Ein Herz und eine Seele

Mit unserer Erinnerung - das ist so eine Sache. Manchmal weiß ich nicht, woher mir gewisse Bilder und Empfindungen so plötzlich entgegen wehen. Es gibt Tage, an denen mir Bruchstücke aus einem anderen Leben so deutlich vor Augen stehen, dass ich kurzzeitig die Orientierung verliere. Obgleich ich den Bruchteil des Augenblicks, den sie dauern, irritiert bin, bin ich dankbar für diese Flashbacks.

Denn so manchen Tag zweifle ich an dem, was ich in meinem Leben suche und anstrebe. Ich bin so fern davon, mich im gegenwärtigen Moment ganz heimisch zu fühlen. Emotional gleiche ich ab, wie sich Glück und Nutzen zu leben, für mich schon einmal angefühlt hat. Und dort strebt mein Herz wieder hin. Noch ist das Herz dort nicht angekommen.

Sicher weiß ich, dass ich in die Vergangenheit nicht zurück kann, aber ich möchte unter allen Umständen diese Glücksmomente wieder in die Gegenwart hinein kopieren. Diese in einem früheren Leben erlebte Ganzheit im gegenwärtigen Leben wieder zu leben, ist meine Sehnsucht. Sie ist von einem tiefen Vertrauen begleitet, dass dies auch das Wohlergehen vieler Wesen einschließt.

Sich auf dieses Wissen eines vollkommenen inneren Zustands, der nach außen strahlt und anderen von Nutzen ist, zu verlassen, birgt gewisse Risiken. In meinem Fall ist es so, dass nicht das ganze erinnerte Leben durchdrungen war, von dieser Ganzheit. Es gab einen sehr harten Schnitt.

Und so erinnere ich Glücksmomente im Wechsel mit ganz gegenteiligen Ereignissen, die mich hart an die Grenzen meines Potentials brachten. Jeden Moment des Erinnerns entscheide ich neu, was die größere Macht über mich hat: das Gute und mein Potential Ausschöpfende oder das Schlechte und mich an den Rand eines inneren Abgrund Manövrierende.

Wir müssen nicht unbedingt in die Ferne schweifen. Die meisten Menschen werden sich an kein früheres Leben erinnern oder gar daran glauben, dass es ein früheres Leben gab. Doch jeder von uns hat in diesem Leben schon Erfahrungen mit dem Guten und Schlechten gemacht. Und es liegt an uns, zu entscheiden, ob das Gute zu einer Vision eines besseren Lebens für mich und andere werden kann. Ebenso ist es möglich, dass wir dem Schlechten die Macht geben, wahrhaftiger und realistischer als jeder Glücksmoment zu sein.

Die Summe unserer Erlebnisse in die Waagschale zu werfen, und das Gewicht oder die Masse des einen oder anderen siegen zu lassen, ist in meinen Augen stets eine schlechte Wahl. Denn diese Wahl schließt aus, dass wir unseren Willen einbringen und dem Guten entgegen streben.

Wie andernorts schon angeklungen, bin ich kein großer Freund des oft gehörten Ansatzes, das Hier und Jetzt zu nehmen, wie es gerade ist. Mag das auch ein Kontrast zu meinem letzten Beitrag sein, in dem ich schrieb, dass ich dem Hier und Jetzt nicht entkommen möchte. Dennoch sehe ich im Hier und Jetzt meine persönliche Verantwortung, meinen Willen für das Gute und für eine höhere Ethik zum Ausdruck zu bringen. Und höhere Ethik referenziert hier immer ganz klar zu unserem wahren Herzen, zu unserer Buddha-Natur.

Und dem Willen zu unserem ewigen Gutsein im Herzen auszudrücken, ist die Kraft, die dem Wohl aller Wesen ohne Ausnahme zugewandt ist und nicht allein persönliches Glück und den persönlichen Vorteil sucht. Unsere Herz-Natur oder Buddha-Natur und ein allein persönliches Glück schließen einander aus.

Wenn das Hier und Jetzt in diesem Sinne also nicht gut ist, kann ich das Hier und Jetzt nicht einfach gut heißen und darin ankommen und mich entspannen.


Letztlich sind also die Erinnerungen an eine Zeit, in der ich schon einmal in meinem ganzen Wesen die Einheit von Weisheit, Mitgefühl und dem Mitteilen dieses Zustands an andere gespürt habe, mein höchstes Vorbild für dieses Leben. Und diese Zustand integriert das am eigenen Leib gespürte Glück mit dem Glück der mich umgebenden Wesen.

Indem ich dieses gefühlte Erinnern eines positiven Zustandes mit in das Hier und Jetzt hinein nehme und mich daran ausrichte, erfülle ich dieses Hier und Jetzt mit allem Guten, was ich von früher her kenne. Und so wandle ich das Hier und Jetzt in etwas Neues, Gutes und trage im unmittelbaren Moment dazu bei, dass er auf eine neue Stufe gehoben wird. Das zu leben, ist mein höchster Wunsch und mein Ziel. Ich erinnere mich gut daran, dass es möglich ist. Mein subtiler Körper erinnert sich daran.

Der eine oder andere mag sich schon genug mit Psychologie befasst haben, um zu wissen, wie magisch es ist, sich in Momenten des Glücks einen klaren Anker zu setzen. Dieser Anker oder diese Geste markiert diesen Glücksmoment und ermöglicht es, sich dieses Moments später wieder zu erinnern. Unser Geist arbeitet gerne mit, wenn wir ihn diese Anweisung geben, sich dieses Glücksmoments später willentlich wieder zu erinnern und so in Momenten der Irritation, Angst oder anderer hinderlicher Umstände wieder in diesen Glücksmoment zu versetzen.

Ich erachte diese Methode als ganz hervorragend: Anstelle ein emotionales Blatt im Wind zu sein und sich gegenwärtig schwierigen Situationen einfach ausgeliefert zu fühlen, trage ich so eine eigene, bewusst eingenommene Haltung in den gegenwärtigen Moment und verändere dadurch das Hier und Jetzt für mich und andere. Ich tue dies, weil ich aufgrund meiner Erinnerung um die hypnotische Kraft des Negativen und Schädlichen weiß.

Meine geistige Haltung hat, je nach Stärke meines Geistes, die Kraft, andere mitzuziehen. Und je mehr ich Unglück und Schaden erwarte, desto stärker werden andere in meiner Nähe mit dieser negativen Erwartung in Resonanz gehen. Da sie sich aber, ebenso wie ich, nichts mehr wünschen, als glücklich zu sein, liegt es in meiner persönlichen Verantwortung, sie innerlich ins Vertrauen und die Gewissheit des Guten in ihrem Herzen zu ziehen.


Ich nenne diesen Beitrag "ein Herz und eine Seele", weil ich emotional erinnere, dass es unser höchstes Glück und unsere höchste Bestimmung ist, mit anderen fühlenden Wesen einstmals im Herzen vollkommen im Einklang und vollkommen gleich im Wünschen und Streben zu sein. Mögen wir auch unseren Willen unterschiedlich ausdrücken und mit Hilfe unterschiedliche Begabungen zum Ausdruck bringen. Das, was wir wollen und wofür wir leben, ist in unseren Herzen immer gleich.

In diesem Leben, das ich seit ein, zwei Jahren häufig erinnere, hatte ich das Glück, mit jemandem vollkommen "ein Herz und eine Seele" zu sein und in absoluter Harmonie und dennoch gemäß der jeweiligen Aufgabe und Begabung diesem im täglichen Leben Ausdruck zu verleihen. Ich weiß ganz sicher, dass es möglich und unsere höchste Bestimmung ist.

Selbst wenn diese sehr kraft- und lichtvollen Erinnerungen von anderen, sehr schmerzvollen Erinnerungen konterkariert werden, spüre ich im Herzen eine deutliche und klare Gewissheit, was daran dauerhaft und endgültig wahr ist. Und ich werde nicht ruhen, mein Leben an der inneren Wahrheit auszurichten.

Schmerzhafte Erinnerungen sind auf einer relativen Ebene sehr kraftvoll. Sie ebenfalls präsent zu haben, hilft mir dabei, mich zu erinnern, wie vielen Wesen es während der Dauer eines Atemzugs, den ich tue, schlecht geht. Und ein jedes Wesen hat es verdient, einstmals mit möglichst vielen Wesen "ein Herz und eine Seele" zu sein. Denn dies ist per se die Erfahrung unseres Herzens. Dies zutiefst und ohne Hindernisse zu fühlen, bedeutet, vollkommen eins mit unserer wahren Buddha-Natur zu sein.

Und wenn diejenigen, die diese Erfahrung gemacht haben, ein Herz und eine Seele zu sein, diese Erfahrung nicht anderen zugänglich machen, wer ist dann dazu fähig? Wie sollen diejenigen Wesen unter uns, über die Gewalt, Aggression, Hass und alle anderen Ausdrucksformen der Dunkelheit und des geschlossenen Herzens eine hypnotische Macht ausüben, sich jemals an ihre wahre, lichtvolle Natur erinnern?

Die Macht der Dunkelheit in unserem Geist zu brechen und anderen Anteil nehmend zu zeigen, wie dies möglich ist, sehe ich als unsere Pflicht und Verantwortung. Und wir können dies nur, wenn wir beide Dimensionen gesund in uns selbst ausbalancieren und in Waage halten. Vielleicht wandeln wir so des Öfteren in der Dämmerung zwischen Licht und Dunkel,  oder kosten wieder und wieder gänzlich die Dunkelheit.

Vielleicht verzichten wir eine quälend lange Zeitspanne auch ganz persönlich darauf, dieses Gefühl "ein Herz und eine Seele zu sein", im Hier und Jetzt zu erleben. Eventuell nährt uns lange Zeit nur diese eine, weit zurück liegende, glückselige Erinnerung. Weil wir die Macht und die Kraft haben, anderen den Weg dorthin zu zeigen und aus der Dunkelheit zu holen.

Lieber Freund, bitte vergiss das nicht, während du auf der Suche bist. Frage prüfend dein Herz, wo du wirklich stehst und was deine im Herzen gefühlte, tief eingravierte Aufgabe ist. Lass dich vom gegenwärtigen Moment nicht täuschen. Irgendwann wird die Zeit für eine neue Begegnung gekommen sein. Eine Zeit, das tief empfundene Glück, ein Herz und eine Seele zu sein, in deinem Herzen erneut zu nähren. So sei es!





Kommentare

  1. Liebe Josephine!
    Beim Lesen bin ich auf dieses Zitat von Pierre Stutz gestoßen und musste dabei an Deinen Post denken: "...weil unsere Seele schon bei der Geburt verliebt ist in einen Geliebten, den sie nie gesehen hat. Ein Geliebter, der auf dem Grund unserer Seele wohnt..." Auch ich habe mein halbes Leben mit schmerzlicher Suche verbracht nach seelischem Gleichklang. Vielleicht war es ja auch eher die Suche nach Gott, als nach einem Menschen. Nun, ich bin fündig geworden und jeden Tag dankbar dafür, denn nicht gerne denke ich an meinen Seelenzustand von damals zurück. Ich wünsche auch Dir dieses Glück!
    Liebe Grüße!
    Anke

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    1. Liebe Anke,
      inmitten aller manchmaligen Zweifel, die aus der Verbundenheit mit anderen entstehen, bin ich auch fündig geworden. Ich freue mich, dass es dir auch so geht.

      Ich habe ein ähnliches Zitat für dich, von Jelalludin Rumi:

      "Lange Zeit war ich auf der Suche nach jemandem,
      in dem ich das Bild meiner Seele erblicken konnte,
      doch niemand diente mir als Spiegel.

      Der kristallne Spiegel ist bloß für die äußere Gestalt von Wert,
      das Bild der Seele zeigt sich allein
      im Antlitz des Herzensfreundes."

      Der eine mag seelischen Einklang allein in der Hinwendung zu Gott finden, dem anderen ist dies nicht genug. Mir ist es nicht genug.

      Ich spüre immer wieder, dass ich nach dem Herzensfreund im menschlichen Antlitz suche und mir meine Verbindung zu den Buddhas nicht ausreicht, um ganz im menschlichen Hier und Jetzt zu sein. Das ist ein wenig abhängig von der persönlichen Veranlagung, vielleicht auch von der erinnerten Erfahrung.

      Ich vertraue darauf, dass nur einer sichtbaren Herzensbegegnung zwischen zwei Menschen die Kraft erwächst, die letztgültige Einheit der Seelen sichtbar zu machen. Erst kommt die persönliche Begegnung und dann das sichbare Wirken aus dem Einklang heraus. Sichtbar und spürbar für andere. Diesen Einklang in der Welt sichtbar zu machen, ist einer meiner Herzenswünsche. Im Englischen wird dies "display" genannt. Im Deutschen gibt es dafür keine Entsprechung - bzw. ich habe den passenden Begriff noch nicht gefunden. Dieses "display" des Gleichklangs steht für mich für die höchste Verwirklichung unseres wahren Wesens, der auf dieser tiefen gegenseitigen Liebe beruht, in der sich alles "Ich"-Empfinden preis gibt.

      Hier zeigt sich wieder, dass ich sehr anspruchsvoll bin ;-). Ich mag mich nicht mit weniger zufrieden geben, in diesem Leben. Dafür nehme ich in Kauf, dass mich die Unzufriedenheit, davon getrennt zu sein, noch weiter begleiten wird - wer weiß wie lange. :-)

      Liebe Anke, sicher bist du es nicht gewohnt von mir, dass ich auf einen deiner liebe Kommentare nicht antworte. Ich hoffe, du warst darüber nicht allzu beunruhigt. Ich war eine Woche verreist und bin zuvor leider nicht mehr zu einem ausreichend ruhigen Moment gekommen, um ehrlich zu antworten.

      Ich freue mich stets sehr darüber, von dir zu lesen und zu hören. Vielen Dank dafür. Ich wünsche dir von Herzen, dass der Gleichklang in deiner Seele von Tag zu Tag inniger und ungetrübter schwingen möge.

      Einen lieben Gruß in den Ostermontag und bis bald,
      Josephine








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