Die nächste Klarheit kommt bestimmt

Es gibt so Tage, an denen ich mich nicht fühlen kann. Das sind Tage, an denen ich die Welt an mir abperlen spüre, wo alles wie durch einen Schleier von mir getrennt ist. Und an diesen Tagen kann ich auch die anderen nicht spüren und keine warmherzige Verbindung herstellen. Mein Zustand ist dann etwa so, als hätte ich den ganzen Tag nur Kaffee getrunken und wenig gegessen - trotzdem werde ich nicht richtig wach.

Manchmal halte ich dann inne und denke daran, wie häufig ich wohl früher so empfunden habe. Wie das war, nichts zu empfinden, nicht präsent und verbunden zu den Ereignissen und Wesen, die mich umgeben. An solchen Tagen bin ich unkonzentriert und selbst in der Arbeit verstreicht der Tag, ohne, dass ich etwas geschafft habe. "Wie habe ich das früher nur ausgehalten?", frage ich mich und habe große Sehnsucht, wieder in die innere Klarheit zu gelangen.


Häufig gelingt es nicht, gewollt in die Klarheit zu gehen. Nur eine mehrstündige Meditation könnte mir da heraushelfen, vorausgesetzt, ich bin nicht körperlich müde. Wer hat diese Zeit von uns schon? In dieser merkwürdigen Abwesenheit für mich selbst und andere hilft mir nur eins: Geschehen lassen und vertrauen. Dass trotzdem alles gut und mein Herz noch immer da ist.

Oft sind solche Tage Vorbote für große innere Bewegungen. Als müsste ein Teil von mir innerlich schlafen, um dann schlagartig zu erwachen und mein Tagesbewusstsein mit Neuigkeiten zu fluten.

Trotzdem machen mich solche Tage nervös. Aus alter Gewohnheit, alles unter Kontrolle zu haben. Doch das habe ich nicht. So gut wie nie. Ab und an ergeben sich nur nützliche Situationen und Dinge - und mein Herz ist irgendwie daran beteiligt. Egal, ob mein Tagesbewusstsein davon Notiz nimmt oder nicht.

Inmitten dieses Nebels zu verharren und mich nicht mit Gewalt daraus hervorzulocken, ist eine wichtige Übung. Dem Wunsch nach Klarheit locker zu lassen und mich eben nicht per Marathon-Meditation in den gewünschten Zustand zu manövrieren, ist wichtig. Denn selbst diesem Wunsch Rechnung tragen zu wollen, ist der Wille des Tagesbewusstseins, nicht des Herzens.

Wahres Vertrauen reicht tief hinab in das Nicht-Wollen und das Nicht-Handeln. Vertrauen ist dann noch aktiv, wenn das Bewusstsein machtlos wird - sei es aufgrund innerer Vorgänge oder äußerer Ereignissen. Echtes Vertrauen ist immer noch präsent, wenngleich unbewusst, wenn meine Vorstellungen davon, wie etwas sein müsste oder ideal sein könnte, hart an der Realität scheitern.

Dieses Vertrauen lernte ich zwangsläufig in den letzten Jahren. Doch in meinen Muskeln ist die Erinnerung mächtig und in alle Zellen gespeichert - die Erinnerung daran, wie essentiell es ist, Kontrolle zu haben. Das Vertrauen hingegen ist noch jung. Und noch sind nicht alle Gewohnheiten überschrieben, die mir suggerieren, dass etwas außer Kontrolle gerät und ich definitiv daran Schuld bin.

An Tagen, an denen ich mich nicht fühle, scheint nahezu alles, was ich denken und spüren kann, aus Angst, Scham und Schuld zu bestehen. Jenen drei Geschwistern, die mein Leben in der dann willkommenen Illusion der Erbsünde und des Scheiterns bannen. Und daher ist es wichtig, zu unterscheiden, welche zwei grundlegenden Zustände in uns wirksam sind.


Vereinfacht gesprochen, gibt es für mich diese zwei Zustände:

1. Ich fühle mich nicht. Ich denke, keine Kontrolle zu haben. Ich versage und bin selbst daran Schuld. Ich bin unfähig und mein Leben ist eine einziges Trauerspiel. Ich sollte mich besser absichern. Irgendwo im Leben habe ich die falsche Abbiegung genommen. Ich sollte mich vergewissern, dass ich alles richtig mache. Ich brauche jemanden, der mir dabei hilft, denn nichts ist in Ordnung. Ich muss mein Leben wieder unter Kontrolle bringen.

Oder:

2. Ich fühle mich, meine Herzenswärme, meine Verbundenheit mit allem. Ich brauche keine Kontrolle. Ich vertraue auf die Kraft und Initiative meines Herzens. Ich schaffe nicht alles, was ich mir vornehme, aber mein Herz hat Gutes mit mir vor. Mein Herz will, ich vertraue ihm und wir beide wollen das Leben. Komme, was wolle - ich komme klar. Alles ist gut. Und was nicht gut ist, betrachte ich dennoch mit guter Motivation.
Alle anderen inneren Zustände sind eine Variation von diesen beiden. Vielfältige Variationen des geschlossenen und des offenen Herzens. Bedenke das, wenn es dir nicht gut geht.

An das geschlossene Herz und die diffusen Befürchtungen, Minderwertigkeitskomplexe und Schuldgefühle kann man sich sehr schnell gewöhnen. Ich erwähnte schon, warum: Dies ist unsere starke Gewohnheit, weil wir meistens schon in diesen Modus hineingeboren wurden. Allerorten begegnen uns Menschen mit verschlossenem Herzen und oft genug wissen sie nicht, dass ihnen etwas fehlt bzw. was es ist, was ihnen fehlt.

Einmal im Modus des offenen Herzens, geht es ihnen gut. Doch der Zusammenhang zwischen dem eigenen Empfinden, in Ordnung zu sein und sich selbst und dem Leben vertrauen zu können und der Offenheit des Herzens ist unbewusst. Somit ist auch keine Kenntnis darüber vorhanden, dass durch eine bewusste Öffnung des Herzens sich Ordnung natürlicherweise einstellt, die keiner Kontrolle bedarf.


Gut ist es, den "Herzmuskel" zu trainieren und damit die Fähigkeit, bewusst das Herz zu öffnen. Daher sagte ich, dass manchmal längere Meditation dabei hilft. Plötzlich verschwinden alle Nebel, Zweifel und Ängste, die aus der eigenen Abwesenheit von Klarheit entstehen. Und dies steuern zu können, macht Hoffnung.

Manchmal ist es gut und richtig, zu registrieren, dass das eigene Herz sich eine zeitlang zurückgezogen hat. Und es gewähren zu lassen. Manchmal braucht es seine Ruhe.

Die richtige Mischung zu finden, zwischen Zuständen des offenen und des nicht präsenten Herzens, zwischen klarem Empfinden und dumpfer Zurückgezogenheit, ist sehr individuell. Manchmal verarbeiten wir einfach Zustände von Dumpfheit und Abwesenheit und räumen in uns dunkle Ecken auf. Dann ist es gut, zuzulassen, dass alle diese dunklen Rauchschwaden an die Oberfläche treten und ich mich in ihnen orientierungslos und unsicher fühle.

Je mehr ich in den letzten Jahren mein Herzmuskel trainierte, desto mehr Erfahrungen machte ich, dass das in Ordnung ist. Denn irgendwann wache ich wieder auf und erkenne, was im Hintergrund vor sich ging. So lernte ich vertrauen, dass alles seine Zeit und seine Entwicklung hat. Und nicht immer ist es nötig, einzugreifen. Sehr viele Zustände gilt es, einfach beharrlich auszusitzen und dem eigenen Herzen die Chance zu geben, irgendwann wieder aufzutauchen.

Solche Prozesse sind natürlich. Sie kommen und gehen manchmal, wie die Jahreszeiten. Und anhand der Fähigkeit, geschehen zu lassen, lässt sich gut ausmachen, ob ich meinem Herzen wirklich vertraue. Oder ob mein offenes Herz wiederum nur zur Sklavin meines Tagesbewusstsein degradiert wird, weil mein Tagesbewusstsein über alles Kontrolle haben will.

Ich weiß, ich übe das noch. Doch mit jedem Übungstag nähre ich Vertrauen. Bedingungsloses Vertrauen und Hingabe, in mein wahres Ich, das den Eisberg unter der Wasseroberfläche einschließt und sich nicht allein auf dessen Spitze fokussiert. Fokussierte ich mich nur auf dessen Spitze, vertraute ich mir nicht vollständig, sondern nur diesem scheinbar kontrollierbarem Anteil. Hierin zeigt sich ganz klar der Gegensatz, zwischen Kontrollsucht und Vertrauen.

Gerade diese Feinheiten in der Unterscheidung zu erlangen, bedarf es dunkler, dumpfer Zustände und Tage. Obwohl ich scheinbar mit dem Herzen so unbeteiligt am Geschehen und dem Leben um mich herum bin, registriere ich irgendwo ganz genau, wo ich Vertrauen mit Kontrollsucht verwechsle. Im Augenblick der Einsicht entscheide ich mich neu, zu vertrauen. Und dadurch wächst und gedeiht mein Vertrauen mehr und mehr.

Mit Vertrauen stärke ich meinen Herzmuskel. Und letztlich ist es gerade jener halb schlafende Herzensanteil von mir, der diese Beobachtung im Hintergrund macht, während ich scheinbar im Nebel und Vergessen wandele.

Das eine geht ohne das andere nicht. Die Erfahrungen, die ich mit geschlossenen Herzen mache, bedingen die Öffnung des Herzens. Ebenso wie das geöffnete Herz mir die Möglichkeit gibt, den geschlossenen Zustand meines Herzens näher zu begreifen.

Hier haben wir es wieder: Das wechselseitige Bewirken, das einander inspirieren und anstiften zum Guten. Irgendwo jenseits der Zweiheit wendet sich alles nur zum einen, grundlegenden Guten hin. Ist dieser Pfad einmal betreten, gibt es keine Umkehr mehr.

Bedenklich finde ich daher oft spirituelle Bestrebungen, nur das eine zu wollen und eben wieder Kontrolle zu erzeugen. Vielleicht ist das ein sehr großer Irrtum, den wir haben: Anstelle die alles befriedende Kraft des Vertrauens zu entfalten, streben wir weiter nach Kontrolle. Doch wir bemerken es nicht, weil wir die Natur des Vertrauens nicht gut genug kennen. In die Natur des Vertrauens werden wir eher selten eingeführt, wohl aber in die Macht der Kontrolle.

Unser Herz wird uns die Natur des Vertrauens zeigen, wenn wir es machen lassen. Wenn wir unserem innigsten Kern zutrauen, die Führung zu übernehmen. Wenn wir uns erinnern, dass wir mehr sind und mehr haben, als unser kontrolliertes Tagesbewusstsein. Wenn wir dem Unerwarteten den Zutritt zu unserem Leben gewähren. Wenn wir ab und an ein wenig offen für das Unbekannte sind.

Diese ersten, beinahe versehentlichen Öffnungen unseres Herzens sind per se Momente des Vertrauens. Und da Vertrauen nur aus Vertrauen entsteht, bleibt uns nur, dies ab und an zu wollen, damit unser Herz heilsam in unser Leben eingreifen kann.

Vielleicht ist das Herz jetzt noch die größte Unbekannte in unserem Leben. Doch je mehr wir uns anfreunden, desto weniger Angst, Scham und Schuld werden wir in uns nähren.

Es ist wichtig, sich innerlich zu entscheiden und eingangs das Heilsame zu wollen - nämlich das eigene Herz. Je öfter du dich bewusst für dein Herz entscheidest, desto mehr wird es in dir bewirken und dich zu einem gelassenen, gütigen, liebenden Menschen verändern.

Und irgendwann ist es an der Zeit, auch dieses Wollen locker zu lassen und   vom gewollten Vertrauen zum gewährten Vertrauen überzugehen.

Lass dich doch einfach mal machen! Selbst in dumpfen Momenten entspann dich, so gut es geht und agiere nicht gegen Angst, Scham und Schuld mit der Macht der Kontrolle an! Und schau mal, was dann passiert.

Vertrauen ins Herz bedeutet, immer öfter zu denken: Irgendwie wird es weitergehen. Ich weiß zwar nicht wie, aber das wird schon kommen. Der nächste, klar gefühlte Schritt, wird sich zeigen. In meinem Herzen, wenn es wieder wach ist. Wenn es mir wieder klar bedeuten möchte, wo mein Leben als nächstes lang geht. Den Nebel und die Orientierungslosigkeit auszuhalten und vergehen zu lassen, heißt, dem Herzen das Steuer anzuvertrauen. 

Bedenke: Nach dem dumpfen Empfinden von Angst, Scham und Schuld zu handeln und diese unter Kontrolle zu bringen, führt nur zu wilden Verstrickungen, die du nicht eingehen würdest, wenn du klaren Herzens wärst. Vertraue dir lieber. Die nächste Klarheit kommt bestimmt.




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