Kein Entkommen

Nicht mehr entkommen zu wollen, ist für mich die wichtigste Übung, um im Hier und Jetzt zu sein. Und es gibt viele offensichtlich und subtile Arten, es wieder und wieder zu versuchen. Selbst, wenn ich denke, dass ich mir keinen Ausweg suche, tue ich es oft.

Zuerst sei festgehalten, dass es menschlich ist, wenn nicht gar universal, dem, was als unangenehm wahrgenommen wird, zu entkommen. Oft ist es gesund und richtig, beschwerlichen Situationen den Rücken zu kehren. Und niemals würde ich jemandem empfehlen, in einer unangenehmen Situation zu bleiben, die für ihn oder andere schädlich ist. Das ist ganz selbstverständlich.

Es gibt aber auch eine Suche nach einem Ausweg, nach einem stillen, bequemen und den eigenen Vorstellungen und Wünschen entsprechenden Ort, der mit der eigenen Komfortzone zu tun hat. Jene Zone, in der alles kalkulierbar, abschätzbar, festgelegt und in ganz spezifischer Ego-Manier "stimmig" und "harmonisch" ist. Manch einer nimmt dafür sogar gewisse Entbehrungen billigend in Kauf. Hauptsache, er oder sie hat seine persönliche Ruhe.

In meinen Augen bietet jeder, wirklich jeder spirituelle Pfad beste Voraussetzungen dafür, in die Falle dieser eigenen Komfortzone zu geraten.  Solange ich mir dessen bewusst bin und dazu stehe, sei es so. Doch wirklich schwierig und beinahe unethisch wird es nach meinem Empfinden immer dann, wenn das Bewahren dieser persönliche Komfortzone mit irgendwelchen spirituellen Prinzipien begründet oder gar zur spirituellen Praxis verklärt wird.


Natürlich ist es gut, richtig und wichtig, in Einsamkeit zu meditieren und das, was ich mir an Grundlagen meines Weges angeeignet habe, zu verinnerlichen. Doch was, wenn ich mich an diese Abgeschiedenheit und den "Frieden", den sie mir bringt, so sehr gewöhnt habe, dass ich jeden Menschen, der an mich herantritt und diesen Frieden "stört", nicht ertragen kann? Was, wenn ich mit diesem einen Menschen, der seinen Ballast mit sich bringt und an mich heranträgt, als nicht so rein und ethisch, wie mich selbst, empfinde? Was, wenn ich auf ihn mit Abscheu oder Geringschätzung schaue und keine Geduld mit seinen Verhalten, seinen Nöten und seinem konkreten Anliegen an mich habe?

Dieser "Frieden", ist kein Frieden, wenn er so leicht zu stören ist. Dieser Frieden hat nichts mit besonderer Spirtualität, Reinheit und Heiligkeit zu tun. Und schon gar nichts, mit Liebe und Mitgefühl und dem Fokus auf dem Wohl der Wesen, wie ihn Mahayana-Buddhisten anstreben.


Wenn ich kein Verständnis und keine Geduld für meine Mitwesen und Mitmenschen aufbringen kann, gibt es daher nur zwei Begründungen dafür: Entweder, ich bin total ausgepowert, erschöpft und gehe aus Ressourcengründen automatisch in die Defensive, oder ich folge meinen luxuriösen Vorstellungen einer problemfreien Zone. Letzteres kann nur vom Ego kommen und seinen Beurteilungen, was ein "Problem" ist, wie dieses mir womöglich schadet und dass ich mich davon fernhalten muss. Auch hier rede ich wieder von Situationen in einem normalen Alltag und nicht von extremen Belastungssituationen, die gefährlich für Leben und Psyche sind.

In meinem Alltag ist der Gradmesser für die Praxistauglichkeit meiner Spiritualität, dass ich die Menschen und Wesen um mich herum nicht ausschließe. Selbst wenn ich genervt und gestresst bin, vergegenwärtige ich mir so oft es geht, was das Gegenüber wohl dazu bewogen hat, mich zu nerven oder zu stressen. Meistens nervt oder stresst mich vielmehr, wie ich die gegenwärtige Situation wahrnehme und deute, als die Person mir gegenüber. Und die Frage nach erfüllten und unerfüllten Bedürfnissen habe ich im Hintergrund meines Geistes gegenwärtig. Denn sowohl ich als auch mein Gegenüber reagieren dann unausgeglichen, wenn es uns an etwas mangelt oder wenn wir befürchten, dass es uns an etwas mangeln könnte.

Ich übe mich darin, Mangelerscheinungen sowohl bei mir als auch bei meinem Gegenüber über einen vertretbaren Zeitraum geduldig zu begegnen. Verstärkt sich der Mangel nur, ohne dass eine Verbesserung eintritt, unternehme ich etwas. Ich kann auf eine mögliche Disharmonie hinweisen, einen Vorschlag zur Lösung anbieten und gelegentlich kann ich mich dieser Situation auch entziehen. Doch dies tue ich meist erst dann, wenn alle anderen Versuche scheitern und der Mangel zunimmt und womöglich weiterer Schaden daraus entsteht.


Natürlich kann ich von mir nicht behaupten, dass ich alles klar und deutlich und rein sehe, ganz ohne Schleier und Verzerrung. Doch allein dadurch, dass ich achtsam diese genannten Kriterien innerlich präsent halte und durchspiele, tue ich etwas dafür, mit den Wesen zu sein und zu bleiben, die mit mir zusammen die gegebene Situation erleben. Ich übe mich so darin, nicht mehr entkommen zu wollen.

Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen ich zu alledem nicht in der Lage bin. Denn diese aktive Auseinandersetzung mit dem, was gerade ist, setzt ein Mindestmaß an verfügbaren Ressourcen voraus. Oder, um zu meinem letzten Blogpost noch einmal die Brücke zu schlagen: Gewisse Grundbedürfnisse, wie sie Maslow in seiner Bedürfnishierarchie darlegte, müssen zu ca. 70% erfüllt sein. Zum Beispiel, dass ich mich in Sicherheit fühle und somit mental und psychisch handlungsfähig bin.

Ich übe mich in diesem inneren und äußeren Verhalten, weil ich mir sehr oft vergegenwärtige, dass es unendlich viele Wesen gibt, die unangenehmen, schädlichen und schwierigen Umständen nicht einfach entkommen können und dass ich unter ihnen keine Ausnahme darstelle.

Wenn ich zum Beispiel morgens zwischen 8 und 9 Uhr in der U-Bahn zur Arbeit fahre, ist diese oft überfüllt und häufig verspätet. Je nach Jahreszeit ist es mühsam, anschließend von der U-Bahn noch zum erforderlichen Bus zu hetzen und darin noch ein freies Fleckchen zu finden. Schaffe ich es nicht, muss ich auf den nächsten Bus warten und komme zu spät, weil der Bus meistens noch in stockenden Verkehr gerät. Und abends, zwischen 18 und 19 Uhr? Das gleiche Lied, die gleichen Beschwernisse, die selben Verspätungen... Dann lobe ich mir die Wochen, in denen ich ein, zwei Stunden später Schicht habe.

Ja, dies ist eine ganz alltägliche Situation. Eine wiederkehrende Belastung. Und jeder, der kann, würde sich das ganz anders organisieren wollen und mitunter können. Doch ich tue es nicht, weil ich mich zur Zeit darin übe, nicht zu entkommen. Ich teile diesen Alltag mit so vielen anderen Menschen und möchte einfach gerne lernen, damit zurecht zu kommen und mitten unter ihnen ein liebevoller und mitfühlender Mensch zu sein.

Trotz all dieser Beschwernisse suche ich mir nicht den luxuriösen, friedvollen, von fühlenden Wesen freien Ort. Denn für diese fühlenden Wesen eine Hilfe, vielleicht ein kleines Vorbild und irgendwann einmal Stütze zu sein, habe ich gelobt und gelobe es täglich, wenn ich das Bodhisattva-Gelübde spreche.

Den fühlenden Wesen und dem, was sie mit mir, dem Leben an sich, der Gesellschaft, der Nation und der Kultur täglich machen und an Glück sowie Erschwernissen produzieren, nicht entkommen zu wollen, erachte ich als höchste Übung und Pflicht. Und ich bin jeden Tag dankbar dafür, in diesem blühenden Leben die Möglichkeit zu finden, mich in allerlei nützlichem inneren und äußeren Verhalten zu üben. Warum sollte ich bei so fruchtbaren Bedingungen in Abgeschiedenheit entkommen wollen, an einen "friedlichen" Ort?


Es ist mir dennoch äußerst wichtig, mir meine abgeschiedene Oase im geschäftigen Alltag zu schaffen, um meine Bedürfnisse nach Besinnung und Reflektion zu stillen, sowie meine körperlichen und psychischen Ressourcen aufzufüllen. Nicht immer gelingt mir das optimal und oft lasse ich mich aus Unausgeglichenheit dazu hinreißen, meine Komfortzone ausweiten und nicht mehr verlassen zu wollen. Das ist nur allzu menschlich.

Und ich bitte täglich darum, stets davor bewahrt zu bleiben, das Beschützen und Verteidigen meiner Komfortzone oder meiner Bedürfnisse mit einer besonderen, spirtuellen, heiligen Tat zu verwechseln und in Wahrheit nur meine Ruhe haben zu wollen. Denn vor Samsara gibt es so oder so kein Entkommen und keinen Schutzraum.


Lieber springe ich mitten hinein und arbeite mit dem, wovor es kein Entkommen gibt, als dass ich eines Tages fühlenden Wesen, denen ich zu helfen versprach, Schaden zufüge, nur weil sie einmal, willkürlich oder unwillkürlich, meinen "heiligen Frieden" gestört haben.











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