Mein Bekenntnis zum Reisen

Wirklich zu würdigen, was ich anderen verdanke, ist nicht immer einfach. Leichter fällt mir oft, vom Status Quo auszugehen und daraus zu schlussfolgern, was ich nicht kann, nicht habe und welche Hindernisse bestehen. Tausend Schuldzuweisungen lassen sich aus so einer Momentaufnahme lesen.

Hier ist Klarheit und Gerechtigkeitssinn nötig, um die Ereignisse und Entwicklungen wirklich zu sehen, wie sie sind. Und ein Prise Liebe und Mitgefühl kann auch nicht schaden, die mir erlaubt, alle Beteiligten in einem Prozess befindlich zu empfinden, der kein voraus definiertes Ziel hat.


Unser Verstand will das immer anders lösen. Sicher ist es einem jeden von uns schon so gegangen, dass er oder sie eines Tages, als ihn oder sie die Unzufriedenheit heimsuchte, ausrief: Jetzt reicht's! Früher hätte ich dann am liebsten alles radikal über den Haufen geworfen, hätte mein Leben komplett umstrukturiert, um diesen andauernden Unwohlsein zu entkommen.

Ja, hier geht es darum, sich besser zu fühlen und Erleichterung zu spüren. Und niemand von uns hat es gerne, sich weiter unwohl zu fühlen. Schon gar nicht, wenn dies nur deswegen so ist, weil andere in der Umgebung nicht so zufrieden, glücklich und entwicklungsfreudig sind, wie wir uns das eventuell vorstellen.

Für mich gab es im Verlaufe des letzten 12-Jahres-Zyklus genau diese Herausforderung: Es platzten Wesen in mein Leben, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Und es ging ihnen alles andere als gut. Sie hegten große Hoffnungen und Erwartungen. Und diese hatten wohl oder übel mit mir zu tun. Sie brachten ihren ganzen Ballast mit und verteilten Anteile des Gewichts auch auf meine Schultern.

Warum, zum Henker, haben sie gerade mich ausgesucht? Das fragte ich mich oft. Ich hatte zu 90% den Eindruck, dass sie bei mir an der falschen Adresse seien und ich gar nichts dazu beitragen kann, dass es ihnen besser geht. Doch mir blieb nichts anderes übrig, als mit den in mein Haus geplatzen Gästen umgehen zu lernen.

Also versuchte ich, es uns allen so schön wie möglich zu machen, denn rauswerfen konnte ich sie nicht. Mit "schön" meine ich nicht gemütlich, denn in Wahrheit bin ich alles andere, als eine Hausfrau. Mit "schön" meine ich, dass ich für uns alle eine Lebensweise suchte, die uns ermöglichte, an universalen Werten fest zu halten und trotz aller Hindernisse ein aufrichtiges, warmherziges und gerechtes Leben zu leben. Und das war mit harter, raumgreifender und ressourcenfordernder, geistiger Arbeit verbunden.

Die dunkle Wolke, die permanent über den Köpfen dieser Wesen schwebte, drohte uns alle in Depression, Resignation und dunklen Projektionen auf die Zukunft zu ersticken. Und ich kämpfte wirklich täglich darum, den Kontakt zu meinem eigenen, inneren Licht nicht zu verlieren und den Kontakt zu gütigen Helfern meines Vertrauens zu bewahren.

Öfter war es notwendig, dass ich mich aus dieser Wolke erhob und mich ganz groß machte. Ich stampfte wütend mit dem Fuss und schrie: "Jetzt reicht's!" Und am Anfang wollte ich sie definitiv rauswerfen. Ich wollte mein Leben nicht von dieser abgründigen Negativität vergiften lassen und hatte oft das Empfinden, es niemals zu schaffen, das Ruder unseres Schiffes herumzureißen und endlich in Richtung Morgenröte zu segeln.

Ich warf ihnen vor, dass sie mich nicht gefragt hatten, ob ich das alles will. Ich rebellierte dagegen, dass sie mein Haus besetzt hatten und sich weigerten, wenigstens konstruktiv mit mir zusammenzuarbeiten und wenigstens das Gute zu wollen. Natürlich hätte ich gern alles hingeschmissen. Und ich hatte meistens nicht den Hauch einer Idee, wofür das Ganze gut ist.

Auf die Frage, warum sie zu mir gekommen seien, bekam ich nie eine direkte Antwort. Wahrscheinlich, weil sie es auch nicht so konkret formulieren konnten. Es ging ihnen schlecht und sie griffen nach jedem Strohhalm. Aus irgendeinem, nicht rationalem Grund hielten sie mich für diesen Strohhalm.

So geht es manchmal im Leben. Nicht alles lässt sich erklären, was unser Leben bestimmt. Schon gar nicht lässt sich alles los werden, was man nicht haben will. Nicht allen Herausforderungen, die man sich nicht selbst gesucht hat, lässt sich entkommen.


Diese Zeit mit den anfangs ungebetenen Gästen hat mich teilweise auch tief verwundet. Wann immer ich keine Möglichkeit fand, etwas zutiefst zu verstehen und anzunehmen. Streckenweise half nichts, als den Schmerz zu akzeptieren, ohne ihn heilen zu können. Und natürlich ist es, sich von diesem abzuspalten und sich von Ereignissen, die diese ewig blutenden Wunden schlugen, mental und emotional zu distanzieren.

All meinen Mut erfordert es daher, diese Wunden, ihr Werden und Vergehen jetzt bewusst anzunehmen und ein deutliches Ja auszusprechen. Hier und heute ist der richtige Augenblick dafür. Genau das bin ich jenen, einst ungebetenen Gästen schuldig, die inzwischen ein Teil meiner Familie sind. Ich bin es uns allen und der Freiheit unserer Herzen schuldig.

Genau genommen ist Schuld hier das falsche Wort, nur geht es uns so leicht über die Lippen. Genau genommen geht es um ein tiefes Verstehen, wie stark wir alle miteinander verbunden sind. Unsere Schicksale sind miteinander verknüpft und verwoben, sowohl in allem Glück, als auch in allem Unglück.


Und wenn wir die Zeiten beenden wollen, in denen sich irgendjemand oder eine Gruppe von Wesen auf Kosten anderer entwickeln und andere dafür den Preis zahlen müssen, dann gilt es, zu vergeben und liebevoll einander einzubeziehen. In allen Lebenslagen, mit allen Stärken und Schwächen.

Der Verlauf der letzten Jahre vergegenwärtigte mir mehr und mehr, dass es nicht sein darf, dass auserwählte Menschen "es schaffen" (was immer sie schaffen wollen) und andere Menschen und Wesen auf der Strecke bleiben. Ein solcher Sieg ist trügerisch und nicht mehr als pure Einbildung. Ein solcher Self-Made-Man oder eine solche Self-Made-Woman ist niemand, den ich bewundern werde, weil ich nun verstehe, dass dafür irgendjemand anderes bitter bluten muss. Oft genug jemand, von dessen Existenz dieser erfolgreiche Mann oder dieser erfolgreiche Frau nichts weiß. Der Sieg ist durch Ignoranz und Schmerz erkauft.

Und so, wie ich mich damals wehrte, vom Leiden dieser ungebetenen Gäste überrollt zu werden, so wehren sich diese Gäste selbst auch. Sie wählten mich aus, weil sie es leid sind, ignoriert zu werden. Sie hofften, dass ich sie wahrnehmen und verstehen würde. Und nach allem Widerstand, den ich aus eben erwähnter Ignoranz heraus leistete, tat ich es auch.


Sie möchten gehört und gesehen und in ihrem Leid verstanden werden. Sie möchten wieder Respekt erfahren und als existent und Teil der hiesigen Welt anerkannt sein. Sie möchten bewusst ihren Beitrag zu einem guten Miteinander leisten. Sie möchten lernen, wie das ist, das Gute zu wollen. Sie spüren im Herzen, dass sie gut sein wollen, doch wissen sie oft noch nicht, wie sie dies im täglichen Leben umsetzen können. Sie wollen sich vor ihrem Tod nicht fürchten, sondern guten Gewissens auch die letzte Reise antreten.

Sie möchten nur dies alles, was ein jeder von uns sich auch wünscht. Und sie haben ein Anrecht qua Geburt auf alles dies, genau, wie du und ich.

Mein Widerstand dagegen, sie als meine Gäste anzunehmen, bestand vor allem in einem: Ich hatte mir mein Leben anders vorgestellt. Und mit diesem Satz und seinen Konsequenzen ist alles gesagt. Aus dem willfährigen Verteidigen einer erdachten Idee von Leben entsteht viel Kampf, viel Schmerz, viel Zerstörung.


Wir hier in Europa haben unsere Ignoranz ein wenig auf die Spitze getrieben. Dieser Auffassung bin ich aus tiefstem Herzen, gerade bezüglich einer gewissen Form von Ignoranz. Diese Meinung erhärtete sich gerade durch die Interaktion mit meinen Gästen in den letzten Jahren. Und genau deshalb ist es richtig, am Ort des Ursprungs dieses Missverständnisses zu leben und zu wirken.

Die Ignoranz begann, als wir Europäer Denkweisen zu folgen begannen, die unseren Kopf von unserem Herzen trennte. Die Entwicklung begann schleichend, im Mittelalter schon, mit dem vermessenen Anspruch der Kirche, alle anderen Denkweisen bis auf die eigene auszumerzen. Da wurde die Seele vom Leib getrennt und letzteres verteufelt. Da wurde das Weib vom Mann getrennt und ersteres verteufelt und erniedrigt. Da wurde der Siegeszug nur einer Spezies geplant und über die Jahrhunderte verfeinert und auf die Spitze getrieben.

Und der Gipfel war erreicht, als wir die Gefühle vom Denken trennten und wiederum ersteres verteufelten. Und nichts kann dafür symbolisch besser herhalten, als Descartes denkwürdiger Ausspruch: "Ich denke, also bin ich".

Ich verstehe diesen Satz so: Ich denke, also erkläre ich mir die Welt cool zurecht, sodass ich immer im Mittelpunkt stehen kann. Ich denke, also ignoriere ich die Realität. Ich denke, also kann ich durch Ausschluss aller anderen bedürftigen Seelen in meinem willfährigen Reich residieren. Ich denke, also muss ich mich nicht mit dem niederen Volk befassen. Hauptsache, sie erledigen die Kleinarbeit für mich und ich kann weiter als Held oder Heldin brillieren.

Von Europa strahlte dieses Denken in die ganze Welt. Kaum irgendwo auf der Welt gibt es einen Ort, der nicht inzwischen davon infiziert wäre. Und auch die Welten der Wesen, die meine Hilfe suchten, wurde davon vergiftet und fast zerstört.


Und hier, in Europa, werden wir jetzt damit aufhören. Mit "Wir" meine ich all jene, die ein Bündnis der Herzen mit mir schlossen. Und weil es dieses "Wir" seid ein paar Tagen bewusst gibt und weil alle Wesen, die für dieses Bündnis wichtig sind, im Herzen ihr Bekenntnis ablegten, schreibe ich diesen Beitrag.

Nur, um Missverständnisse vorzubeugen: Deren Bündnisse gibt es weltweit sicher einige. Ich schloss gewiss nicht das einzige Bündnis. Und das ist gut so.

Ich persönlich kann hier nur für mein Bündnis sprechen. Und dieser Beitrag dient der Versicherung, für alle, deren Vertrauen ich in den letzten Wochen enttäuschte, indem ich zögerte. Für alle, die seit ca. einem Jahr wieder in großer Angst zu leben begannen, dass alles vorbei und all die Kraft, die in den letzten Jahren investiert wurde, umsonst investiert worden sei.

Nein. Die Reise geht weiter. Wir wissen nicht, wohin diese Reise führt. Doch weil wir einander versprachen, füreinander da zu sein, werden wir reisen. Wohin auch immer, mit welchen Herausforderungen auch immer. Egal, mit welchem Ausgang.

Dieser Beitrag ist Ausdruck des Friedens, den ich mit meiner Vergangenheit geschlossen habe. Euch gebührt Dank, tiefster Dank, dass ich lernte, was ich lernte, dass ich entfaltete, was ich entfaltete. Ohne Euch wäre ich nicht die, die ich heute bin.
Es geschah, was geschah. Wir lernten daraus und gingen gemeinsam weiter.
Es ist, wie es ist. Wie immer werden wir das Beste daraus machen.
Und es komme, was wolle: Wir werden weiter reisen.
So sei es!






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