Dein Bodhisattva-Herz ist immer mit dir

Ab und an fühlen wir uns in alte Zustände geworfen, die so gar nichts mit diesem Wesen zu tun haben, was wir im Herzen als wirklich fühlen. Grau in Grau und unerbittlich scheint das Leben dann zu sein. Beinahe so, als gäbe es nirgendwo wirkliches Vergessen. Vergessen alles dessen, was doch schon vorbei ist. Immer wieder drücken sich unsere alte Wunden und Angriffs- und Verteidigungsmuster mitten hinein in unseren Alltag.

Unermüdlich mahnen und peinigen uns diese alten Muster und erinnern uns an alles, was uns früher einmal zutiefst entsetzt, bestürzt und verunsichert hat.

Ich weiß, leicht ist es nicht, wieder und wieder seinen Frieden damit zu machen. Sich zu sagen: Ja, ich habe dies erlebt. Und weil ich dies erlebt habe, gibt es einen Teil von mir, der zutiefst leidet. Und manchmal, in den unpassendsten Momenten, spüren wir seinen Schmerz und könnten unausgesetzt weinen. Ungerecht ist es, dass er leiden muss - dass ich noch immer leiden muss. Heute noch - obwohl alles doch schon weit, weit hinter mir liegt.

Ich weiß, dass du, genau wie ich, dann immer wieder neu die Hoffnung verlieren möchtest. Hoffnung auf Heilung, auf Glück und darauf, dass alles irgendwann gut wird. Sind wir in diesem leidenden Teils unseres Wesens, finden wir plötzlich das Licht nicht mehr.

Dieses Licht, dass wir uns in uns selbst als wahr über viele Jahre hart erkämpft - oder immer wieder vor dem Verlöschen verteidigt haben.

Ja, das ist schwer. Und diese Momente kommen immer wieder. So lange, bis sich die psychische Kraft erschöpft hat, die diese Härte, Kälte und Aggression einstmals in uns zum Leben erweckte.

Wenn ich dir sage, du brauchst Geduld dafür, wird dich das vermutlich nicht erreichen. Immer wieder möchtest du aufstehen und jemandem für das Geschehene zur Verantwortung ziehen. Und das Unverschämteste an allem ist doch letztendlich, dass es oft diesen einen, greifbaren Schuldigen gar nicht gibt. Oder, wenn es diesen gibt, ist er oft nicht erreichbar oder steht wiederum in einer Befehls- und Gewaltenkette, die nicht so einfach zu zerschlagen ist. Dir dessen bewusst werdend, dass das mit dem Bösen in der Welt so einfach oft nicht zu regeln ist, fühlst du dich noch hilfloser.

Dich hier an dein Bodhisattva-Herz erinnern zu wollen, erscheint dir dann null und nichtig und wie eine glatte Farce, nicht wahr? Dennoch möchte ich es versuchen. Trotzdem will ich dich auch in diesen Momenten immer wieder daran erinnern, wer du wirklich bist.

Auch wenn du in Momenten der tiefsten Depression und kochenden Wut nichts davon wissen willst und schon gar nichts davon fühlst, ist dieser liebevolle und fürsorgliche Aspekt deines Wesens ebenfalls noch da.

Und jedes Mal, wo du dich formal an dieses von dir geliebte und liebevolle Herz in dir erinnern kannst, trittst du in diesen intensiven Augenblicken des Deja vù einen Schritt neben dich. Bitte stelle dir vor, dass dieses Ich von dir dort neben dir steht und - selbst jetzt - über dich wacht.

Ja, es greift nicht ein. Es tut nichts anderes, als liebe- und verständnisvoll auf dich zu schauen. Sicher lässt du dich von ihm jetzt nicht umarmen, möchtest diesem lichten, warmen Ich vielleicht sogar kräftig eine runter hauen und es verhöhnen, dass es so herumsteht und nichts tut. Gerade jetzt, wo du nicht weißt, wohin mit deinem Schmerz.

Ja, es steht einfach nur neben dir und schaut dich liebevoll an. Es steht scheinbar untätig da. Doch was du vielleicht in diesen Zuständen gar nichts merkst, ist folgendes: Es weicht keinen Augenblick von deiner Seite und lässt sich von all deiner Negativität nicht in die Flucht schlagen. Es hält dich in diesem eiskalten oder brodelnden Zustand aus. Dieses lichte Ich wartet darauf, dass dieser grausame Zustand in dir wieder zur Ruhe kommt. Genau dann, wenn du dich zugleich zutiefst hasst, weil du gerade kalt und aggressiv bist und damit nicht aufhören kannst.

Ja, dich auch in diesem Zustand auszuhalten, ist die größte Stärke deines Bodhisattva-Herz. Indem du dir in guten Zuständen bewusst bist, was dieses Herz wirklich meint, kannst du dir dessen Gegenwart auch in deinen übelsten Momenten sicher sein. Dieser lichte und präsente Anteil in dir schläft nie.

Für mich haben die Buddhas diese Qualität: Wenn ich in die Dunkelheit meines Geistes drifte, die einstmals ohne mein Einverständnis in mir gepflanzt wurde, ebenso, wie das Licht, sind die Buddhas trotzdem anwesend. Doch so lange ich sie nicht erinnern kann, fühle ich mich allein und kaltgestellt.

Erinnere ich mich aber dieser Seite des Seins, dann sehe und fühle ich sie. Ich erinnere mich daran, wie sie mitfühlen, mit dem, was ich durchmache. Wie sie wissen, was ich gerade empfinde, weil auch sie dies schon erlebt haben. Wie sie nicht eingreifen, weil sie wissen, dass ich ihre Hilfe jetzt nicht annehmen würde. Doch sie halten mich nicht nur aus, in diesem Zustand. Sie halten mich auch. Und sei es nur durch den gütigen Blick und die Geduld, die sie ausstrahlen und durch ihr liebevolles Herz, in dass sie mich schützend hinein nehmen.


Wenn es mir dann gelingt, etwas ruhiger zu werden, höre ich, wie sie im Geiste mit mir sprechen. Und sehe die Bilder, die sie mir zeigen. Meist handeln diese vom Leid in dieser Welt. Sie zeigen mir, wie gerade jetzt, irgendwo auf der Welt, anderen das gleiche Leid widerfährt. Sie zeigen mir, was es für schlimme Folgen haben kann, wenn ich mich in meine Wut und Rachegedanken hineinsteigere. Sie fragen mich, was ich in diesen Momenten für ein Recht darauf habe, so zu tun, als ob es nur mir so dreckig geht und nur ich so schlimme seelische Schmerzen leide. Sie zeigen, wie unermesslich viele Wesen täglich, stündlich, minütlich, sekündlich ebensolches Leid erfahren.

Und die Buddhas zeigen mir, dass es ihr Herzenswunsch ist, dieses Leid für alle leidenden Wesen zu beenden. Sie erinnern mich daran, dass dies nur dann in ihrer Macht steht, wenn die Leidenden ihre Hilfe annehmen und die Erlaubnis geben, einzugreifen. Und sie erklären mir schier unermüdlich, dass die Hilfe nicht daran besteht, dass sie das Leid vollständig den Wesen wegnehmen können. Das ist ihnen nur dann möglich, wenn die leidenden Wesen die Ursachen für dieses Leid in ihrem eigenen Geist beenden. Erst dann können sie dabei helfen, die verbliebenen Spuren alten Leides aufzulösen. So sind die universalen Gesetze. Das ist das Gesetz von Ursache und Wirkung.

Sie sagen, dass ich immer wieder leiden werde, wenn ich nicht beginne, die ursächlichen Gedanken und Schlussfolgerungen zu dieser erinnerten Verletzung loszulassen. Und wenn ich es zulasse, geben sie mir konkrete Hinweise, worauf ich in meinem Heilungsprozess im Moment gerade meinen Fokus richten muss.

Und während ich ihnen zuhöre und ihre Geduld und liebevolle Anteilnahme spüre, wechsele ich unmerklich in jenen Anteil von mir, der mein Bodhisattva-Herz ist. Ich erinnere mich daran, dass ich keine Ausnahme bin und daran, dass viele, viele Wesen noch viel hilfloser und verlassener sind, als ich, weil sie oft nichts haben, worauf sie sich stützen können.

Einen Moment lang stelle ich mir vor, wie das wäre, wenn ich völlig allein, ohne die Buddhas und auf mich gestellt wäre und nichts von ihrer Existenz wüsste... Und spätestens dann bin ich bereit, nun meinerseits Geduld und Empathie für mich und meinen Schmerz zu haben. Und mit dem Schmerz der anderen.

Verzeih mir, wenn ich das sage, aber gerade aufgrund deines Schmerzes und seiner Wiederkehr bist du zum Bodhisattva geboren. Nur er wird dich immer wieder zurück in die Welt und zur Bedürftigkeit der leidenden Wesen bringen.

So gib nicht leichtfertig auf und erinnere dich daran, dass du erwachsen bist und selbst über deinen Geist und seine Ausrichtung bestimmen kannst, auch wenn es noch so schwer fällt.

So gib nicht leichtfertig auf und erinnere dich bitte besonders an die Kinder. Die Kinder überall im Universum, die diese Möglichkeit noch nicht haben, weil sie zu jung sind, um mit sich und ihren Geist selbstbestimmt umzugehen. Was sollen diese denn ohne dich, deine Erfahrung mit dem Schmerz und deinen Schutz und deine liebevolle Anleitung tun? Und wie oft geschieht ihnen so viel Leid, weil rachsüchtige, durch ihren eigenen, unverarbeiteten Schmerz kalt und wild gewordene Erwachsene sie im Stich lassen und quälen?

Bitte erinnere dich an (deine) Kinder.

Für die Buddhas sind wir alle nichts anderes als ihre geliebten Kinder.

Und ein Kind bist auch du in Momenten des Schmerzes für dein liebevolles Buddha-Herz.


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