Die Kathedrale des Einhorns

Etliche Monate, wenn nicht inzwischen Jahre ist es schon her, dass ich von der Kathedrale des Einhorns träumte. Es war einer von diesen Träumen, die eine Spur von Wahrhaftigkeit hinterlassen, wenn man aus ihnen aufwacht.

Mit Einhörnern hatte ich bis dato nicht viel zu tun, bis auf die nebenbei aufgeschnappte Kenntnis, dass dieses Fabeltier in Europa ursprünglich aus der griechischen Mythologie bekannt ist. Doch auch in der indischen und persischen Mythologie wird es erwähnt und dabei stets in Verbindung mit dem Guten gebracht. Es soll in Freundschaft mit den Elfenvölkern leben und in Vollmondnächten ihren Tänzen beiwohnen. Einhörner werden auch "das Auge Gottes" genannt.


In meinem Traum tauchte das Einhorn nicht bildlich oder als lebendiges Wesen auf. Doch ich träumte von einem Ort, der zutiefst mein Ort war. Von einem Raum, den ich zur Verfügung stellte, für Menschen - oder Seelen, die Zuflucht und eine Auszeit suchen. Eine Auszeit von allen ihren Ämtern, Verpflichtungen und Rollen, die sie in diesem Leben inne haben.

Ich lud viele von ihnen in dieses große, wie ein Dom wirkende Gebäude ein. Ich gab ihnen die Möglichkeit, eine zeitlang ganz frei von allen Pflichten zu sein, die sie sonst in diesem Leben schwer auf ihren Schultern tragen und sagte ihnen:

"Solange ihr hier, in der Kathedrale des Einhorns seid, könnt ihr ganz und  gar bei euch sein und euch auf das Wesentliche in eurem Herzen konzentrieren..."

Dieses Gebäude war groß, voller Licht und Luft. Und obwohl ich es Kathedrale nannte, glich es nicht einem christlichen Gebäude. Denn dies wäre auch wieder eine Einschränkung auf eine bestimmte Religion und geschichtliche Prägung gewesen. Und genau das ist dieser, mein Raum nicht.

Bevor ich oder du in diesem Leben ganz und gar und bewusst einen Weg einschlagen oder eine Aufgabe klar und mit vollem Verantwortungsbewusstsein übernehmen kann, ist es gut, einmal ganz fern von dem zu sein, was einen geprägt hat.

Rein biologisch ist es nicht möglich, sich ganz jenseits dessen zu bewegen, was wir an neuronalen Verbindungen in unserem Gehirn entwickelt haben. Doch wir können sehr viel dafür tun, dass dieses  neuronale Netzwerk frisch und neu bleibt und uns nicht belastet, indem es uns in festgefahrene Verhaltensweisen zwingt. Nur so können wir verhindern, dass wir einander aus irgendwelchen Verbohrtheiten, Unkenntnis und Intoleranz heraus Schaden zufügen.

Sich dafür eine gewisse Zeit ganz frei zu machen, was uns definiert und was wir als Selbstdefinition akzeptiert haben, um ganz neue Wege zu denken, ist für mich unerlässlich.

Vielleicht denke ich so, weil ich in ein anderes Leben geboren wurde, als mein Herz erinnerte. Ich spürte stets einen Abstand, zwischen meinem Leben und meinem Herzen. Ich wusste, dass dieses Leben nicht dem entspricht, was mir im Herzen geschrieben steht. Und ich suchte sehr oft nach dem passenden Spiegel. Ich fand ihn nicht. Weder in dem, was meine familiäre Herkunft zu bieten hatte, noch in der Psychologie, noch im Buddhismus.

Während meiner Reise lernte ich viel und allmählich verstand ich, dass das Wesentliche in keinem kulturellen Formenkreis zu finden ist. Die Kultur verweist nur auf diese Essenz, doch in kulturellen Ausprägungen und allem, was spezifisch greifbaren Ausdruck als Kultur findet, ist es nicht zu finden.

Im Buddhismus spricht man vielleicht davon, das dem so ist. Wirklich zu akzeptieren hingegen, dass dies wahr ist und diese Wahrheit als innigstes Herz unseres Seins zu leben, ist sehr schwer. Wir können uns kaum jenseits unseres Kulturkreises stellen. Immer wird es Gründe geben, ihn zu bejahen und sich innerhalb seiner Ausdrucksformen am Leben zu beteiligen.

Doch wofür wir sorgen können, das ist das Aufrechtherhalten dieser Wahrheit im Herzen, als unsere Motivation, mit der wir innerhalb unserer Kultur agieren. Wir können wach bleiben, für die Tatsache, dass die Regeln und Vereinbarungen unserer Kultur eben aus guten Gründen des Zusammenlebens gebildet und geschichtlich gewachsen sind, aber nicht das Wesentliche sind. Und indem wir uns dessen bewusst und positiv motiviert bleiben, beeinflussen wir wiederum unsere Kultur achtsam in eine gute Richtung.

Um der Routine und Betriebsblindheit vorzubeugen, ist es für mich unerlässlich, mich wieder und wieder aus dem täglichen Kleinklein zu ziehen. Und selbst die sich allmählich durch den Alltag verfestigende Vorstellung von "Ich" und "Mein" loszulassen. Diese Auszeit braucht einen speziellen Raum, der frei ist von kulturellen Vorgaben. Einen Raum, der jedes Wesen darin zuerst Mensch sein lässt. Der es mir ermöglicht, wirklich alle Regeln, zu denen ich mich sonst bekenne, einmal aufzugeben.

Nur durch diese Zeit des Andersseins und des ganz frei nur Menschseins, ohne Amt und Würden, haben wir Raum genug, um einmal wieder neue Synapsen zu bilden, um uns vielleicht durch Kontemplation und Meditation neu inspirieren zu lassen, von unseren eigenen, aus dem Herzen strahlenden, frischen Ideen und ganz innovativen Plänen.


Über diesen regel- und kulturfreien Raum denke ich schon sehr lange nach - und wie frisch und belebend ein Aufenthalt dort ist. Ein jeder von uns hat es verdient, einmal komplett auszusteigen und eine Art Bestandsaufnahme zu machen. Und ich träume schon lange davon, einmal einen solchen Raum konkret und real werden zu lassen.

In diesem Traum war dieser Traum wahr geworden. In diesem Traum von der Kathedrale des Einhorns war dieser Raum schon gegenwärtig. Und da wusste ich, dass er Kraft meines Wunsches und meines gedanklichen Bauens daran, in einer geistigen Dimension schon existiert und lebendig ist.

Viele erschöpfte Seelenherzen sah ich im Traum in die Kathedrale strömen - und zwar nicht nur menschliche. Zunehmend erschien mir diese Kathedrale groß wie ein ganzes Land.

Und sicher war dieses Land nicht ohne Regeln: Die oberste Regel lautet, dass alle bisherigen Regeln, Gelübde und Verpflichtungen aller Besucher außer Kraft gesetzt werden.

Die nächste Regel lautet, dass ein jeder auf seine eigene Art und in seinem eigenen Tempo erfahren und herausfinden darf, was seinem Herzen wirklich entspricht.

Und die letzte Regel lautet, dass ein jedes Wesen dort eine Entscheidung treffen darf, wo es seinem Herzen nach als nächstes hingehen wird. Und zwar bei vollem Bewusstsein, mit tiefem, aus der Analyse seiner Situation gewonnenen Verständnis, für sich und seinen bisherigen Weg. Und durch eine ganz bewusst getroffene Entscheidung.

Im Traum spürte ich, dass ich diese Kathedrale aus Empathie geboren hatte. Aus tiefem Verständnis dafür, dass ein jedes Wesen wieder und wieder in seinem Leben aus Unwissenheit, kulturellem Druck und emotionaler Verstrickung Entscheidungen trifft. Und oft führen diese so weit weg von der Einfachheit und präzise für andere Wesen wirkenden Liebe des eigenen Herzens. Jeder von uns hat es verdient, sich aus diesen Verstrickungen zu befreien - oder sich bewusst noch einmal für sie zu entscheiden.

Eine bewusste Entscheidung ist eine freie Entscheidung. Und diese treffen wir nur, wenn wir die Freiheit spüren, uns nach Herzenslust entscheiden zu dürfen.


In dieser Kathedrale des Einhorns existiert diese Freiheit von allem elementaren Druck, den unser Leben uns sonst aufzwingt und dessen wir uns oft nicht recht bewusst werden. Und nicht nur "das Auge Gottes" wacht in diesem großherzigen Raum über seine Besucher, sondern ein jeder betrachtet sich selbst und das Leben dort mit dem Auge Gottes (oder mit dem Auge der eigenen Buddha-Natur), das tief in seinem Herzen wohnt.

Wenn ich könnte, würde ich diesen Raum physisch und materiell Realität verleihen. Ich wünsche mir genau so einen Ort des Retreats, wie diese "Kathedrale des Einhorns". Ein Retreatzentrum, dass spirituell keiner Religion zugeordnet ist.
  
Aus tiefstem Herzensgrund hoffe ich, dass du dir die Freiheit nimmst, alle Entscheidungen, die du in diesem Leben getroffen hast, in Abgeschiedenheit zu prüfen und gegebenenfalls durch neu zu schließende seelische Verträge zu erneuern. Weil du erschöpft bist von der Last deiner Verpflichtungen und diese Möglichkeit zur Erneuerung zutiefst gütig und im Einklang mit dem Leben ist. Und wenn ich kann, schenke ich dir gerne, aus der Liebe meines Herzens für diese Freiheit, den notwendigen Raum dafür. Dies ist das wesentlichste Wunsch und die größte Sehnsucht meines Herzens.

Ich habe Vertrauen, das du und dein Herz, ebenso wie die Herzen aller anderen Wesen, von meinem in Wahrheit nicht verschieden sind. Und wenn du dich und ich mich, aus ganzem Herzen für die Natur unseres wahren Herzens entscheiden, so wird daraus immer und immer nur das zutiefst Gute entstehen.

Ich wünsche dir eine ganz persönliche Zeit in der Kathedrale des Einhorns. Mögest du den Weg dorthin finden und eine Zeitspanne lang ganz und gar frei sein, um, neuen Mutes und angefüllt mit neuer Hoffnung, unvermutet innovative und nützliche Wege zu gehen. So sei es.

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