Neue Zeiten, neue Wege, neue Zuversicht

Am Sonntag ist Tibetisches Neujahr. Das Holz-Pferd-Jahr beginnt. Und deshalb ist es naheliegend, von neuen Anfängen zu schreiben.

In den letzten Wochen habe ich mich mehrmals gefragt, wie ich mich wohl in anderen Leben gefühlt haben mag: Bin ich in meine Lebensaufgabe einfach hinein geboren worden und wusste irgendwann genau, worum es geht und was ich daraus machen möchte? 


Natürlich bekomme ich darauf keine verifizierbare Antwort, aber eine gewisse Ahnung kann sich einstellen. Indem ich analysiere, was das Besondere und definitiv Andere an diesem Leben in der heutigen Zeit zu früheren ist, komme ich zunehmend zu dem Schluss, dass wir in einer unvergleichlichen Epoche leben.

Unvergleichlich meint, dass wir auf althergebrachte Überlieferungen nur bedingt zurückgreifen können. Verantwortlich dafür ist die rasante Geschwindigkeit, in der sich heutige Gesellschaften entwickeln. Und Fahrt nahm diese Schnelllebigkeit bereits zu Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Aufkommen der Industrialisierung auf. Seitdem blieb innerhalb kürzester Zeitabschnitte kein Stein auf dem anderen. Wir sind nicht nur geographisch zusammen gerückt, sondern natürlich auch geistig und ideell.

Ich betrachte es heute als puren Luxus, wenn Länder und Kulturen sich abkapseln wollen, um sich in ihrer Geschichte und Tradition zu bewahren. Luxus sehe ich hier als etwas, was nur wenigen möglich ist und ebenso wenigen dient. Nach meinem Empfinden (sage ich, als Empath) geht die Entwicklung klar in eine Richtung, wo sich Kulturen aneinander angleichen, wo Grenzen überschritten und transzendiert werden.

In meiner Wahrnehmung ist dies stets etwas Positives, insbesondere, wenn es um geistige Dimensionen geht. Ich sehe darin eine große Chance, zu universaler Ethik, Toleranz und friedlichem Einvernehmen. Dort, wo immer noch Terrains heimlich mit Hilfe von Desinformation abgesteckt und im Nachgang aggressiv verteidigt werden, wird dagegen das Gegenteil entstehen.

In Vorbereitung des zukünftigen Buddhas Maitreya kann die Entwicklung der Menschheit für mich einfach nur in eine Richtung gehen: 
  • zur Offenheit - d.h. Transparenz anstelle Desinformation
  • zur Offenheit - d.h. das Willkommenheißen der Andersartigkeit, sei es einer anderen Denkweise oder Kultur, 
  • zur Offenheit - d.h. Anerkennung der Gleichartigkeit und Gleichwertigkeit der anderen Wesen.

Ich spüre diese Richtung als nachhaltig und erstrebenswert, sollten auch andere es immer noch als kühne Utopie empfinden. Für mich gab es niemals einen Zweifel daran, dass dies unsere Zukunft sein wird und dass dieses Leben mir die kostbare Möglichkeit schenkt, aktiv und bewusst Grundsteine dafür zu legen. Sollte es vielleicht für ein sicheres Fundament noch nicht ausreichen, so bin ich gewillt, zumindest dieses zu planen und einen sicheren Grund dafür zu suchen.

Die Möglichkeiten, die mir dieses Leben bietet, mit seiner Fülle an Verbundenheit in viele Bereiche und Ecken der Welt allein über Medien und Internet, sind unschätzbar und kostbar. Zu vernachlässigen ist dagegen aller Widerstand und Widerspruch, der sich aus Umständen oder Behinderern dagegen erheben möchte, mag ich auch manchmal noch der Gewohnheit folgen, mit Beschwerden darüber übermäßig viel Lebenszeit zu verschwenden.

In früheren Leben konnte ich vergleichbare Offenheit und Optionen unmöglich haben, da ich mit Sicherheit stärker in kulturelle Vereinbarungen eingebunden war, als heute. Ich habe heute weitaus größere geistige Freiheiten und lebe in einem Land, in dem die Würde des Menschen unantastbar ist.

Nun liegt es allein an mir, was ich mit diesen Freiheiten anstelle.


Und darin liegt zugleich der größte Faktor der Verunsicherung, die mir tagtäglich zu schaffen macht. In jeder Faser meines Seins fühle ich die Neuartigkeit der Situation: War ich in früheren Leben stärker eingebunden, in Kultur und räumlich begrenzte Lebenssituation, so ging damit zugleich Eindeutigkeit über meine Aufgabe einher. Im Rahmen der Möglichkeiten war diese relativ klar definiert und abgegrenzt. Heute überfordert mich oft die Fülle an Möglichkeiten, Ideen und Interessen und es fällt mir schwer, mich festzulegen. Die Freiheit, die da ist, äußert sich irgendwo in der Tiefe meines Seins als subtile Desorientierung.

Die gefühlte Unsicherheit, weil der starre gesellschaftliche und kulturell determinierte Rahmen für mich weggefallen ist, macht mir deutlich zu schaffen. Doch hier und heute erkenne ich ihre Relevanz. Ja, das ist neu, mein System ist darüber irritiert. Doch davon aufhalten lassen möchte ich mich nicht. Ich möchte akzeptieren, dass sie mich begleitet, stärker als jedes Leben zuvor. Ich möchte annehmen, dass ein klar definiertes Richtig oder Falsch nicht gegeben ist. Aufhören sollte ich daher, ständig danach auf der Suche zu sein.

Will ich die Chancen diesen Lebens wirklich bis zur Neige ausschöpfen, gilt es, sich des Preises des Neuen immer bewusst bleibend, dennoch unaufhaltsam in Richtung der Vision meines Herzens zu gehen. Ich bin mir bewusst, dass wir alle gemeinsam noch bestimmte Entwicklungen  - und damit Veränderungen - durchschreiten müssen, um für den nächsten Buddha reif zu sein. Auch weiterhin wird kein Stein auf dem anderen bleiben.

Das ist die beste Nachricht, die es je gab. Denn alle diese Transformation, die wir gemeinsam durchlaufen, ermöglicht uns, alle leeren Rituale, zu Stein gewordenen Regeln, hinderlichen Grenzen unseres unglaublich innovativen und freiheitlichen Geistes aufzugeben. Wir haben wirklich die Chance, für eine gerechte, ethisch anspruchsvolle Welt tagtäglich unseren Beitrag zu leisten. Und zwar ein jeder von uns. Das ist die Chance der Demokratie. Das ist die Chance der heutigen Zeit.

Diese neue Welt zwingt uns dazu, sich der Essenz unserer innigsten Überzeugungen zu vergewissern und alles aufzugeben, was hohle Form ohne Sinn und Nutzen ist. 

Sicher müssen wir dafür hart arbeiten, denn ein jeder von uns ist aufgefordert, mit seinem eigenen Herzen und Verstand zu prüfen, was echt und was die Mogelpackung ist. Das fällt niemandem von uns zu. Doch wenn du dich einmal überzeugt hast, wo die wahre Essenz deiner Herzensüberzeugung ist und wo sie sich in deiner äußeren Umgebung manifestiert, so wirst du leichter Hand und sehr gerne für sie einstehen.

Dies ist das kleine Einmaleins des guten Motivierens: Wenn du dich selbst an etwas beteiligst und es aus eigener Kraft entwickelst, anstelle es dir von anderen fertig vorsetzen zu lassen, so wirst du dich sehr gerne dafür engagieren. Nichts wird dich jemals davon abbringen, für das als Richtig erkannte gerade zu stehen.

Mögen wir in Sachen Pädagogik an unseren Schulen nun schon lange den Frontalunterricht aufgegeben haben und auch bei der Mitarbeiterführung in Unternehmen dazu übergehen, die Mitarbeiter aktiv in die Gestaltung des Unternehmens mit einzubeziehen, so hapert es damit gewaltig im spirituellen Bereich. Oder sollte ich lieber sagen, im Bereich der institutionalisierten Religion? Das trifft es sicher besser.

Für mich steht vollkommen außer Frage, dass diese Lernaufgabe auf alle religiösen Institute in den nächsten Jahren zukommen wird. Dazu ist schon lange der Startschuss gefallen, doch die meisten Religionsvertreter mögen dies aus Gründen der Überlieferung noch nicht wahrhaben wollen. Die Menschen, die in diese Institute gehen, beginnen jetzt bereits ihr Anrecht auf Beteiligung einzufordern. 

Auch das ist für mich eine klare Folge der guten Übung Demokratie: Niemand möchte mehr etwas tun, nur weil es seit Jahrhunderten so gemacht wird. Und jeder möchte beteiligt sein, als Individuum. Jeder möchte als solches wahrgenommen und wirklich spirituell begleitet werden und auf keinen Fall mehr obrigkeitshörig sein.

Ich schätze mich glücklich, in dieses spannende Leben voller neuer Möglichkeiten geboren zu sein. Und mag ich in den letzten Jahren auch stark mit den hinderlichen Aspekten einer solchen Geburt beschäftigt gewesen sein, so bin ich freudig gestimmt und voller Zuversicht. Die Chancen, innovative Wege zu beschreiten, um das Herz und die Essenz des Buddhadharma in eine neue Zeit mitzunehmen, ist das, was mich am meisten motiviert.

Mag ich auch kein großes Licht und keine spirituelle Größe sein, so werde ich mir dennoch Tag für Tag weiterhin Gedanken darüber machen, wie der Weg zu wahrer Offenheit in allen Bereichen meines Seins aussehen kann. Habe ich immerhin rund 12 Jahre damit zugebracht, die Grenzen einer traditionellen Überlieferung in der heutigen Zeit nach und nach in aller schmerzhafter Konsequenz zu verstehen, so ist die Zeit nun ein für allemal vorbei, darüber traurig zu sein.

Jetzt und hier, an der Grenze zum Holz-Pferd-Jahr bin ich mir gewiss, dass die Buddhas noch mehr als ein Ass im Ärmel haben, um die universelle Wahrheit und Essenz höherer Ethik unseren Herzen nahe zu halten.

Nur Mut, mache die Augen deines Herzens auf und suche nach ihr...

...Ich bin mir sicher, sie wird dich finden - ebenso wie mich.  ;-)




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