Dein Hier und Jetzt und seine Folgen

Ich bin dankbar dafür, dass sich mein inneres Erleben im Laufe der Jahre umgestellt hat. Während ich mich früher dazu zwang, immer mit meiner Aufmerksamkeit in Kopfhöhe und quasi vor mir im Raum zu sein und jede Menge ausformulierte Gedanken zu haben, kehrte ich in mich selbst zurück. Ich spüre wieder meinen Körper und das harmonische Empfinden, in mir selbst präsent zu sein. Und das ganz ohne ständig etwas zu denken.

Diese von mir oft als rückwärts gewandt bezeichnete Bewegung nun bewusst zu vollziehen, beschert mir nicht allein Entspannung. Viel besser noch: Dadurch kehrte ich zurück zu den glücklichen Empfindungen meiner Kindheit, als ich noch eins mit dem unmittelbaren Erleben des Augenblicks war.


Oft kommt es mir so vor, als verstünden die meisten dieses in spirituellen Kreisen propagierte "Hier und Jetzt" falsch. Bisher ist diese Propaganda, im Hier und Jetzt zu sein, so bei mir angekommen, dass es gilt, sich auf den heutigen Tag zu beschränken und sich nicht über Morgen zu sorgen. Ich habe mich sehr unter Druck gesetzt gefühlt, insbesondere in allen Jahren, in denen ich mich ausgiebig durch das Erinnern meiner Vergangenheit und den darin gebundenen Energien gewidmet habe.

Gerade dann, wenn ich schmerzhafte Knoten betrachtete und zu lösen versuchte, hörte ich oft, dass ich besser im Hier und Jetzt sein soll und mich auf das konzentrieren soll, was die Gegenwart an Herausforderungen an  mich stellt. Dass mein Inneres Erleben und das Erinnern des Vergangenen auch direkt auf meine Gegenwart wirkte, schien selten einer zu verstehen.

Eine zeitlang habe ich deshalb an mir selbst gezweifelt, dass ich das nicht zu tun vermochte, mich auf den gegenwärtigen Tag und seine Belange zu fokussieren. Stattdessen brachen diese Dinge aus mir hervor, die gestern waren und ich konnte nicht anders, als mich ihnen zu widmen. Anders, so spürte ich, würde ich sie niemals aus mir und meinem Körper erlösen können.

Heute weiß ich, dass dieses Verständnis der anderen, im Hier und Jetzt zu sein, eben nicht richtig ist. Damit sind nicht die Belange und Herausforderungen gemeint, die im Augenblick vor mir liegen und die mein Bewusstsein in den Kopf und in Bereiche vor mir ziehen. Im Hier und Jetzt zu sein, bedeutet, alles das aus mir heraus geschehen zu lassen, was sich auch in mir und meiner Körperlichkeit äußert.

Gehen wir davon aus, dass sich Emotionen energetisch im Körper niederschlagen, so setzen sie selbstverständlich auch Erinnerungen frei, sobald diese Energien in mir in Bewegung geraten. Und jeder, der meditiert, wird irgendwann an den Punkt in seiner Entwicklung gelangen, dass auch seine Energien im Körper in Bewegung geraten und bereinigt werden müssen.

Hätte ich mich damals allein zu tun gezwungen, was unmittelbar vor meinen physischen Augen sich als Hier und Jetzt äußert, dann wäre das eine Ablenkung gewesen. Eine Ablenkung davon, was sich in mir in Bewegung zu setzen begann. Eine Ablenkung von allen angesammelten Irrtümern, die sich als emotionale Knoten nicht nur im Geiste durch Gedanken, sondern auch im Spürbewusstsein und im Körper verfestigt hatten.

Ich ging mit den Erfordernissen, die mein nun wieder mit mir kommunizierender Körper an mich stellte, mit. Und damit war ich vollkommen  eins mit meinem persönlichen, damals präsenten Hier und Jetzt. Und über lange Zeit kostete es mich auch körperlich sehr viel Kraft, diese Energien zu lösen und zu bereinigen, die sich da in mir verfestigt hatten.

Diejenigen unter euch, die eine Psychotherapie gemacht haben, kennen dieses Phänomen bereits, dass sich psychosomatische Symptome ergeben, die mit der Psyche und dem Geist gekoppelt sind. So muss das Zähmen des Geistes auch immer im Körper vollzogen werden und es braucht Zeit und Geduld, auch mit der damit einhergehenden körperlichen Betroffenheit umzugehen.

Mit jedem gelösten emotionalen, energetischen, körperlichen Knoten setzte zunehmend Leichtigkeit und Klarheit nicht nur im Geist, sondern auch im Körper ein. Die Kommunikation zwischen Geist, Psyche und Körper verfeinert sich und die wirklichen Bedürfnisse können wieder klar gespürt werden.

Ich erlebte mich klarer im Körper. Und je deutlicher ich mich als Einheit wahrnahm, desto weniger Gedanken waren auch da. Ich kehrte zum erwähnten Spüren meiner Kindheit zurück. Zu dem natürlichen Schwingen mit den Dingen, Pflanzen und anderen Wesen um mich herum und zu der sanften Freude, die damit einhergeht.

Ich empfinde eine große Erleichterung, wenn mein Kopf leer von überflüssigen Kommentaren ist und ich nicht ständig nachdenke, was zu tun oder nicht zu tun ist, usw. Stattdessen spüre ich mich, meine Umgebung und das Fließen in allem und entspanne mich.


Bis dahin ist es für uns ein weiter Weg. Dahin zurückzukehren, hat bei mir  Jahre gedauert. Und an manchen Tagen gelingt es mir nicht, dieses Mitschwingen im Herzen zu spüren. Dann spüre ich mich und meinen Körper und seine Bedürfnisse nicht. Oft ist dies begleitet von dem Gefühl, dick und schwerfällig, beinahe unbeweglich zu sein. Dann weiß ich inzwischen, dass ich wieder eine Balance in meinem Energiehaushalt herstellen muss. Und dies bedeutet zweierlei: Sowohl eine Entspannung und Beruhigung des Geistes, als auch des Körpers und der Emotionen.

Solange die Energien im Körper-Geist-Gefüge nicht harmonisch fließen, habe ich auch keinen ruhigen, klaren Geist. Und zu lernen, einen Energieüberschuss aus dem eigenen Körper-Geist-Gefüge abzuleiten, ist daher sehr wichtig. Ich persönlich komme daher gar nicht mehr ohne Körperübungen aus, wie Lu Jong oder Yoga. Zusätzlich ist ein Ausdauertraining, wie Joggen, unumgänglich geworden. Erst durch die körperliche Bewegung kommen auch die Energien ausreichend in Bewegung und unliebsamer Energiestau, der sich auch in starken Emotionen oder hartnäckiger Ermüdung zeigen kann, wird beseitigt. Zusätzlich gehört Guru Yoga und Meditation ins Programm.

Dein Konzept des Hier und Jetzt auch trügerisch sein kann. Sicherlich kann ich mich geistig dazu zwingen, mich auf bestimmte Dinge zu konzentrieren und andere auszuschalten. Doch dies ist mit Hier und Jetzt eben nicht gemeint. Ein solches Verständnis von Hier und Jetzt verhindert meiner Meinung nach sogar den emotionalen und geistigen Fortschritt hin zu einem klaren, eindeutigen, liebevollen Herzen. 

Das Herz nimmt alles als Hier und Jetzt, ohne zwischen innen und außen, emotional und gedanklich, körperlich oder geistig zu unterscheiden. Letztlich müssen alle Bereiche harmonisiert werden und dies wird nicht gelingen, wenn einer dieser Bereiche, die unsere menschliche Existenzform ausmachen, unberücksichtigt bleibt.


Eine Phase des Lösens der emotionalen, energetischen, geistigen Irrtümer gehört dazu und damit auch Lebensphasen, in denen wir nicht fit und leistungsfähig sind und daher alltägliche Erfordernisse manchmal vernachlässigt bleiben. Dies als Krankheit zu werten und dafür eine wie auch immer geartete Therapie zu suchen, wäre hier unter einem Aspekt verfehlt. Dem Aspekt, wieder schnell funktionieren und fit werden zu wollen.

Wir im Westen hängen sehr stark an Vorstellungen, fit und leistungsfähig sein zu wollen. Wir betrachten Einschränkungen physischer, psychischer und geistiger Art nicht als Teil einer Entwicklung, sondern wollen sie einfach nur los werden. Unter diesem Blickwinkel kann kein wirklicher, spiritueller Fortschritt geschehen.

Ein Gefäß muss erst geleert werden, willst du es mit Nektar füllen. Wir im Westen sind randvoll angefüllt mit irgendwelchem Müll. Betrachteten wir unseren Körper und Geist als Kelch, so wäre in ihm jede Menge übelriechende Flüssigkeit. Diese müssen wir erst ausleeren und den Kelch gründlich saubermachen. Dazu gehören alle diese Knoten, von denen ich sprach. Erst dann kann das Gefäß neu gefüllt werden, mit allem, was wir wirklich im Herzen haben. Soll sich der Nektar unseres Herzens von innen heraus in diesen Kelch ergießen und irgendwann den Durst anderer löschen, bleibt uns nichts anderes übrig, als den ganzen Müll zu beseitigen.

Aufgrund meiner Prägung von Kindesbeinen an drohte ich in den letzten Jahren oft die Geduld zu verlieren. Es gab Phasen, in denen ich aufgrund meines schlechten Zustandes begann, mir ernsthaft Sorgen um mich zu machen. Dass das Verarbeiten mancher Irrtümer so intensiv sein und mich soviel Kraft kosten würde - darauf war ich nicht vorbereitet. Doch regelmäßig beobachtete ich auch Fortschritte, weshalb ich letztlich nicht aufgab.

Ich spürte zunehmende geistige Klarheit und Freundlichkeit, Gelassenheit und ein Zurückkehren meines Humors. Ich spürte, wie meine Depressionen und meine Erschöpfung abnahm und lernte auch die körperlichen Erscheinungen zu deuten und auf sie einzugehen. Und allmählich und beinahe unbemerkt stellte sich auch Stabilität ein. Ich wurde meines Herzens und dessen, was dieses wünscht und wie es beschaffen ist, immer sicherer. Ich konnte es deutlicher spüren, weil der ganze Müll nicht mehr die Resonanz meines Herzens in meinem Körper und Geist permanent übertönte.

Und so sage ich heute, die Arbeit mit meiner Vergangenheit war notwendig und richtig. Und indem ich auf das einging, was aus mir hervorbrach, war ich unentwegt im Einklang mit meinem Hier und Jetzt. Ich ließ es zu und verstand. Ich ließ es zu und freundete mich an. Ich ließ es zu und befriedete. Und je mehr ich es tat, desto mehr fand ich in Einklang mit mir, dem Herzen und konnte wieder freundlich schwingen, mit den Wesen um mich herum. Ich ging wieder aus mir heraus und war nicht mehr eingesperrt in meinen eigenen, energetischen Kokon, in dem sich so viele übelriechende Energien stauten. Ich lernte wieder, diese Energien zu lenken und zu gestalten.

Es ist wichtig, täglich in dein eigenes Hier und Jetzt zu gehen und mit ihm zu sein. Dieses Hier und Jetzt ist nichts Äußerliches, was sich allein auf die Botschaften deiner physischen Sinne beruft. Es ist vor allem dein Hier und Jetzt, was sich aus deinem Inneren erhebt, wenn du eins mit deinem Körper und ganz in dir drin bist.

Sich von diesem Hier und Jetzt durch den Tag leiten zu lassen, ist das wirkliche Hier und Jetzt. Eines, was deine innere Wirklichkeit nicht verneint, weil sie sich - europäisch, einseitig, dumpf - nur auf die physisch wahrnehmbare "Realität" beruft. Jene Realität, die vorrangig aus den Gedanken besteht, die du dir ständig über Dinge machst und die Worte, die du dafür findest.

Dein Herz weint leise, während du dich in diese einseitige Realität zwingst, die häufig das Hier und Jetzt genannt wird. Und dein Inneres verarmt und versteinert mehr und mehr und dein Körper wird zunehmend steif und unbeweglich. Merkwürdigerweise nimmst du diese mangelnde Verbundenheit mit deinem Innern in der Regel als Vereinsamung und Isolation im Außen wahr. In Wahrheit fließen deine Energien nicht und schließen sich als sich verfestigende Energien um dein offenes, liebevolles Herz. Sie lassen dich letztlich so komplett erstarren, dass du nicht mehr harmonisch kommunizierst. Weder im Außen, noch im Innen.


Diesen Prozess umzukehren, ist Arbeit. Diesen Prozess des sich versteinernden Herzens aufzuhalten, geht nur, indem die Energien wieder gelöst werden. Und dies geht mit gedanklichen, emotionalen, physischen Prozessen einher und diese haben Einfluss auf die Wahrnehmung deiner Umwelt. Einen solchen Prozess zu durchlaufen, bedeutet, nicht krank zu sein. Diese Einschränkungen sind nur Symptome eines Gesundungsprozesses.

Wenige haben den Mut, diesen Gesundungsprozess zu durchlaufen und gewähren zu lassen. Wenige haben den Mut, aus diesen Gründen mal nicht fit und in ihrer Vorstellung vom Hier und Jetzt zu sein. Doch diejenigen, die den Mut haben, werden ihr Herz befreien. Und ganz im Herzen und frei zu sein, bedeutet, entspannt und harmonisch mit dem zu sein, was sich ergibt.

Nach langen Jahren voller Einschränkungen, so genannter Hindernisse und auch jetzt noch oft der Erschöpfung bin ich glücklich darüber, dass ich mutig genug war. Denn jetzt beginne ich endlich wieder, natürlich mit den Ereignissen und Dingen zu schwingen und dabei glücklich zu sein, wie ich es einst als Kind war.




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