Authentisch und/oder unbequem

Lange Zeit war mir eine Last, dass ich manche meiner Mitmenschen schockiere. Da kommt jemand wie ich, seinem Naturell nach still, zurückhaltend und  nicht gern im Mittelpunkt stehend... Und wenn ich genug beobachtet, die Sachlage analysiert und mir ein Bild gemacht habe, öffne ich den Mund und - Peng! - heraus kommt eine gestochen scharfe Ansage. 

Ich weiß, ich mache damit nicht immer alles richtig. Und für manche sind die Worte, die ich spreche, einfach zu klar und direkt - vollkommen ohne Umschweife. Und ich kann nicht lange für mich behalten, was mich umtreibt, besorgt, quält oder nervt. Ich bin nicht mit der Gabe der Diplomatie und der höflichen Umschreibung gesegnet. Mir bleibt nur, den Mund aufzumachen und mit Messerschärfe zu sprechen, oder für immer zu schweigen.

In unseren menschlichen Köpfen gibt es einfach sehr viele Vorstellungen, Festlegungen und Analogien, sodass für die meisten, mich betreffend, etwas nicht wie gewohnt zusammenpasst. Und sehr lange fühlte ich mich dadurch unwohl - gerade heute erst.

Meine beiden dominantesten Wesenszüge des Einfühlungsvermögens und der Scharfzüngigkeit in mir besser auszubalancieren - ob dies möglich ist?

Schaue ich auf die Geburtsumstände meiner scharfen Zunge, so erinnere ich, dass oft andere meinten, mein Leben bestimmen und leiten zu müssen. In meiner empathischen Gutherzigkeit erschien ich weich, unentschlossen und formbar.

Ich vermute, gerade in der westlichen Kultur ist es bis heute üblich, zurückhaltende, introvertierte Menschen, die nicht gern im Mittelpunkt stehen möchten, zu unterschätzen.

Ich ließ, um des harmonischen Miteinander Willen, oft über mich ergehen, dass andere mir ein schlechtes Selbstbewusstsein zuschrieben. Dass sie mir unterstellten, ich wisse nicht, was ich will. Sie irrten sich nicht ganz, aber fast. Was ich will, wusste ich oft nicht so genau. Doch glasklar stand mir vor Augen, was ich nicht will.

In der sanften Zurückhaltung meiner Introversion glaubten viele, mich nach ihrem Gutdünken lenken zu müssen, um mir zu meinem Glück zu verhelfen. Das begann schon in meiner Kindheit. Irgendwann setzte ich dem ein Ende und hörte mich immer öfter sagen: "Frage mich doch zuerst, ob mir das gefällt, was du mir vorschlägst und ob ich es möchte. Und ich sage dann klar: Nein! Das möchte ich nicht. Doch du fragst mich erst gar nicht..."Es wurde erwartet, dass ich folge.

Als Kind und Jugendliche haben mich die heftigen Reaktionen, die ich damit hervorrief, oft in die Flucht geschlagen, sodass ich fast wieder verstummte. Jahre später besann ich mich jedoch des Besseren, weil ich für mich erkannte, wie ich mich durch die Abwesenheit meiner mir eigenen Sprache nicht am Leben beteiligt fühlte.

Meine sprachliche Klarheit zuzulassen, tat mir selbst weh. Doch fühlte ich mich oft so, als ließe man mir keine Wahl: Entweder ich folgte widerspruchslos den Empfehlungen und Wünschen anderer oder ich sprach. Direkt und unverblümt, um die ungefragten Eindringlinge aus meiner natürlichen Privatsphäre, die meinem Empfinden nach der Respekt vor dem Mitmenschen gebieten sollte, fern zu halten. Der naturgegebene Respekt, der auch einem sanften, leisen und bescheidenen Menschen zugestanden werden sollte.

So begann ich, alles auszusprechen, was ich in mir gesammelt hatte. Und so stiftete ich viel Verwirrung und Aufruhr, weil eine so differenzierte Meinung bei meiner ruhigen, ausgeglichenen Außenwirkung niemand erwartet hätte.

Noch heute bin ich daher oft aus Gewohnheit auf der Suche nach mir.

Vielleicht gar nicht nach mir, vielmehr nach der zu mir passenden Schublade, in die ich mich eben mal zurückziehen kann, wenn es Not tut.

Viel zu oft vergesse ich, mir diese Kombination aus starker Empathie und geballter Verbalkraft zuzugestehen. Ja, ich vergesse oft, mir für mein eigenes Wesen zu vergeben.


Sicher achte ich darauf, dass ich mir so oft es geht meiner guten Motivation bewusst bleibe. Doch trösten kann das nicht immer. Und so, wie ich andere unvermutet irritiere, bin ich im empathischen Nachgang oft selbst irritiert.

Leute, so kann das für mich nicht weitergehen!

Ich schreibe so oft darüber, dass ich an die Kraft des Herzens und der ihr angeborenen Richtung vertraue. Und wenn mein Herz in aller Offenheit und Klarheit gestochen scharfe Worte auf meine Zunge zaubert, warum kann ich mir das dann noch immer nicht verzeihen? Wieso zieht sich in mir aus Scham und Schuldbewusstsein oft noch im Nachhinein alles zusammen? Subtil suche ich sofort das Böse in meinen Worten, selbst wenn der Inhalt der Worte meinem Herzen nach wahr ist!

Mein Vorsatz lautet daher:
Ich höre jetzt auf damit. Ich übe mich ab sofort darin, mir des Schmerzes bewusst zu bleiben, der entsteht, wenn Dinge ungefiltert beim Namen genannt werden. Ich vertraue darauf, dass jene, die sehenden Herzens sind, sehr wohl die empathische Grundlage erkennen, aus der heraus manche meiner komprimierten Nachrichten entstehen. Und ich akzeptiere, dass für jemanden, den meine Sprache ungebeten aus der Komfortzone treibt, die erste Reaktion auch heftige Gegenwehr sein kann. Das ist in Ordnung. Ich übe mich darin, mit diesem kapitalen Rückstoß zu leben.

Worauf sich jeder bei mir verlassen kann: Ich meine, was ich sage und sage, was ich meine. Da gibt es keinen doppelten Boden und keine Hintertür. Und ich werde niemanden je im Unklaren lassen - worüber auch immer.

Noch immer spüre ich, wie ich selbst mit diesem Beitrag meine manchmal scharfkantige Wirkung auf andere gerne abzumildern versuche und mich förmlich entschuldigen will. Doch mir dessen bewusst seiend, dass Angst, Scham und Schuld es sind, die hier noch subtil die Feder führen, will ich mir auch diese lang trainierte Gewohnheit gerne vergeben.
 

Und ich bitte hiermit zugleich darum, mir der vielfältigen Möglichkeiten des geschickten Mittels Sprache noch tiefgründiger bewusst werden zu können, damit meine Begabung für Klarheit denjenigen zugute kommen mag, die ihrer bedürfen.

So sei es.




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