Bedürfnisse und Spiritualität in Balance?

Wer nicht mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren wurde, hat es nicht immer leicht, eine Balance in seinen Bedürfnissen zu finden. Ich zum Beispiel lebe allein und sinke manche Tage einfach nur erschöpft zusammen und schaffe es nicht, mich um alle notwendigen Erledigungen zu kümmern. Und alles, was liegen bleibt, wartet auf mich, bis ich es an meinen freien Tagen in Ordnung bringen kann.

Die Zeiten haben sich dahingehend geändert, dass wir nicht mehr in Großfamilien leben - und damit in sozialen Verbänden, die sich gegenseitig in alltäglichen Fragen unterstützen. Viel mehr Menschen leben als Single, so, wie ich auch.

Letztlich bedeutet das, dass ich mich um jedes meiner Bedürfnisse selbst kümmern muss. Das fängt bei der elementaren Fürsorge für meinen Körper, also meine Grundbedürfnisse an, geht über Sicherheit, Lebensunterhalt und soziale Einbindung bis hin zu individueller Freiheit und letztlich zum Bedürfnis nach spiritueller Selbstverwirklichung. Vielleicht ist dem einen oder anderen die Maslowsche Bedürfnispyramide ein Begriff. Hier setzt die Erfüllung eines Bedürfnis oft voraus, dass noch elementarere Bedürfnisse grundlegend erfüllt sind.

Ich bin jeden Tag herausgefordert, diese Bedürfnisse in Balance zu halten. Vernachlässige ich dies an der einen oder anderen Stelle, so fällt dies irgendwann böse auf mich zurück. Der dadurch entstehende Mangel wird mich an irgendeiner Stelle in meinem Alltag Schachmatt setzen. Und ich kenne die Sicherheit in meinem Leben nicht, dass sich notfalls schon jemand anderes gerne um mich kümmern wird. Im Gegenteil: Vernachlässige ich mich, wird beispielsweise meine psychische Überforderung oder Unausgeglichenheit sich auf andere auswirken und sie zum Spielball meiner aus innerem Ungleichgewicht erwachsenden Probleme machen.

Auch in meinem Arbeitsalltag beobachte ich täglich, wie ein Ungleichgewicht sich sehr schnell auf das Umfeld auswirkt. Sei es, dass ich nicht genug auf mich geachtet habe, oder jemand anderes auf sich: Irgendwo bringt die Unausgeglichenheit ein Fass zum Überlaufen, setzt dort ein Vorhaben schachmatt oder vereitelt an anderer Stelle das Gelingen eines Projekts.

Ich sehe mich persönlich ganz klar in der Verantwortung, auf eine Balance achten zu müssen, sonst werde ich anderen zur Last fallen oder unter der Last, die sich allmählich bei mir ansammelt, irgendwann zusammenbrechen. Und niemand anderes, als ich selbst, wird diesen Ballast wieder aufräumen können, weil keiner da ist, der es für mich übernimmt.

In gewisser Weise liest sich diese Schilderung recht grausam, will mir scheinen. Und ich weiß nicht genau, ob dies typische Symptome in unserer westlichen Welt sind. Tatsache ist, dass mich dieses Thema schon lange in die Verantwortung nimmt.

In den letzten Jahren boomt das Thema "Burn-out" und es ist bekannt, dass die Zahl der Krankheitsausfälle aufgrund psychischer Belastung immer stärker zunimmt. In meinen Augen hat dies sehr oft mit Überforderung und damit auch mit unerfüllten oder vernachlässigten Bedürfnissen zu tun. Dies ist für mich klar ein Thema, was uns in Zukunft noch stärker beschäftigen wird, in unserem Alltag, als es das ohnehin schon tut.

Je freiheitlicher und individueller wir leben können und soziale Gefüge sich auflösen, die dem frühere Leben Stütze waren, desto mehr müssen wir uns um alles selbst kümmern. Das ist eine große Herausforderung, der nicht so leicht beizukommen ist. Leider auch nicht mit Spiritualität.

Vielleicht ist es dem einen oder anderen aufgefallen, dass das Bedürfnis nach spiritueller Selbstverwirklichung an letzter Stelle kam, nach Maslows  Bedürfnispyramide. Ich habe häufig darüber nachgedacht, wie das zu verstehen ist und komme nicht umhin, dem Modell Recht zu geben. Leider, muss ich in meinem persönlichen Fall sagen.

Mag das letzte Ziel meiner buddhistischen Praxis auch sein, eine bestimmte, innere Haltung in alle Ecken meines Alltags zu tragen, scheitere ich oft. Bevor ich meine Spiritualität gänzlich in den Alltag integrieren kann, bedarf es einfach auch geistiger, psychischer, meditativer Arbeit. Aus organisatorischen Gründen und aus Mangel an Energie kann ich mich meiner Spiritualität formal und zeitlich selten so ausgiebig widmen, wie es mein Bedürfnis wäre. Andere, elementarere und existentiellere Bedürfnisse bleiben oft unerfüllt, sodass ich meiner Spiritualität nicht angemessen nachgehen kann.

Meine Spiritualität ist mir in allen Lebenslagen eine Stütze, jedoch steht sie nicht im Mittelpunkt. Wollte ich dies ändern, wäre ich massiv auf die Unterstützung anderer Menschen angewiesen. Um ein Vielfaches stärker, als bisher. Andere Menschen müssten mir von A bis Z ermöglichen, diesen besonderen Freiraum einzunehmen und aufrecht erhalten zu können. Und das, obwohl sie selbst oft genug in ihrem Alltag um einen winzigen Bruchteil dessen schwer ringen müssen. Ich habe das nie fertig gebracht, diesen Schritt zu gehen, weil ich nicht wüsste, was ich ihnen Vergleichbares dafür zurückgeben kann.

Im Buddhismus wird oft davon gesprochen, dass die Verdienste, die jemand ansammelt, indem er Sanghas, Lehrer oder Menschen im Retreat unterstützt, gleichwertig zu dem Verdienst ist, die eben die Sangha, der Lehrer oder der Praktizierende erlangt. Diese Argumentation macht mich nicht glücklich. Insbesondere in der heutigen Zeit des Burn-outs und der anwachsenden psychischen Belastungen nicht. Ich kann mir nicht vorstellen,  dass andere diesen Belastungen ausgesetzt sind, während ich ein dreijähriges Retreat mache. Kann ich nicht. Das habe ich schon oft gedreht und gewendet und bringe das nicht fertig, einen anderen für mich womöglich diesen Preis zahlen zu lassen.

Und ich sage Euch auch, warum: Gerade im Buddhismus liegen so viele Möglichkeiten, den Menschen in der heutigen Zeit anwachsender psychischer Belastungen von höchstem Nutzen zu sein. Doch das wird der Buddhismus nicht, wenn er im Rahmen bisheriger traditioneller Sichtweisen verbleibt. Wenn er sich zu den Bedürfnissen, die bei den für Sangha, Lehrer und Praktizierenden zahlenden Menschen nicht hinneigt und die wertvollen Erfahrungen, die in Meditation und Arbeit mit der eigenen Psyche und dem eigenen Geist erlangt wurden, für diese Menschen nicht fruchtbar, greifbar und hilfreich macht.

Ich beobachte oft, dass in den meisten (tibetisch-buddhistischen) Sanghas es immer noch (traditionell) üblich ist, dass für die meisten Bedürfnisse des Lehrers gesorgt wird. Der Lehrer hat vielleicht selbst schon ein kostbares, dreijähriges Retreat gemacht und lehrt im Idealfall die Grundlagen des Buddhismus. Und zwar das, was ihm einstmals gelehrt wurde und auf dieselbe Art und Weise, wie ihm dies in einem anderen Land und einer anderen Kultur gelehrt wurde.

Die eigentliche Auslegung dieser Tradition hinein in den Alltag und die heutige Zeit leistet noch immer derjenige, der nicht nur für diese Veranstaltungen dem zuständigen Verein zahlt und dem Lehrer Geld spendet, sondern vielleicht sogar seine Wohnung putzt und ihm Essen kocht. Neben der eigenen Arbeit, dem eigenen Haushalt, der eigenen Familie und den eigenen, unerfüllten Bedürfnissen.

Für mich sind hier, zusätzlich zu meinen persönlich zu erfüllenden Bedürfnissen, auch noch die spirituellen Bedürfnisse im Mangel und in Ungleichgewicht. Deshalb könnte ich niemals auf Spendenbasis ein dreijähriges Retreat machen. Ich käme mir wie ein Dieb vor, wie jemand, der auf Kosten anderer lebt und dafür nichts Angemessenes zurück gibt. Weil ich mir die Kosten eines dreijährigen Retreats nicht leisten kann, habe ich daher den Wunsch nach einem Retreat vorerst beiseite gelegt.

Wann immer ich mich von meinen unerfüllten Bedürfnissen überfordert fühle (und hier meine ich keine luxuriösen Dinge, sondern wirklich ein vernünftiges Leben mit eigenem und für hiesige Verhältnisse angemessenen Lebensunterhalt) erinnere ich mich daran, was ich für dieses Leben für Respekt verdient habe. Mögen wir auch einen hohen Lebensstandard haben, so haben wir dafür auch viel zu leisten. Nichts davon fällt irgendjemanden einfach in den Schoß und wir können uns dafür meistenteils gewissen monetären, physischen und psychischen Zwängen nicht entziehen. Wir ringen mehr und mehr um unser inneres Gleichgewicht und fühlen uns oft hilflos damit.

Für die Belastung, die aus dem inneren Ungleichgewicht entsteht, brauchen wir wirklich Hilfe. Und diese haben wir verdient, ohne uns noch zusätzliche Mühen und Hindernisse extra aufbürden zu müssen, wo wir sowieso schon mehr als ausgelastet sind.


Im Buddhismus ist sehr viel potentielle Hilfe enthalten, doch es gibt wenige qualifizierte Lehrer, die sich trauen, diese Hilfe für uns leicht verdaulich zu machen. Wenn diejenigen, die hauptamtlich Spirituelle sind, diese Hilfe, die aus Spiritualität erwachsen kann, uns nicht zugänglich machen, wer dann? Wer soll es, in Anbetracht unseres spirituellen Mangels, dann tun?

Ein Ungleichgewicht in den Bedürfnissen erwächst letztlich aus einem Mangel an Geben und Nehmen. Ein Geben und Nehmen auch auf innere Prozesse und meine Wahrnehmung dieser bezogen. Und für mich ist die Zeit reif dafür, zu einem Ausgleich, einer Balance in allen Lebenslagen zurückzukehren.

Wenn jeder an den Platz, an den er gestellt wurde, darauf achtet, seine eigenen Bedürfnisse in Balance zu halten, anstelle andere dies tun zu lassen, oder für Hilfe, die ihm täglich widerfährt, angemessen zurückzugeben, sollte dies möglich werden. "Angemessen" meint hier, dass er gibt, was wirklich gebraucht wird und nicht gibt, was er denkt, geben zu wollen oder was er einstmals erlernt hat, zu geben. Das wiederum setzt eine intensive Auseinandersetzung mit den Lebensumständen und Bedürfnissen voraus, die dort herrschen, wo er oder sie lebt.

Wie gesagt, nehme ich mich hier selbst in die Pflicht und Verantwortung. Zum Beispiel in die Pflicht, einen Weg zu finden, Balance herzustellen, in meinem Leben. Einerseits aus Rücksicht darauf, dass andere in meiner Umgebung ganz sicher auch damit beschäftigt sind, in Balance zu kommen und zu bleiben. Ich möchte mir nicht anmaßen, von ihnen mehr zu erwarten, als ich selbst leisten will. Ich möchte mich nicht auf ihrer Hände Arbeit ausruhen und es mir gemütlich machen. Ich möchte selbst jeden Tag etwas mehr herausfinden, wie ich dieses Leben für mich und andere besser machen kann.

Und dann, irgendwann einmal, wenn ich reif dafür bin, werde ich vielleicht Gelegenheit und gute Umstände finden, in denen ich mich ganz und gar auf meine spirituelle Verwirklichung konzentrieren kann. Vielleicht werde ich dann auch eine intensiv Praktizierende werden und in ein langes Retreat gehen. Irgendwann einmal, wenn die Erfüllung aller meiner grundlegenden Bedürfnisse dies zulässt und nicht andere das Herstellen dieser Balance für mich erst auf eigene Kosten übernehmen müssen.

Ich bin der Meinung: Diese Rücksichtnahme und diesen Respekt fordern die Mühen der heutigen, modernen Zeit von mir.





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