Die Kraft der Gewohnheit und der harte Schnitt

Manchmal genügt es eben nicht, zu registrieren, wo ich innerlich mit mir im Widerspruch bin. Mich aktiv für das zu entscheiden, was ich im Herzen wirklich will, kann den inneren Konflikt lösen. Zwischen den Stühlen zu sitzen, kostet viel Energie. Energie, die ich gerne für nützliches Voranschreiten zu Verfügung haben möchte.

So setze ich mich im Konfliktfall hin und spüre dem inneren Zwiespalt nach. Indem ich in mir Gefühlen bewusst Raum gebe und sich die damit verknüpften Gedanken manifestieren lasse, mache ich zuerst eine Bestandsaufnahme: Was ist da in mir, was mich gespalten sein und zwischen den Stühlen sitzen lässt?


Meist kristallisiert sich heraus, dass da ein altes Verhaltensmuster konträr meinem Wunsch nach Entwicklung entgegen steht. Erkenne ich das alte Verhaltensmuster verständnisvoll an, in seinen lichten und dunklen Seiten, werde ich innerlich schon etwas gelassener. Ich würdige den Nutzen, den dieses Muster mir bisher gebracht hat. Wenn dieses Muster mich aber davon abhält, mich in wichtigen Tendenzen des Fühlens, Denkens und Handelns zu verändern, so setze ich mir selbst das noch einmal genau auseinander.

In gewisser Weise führe ich mit mir einen liebevollen Dialog. Je mehr ich mich so mit mir auseinander setze, desto klarer und bewusster kann ich altes, nicht mehr zum Ziel führendes Verhalten locker lassen und mich neuem, erwünschten Verhalten zuwenden. Das innere Nein zu altem Verhalten ist so gut begründet und daher reagiert mein Körper-Geist-Gefüge auch mit einem Inneren Ja auf das nunmehr erwünschte Verhalten.

Je klarer ich so dem Alten "Adieu" sage und dem Neuen ein Willkommen bereite, desto leichter werde ich an zukünftigen Tagen locker lassen, sollte ich wie gewohnt auf das Alte zurückgreifen wollen.

Nachdem ich diesen Prozess heute bewusst in mir vollzogen habe, wünsche ich mir mehr denn je den harten Schnitt. Ich bemerke, wie ich immer wieder den alten Schleichwegen zu folgen neige und mich so schmerzlich getrennt fühle, vom Neuen, Innovativen, dem mein Herz so freudig zugeneigt ist.

Und so registriere ich auch, wo ich mein Herz zu oft noch mit der Mechanik verinnerlichter Gewohnheiten verwechsle. Wenn ich es gern bequem haben möchte, dichte ich meinem Herzen diese alten Verhaltensmuster an. Wenn ich aus der Komfortzone nicht heraus möchte, beschließe ich einfach, dass dies meinem Herzen entspricht. Spätestens jedoch, wenn ich mich unausgefüllt, deprimiert und erschöpft fühle, bleibt mir nichts anderes übrig, als doch etwas genauer hinzuschauen.

Das Herz hat mir schon lange einige notwendige, innere Schritte angekündigt. Im Voraus schon schickte es mir Hinweise, was seiner Meinung nach alles zum großen Loslassen hinzugehört. Doch weil meine Vorstellung meiner Person sich mit einigen dieser radikalen Punkte nicht vereinbaren ließ, lösten sie einfach nur Angst und Panik aus. Und daher verdrängte ich sie.

Doch das Herz ist - ebenso wie die Buddhas und geistigen Helfer - sehr geduldig. Es weiß abzuwarten, bis ich bereit dafür bin, auch diese Angst auslösenden Hinweise auf Veränderungen an mich heranzulassen. Irgendwann hat es oft genug mit mir kommuniziert und mich ausreichend bestimmten Erfahrungen ausgesetzt, dass ich mich der Notwendigkeit der Veränderung nicht mehr widersetzen werde. Irgendwann habe ich genug am eigenen Leibe erlebt, dass diese Veränderungen unumgänglich sind.

Und eine dieser Veränderungen, die ich bis zum Schluss vor mir hergeschoben habe, ist die Veränderung der Wertigkeit, die die buddhistische Tradition für mich und mein Leben hat. Lange habe ich mich dagegen gewehrt, auch hier stärker loszulassen. Dann folgte die Phase, in der ich das Loslassen der buddhistischen Tradition als wichtige Lernaufgabe zuließ, wenn auch widerwillig.

Gestern nun war die kritische Masse erreicht. Ich gestatte meinem Herzen nun endlich, stärker in mich als vorgestellte Person hineinzuwirken. Nun bin "ich" wirklich bereit, den Prozess des Loslassens auch an diesem Punkt zu vollziehen.

Spätestens jetzt, wo ich weiß, dass mein Sein keine Nahrung mehr findet, ist es heilsam, diesen Prozess zuzulassen. Der damit einhergehenden, subtilen Angst vor der Heimatlosigkeit wende ich nun nicht mehr ignorierend den Rücken zu und erkenne an, dass ich sonst nicht reisen werde.

Mein Herz will in ganz neue Welten reisen. Und mein Ich möchte definitiv mit. Doch ohne dass dieses Ich sich trennt von alten Annahmen und Schlussfolgerungen über sich und die Welt, wird es weiter angstvoll verharren und sich weigern, nach vorn zu sehen. Und mein Herz wird es sein, was dieses arme Ich umarmen und mit sich nehmen wird, sobald das Ich es zulässt. So sei es.

Sich liebevoll zu lösen von dem, was nicht selbstwirksam und hilfreich ist, ist die härteste Arbeit an mir. Diese Arbeit kommt zugleich der größten Güte gleich, die ich mir erweisen kann. Denn indem ich gestatte, dass mein Herz mich liebevoll einhüllt und mit auf die Reise nimmt, bereite ich dem schmerzhaften Zustand ein Ende, mir immer und immer wieder den Kopf an der selben, unnachgiebigen Wand zu stoßen.

Das Geflecht meiner Verhaltensmuster kann nur im Lichte des Herzens seine wahre Wirksamkeit enthüllen. Und es bedarf großer Geduld und eines langen Atems, dem aus so vielen Gewohnheiten gestrickte Ich zu seinem Glück zu verhelfen. Viel zu oft scheinen diese Gewohnheitsmuster weitaus sicherer als die Freiheit und Offenheit, die das eigene, freie Herz vermittelt.


Und schrieb ich schon gestern davon, dass es mir komplett an Inspiration mangelt, so wird es Zeit, die Gewohnheiten aufzugeben, die mich in dieses sauerstoffarmen, begeisterungsfreien Kokon gefangen halten.

Wahre Inspiration kommt immer über die Signale des eigenen Herzens. Dazu können die Gewohnheiten, Erbauung immer nur an der gleichen Stelle zu erhoffen, konträr entgegen gesetzt sein. So suchte mein Ich diese immer und bevorzugt im traditionellen Buddhismus und seinen Vertretern, obwohl ich im Herzen schon spürte, dass es Zeit wird, andere Wege zu gehen...

Ich werde mich jetzt auf eine andere Herangehensweise an Buddhismus konzentrieren. Ich werde stärker nach dem gehen, was ich von innen heraus möchte, weniger danach, was traditionell der richtige nächste Schritt ist. Erstaunt registriere ich, dass ich mich doch stärker daran orientiere, als unsere heutige Zeit dies erfordert - und als ich das bisher von mir gedacht habe. Ich greife reflexartig auf die Tradition zurück, während mein Herz sagt: "Das, was du suchst, wirst du dort nicht finden!"

Obgleich ich meinem Herz schon länger Worte verleihe, hänge ich auf subtilen Ebenen stark an gewissen Vorstellungen oder Lehren und hege diverse Hoffnungen, auf diesem Weg mein Glück zu finden. Etwas in mir, aus ganz alter Zeit, scheint sich sehr stark an diesen Weg gewöhnt zu haben.

Wenn ich dort, in der Steppe, einst auf meinem Pferd aufbrechen werde, so werde ich auch die alten Zeiten hinter mir lassen. Und dies muss ich konsequent und rückhaltlos tun, sagt mein Herz. Solange ich nicht dazu bereit bin, werde ich noch nicht reisen. Solange ich mich zwischen den Stühlen sitzen sehe, ist die Zeit noch nicht reif.

So verweile ich noch in der Steppe, bis der Prozess der inneren Loslösung von unerfüllbaren Hoffnungen und nicht mehr zeitgemäßen Annahmen auf allen Ebenen vollzogen ist. So verweile ich noch ein wenig, um, mir gütig zugewandt, die Notwendigkeit einer solchen Rückhaltlosigkeit geduldig klar zu machen. So bewege ich mich allmählich auf den harten Schnitt zu, wie die Mitreisenden, die sich um mich sammeln.


Und solange noch die kleinsten Zweifel, das geringste Zögern und die minimalste Angst vor dieser rigorosen Reise bestehen, ist es richtig, noch weiter in Meditation zu verweilen und sich nicht von der Stelle zu bewegen.

Indem wir gemeinsam alle Unklarheiten bereinigen, richten wir unser Wünschen und Wollen auf dieses neue Land aus, was wir bald betreten werden.

Dieses neue Land, was uns nur dann zugänglich sein wird, wenn wir bereit sind, wirklich alles hinter uns zu lassen.

Dieses Land, dessen Tore uns verschlossen und unsichtbar bleiben werden, wenn wir es nicht ganzen Herzens, offen und unvoreingenommen betreten wollen.

Im tiefen Vertrauen darauf, dass dieser Schritt notwendig ist, um wirklich dieser Welt, den Wesen um uns herum und einem wirklich harmonischen Miteinander zugewandt zu sein und zu bleiben.

In der tiefen Gewissheit, dass dies der einzige Grund dafür ist, überhaupt in dieses Leben gekommen zu sein.


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