Die Strahlkraft des Herzens

Seit Januar habe ich in der Arbeit eine neue Aufgabe übernommen. Und wenige Wochen später sagte der Abteilungsleiter zu mir: "Allein deine Anwesenheit wirkt sich bereits positiv aus!" Damit meinte er damals den Einfluss auf meine beiden Kolleginnen, in deren Bund ich nun die Dritte bin. Ich war sehr erstaunt, über diese Aussage und dankbar zugleich, ein solch ermunterndes Feedback zu bekommen.

Ich dachte über diese Worte nach und erinnerte mich, wie lange ich unschlüssig gewesen war, mich überhaupt auf diese Position zu bewerben. So, wie das Team auf mich gewirkt hatte, wusste ich nicht, ob ich da hinein passen würde. Letztlich siegte die innere Gewissheit, dass ich dringend eine Veränderung brauchte und ich bewarb mich um die Position - und heute weiß ich: Es war genau richtig.

Was ich in allen meinen Vorannahmen über den neuen Aufgabenbereich nicht bedacht hatte, spiegelt sich in den Worten meines Chefs: Allein meine Anwesenheit wirkt sich aus. Da muss ich noch gar nichts tun oder gesagt haben.

Ist es nicht so, dass wir das alle oft vergessen? Wir wirken, unabhängig davon, ob wir etwas hörbar sagen oder sichtbar tun. In unserer ergebnisorientierten Gesellschaft, in der das sichtbar Geschaffene eine große Bedeutung hat, fühlen wir uns oft nutzlos, wenn wir dazu nichts Greifbares beitragen. Doch Einfluss nehmen wir trotzdem. Und sich dieses nonverbalen Einflusses stärker zu besinnen, öffnet eine Tür in eine stark vernachlässigte Dimension: die Dimension der inneren Haltung.

Schon öfter habe ich erwähnt, dass die Frage danach, wie ich etwas tue, weitaus wichtiger für mich ist, als das was. Und genau darin liegt für mich der Schlüssel, die universelle Wahrheit, die der Buddhadharma lehrt, mit dem Alltag zu verbinden. Wenn ich das, was ich tue, mit einer guten inneren Haltung tue, wird daraus Gutes entstehen und sich positiv auf alle Beteiligten auswirken.

Ich stecke in meiner neuen Position noch ganz klar in einer Lernphase. Der Anspruch an mich ist immer hoch und so weiß ich um Vieles, was ich noch besser machen möchte. Die ersten Schritte, die ich in der neuen Arbeit tue, sind unbeholfen. Manchmal verliere ich den Kontakt zu meiner inneren Haltung und lasse mich von äußeren Ereignissen mitreißen. Ich arbeite in einer Position, die stark operativ geprägt ist. Täglich gibt es unvorhersehbare Ereignisse, auf die rasch reagiert werden muss und oft genug fühlt man sich wie eine emsig arbeitende Ameise, die am Ende ohne gewünschtes Ergebnis da steht.

Operativ bedeutet, dass eine Vielzahl von Einflussgrößen und Faktoren beachtet und darauf reagiert werden muss, um das Geschäft gut am Laufen zu halten. Täglich muss ich damit rechnen, dass meine am Vortag angestrebte Planung sich in Luft auflöst, weil diverse Faktoren nicht zulassen, sie in die Tat umzusetzen. Je stärker jemand ergebnisorientiert ist, desto unbefriedigender wird ihn diese Arbeit am Ende des Tages zurücklassen. Eine gute Leistung ist in meiner Arbeit in jedem Falle eine Teamarbeit und niemals das Ergebnis der Leistung einer einzelnen Person.

Noch immer finde ich diese Art der Arbeit sehr lehrreich. Sie fordert von mir Flexibilität. Täglich gilt es, locker zu lassen und mit den Gegebenheiten zu fließen. Auch mit den menschlichen Gegebenheiten. Das einzige, was mich jeden Tag zufrieden mit meiner Leistung nach Hause gehen lässt, ist mein Anspruch an mich selbst - oder anders gesagt, meine innere Haltung.

Meine innere Haltung wird vorrangig von meinem Wunsch nach einem guten Umgang mit meinen Mitmenschen determiniert. Ich versuche, mich stets auf das Gute im anderen zu fokussieren. Selbst, wenn mal etwas nicht rund läuft, greift somit die Unschuldsvermutung.

Meine beiden Kolleginnen und ich haben die Aufgabe, Mitarbeiter gut zu motivieren und ihnen alles an die Hand zu geben, was ihnen ermöglicht, ihre Arbeit zu machen. Das hauptsächliche Arbeitsmittel ist das fachliche Feedback. Damit einher geht die Notwendigkeit, Unstimmigkeiten oder Konfliktsituationen aushalten zu können. Denn nicht jedes Feedback wird automatisch auf Gegenliebe stoßen und nicht für alles, was schlecht läuft, gibt es eine Lösung.

Wie trage ich diese innere Haltung in meinen Arbeitsalltag? Ich weiß sie sicher in meinem Herzen verankert. So oft ich kann vergewissere ich mich daher, dass mein Herz offen ist und bereit, das Gegenüber gütig einzuschließen. Und dies ist es stets dann, wenn ich mich in den gegenwärtigen Moment hinein entspanne. Damit fahre ich auch alle Schilde herunter und stelle mich möglichst unmaskiert der jeweiligen Situation. Ich bin mir sicher, dass mein Herz jeder Situation gewachsen ist, mag es auch mein Ego nicht immer sein.

Dies funktioniert mal gut und mal schlecht. Was ich sicher sagen kann: Auch wenn mein Ego dazwischen funkt, gibt es einen kostbaren Moment, indem ich mich eines Besseren besinnen und mein Herz öffnen kann.

Selbst wenn mein Abteilungsleiter von solchen spirituellen Dimensionen nichts weiß, so bin ich mir sicher, dass er meine herzliche Motivation schon wenige Wochen nach Antritt meiner neuen Position wahrgenommen hat. Und mag dies auch nicht jeder verbal ausdrücken oder mit dem Finger darauf zeigen können, so sind alle Menschen dazu fähig, die Motivation im anderen wahrzunehmen.

Selbst wenn keiner von uns also an einer Position ist, von der aus er die Macht hätte, die Welt zu verändern, so ist jeder von uns dennoch wirksam. Nach dem Gesetz der Resonanz wird sich das Gute stärken und potenzieren, sofern wir es aus unserem Herzen strahlen lassen. Und dies geschieht nicht allein dann, wenn wir auf dem Meditationskissen sitzen oder in einem Retreat sind, sondern in jedem Augenblick unseres Daseins.

Wenn wir es schaffen, an einer guten, inneren Haltung festzuhalten, egal, was wir auch tun, werden wir einiges bewegen und verändern. 

Und wenn wir uns vom unmittelbaren, selbst geschaffenen Ergebnis verabschieden und stattdessen darauf achten, wie im gegenwärtigen Moment etwas getan wird, werden wir automatisch auf ein gutes Ergebnis hinarbeiten. Unabhängig davon, wie lange es dauert und unabhängig davon, wie viele daran mitarbeiten.

Egal, wo du bist, du hast aus dem Herzen heraus immer die Chance, hilfreich wirksam zu sein und dein Umfeld mitzugestalten. Du wirst vielleicht keine Lorbeeren ernten oder sie teilen müssen, wenn du welche erlangst. Doch das ist gut so:

Letztlich ist nach dem Gesetz des Abhängigen Entstehens alles, was wir erschaffen, das Ergebnis von Teamarbeit. Ein persönlicher und alleiniger Sieg ist nicht mehr als der verwirrte Wunschtraum unseres Egos.



om ye dharma hetu prabhawa | hetun teshan tathagato hyavadat | teshan tsa yo nirodha | ewam vade mahashramanah soha

Om, alle Phänomene stammen von Ursachen ab  |  deren Ursache lehrte der Tathagatha  | und auch was deren Aufhören ist  |  hat der Große Shramanah verkündet. Soha!




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