Von leeren Worten und der Macht des Weltlichen

In der letzten Woche wurde ich von einer Art Erschöpfung ergriffen, deren Ausmaß und Ursache ich nicht sofort verstand. Es war, als hätte die Müdigkeit mich fest im Griff und der Körper äußerte dies in spürbarer Schwäche.

So lauschte ich still in mich, um zu verstehen, woher dieser Unmut kam, freudig voranzuschreiten. Zwischenzeitlich wollte ich mich schon zwingen und mich über meine Grenzen peitschen. Doch mich meines Herzens erinnernd, ließ ich stattdessen alle Ansprüche los. Und ich wartete, ob die neuerlich sich niederschlagenden Nebel sich lichten und ein klarer Blick auf meine Situation sich ergeben würde.

Jetzt, wo ich gerüstet fürs Reisen bin - will ich dann am Ende doch nicht mehr ins Unbekannte gehen?

Nein, spürte ich. Nicht zu reisen, kommt nicht in Frage. Doch wenn ich reise, warum und mit welchem Ziel reise ich dann? Und dies zu klären, dafür musste ich noch einmal in die scheinbare Stille in mir hinein hören.

Im Laufe der Woche erkannte ich den Mangel, der diese Schwäche verursachte: Es fehlt mir komplett und vollkommen an Inspiration. Früher wäre das ein Hinweis gewesen, dass ich wieder einmal buddhistische Unterweisungen hören sollte und ich hätte mich sofort darum gekümmert. Doch diesmal, diesmal traf dieser sich natürlich einstellende Gedanke auf keinen inneren Lichtblick und keinerlei Begeisterung.

Aha, dachte ich. Interessant. Da ruft mich zur Zeit also nicht meine Herzensreligion. Wie kommt das? Und ich lenkte meine innere Aufmerksamkeit sachte in diese Richtung - und damit auf alle meine Begegnungen und Erfahrungen der letzten Jahre.

Ich ertappte mich dabei, zu denken: Ich kann das alles nicht mehr hören. Worte, Worte, Worte. Doch etwas ganz anderes ist es, dies im eigenen Leben mit Erfahrungen und Erlebnissen und heilsamen neuen Gewohnheiten zu füllen. Ich will nicht mehr diese Worte von jemandem anhören, der zugleich nicht die Herausforderungen meines täglichen Alltags kennt. Punkt.

Das ist eine eindeutige Ansage, nicht wahr? Und ich verstehe mich an diesem Punkt vollkommen, insbesondere deshalb, weil ich um meine persönlichen Anstrengungen der letzten Jahre weiß.

Und ich dachte auch über mich als Frau nach. Über die Frauen überall da draußen, die jeden Tag vielfältig anpacken müssen, ganz pragmatisch, den täglichen Herausforderungen, ihren Familien und ihren Jobs zugewandt. Und satt habe ich es, mir Ratschläge geben zu lassen, von einem Mann, der solche Herausforderungen nicht kennt, weil hinter seinem Rücken wiederum eine Frau steht, die sich um alles kümmert. Die ihm sprichtwörtlich den Rücken frei hält.

Oder von anderen, die Assistenten und Helfer haben, und sich somit selbst den ganz alltäglichen Pflichten schon lange enthoben haben. Die noch nie - oder schon lange nicht mehr - nach ihrem Fulltimejob selbst zum Supermarkt gelaufen, sich und andere mit Essen versorgt oder ihre Wohnung geputzt haben. Geschweige denn, Wäsche gewaschen und gebügelt haben.

Ich registriere diese Empfindungen und Gedanken erstaunt. Erstaunt und wachsam. Und frage mich: "Was will der Dichter (mein Herz) mir damit gerade sagen?" Ich nehme solche auftauchenden Tendenzen an und ernst. Wohl wissend, dass sich dahinter die Spur verbirgt, die ich im Moment zu gehen habe. Eine Spur, die fein und mühsam zu finden ist, hinter allen Ratschlägen. Ratschlägen und gut gemeinten Anweisungen, wie dieser, seine Gedanke und Empfindungen nicht so ernst zu nehmen.

Nähme ich sie nicht ernst, täte ich mir Gewalt an. Immer noch hat die Botschaft meines Herzens mit dem großen Loslassen zu tun. Selbst wenn ich meinen Fokus verändert habe und mich neu auszurichten begann, habe ich das Geflecht meiner Empfindungen, Gedanken und daraus folgenden Schlussfolgerungen noch nicht tiefgründig genug aufgelöst.

Ich spüre, dass ich an einigen Punkten ganz menschlich an der Oberfläche bleiben möchte. Ich möchte Veränderungen in einem bestimmten Rahmen des Erträglichen halten, möchte, dass sie sanft und wohltuend sind. Ich möchte keinen harten Schnitt und keine transformatorischen Schmerzen.

Doch mein ganzes Sein schreit mir zur Zeit förmlich dieses: "Moment mal!" entgegen, um mich sorgfältiger analysieren zu lassen, was der Grund für diesen angekündigten Aufbruch ist.

Der Grund ist die Übersättigung. Ich bin übersättigt mit leeren Worten, die ich im Herzen versuchte, zu bewegen. Und die sich dennoch der organischen Synergie mit meinem Sein verweigerten. Die nirgendwo hinpassen. Die ich noch so oft wälzen kann und die trotz allem redlichen Bemühens nicht Wurzeln schlagen und zarte, grüne Blättchen treiben wollen. Was soll ich noch mit ihnen?

Der Grund meines Aufbruchs ist die Macht des Weltlichen, die selbst sakralesten Grund zu infizieren scheint. In meinem Erleben finde ich keinen Ort, an dem das Weltliche nicht bereits heimisch wurde, obwohl kategorisch das Gegenteil behauptet wird. Die Verweltlichung des Sakralen ist es, die mich ernüchtert und von dannen treibt.

Wie der Virus Weltlichkeit alles vergiftet, lässt sich daran erkennen: Ob dein Bemühen um Entwicklung und Fortschritt am Ende eben doch nur von einem motiviert ist:

Deine Ruhe haben zu wollen. Vor dem Leid, dem Unschönen, dem Anstrengenden und Mühsamen in dieser Welt.


Auch jemand, der heilige Schriften zitieren und die ganze Zeit weise klingende Worte sprechen kann, möchte vielleicht auch nur in Sicherheit sein. Vielleicht will dieser sich seiner Ruhe sicher sein. Seines Platzes, an dem ihm nichts passieren kann, weil er sich dem seit tausenden von Jahren propagierten Heilsamen verschrieben hat. Und diese Tendenz, seine Ruhe haben und sich in Sicherheit wiegen zu wollen, ist im buddhistischen Sinne eben eine weltliche Tendenz.

Ich bin seit Jahren auf der Suche, nach Menschen, bei denen ich spüre, dass sie das nicht wollen. Dass sie ihre Ruhe nicht wollen, weil sie wissen, dass sie das von den anderen Wesen trennt. Weil sie verstehen, dass dies eigensüchtig ist, wenn doch die überwiegende Masse der Wesen auf dieser Erde weder in Ruhe, Frieden noch in Glück verbleibt. 

Ich suche diejenigen, die bereit sind, sich die Hände füreinander schmutzig zu machen und Gas zu geben, wirklich von Herzen nützlich zu sein. Menschen, die es sich nicht wohlig in einem Amt und in einer Position bequem machen, ohne die Verantwortung wahrzunehmen, die damit verbunden ist.

Diese Menschen, so weiß ich, werden voller Leben, Erfahrungen und richtige Worte für mich sein. Diese Menschen werden mich inspirieren. Und kein anders gearteter Mensch möchte ich selbst sein.

Ich breche auf, um Meinesgleichen zu suchen und zu finden. Um so, im gegenseitiger Ermunterung und Einvernehmen mitten im Leben zu stehen. Und tief im Herzen eben doch die Bequemlichkeit des Weltlichen aufgegeben zu haben.

Irgendwann, wenn ich reif dafür bin.

Irgendwann, wenn ich reifen durfte, weil mein Leben von Begegnungen mit inspirierenden Menschen erfüllt war.

Weil mein Herzblut mit Herzblut in Resonanz ging und so reichlich genährt und gesegnet wurde.


Darum, darum breche ich auf.

Vielleicht schon morgen, wenn die Erkenntnis, was das wirklich Weltliche ist, was in den Schriften Buddha Shakyamunis immer als das Aufzugebende propagiert wird, in meine Zellen gesunken ist.

Vielleicht morgen schon, wenn ich an mein Herz heranlasse, dass die Chance darauf auch in meiner weltlich anmutenden, täglichen Arbeit begründet liegt.

Vielleicht morgen schon, wenn ich akzeptiere, dass ich als Frau nun einmal mit Muse zum Pragmatischen gesegnet bin.

Vielleicht morgen schon, als die Frau, die keine Verehrung für und keine Ehrfurcht vor leeren Worten hat. Worte, die niemandem nützen, da sie wie hohle Nüsse sind. Welches meiner (geistigen) Kinder werden diese nähren?

Vielleicht morgen schon, wenn ich bereit bin, trotz harter Arbeit mir die daraus erwachsende Süße des Fortschritts für alle zu Herzen zu nehmen.

Vielleicht morgen schon, wenn ich den düsteren Gedanken aufgegeben habe, dass alle harte Arbeit der letzten Jahre vielleicht umsonst gewesen sein könnte. Weil die Macht des Weltlichen selbst im Spirituellen noch immer stark und ungebrochen ist.

Vielleicht morgen schon, wenn ich die Gewissheit meines Herzens spüre, dass meine alleinige Aufmerksamkeit auf etwas schon ausreichend ist, um Veränderung zu wirken.

Vielleicht morgen schon, wenn ich die Überzahl derjenigen, die sich selbst betrügen nicht als maßgeblich für mich und meinen Weg erachte.

Vielleicht morgen schon, wenn ich verinnerlicht habe, dass das entspannte Loslassen und Hineinfallen in mein Herz die wichtigste Übung für das wortlose Erblühen des Herzens ist.

Vielleicht morgen schon, wenn ich unerschütterlich fest darauf vertraue, dass dieses wortlose Herz nach außen strahlt, selbst wenn ich dies nicht benennen und beweisen kann.

Vielleicht morgen schon, wenn ich dennoch sichtbare, pragmatische Taten wirke, für die, die es brauchen.

Vielleicht reise ich auch heute schon, indem ich mir dies hier Geschriebene wirklich zu Herzen nehme...




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