Alles oder Nichts - Anstrengung oder Leichtigkeit?

Wirklich in der wortlosen Sphäre seiner Empfindungen leben zu können, ist ein großer Genuss. Hier, in diesem sanften Fluss, ist alles so, wie es ist. Das, was sich darin ergibt und wieder verebbt, bedarf keiner Erläuterungen, keiner deutenden Gedanken, keiner Vergewisserung, ob es existiert oder nicht.

Diese Sphäre ist unmittelbar, einfach, freundlich und alles durchdringend. Und wenn du Zugang zu ihr hast, dann wirst du alles was du erlebst, als sehr klar und wahr, doch zugleich flüchtig empfinden. Dieses Werden und Vergehen ist natürlich - und du erkennst und empfindest es auch als natürlich.


Dass diese Sphäre nicht mit Konnotationen versehen ist, lässt sie einfach und leicht sein. Da gibt es nichts, was man innerlich erst einmal ausdiskutieren müsste oder werten oder überhaupt denken. Diese Sphäre selbst ist per se ein Spüren.

Von der Ebene unseres Alltagsbewusstseins aus wird uns dieses einfache Spüren, wie ein Moment nahtlos vom nächsten abgelöst wird, unnütz, untätig und beinahe wie ein großes inneres Nichts vorkommen. Sicher, irgendetwas von uns und in uns ist beteiligt, ruhig gegenwärtig. Doch zugleich tut dieses Etwas in uns nichts, als Spürmomente geschehen lassen. Das ist im ersten Moment beängstigend wenig.

Denken, Werten, Interpretieren, Beurteilen und sich zu allem und jedem eine Meinung bilden oder eine Wertung im Moment einer Wahrnehmung bereits parat zu haben - das erscheint uns Alles zu sein. Dieses Alles, was wir ständig innerlich abspulen, während wir uns in der Welt bewegen, nennen wir Persönlichkeit.

Das innere Nichts hingegen, das geschieht, während wir im Fühlmoment sind, das ist ein ganz ursprünglicher Zustand. Dieses Nichts ist die Grundlage von allem. Und zu ihr zurückzukehren, ist sehr erholsam, sehr frei und unbelastet.


Vielleicht könnte man dieses Nichts mit dem Standby oder Energiesparmodus des Computers vergleichen. Während das Alles oder unsere Persönlichkeit mit unserem PC vergleichbar ist, wenn er angeschaltet darauf wartet, benutzt zu werden. Im Hintergrund laufen die ganze Zeit jede Menge Routinen und Programme, die Energie verbrauchen, selbst wenn wir mit dem PC gerade nichts tun.

Wenn wir im Alles- oder Persönlichkeits-Modus die Beine hochlegen und zur Ruhe kommen, dann registrieren wir nach und nach die ganzen Hintergrund-Prozesse: Die Physis ruht, doch der Geist springt von A nach B, verarbeitet die Geschehnisse der Arbeit, schmiedet Pläne, diskutiert diesen innerlich, wägt ab. Wir hören und sehen vielleicht unsere Kinder spielen und sind mit einem Teil unseres Bewusstseins dabei, einzuschätzen, ob sie sicher sind und nichts Schlimmes passieren kann. Oder wir denken daran, was wir für sie zum Essen kochen könnten. Wir haben zu allem einen inneren Kommentar, was auf unsere Sinnestore trifft.

Im Nichts-Modus nehmen wir wahr. Wir spüren, dass wir wahrnehmen. Wir vertiefen uns in diese Wahrnehmung. Doch die gedanklichen Hintergrundprozesse ruhen. In diesem Modus können wir uns auf eine bestimmte Wahrnehmungsweise fokussieren, wie zum Beispiel das Hören oder Sehen. Wir könnten im Nichts-Modus zum Beispiel jemandem zuhören. Und wir tun nichts, außer zuhören und spüren. Doch wir haben in diesem Moment keine urteilenden, wertenden Gedanken. Wir vergessen komplett, wie wir normalerweise definieren, wer und was wir sind. Da ist nichts, außer ein Empfinden, da zu sein und zuzuhören.

Was wir in diesem Modus des inneren Nichts spüren, ist unser Herz. Würden wir beschreiben wollen, was wir empfinden, so werden wir einen Fluss von warmen, klaren, liebevollen, sanften Gefühlen beschreiben. Leise sind sie und stetig, doch immer etwas anders. Vielleicht spüren wir ein ganz subtiles inneres Lächeln. Und je offener unser Herz ist, desto klarer zeichnet es sich auch in unserer Physis ab, deutlich wahrnehmbar für den, dem wir gerade zuhören.

Wenn wir im Nichts-Modus sind, werden wir immer öfter erleben, wie sich andere Wesen in unserer Nähe entspannen und wohl fühlen. Sie rollen sich buchstäblich schnurrend zusammen, wie ein Kätzchen, weil dieses sanfte Schwingen dieses leeren, liebevollen, inneren Raumes sie in eine Art Entspannungs-Hypnose führt.


Und manchmal, manchmal können diese Wesen in der Sphäre des Nichts, an der wir sie teilhaben lassen, plötzlich klarer denken. In diesen Raum, die dein Nichts-Modus dem Gegenüber eröffnet, entstehen plötzlich Lücken zwischen Gedanken, die früher ein einziger Knäuel zu sein schienen. Und in diese Lücke hineinspürend, entsteht das eine ums andere Mal ein Verstehen, wo früher nur Verwirrung herrschte. Wo früher keine Aussage zu etwas möglich war, ordnen sich auf einmal Worte aneinander, die einen Sinn ergeben und Erleichterung spenden. Und hier und da entsteht ein wichtiges, ein entscheidendes "Aha".

Im Zustand des Alles unserer Persönlichkeit, wo alle unsere Kapazitäten, Position zu beziehen, im Hintergrund auf Hochtouren laufen, tun wir ganz das Gegenteil: Selbst wenn da Raum ist, werden wir diesen sofort mit uns und unseren Gedanken, Meinungen und Wollen einnehmen und ausfüllen. Anders gesagt, lehnen wir uns sofort beanspruchend in den Raum hinein und okkupieren ihn.

Wenn wir stattdessen in diesen harmonischen, erleichterten und liebevollen Raum unseres Herzens, dem Nichts, gelangen wollen, ist es ratsam, genau das Gegenteil zu tun: Wir lehnen uns sprichwörtlich zurück und ziehen unsere Persönlichkeit aus diesem Raum. Wir nehmen unser Alles zurück in uns selbst und lassen es dort los und zur Ruhe kommen. Wir lassen zu, nichts zu meinen oder zu denken und spüren stattdessen in unsere Physis hinein.

Wir verorten uns im Körper, im Gespür für ihn und lassen das Spüren sich auf unsere Umgebung ausweiten. Diese Rückwärtsbewegung, aus dem vorhandenen, unruhigen, gefüllten Raum heraus in uns selbst hinein und immer tiefer, eröffnet nunmehr einen neuen Raum, der leer ist. 

Früher dachte ich immer, dass es irgendwie gefährlich ist, das Alles ganz links liegen zu lassen und in dieses gedankenfreie Nichts zu gehen. Alles, was ich mit meiner Persönlichkeit in Verbindung brachte, empfand ich als so etwas wie meine Ressourcen oder Arsenal an Mitteln, das ich meinte, immer griffbereit dabei haben zu müssen. Alle Hintergrundprozesse waren aktiv. Und ohne dies befürchtete ich, nicht handlungsfähig zu sein.

Von Natur aus tendierte ich jedoch zum Nichts-Modus. Ich hörte oft zu, ohne eine Meinung zu haben und das bereitete mir Schwierigkeiten. Ich bewunderte Menschen, die sofort mit jemandem über seine Sicht der Dinge diskutieren konnten, die unmittelbar im Hörprozess schon Fragen parat hatten und diese kritisch stellten.

Das konnte ich nicht. Wenn ich hörte, dann hörte ich und nahm erst einmal auf, was da auf meine Ohren traf. Und manchmal fühlte ich mich unwohl mit dem Gesagten. Dies war für mich ein Zeichen, dass da etwas nicht stimmte, an den Worten des Sprechenden. Und wenn ich mich innerlich später in dieses Gefühl versenkte, dann kam ich auch dahinter, was da für mich nicht stimmig war. Doch das erforderte Zeit und ich konnte nicht sofort darauf reagieren. In gewisser Weise hielt ich mich daher für dümmer, als andere.


Der Persönlichkeits-Modus oder der Modus des "Alles" wirkt immer gut ausgestattet, gewieft, blitzschnell reagierend und voller Potential. Lange Zeit strebte ich daher an, mir diesen Alles-Modus zu erarbeiten und aus dem Nichts-Modus, der aufnimmt und fühlend mitschwingt, ohne einzugreifen, herauszukommen. Ich wollte auch so Kapazitäten strotzend durch die Gegend laufen und erfolgreich sein. Und irgendwie gab es immer jemanden, der mir den Alles-Modus als eigentlichen Überlebensmodus verkaufen wollte.

Es bedurfte einiger Umwege, mir den Nichts-Modus als meinen natürlichen Zustand zu erlauben. Und darin keinen Widerspruch zu sehen, zur Fähigkeit, mein Leben zu führen. Je mehr ich mir dies gestattete, desto weniger Gepäck schleppte ich in jeder Sekunde meines Lebens mit mir. Um bei meinem Bild zu bleiben: Zuerst hatte ich mich bemüht, innerlich jede Menge Prozesse anzuknippsen, die im Hintergrund meines Bewusstseins unentwegt mitlaufen. Ich dachte, ein Mensch mit Persönlichkeit müsse so sein. Und Persönlichkeit aktiv zu zeigen, sei wichtig. Nun aber schaltete ich diese nach und nach wieder ab.

Und mit jedem Ausschalten eines Hintergrundmodus bemerkte ich, dass mein Leben trotzdem lief und in Ordnung war. Jedenfalls nicht weniger, als vorher. Tatsächlich traf der worst case nicht ein, den ich befürchtet hatte. Ich hatte angenommen, dass ich nur dann ein smartes Leben führen könnte, wenn ich unentwegt mitdachte. Zunehmend bemerkte ich, dass das mitfühlen allein schon vollkommen ausreichend war. Und ich meine Persönlichkeit nicht bewusst und aktiv im Außen zeigen muss. Die schimmerte schon ganz von allein aus mir heraus.

Wenn ich jetzt sage, dass jeder meiner Blogbeiträge sich aus dem Fühlen meines Herzens ergibt, also aus dem Modus des Nichts, dann mögen einige sich vielleicht fragen, wie das denn gehen soll? Für das Ausformulieren der einzelnen Sätze muss ich zuerst die richtigen Worte finden usw. Da brauche ich jede Menge Gedanken dazu... Stimmt nicht!

Um ganz ehrlich zu sein, mache ich das so: Ich gehe in den Fühl-Modus und spüre in mein Herz hinein. Meistens ohne klares Ziel oder ohne Absicht. Ich verweile dort einfach. Und irgendwann habe ich ein klares Gefühl, verknüpft mit subtilen, kaum wahrnehmbaren Bildern. Ich sehe mich zum Beispiel zu meinem Netbook greifen und habe das deutliche Gefühl, etwas schreiben zu müssen. Dann tue ich es.

Im Alles-Modus würde ich abzuwägen beginnen, was gerade meinem Verstand nach wichtiger und sinnvoller wäre, zu tun, als diesem Impuls zu folgen. Da rödeln wieder jede Menge Prozesse in meinem Bewusstsein.

Wenn ich im Nichts-Modus bin, folge ich einfach dem Bild und dringlichen Gefühl, öffne mein Schreibprogramm, setze mich hin und warte. Denn im Nichts-Modus weiß ich nicht, worum es geht und was ich schreiben werde. Irgendwann taucht der erste Satz auf. Ich höre und spüre ihn quasi und schreibe ihn hin. Dann spüre ich dem Satz weiter nach und lasse mich fühlend zum nächsten ziehen... und zum nächsten... bis ein Schreibfluss entsteht.

Und dann schreibe ich hinter einander weg, bis zum Schluss.

Nur bei Themen, wo ich selbst noch einen inneren Knoten habe und selbst meinen inneren Raum brauche, um dieses Knäuel zu entwirren, kann es manchmal etwas stockend vorangehen, mit dem Schreiben. Doch wenn ich meinem Nichts-Zustand im Inneren absolut vertraue, ergibt sich immer etwas und der Knoten löst sich. Und im Idealfall kommt ein Blogbeitrag zustande, aus dem ich selbst noch etwas lernen kann.

Dies geschieht aus dem Nichts-Modus heraus. Indem ich das Alles, was meint, dass ich vorher schon wissen muss, worum es gerade geht, abschalte und einfach aus dem inneren Raum flüssig sich ergeben lasse, was sich ergeben will.






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