mann. Ich denke, dafür gibt es vielfältige Ursachen, die nicht allein in diesem Leben zu finden sind. Und außerdem hat das Leben mit meiner Mutter mich nachhaltig geprägt.

Es ist sehr schade, dass Frauen es so schwer haben, ganz frei und unschuldig zu leben. Auch mir fällt das nicht leicht, insbesondere weil ich dem traditionellen Rollenverständnis komplett ablehnend gegenüber stehe. Ich bemerke erstaunt, wie skeptisch ich oft jeder Interpretation dessen, was ich bin und wie ich eigentlich leben sollte, gegenüber stehe.

Und solange ich für mich selbst kein greifbares, starkes Vorbild sein kann, werde ich oft noch verwirrt und orientierungslos neben mir stehen. Doch lieber so, als keine Frau sein. :-) Doch lieber so, als mich schuldig fühlen.








Kommentare

  1. Kürzlich habe ich auch geforscht nach einem weiblichen Vorbild in meinem Leben und keines gefunden, weder in weltlicher noch in spiritueller Hinsicht. Das gab mir sehr zu denken! Von den männlichen spirituellen Lehrern, die ich voll akzeptieren kann, ist nur noch einer übrig geblieben, dessen Einsatz für die Gleichwertigkeit der Frau ich glaubwürdig finde.

    Ja, Tara wäre ein Vorbild, doch wie hat sie wirklich gelebt, davon wissen wir wenig. Auf jeden Fall lässt ihr Gelübde vermuten, dass sie eine echt mutige Frau war, die sich nicht von männlichen Forderungen, sie müsse als Mann wiederkehren um ein Buddha zu werden, beeinflussen ließ.

    Ihr Gelübde:
    „Zwar gibt es unter dem männlichen Geschlecht viele, die Erleuchtung wünschen, aber solche, die mit dem Körper einer Frau für das Heil der fühlenden Wesen arbeiten, gibt es nicht. Daher werde ich, solange die Welt nicht leer (von erlösungsbedürftigen Wesen) ist, für das Heil der fühlenden Wesen mit dem Körper einer Frau wirken.“

    Es hat mich erstaunt vor einiger Zeit an einem Online Teaching zu erfahren, dass die Tara-Praxis nur eine sekundäre Praxis sei, um Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Das finde ich irgendwie bezeichnend. Es wird zwar gelehrt, dass das innerste Wesen (Geist, Bodhicitta) geschlechtsneutral ist, umso mehr erstaunt es mich, dass diese Erkenntnis im realen Leben so wenig Fuß gefasst hat, egal in welcher Religion oder Ideologie.

    Dass die Frauen an allem schuld sind, wurde ihnen wahrscheinlich über die Jahrhunderte eingeredet und sie (wir) haben es verinnerlicht, wenn wir jedoch die Geschichte betrachten, sehen wir, dass es eher umgekehrt war.

    Liebe Josephine, du bist, die du bist und du bist okay wie du bist. Kürzlich hat mich ein Zitat von Oscar Wilde nachdenklich gestimmt: Sei du selbst! Alle anderen sind bereits vergeben.

    Alles Gute und einen schönen Sonntag wünscht dir
    Elfe

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    1. Liebe Elfe,

      vielen, herzlichen Dank für deine ermunternden Worte. Nachdem ich so viele Jahre daran gearbeitet habe, mir zu erlauben und kennenzulernen, was es heißt, zu sein, wie ich bin, habe ich mir vorgenommen, nichts anderes mehr zu tun. Nur dadurch werde ich dieses kostbare Leben bis zur Neige ausschöpfen. :-)

      Lange Zeit habe ich dabei hintan gestellt, was das für mich als Frau bedeutet. Erstaunt stelle ich fest, dass ich es wohl verdrängt habe, weil da noch so viel Unangenehmes schlummert. Sehr menschlich. Doch nun vertraue ich mich auch in diesem Punkt meinem Herzen an. Und wenn es Zeit ist, damit bewusst zu arbeiten, dann tue ich es. Dies wird starke Konsequenzen für meine zukünftige Spiritualiät und auch mein persönliches Leben haben. Das spüre ich, wenngleich ich noch nicht sagen kann, wie.

      Du bestätigst mich mit deinen Worten in allen Punkten. Auch vielen Dank dafür. Genau aus den Tatsachen heraus, die du genannt hast, bin ich zutiefst davon überzeugt, dass auch der tibetische Buddhismus sich wandeln muss und auch wird. Mit Tara als "sekundärer Praxis" wird er keine Zukunft haben. Genau so "sekundär" sind auch die zahlreichen Schützerinnen, die zu jeder Tradition gehören. Mal sehen, ob ich in diesem Leben noch einiges von diesem dringend notwendigen Wandel mitbekommen werde.

      Für mich hat das Thema "Schuld" immer auch direkt mit der Möglichkeit der Ausbeutung oder des Ausnutzens zu tun. So, wie Tara "benutzt" wird, um Hindernisse zu beseitigen, so garantiert das Schuldgefühl der Frau, dass sie weiter sich selbst aufgibt und ihre Aufgaben bis zur Selbstaufopferung erfüllt.

      Mich persönlich erstaunt an diesem Prozess, in dem ich persönlich stecke und der sich in meinen derzeitigen Blogbeiträgen widerspiegelt, wie früh ich diesem Rollenverständnis schon die Absage erteilt habe. Eine Entscheidung, diese Rolle nicht widerspruchslos zu erfüllen, fällte ich schon in meiner Kindheit. Und diese Entscheidung formte mein Leben bis heute. In den Tiefen unseres Herzens geschehen so viele Dinge, von denen das Tagesbewusstsein oft nichts weiß!

      Und ich bin mir sicher, dass ich hier und heute nicht die einzige Frau bin, die eine ähnliche, wenn nicht gleiche Entscheidung im Herzen trägt. Im asiatischen Raum entscheiden sich manche Frauen auch aus diesem Grund Nonne zu werden. Doch aus meiner Erfahrung heraus sehe ich leider auch diese Lebensweise als Einbahnstraße. Ich stelle derzeit entschieden in Frage, dass sie Frauen wirklich ermöglicht, ihr wahres Herz vollkommen zu entfalten und sich selbst zu verwirklichen. Insbesondere, solange der äußere, soziale und kulturelle Rahmen innerhalb des tibetischen Buddhismus nicht dazu passt.

      Liebe Elfe, auch für dich alles Gute und einen schönen Sonntag. Ich freue mich sehr über deinen Kommentar.

      Herzlichst
      Josephine


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  2. Liebe Josephine,
    vielen Dank für diesen sehr persönlichen Beitrag! Es scheint in den Köpfen auch bei uns im aufgeklärten Deutschland immer noch die Meinung vorzuherrschen, dass es den Männern von Natur aus zusteht, sich selbst zu verwirklichen. Und da dies meist nicht bedeutet, sich um den Haushalt und die Familie zu kümmern, sondern da es eine Arbeit außer Haus ist, bleibt diese Last an der Frau hängen, von der fraglos gefordert wird, dies zu übernehmen. Ich beobachte solche ungerechte Aufteilung immer wieder und bin frustriert und schockiert. Ein Grund, das Singledasein vorzuziehen, um die innere Freiheit nicht aufgeben zu müssen.

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    1. Liebe Anke,

      etwas differenzierter und tiefgründig betrachtet und weiterhin ganz persönlich, sehe ich es so:

      Als ich mich vor Jahren entschloss, meine etliche Jahre dauernde Beziehung zu verlassen, dann auch aus dem Grund, weil die Vorstellungen vom Leben von uns beiden zu unterschiedlich waren und mein Partner zudem nicht spirituell interessiert und engagiert, wie ich. Ich musste diesen Schritt gehen, um der Entwicklung, die sich aus mir ergab, zu folgen und auch Veränderungen in meinem Tempo zu vollziehen. Für diese notwendige Entwicklung spürte ich nicht genügend Raum.

      Dieses grundlegende Gefühl der Auswegslosigkeit und Ohnmacht, die ich im Erleben meiner Mutter spürte, ist für mich nicht der Grund, Single zu sein. Dieses Empfinden ist dennoch typisch für das Schicksal der Frauen. Nicht jede Frau muss dieses Schicksal aber heute als unabwendbare Last erleben und als solche empfinden. Und das ist die gute Nachricht: Es geht aufwärts und viele Männer (so auch meine Brüder), bringen sich selbstverständlich zu Hause ein.

      Wenn ich diesem Freiheitswillen in mir auf den Grund gehe und mich ganz unvoreingenommen darauf einlasse, dann spüre ich sehr deutlich, dass ich nicht generell Familie und Partnerschaft ablehne, aber schon sehr genau schaue, auf wen ich mich einlasse. Meinem Wunsch nach Freiheit liegt das tiefe Bedürfnis zugrunde, genügend Raum (Frei-Raum) als Frau zu finden. Raum, der mir die Möglichkeit bietet, meine Lebensumstände aktiv mitzugestalten und frei zu wählen. Aber auch Raum, respektiert und wertgeschätzt, kennengelernt und hinterfragt sowie einbezogen und gehört zu werden.

      Frauen sind von Natur aus Raum gewährend - nicht Raum greifend. Im Moment wird der Raum, den Frauen schaffen, sofort gefüllt und okkupiert. Und sei es nur durch die raumgreifenden Erwartungen an Mütter oder Familie oder, ganz häufig,auch komplette Ignoranz durch die raumfordernden Machtansprüche des Mannes.

      Dass der Raum, den Frauen schaffen und gewähren, ihnen selbst nicht zur Verfügung steht und sie selbst nicht dafür geachtet werden, ist für mich immer wieder schockierend.

      Ich habe manchmal den Verdacht, dass Männer von den Qualitäten der Frau nichts wissen, womöglich oft auch nichts wissen wollen.

      Hindernisse zu beseitigen, schafft Raum (siehe Tara). Raum für Gelingen. Dass die Frau sich um die Kinder kümmert, schafft dem Mann den Raum, sich in der Arbeit zu verwirklichen. Dass die Frau einfach nicht anders kann, als das Notwendige für die Familie zu tun, damit es allen gut geht, schafft einen Raum für Wohlergehen. Doch diese raumgleiche Qualität nehmen wir alle, ebenso wie die Qualitäten der Frau, viel zu oft als Selbstverständlichkeit.

      Doch Raum und Weite ist das eigentliche Wunder. Ohne ihn gäbe es nichts. Und weil Frauen von Natur aus diesen Raum geben, widerspricht es ihrer Natur, dies nicht zu tun. Das macht sie leicht ausnutzbar und bringt sie immerzu in Situationen der Überforderung, der Auswegslosigkeit, der Erschöpfung, der Depression und einem Leben am Limit.

      Ein Mann, der eine gute Beziehung zum Raum und seinen Qualitäten hat und um dessen Wunder weiß, wird eine Frau auch respektieren. Solche Männer soll es geben ;-)

      Lange Rede, kurzer Sinn: Ich ziehe mich oft zurück, weil ich mich kenne. Ich gewähre sehr großzügig Raum und bin sehr nachgiebig. Will ich aber nicht allen Raum, den ich schaffe, wieder einbüßen, muss ich weise mit ihm umgehen und ganz genau schauen, wem ich ihn zur Verfügung stelle und wann ich zuviel meiner Kraft für andere veräußere.

      Im Moment und aus Erfahrung kann ich nämlich auf ein natürliches Gleichgewicht nicht zählen. Aus oben genannten Gründen existiert im Moment kein Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Kräften. Und ich möchte niemals so verzweifelt und am Limit sein, wie ich meine Mutter als Mädchen erlebt habe.

      Herzliche Grüße und eine gute Woche für dich, liebe Anke.
      Josephine



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