Das spirituelle Wirken der Frauen

Ab und an interessiert es mich, wie früher spirituelle Frauen lebten und wirkten. Und die Tage ging ich recht weit zurück, in der Geschichte und führte mir voller Erstaunen vor Augen, dass nunmehr seit 900 Jahren in dieser Welt noch immer Frauen es sind, die sich für ihr Ansehen und ihr gewähltes Leben mehr anstrengen müssen, als Männer.

Archaisch scheint es mir dann plötzlich, dass auch im monastischen, tibetischen Buddhismus Frauen sich immer noch Männern unterordnen. Inzwischen müsste es längst gleichberechtigt - und manches Mal auch anders herum sein.

Sicher muss ich hierbei immer noch kulturelle und soziale Prägungen berücksichtigen. Trotz allem komme ich nicht darum herum, mit stillem Kopfschütteln zu registrieren, wie Frauen, die gleichwertig zu Männern wären, nicht auf gleiche Stufe gestellt werden. Manch eine Frau ist darunter, die ich auf Anhieb als weiter entwickelt in ihren Tugenden und Einsichten betrachte. Trotzdem ist es ein Mann, der ihr sagt, wo es lang geht oder Ämter inne hat, die mit größerer Verantwortung zu tun haben.

Kopfschüttelnd registriere ich, wie sie das hinnehmen, weil sie es aufgrund ihrer kulturellen Herkunft nicht anders kennen.

Vielleicht ist für mich persönlich diese Beobachtung verantwortlich dafür, warum ich mich oft aus Gemeinschaften zurückziehe. In meiner Wahrnehmung der Menschen irritiert mich oft diese Blindheit gegenüber der hervorragenden Begabung mancher Frauen. Und ich persönlich könnte auf die Dauer nicht gut damit leben, wenn jemand, dem ich nicht meine Hochachtung von Herzen gern darbiete, mir sagt, was ich zu tun und zu lassen habe. Da gehe ich lieber frei meiner eigenen Wege.

Wenn ich von hervorragender Begabung der Frauen rede, meine ich oft ihre ausgeprägte Menschlichkeit und Schlichtheit, die nicht an Ämtern hängt und nicht auf Autorität aus ist. Diese Authentizität bringt eine natürliche Autorität mit sich, der ich leichtherzig und liebevoll ins Auge schaue. Dieser natürlichen Autorität, die ganz ohne Erhöhung auskommt, möchte ich gern lauschen. Von solcher Lebenserfahrung, die aus Bescheidenheit und untadeligem Auftreten hervor leuchtet, möchte ich lernen.

Allzu oft erscheinen mir die Männer zu versessen darauf, als Autorität wahrgenommen zu werden. Sie meinen, Anweisungen zu geben, hätte mit Autorität zu tun. Autoritär mag es sein, doch oft kommt sie grob daher und leider auch oft frei von Einfühlung in Bedürfnisse und Fähigkeiten der "Untergebenen". Frauen beziehen in ihrer Führung anderer das Gegenüber ein. Männer hingegen walzen das Gegenüber einfach platt, indem sie sagen: "Ich will es so - und weil ich es sage, wird es so gemacht!"

Mir fehlt es da oft an Nachhaltigkeit, Intelligenz und Weitblick. Anders formuliert, plustert sich da des öfteren ein männliches Ego auf. Frauen scheinen darauf wohl weniger angewiesen zu sein, weil sie um die Verbundenheit zum anderen wissen und diese natürliche Gegebenheit nicht nur akzeptieren, sondern sogar wertschätzen. 

Ich weiß, ich spreche hier in Generalisierungen. Doch spreche ich heute darüber, weil ich wichtig finde, dass sorgsamer geprüft wird, wer als spiritueller Lehrer eingesetzt wird. Nicht der Charme eines Lehrers spricht mich an, sondern dessen Erfahrung. Und eine natürlich zurückhaltend auftretende Frau kann mitunter viel mehr davon haben, als der Mann, der alle Blicke auf sich zieht.

Gerade in spirituellen Dingen geht es nicht um Attraktion, sondern um tiefgründig verinnerlichte Erfahrung. Wir brauchen Menschen, die Lehrer aus Mitgefühl, Einsicht und Menschenliebe sind - und keine Entertainer. Manchmal schmerzt mir regelrecht mein Herz, wenn ich sehe, dass die falsche Person am falschen Platz ist.

Ich persönlich wüsste nicht, wie ich daran etwas ändern könnte. Das Potential einer Person zu erkennen und sie an ihren, aus natürlicher Autorität erwachsenen, rechtmäßigen Platz zu setzen, kann nur jemand, der selbst das Herz dazu hat. Der weise voraus denkt. Der selbst kein Bedürfnis nach Entertainment und Attraktion hat.

Oft frage ich, was an meiner Wahrnehmung so anders ist, dass ich deutlich erkenne, wenn die natürliche, spirituelle Strahlkraft einer Frau dem Bildungsgrad eines Mannes geopfert wird. Ich frage, warum mir das auffällt, den Entscheidungsträgern jedoch nicht? Und ich frage mich oft, was diese Entscheider bewogen hat, so und nicht anders zu entscheiden?

Das sind Belange, die ich seit Jahren innerlich wälze. Und heute erst las ich über eine christliche Mystikerin, die im 11. Jahrhundert noch leugnen musste, dass sie gebildet ist und des Lateins und der Schriften der Kirchenväter mächtig war, um ihre spirituellen Verwirklichungen ungestraft offenbaren zu können. Für das ganz wachsame Auge wird heute noch deutlich, dass diese Zeiten noch nicht vorbei sind. Ohne Zuspruch eines angesehenen, spirituellen Mannes hätte diese Mystikerin nur Schwierigkeiten gehabt, jedoch kein Jota Anerkennung erlebt.

 Für mich sind diese Zeiten im traditionellen, tibetischen Buddhismus auch heute noch nicht vorbei. Denn das, was wir verbal propagieren, wie zum Beispiel die Emanzipation oder die Frauenquote, ist hier noch lange nicht Wirklichkeit geworden. Irgendwo auf dem Blatt Papier vielleicht und in Worthülsen gefasst. Und das war es dann auch schon.

Mir schmerzt darüber das Herz und oft hinterlässt es mich traurig, schaue ich auf die Männerdomäne des tibetischen Buddhismus. Mögen auch die meisten, westlichen Praktizierenden Frauen sein, so sitzen sie irgendwo einem Mann zu Füßen. Und wenn es auch einige Frauen und auch Nonnen gibt, die sich für die Gleichwertigkeit zu den Männern und Mönchen einsetzen, so ist das errungen und erzwungen und erkämpft. Doch natürlich ist es nicht, schon gar nicht kulturell traditionell überliefert.

Mein Freiheitswillen als Frau zum Beispiel ist so stark, dass ich mir selbst auch eine gewisse Kampfhaltung angeeignet habe. Sie ist im Inneren irgendwo parat und gar nicht fern, obwohl ich im so genannten emanzipierten Westen lebe. Ich nehme sie ein, sobald ein Mann mir mit Anweisungen zu nahe kommt, dessen Authentizität mir nicht auf natürliche Weise Respekt einflößt.

Wenn ich merke, dass ein Mann mir jetzt gleich sagen wird, wo es langt geht und mir seinerseits nicht von Herzen Respekt erweist, kann ich ziemlich streng und abweisend werden. Einem solchen Mann gegenüber verschließe ich kompromisslos mein Herz. Entweder wir begegnen uns wirklich auf Augenhöhe, wo es keinen Unterschied oder keine Wertung mehr gibt, nach Mann und Frau, oder gar nicht. Ich mag diese versteckte Kampfhaltung nicht und auch die Notwendigkeit nicht, mich zu verschließen. Ich finde es traurig, nicht ohne sie auskommen zu können.

Und wenn ich beobachte, wie eine begabte, bescheidene und mit tiefer Einsicht in den Dharma gesegnete Frau sich einem scheinbar gelehrteren, oder länger ausgebildeten Mann mit einem höheren Titel und oberflächlichem Charme beugen muss, wird es mir einfach nur übel.

Eine solche Frau hat im Prinzip nur zwei Möglichkeiten: 1. Sie verleugnet sich selbst und erträgt die Kapriolen dieses Mannes klaglos. Denn dies über sich ergehen zu lassen, heißt, auf das eigene Wohl zu verzichten. Dieses Wohl aber ist erst die Voraussetzung dafür, das Wohl der anderen zu bewirken. Folglich kasteit sie sich für nichts und wieder nichts. 2. Sie fährt auf ganz westliche Weise die Ellenbogen aus und versucht, sich lautstark zu behaupten und durchzusetzen. Punkt 2 wird nicht in Kraft treten, da eine solche, mit Einsichten gesegnete Frau diesen Weg nicht wählen könnte, ohne sich wieder auf andere Weise verleugnen zu müssen. Hier verleugnete sie vorrangig ihren naturgegebene Sanftheit und Zurückhaltung.

Gut, es gäbe eine dritte Möglichkeit. Nämlich die, die ich im Moment noch so oft wähle: Um meiner Liebe zur inneren Freiheit Willen, entziehe ich mich und gehe meiner eigenen Wege.

Was aber, wenn eine solche Frau oder gar Nonne den Wunsch hat, für andere und für den Dharma wirklich da zu sein? Welche Möglichkeiten hat sie, in ihrer vollen Kraft zu stehen und zum Wohle anderer zu wirken, ohne zuvor sich lange Jahre mühsam durch diese Männerdomäne gekämpft zu haben? Wie lange wird sie brauchen, bis sie sich einen Raum geschaffen hat, in dem sie wirklich natürlich authentisch sein und ganz wie eine Frau wirken darf, ohne künstlich auferlegte, männliche Autorität?

Ich schreibe heute nicht, um Antworten zu bekommen, sondern spreche hier einfach aus, was mich bewegt. So stelle ich seit Jahren und wiederholt fest: Ein Irrtum wäre es, zu meinen, wir Frauen könnten mühelos wir selbst sein und darin auch geschätzt werden. Auch hier im Westen nicht. Auch heute noch nicht, nachdem das dunkle Mittelalter passé ist.

Und an meiner Reaktion auf diese Beobachtung hat sich in vielen Jahren auch nichts bewegt und verändert: Ich sitze immer noch da, mit einem stillen Kopfschütteln.

Was könnte ich darüber hinaus noch tun?


Kommentare

  1. Liebe Josephine,
    Du sprichst mir aus der Seele! Auch meine Kirche ist geprägt von männlicher Dominanz und wohin das geführt hat, kann man in der Geschichte ja nachlesen. Ein Grund auch, den kirchlichen Feiern fernzubleiben, einfach auch aus Protest. Bis vor kurzem waren ja Mädchen noch nicht einmal als Ministrantinnen zugelassen. Frauen finden nur ihren Platz, wenn sie sich unterordnen und sie werden nicht als vollwertige und gleichwertige Persönlichkeiten geachtet, immer noch nicht. Ich wünschte mir mehr Respekt, mehr Anerkennung. Nicht nur die Verehrung der Mutter Gottes, sondern auch der irdischen Mütter und Frauen.
    LG Anke

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    1. Liebe Anke,

      als ich mich während unserer Studienzeit ein wenig mit Kirchengeschichte beschäftigt habe, da hat mich innerlich sehr stark empört, zu erfahren, dass die "Marienfrömmigkeit" auch nicht natürlich gewachsen ist. Sie wurde irgendwann - soll ich sagen, aus machtpolitischen Gründen? - eingeführt. Dieses Bedürfnis nach dem Weiblichen schien bei den Gläubigen da zu sein und darauf reagierte man, um mehr Gläubige anzuziehen. Für mich hat das schon damals dem Fass den Boden ausgeschlagen. Seitdem wusste ich instinktiv, dass die Kirche mir nichts zu bieten hat. Nicht auf einer solchen Grundlage, wo kein Respekt gegenüber unserer Natur und unserem Wesen existiert, aber Frauen und das Weibliche "eingeplant" wird. Damals habe ich das nicht so ausformuliert, aber eine Tür in mir hat sich mit lautem Knall geschlossen.

      Unter diesem Aspekt betrachtet, ist auch die Verehrung der Mutter Gottes keine wirkliche Veehrung. Demnach kann sie auch nicht Respekt gegenüber irdischen Müttern und Frauen transportieren.

      Als ich in den letzten Monaten über meinem Weg im Buddhismus unter dem Aspekt der Rolle des Weiblichen nachdachte, da hatte ich oft wieder ähnliche Empfindungen. Ich fühlte mich so unwohl und mir wurde klar, dass in der Kürze meines Weges im Buddhismus bei meinem Wurzellehrer weibliche Heilige keine Rolle spielten. In unserem Tempel gab es eine Weiße Tara, vor der ein eigener Altar stand. Und sie war mir intuitiv vertraut. Doch in der Praxis spielte sie keine Rolle und es wurde niemals über verwirkliche Frauen gelehrt. Demnach eiferten die dortigen Nonnen auch immer männlichen Vorbildern nach. Nebenbei sei betont, dass ich mich von meinem Lehrer niemals respektlos behandelt gefühlt habe.

      Mir scheint, die Frauen bleiben bevorzugt im Hintergrund. Letztlich halten sie alles zusammen und ernten oft Geringschätzung, wenn sie Männer von ihren eigensüchtigen Taten abhalten wollen. Ihnen wird oft unterstellt, sie verstünden nicht, worum es geht.

      Das, was für mich, nach meiner Praxis von 18 Jahren Meditation, eine Frau wirklich ausmacht, ist ihre Bodenständigkeit. Sie möchten dicht an den natürlichen Gesetzen des Lebens und bei den Wesen bleiben. Dafür sind sie jederzeit bereit, auf persönliches Fortkommen und Ruhm zu verzichten. Sie möchten, dass es allen gut geht, nicht nur einzelnen. Deshalb halten sie die Familie zusammen, sofern sie gut an ihre natürlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten angebunden sind. Und alles dies tun sie, weil sie ein tiefes Verständnis dieser Gesetzmäßigkeiten natürlicherweise in sich tragen.

      Alle diese Strukturen, Organisationen, Verwaltung, Regeln etc. - das ist nichts, was Frauen geschaffen haben. Aufgrund der patriarchalen Macht seit Jahrhunderten wurde alles dies viel zu sehr übertrieben und dadurch haben wir uns mehr und mehr von unserer Natürlichkeit und Einfachheit entfernt. Letzteres lebt von der Vergänglichkeit, dem Werden und Vergehen - nicht jedoch vom Bewahren des Althergebrachten über endlose Jahrhunderte.

      Vielen Dank für deinen Kommentar, liebe Anke - und einen schönen Sonntag noch!

      Herzlichst
      Josephine

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