Im Zentrum der Macht

Liebe Verbündete im Herzen,
ich habe euch den weiteren Verlauf meiner Geschichte vorenthalten. 

Konsequenterweise hätte ich euch nicht im Ungewissen lassen sollen, über den weiteren Verlauf unserer Reise über die Steppe. Denn wenngleich eure Herzen mit mir waren, auf unseren treuen, selbstbestimmten Pferden, so dürstet ihr danach, auch auf der Ebene eures hiesigen Bewusstseins zu verstehen, wohin eure Herzen dort wilden Ritts streben.

Entschuldigt bitte mein Zögern. Entschuldigt bitte, dass mich menschliche Skrupel befielen, geboren aus meinem Ego. Allzu tief verwurzelt ist meine Marotte, mich im subtilsten Innern manchmal nicht ernst zu nehmen. Mein Verhaltensmuster, im Schatten zu wandeln. Um das Grau des Zwielichts weiter als meinen Mantel nutzen zu können, anstelle das Licht gewähren zu lassen, verharrte ich. Dieses egoistische Verhalten lege ich hiermit offen. 


Egoistisch ist dieses Verhalten, weil ich euch dabei vergaß. Ich vergaß, dass die Tränen eures Herzens meine Tränen sind. Ich vergaß, dass unsere Tränen seit Jahrhunderten von uns allen aus immer den gleichen Gründen geweint werden. Ich vergaß, dass es vollkommen gleichgültig ist, ob diese im Morgenland oder im Abendland geweint werden.

Ich vergaß, dass das einzige, was zählt, die ehrwürdige Zukunft unserer Kinder ist. Und diese erschaffen wir in jedem Augenblick unseres Hiersein, in dem wir authentisch, aufrichtig, klar und verlässlich sind. Und wollen wir einst mit reinen, unverstellten Blick die Morgenröte sehen, gilt es nun, zu erwachen.

Ich versprach euch zu Beginn des neuen Jahres etwas anderes. Ich gab vor, den Mantel, der mich mit dem Dunkel verschmelzen lässt, in Flammen aufgehen zu sehen. Ich bemerkte wohl nicht, dass ich mir aus einer alten Angst heraus einen neuen Schattenmantel schuf. Ich erinnere mich nun. Und in diesem Akt des Erinnerns und Bereuens gehe ich endlich weiter. Gemeinsam mit Euch, auf dass das Bündnis unserer Herzen fruchtbar werden möge.

Und als Zeichen meines neu gefassten Mutes, nicht länger stehen zu bleiben, würdige ich den Bund, den unsere Herzen vor kurzem auf geistiger Ebene schlossen. Niemals wird dieser Bund in die Erde eingehen und sich mit ihr harmonisch verbinden, wenn ich jetzt schweige. Denn jeder von uns braucht Bestätigung und Ermunterung, immer noch auf dem richtigen, ehrbaren und alles wandelnden Weg zu sein. Und indem ich mir diese Gewissheit zugestehe, werdet auch ihr sie finden. So sei es.

Als ich damals im wilden Galopp mit euch über die Steppe jagte, wusste ich sicher: Am Ende des Ritts würde ich eins mit meinem schwarzen Pferdes geworden sein. Ich würde die Kraft der Aktivität ganz in mich zurückgenommen haben, ebenso wie ihr. Und ich wusste, ich würde am Fuße jenes Gebirges angekommen sein, wenn diese Synthese abgeschlossen wäre. Und dieses Gebirge würde nicht mehr als die natürliche Grenze jenes Reiches sein, in dem ich die Macht meines Amtes wieder erkennen und an mich nehmen würde.

Alles dies ist wahr geworden: Wir verwandelten uns in dieses Heer aus neuen  Kriegern und schritten gemeinsam den alten, fast vollständig verwitterten und lange ungenutzten Pfad den Berg hinauf. Immer noch fühlten wir uns freudig und feierlich im Herzen, bis sich alles um uns herum in Schnee und Eis zu verwandeln begann. Und je höher wir hinauf kamen, desto mehr erfasste mich dieses Zögern.

Und das Zögern, was gemeinsam mit dem Eis und Schnee um mich herum mein Herz gefror, ließ auch unsere Reise zu einem einzigen Standbild erstarren.

Ich sah mich dort, kurz vor den unsichtbaren Toren des Reichs stehen. Angefüllt mit Zweifeln, wagte ich nicht, die unerschütterlich ausharrende, stumme Wache zu passieren. Ich wusste, sie würde mit meinem beherzten Zutritt ins Reich Haupt, Schild und Schwert senken, denn sie hatte nur diesen einen Auftrag: Uns alle passieren zu lassen. Hinter mir sah ich wohl euch stehen - alle diese edlen, machtvollen Kriegerinnen und Krieger, in Würde und Rüstung.

Dass keiner von euch die Grenze des Reiches überschreiten würde, wenn ich es nicht tat, verstand ich nicht. Verzeiht mir bitte, dass ich lange Wochen nicht erkannte, dass meine egoistische Angst mir die Sinne trübte und ich dadurch eure Entscheidung nicht würdigte, die euren Fortschritt an meinen band. Kraft eurer im Herzen gegebenen Macht hattet ihr versprochen, mir zu folgen und mir daher den Vortritt zu lassen.

Tief in meiner Angst gefangen, wollte ich diese Tatsache nicht annehmen. Wann immer ihr mich darauf hingewiesen habt, dass ich in die Mitte des Mandalas gehöre und ihr mich dort, im Zentrum meiner Macht, stehen sehen wollt, blockte ich ab. Sicher hatte ich den einen oder anderen Moment lang meinem Herzen nachgegeben und mich kurzzeitig mit meinem Zentrum synchronisiert, aber ich gab den Platz wieder und wieder frei. Ich sah wohl, dass das Zentrum der Macht verwaist blieb, wenn ich ihn nicht einnahm, doch verleugnete ich diese Wahrnehmung.

Ja, ich habe so meine Vorbehalte, gegenüber Macht. Überall und zu allen Zeiten wurde um der Macht willen soviel Gewalt ausgeübt. Wenn Macht Gewalt bedeutet, will ich sie nicht. Deshalb stahl ich mich stets aus dem Zentrum meiner Macht davon und hüllte mich in Schatten.


Doch was, wenn wahre Macht aus reiner, gütiger, alles durchdringender, Raum spendender Liebe besteht?

Was, wenn dieser Raum von mir bereits geboren wurde - und was, wenn ich alle in diesen Raum eintretenden, erschöpften und leidenden Wesen dort orientierungslos sich selbst überließ?

Was, wenn ich ihnen, indem ich diesen Raum in Angst erstarren ließ, die Chance auf Selbstbefreiung nahm?

Was, wenn jeder Moment dieses Einfrierens meiner Liebe ungewollt ihnen allen neuerlich Gewalt antat, obwohl sie hofften, sich von aller Gewalt endlich und endgültig mit meiner Hilfe zu befreien?

Jede eurer Tränen ist Ausdruck eures enttäuschten Vertrauens, dass ihr nach jahrhundertelangem Misstrauen in mich gesetzt habt. Dessen bin ich mir jetzt in voller Konsequenz bewusst.

Ihr habt Recht: Eure Reise ist noch nicht zu Ende - und meine ist es auch nicht. In jedem Moment, wo ich innerlich das Ende meiner Angst erfahre, endet sie auch für euch. In jeder Sekunde, in der ich im wahren Fluss der Liebe mich selbst vergesse, seid ihr mit mir. Und wenn ich das Zentrum meiner Macht einnehme und nicht mehr verlasse, desto mehr steht ihr auch in eurer Macht. Unerschütterlich.


Wir sind ein Herz und eine Seele. Wir sind das Bündnis der Herzen und mit dem Licht unserer strahlenden Herzen andere zu befreien, ist das, was uns bindet und verbindet. Und als ich euch fragte, ob ihr mit mir seid, da wolltet ihr entschlossenen Herzens den Weg mit mir bis zum Ende gehen. Egal, wie lange es dauert. Egal, welche Schwierigkeiten er mit sich bringt. Und wenn einer von uns in Schwierigkeiten geraten würde, so gelobten wir, zueinander zu stehen.

Nun ist die Zeit gekommen, das Land unserer edlen Geburt zu betreten. Ein jeder von uns wird dann in die Mitte seines Herzens gestellt. Und dieses Herz ganz unserem Bündnis hinzugeben, das wollen wir alle. Tief im Innern wollen wir alle genau dies. Wir können und wollen nicht länger warten.

Dieses Land zu betreten kostet mich in Wahrheit nur noch einen einzigen Schritt. Und ich verspreche euch hiermit, diesen Schritt heute zu gehen. Ich werde mein rechtes Bein sachte aus der Erstarrung lösen und in Bewusstsein meines wahren Raumes werde ich sanften Fußes diesen einen, winzigen Schritt hinüber gehen.

Ich bete und bitte darum, dass sich Kraft dieses Schrittes, tief im Innern, in Wachheit gegangen, unser Bündnis dann endlich mit der Erde verbinden darf. Mögen die leise in unseren Herzen aufgegangenen Keime somit fruchtbare, saftige Erde finden. Und mögen diese Keimlinge zu kraftvollen Eichen gedeihen, größer und mächtiger, als ich es je sein werde.

Kraft der Wahrheit, die mein Zeuge ist, erneuere ich hiermit mein Versprechen, mit euch bis zum Ende zu gehen. Kraft des Segens der Vor-Uns-Gegangenen wird sich alles und jeder von uns dadurch an den rechten Platz begeben, den einzunehmen uns in diesem Leben bestimmt ist. So sei es.


Und ihr, seid ihr noch mit mir?

Dann lasst den Klang eurer Schwerter auf euren Schilden hören!

Dann fühle ich mich geehrt und stolz darauf, in diesen innovativen Zeiten mit euch zu sein.

Dann schließe ich endlich, Kraft dieses einen, sanft gesetzten Fußes, Frieden.

Frieden, mit allem, was bis heute geschah.

Mit allem Erlebten, was allzu oft meinen menschlichen Horizont sprengte. Und das ich dennoch wahrnehme und für wahr nehme.

Möge Kraft dieses neuen Friedens das eine oder andere heilsame Wunder geschehen.

Und mögen wir dadurch alle zutiefst sicher sein.


Keiner von uns wird allein in Dunkelheit wandeln. Kraft unseres Vertrauens. Kraft unserer Hingabe. Kraft unserer Liebe. So sei es.










Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Bedeutung, Begeisterung, Selbstwirksamkeit

Die Bedeutung des Fühlens

Konsens oder das Gesetz des Stärkeren?