Vom Wert der inneren Freiheit

Wahrscheinlich wird das jeder von Euch kennen: An manchen Tagen scheint unser Leben und unser Schicksal einen übermäßig starken Zwang auf uns auszuüben, sodass wir daran zweifeln, dieses nach unseren Herzenswünschen gestalten zu können. Der einmal gewählte oder auf gut Glück erhaltene Job wird plötzlich als Falle empfunden und unausweichlich den Rest des Lebens zu determinieren. 

Welches Unternehmen hat schon Lust auf Quereinsteiger, die keinerlei Vorwissen auf die angebotene Position mitbringen? So ist es nicht leicht, wenn nicht gar unmöglich, etwas Neues auszuprobieren. Diese unsichtbare Last, in ein bestimmtes Muster und das immer gleiche Fahrwasser gezwungen zu werden, kann einen schon arg deprimieren.

Manches Mal fügen wir uns dann einfach in unser Schicksal und die Macht, die unser beruflicher Lebenslauf auf uns ausübt. Und das wirkt sich nicht selten nachteilig auf unsere tägliche Arbeit aus.

Die Frage, die ich mir häufig stelle, ist die nach meiner inneren Freiheit: Was bin ich bereit, für diese zu tun und darauf zu vertrauen, dass die inneren Dimensionen ebenfalls wirken? Wenn auch nicht wissenschaftlich belegbar und konkret greifbar?

Meine innere Freiheit ist für mich das höchste Gut. Um sie habe ich jahrelang gerungen und diese will ich mir nicht nehmen lassen. Und zu meiner inneren Freiheit gehört, mich nicht zur Sklavin meiner eigenen Vita zu machen.

Der Job ist mein Lebenserwerb und ich verbringe den Großteil des Tages am Arbeitsplatz. Und mich sowie meine innere Freiheit trage ich stets mit mir, egal, was ich auch tue. Denke ich die ganze Zeit daran, dass ich diese Arbeit nicht als etwas werten kann, was ich mir vom heutigen Zeitpunkt aus bis zu meinem Renteneintritt vorstellen kann, dann ist das so.

Ich gönne mir die innere Freiheit, dass alles - innere und äußere Ursachen und Umstände - sich von Moment zu Moment ändert. So wird es nicht diese Arbeit sein, die mich bis zum Renteneintritt erwartet.

Irgendwo am Rande des täglichen Tuns ergeben sich neue Entwicklungen, sei es in mir oder auch in der Resonanz, die ich täglich erzeuge. Und es besteht immer die Option auf positive Veränderungen. Aus meiner momentanen Arbeit eben nicht eine Wertigkeit oder ein Urteil für den Rest meines Arbeitslebens abzuleiten, ist meine innere Freiheit. Ich kann mir jederzeit bewusst werden, dass der Moment nicht ewig dauert. Ich kann mich generell offen halten, für die Möglichkeiten auf Veränderungen, die sich unverhofft und ungeplant bieten.

Dieser ständige Wille zur Offenheit ist per se innere Freiheit. Und durch die Praxis der Meditation habe ich sie mir erobert. Durch Meditation, in der ich mein Denken, Fühlen und Urteilen beobachtet habe, lernte ich, dass ich lang gehegte Zuschreibungen nicht immer wieder neu bestärken muss. 

Und die Idee, dass mein Lebenslauf mein Schicksal bis zur Rente vorbestimmt, gehört dazu. Sehr oft schnappen wir solche Denkgebäude auf und identifizieren uns unhinterfragt mit ihnen. Und sobald wir im Moment der Indentifikation mit ihnen innerlich Ja dazu sagen, bekräftigen wir sie und berauben uns der eigenen, inneren Freiheit.

Zu Zeiten, da ich nicht meditierte, war ich ein personifiziertes Ja auf zwei Beinen: Alles, was mir von außen gespiegelt, über mich vermutet und in mir gesehen wurde, saugte ich auf wie ein Schwamm und dachte, das wäre die Wahrheit. Daneben gab es keine Wahrheit für mich. Und entsprechend elend fühlte ich mich mit mir und meinem Leben. Sicherlich gab es das diffuse Empfinden, dass da mehr war und sein musste, denn sonst hätte ich mich damit wohl gefühlt, alles zu akzeptieren, was andere über mich glaubten, zu wissen. Und dieses diffuse Empfinden machte mich mit der Zeit so unruhig, dass ich nicht anders konnte, als endlich in meinen eigenen Geist zu schauen und auf diese meine Eigenwahrnehmung zu vertrauen.

Die innere Freiheit bietet sich in deiner eigenen Wahrnehmung von dir und der Welt. Sofern du sie nicht in dir klar und präsent hast, bist und bleibst du ein Fähnchen im Wind, was außerstande ist, nach eigenen Maßgaben und Werten zu handeln.

Heute lebe ich damit, dass andere nur einen Bruchteil von mir wahrnehmen. War es früher das, was ich unreflektiert und unbestimmt äußerte und zeigte, so ist es im Laufe der Jahre mehr und mehr das geworden, was ich bewusst äußere und bewusst nach außen sende. Bis auf den wirksamen, blinden Fleck, natürlich, den jeder von uns hat. Doch dieser unbewusste Fleck ist im Laufe der Jahre, in denen ich regelmäßig in meinen eigenen Geist und meine Empfindungen schaute, relativ klein und unbedeutend geworden.

Meine neu errungene innere Freiheit gibt mir die Macht, mein Leben auf die von mir bevorzugte Art und Weise mitzugestalten. Und auf einmal hat mein Lebenslauf den Wert, den er de facto wirklich hat: In den wenigen Momenten, wo ich mich um eine neue Position in der Arbeitswelt bewerbe, spielt er eine Rolle. Und sonst nicht. Sonst zählt nur, was ich täglich von mir zeige und preisgebe. Und diese Momente der Selbstbestimmung übersteigen die Momente, wo sich jemand wertend durch meinen Lebenslauf liest, um ein Tausendfaches.


Zu meiner inneren Freiheit gehört, die Dinge und Ereignisse an den Platz zu stellen, den sie in Wahrheit wirklich einnehmen, anstelle mir von einem stark emotional aufputschenden Gedanken alles in unerwünschter Art und Weise einfärben zu lassen. Und diese innere Freiheit erlangte ich, indem ich lernte, Dinge und Ereignisse ohne Wertung und ohne vorschnelle emotionale Identifikation zu betrachten. Ich beobachtete und betrachtete sie von allen mir einsehbaren Seiten. Ich ließ das Ganze im Herzen auf mich wirken, spielte alle Optionen durch und lernte, mich durch sie hindurch zu bewegen und zu ihnen bewusst ins Verhältnis zu setzen.

Vorbei ist der Trug, den von außen auf mich Einstürmendes früher auf mich ausübte: Ich glaube heute nicht mehr daran, dass der erste, spontane Eindruck gleich die Wahrheit ist. Ich ziehe in Betracht, dass bestimmte Muster des Wertens und bestimmte Empfindlichkeiten mit hinein wirken. Und es ist immer möglich, sich aus dem Ganzen herauszuziehen und noch einmal aus der Vogelperspektive zu schauen. Das ist meine innere Freiheit.

Heute fällt es mir beinahe spielend leicht, meine eigene Position dabei nicht mehr aus dem Auge zu verlieren. Ich habe präsent, was mir lieb und teuer ist und welche Werte zu leben mich glücklich macht. Und diese nehme ich in jede meiner Entscheidungen und bewusst getätigten Aktionen und Reaktionen mit hinein. Manchmal spüre ich als Empath immer noch klar und deutlich, wie andere mich und die Situation werten. Doch es gehört zu meiner inneren Freiheit, diese Wertung nicht übernehmen und mich damit gleich identifizieren zu müssen. Das tat ich früher, als ich noch nichts über mein empathisches Vermögen und dessen Auswirkungen wusste.

Meine innere Freiheit kann ich zunehmend bewusst einsetzen, um Ereignisse, Projekte und Vorhaben in meinem Sinne zu beeinflussen. Dies geschieht durch ein bewusstes Aufrechterhalten meiner inneren Haltung sowie dem Sprechen und Handeln in Übereinstimmung mit ihr.

Ertappe ich mich also dabei, dass ich dem, was ich beruflich tue, eine gewisse Macht über mein Schicksal erteilen möchte, so bin ich mir bewusst: Das ist das Ego. Dieses Bild eines Ichs und dessen Wertung nach sozialen, persönlichen und kollektiven Regeln habe ich natürlich auch in mir präsent. Doch nichts zwingt mich dazu, ihm diese Macht wirklich zu überlassen, die es immer wieder über mich und mein Leben an sich reißen möchte.

Die Zukunft ist komplett offen und ebenso mein Herz für diese. Mag ich heute noch bestimmte Pläne haben, wie ich mit meiner Arbeit und der Zeit bis zu meiner Rente umgehen möchte, so weiß ich doch um deren Vergänglichkeit. 

Ich weiß, dass ich eines unverhofften Tages tausend gute Gründe und ein freudiges Gefühl im Herzen haben kann und mein Leben komplett ändern werde, egal, wie sich das auf meinen Lebenslauf auswirken wird. Denn ich habe das Vertrauen in meinem Herzen, dass ich noch lange nicht alles weiß und ebenso noch nicht alles erfahren habe, was eine Lebensspanne bieten kann. Und ich werde jeden Impuls auskosten, der sich bietet, täglich neu, offen und unvorhersehbar zu leben. So soll es sein.

Denn so zu denken und für die unverhofften Geschenke des Lebens offen zu sein, ist meine innere Freiheit.





Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Bedeutung, Begeisterung, Selbstwirksamkeit

Die Bedeutung des Fühlens

Konsens oder das Gesetz des Stärkeren?