Über die Effizienz, mit Herzblut zu handeln

Ich bin ein großer Fan von Qualität. Qualität steht bei mir an erster Stelle und irgendwann danach kommt Quantität. Und das in allen Lebenslagen.

Daher könnte der eine oder andere meinen, eine Praxis, bei der es um das Ansammeln einer gewissen Anzahl von Mantras geht, ist für mich nicht die Richtige.

Falsch läge jemand, der glaubt, dass es bei der buddhistischen Mantrapraxis um Quantität geht. Dann wäre der Vajrayana-Buddhismus nichts für mich. Tatsächlich geht es bei dieser Praxis nämlich auch um Qualität. Das zahlreiche Ansammeln von Mantras wird oft erwähnt - das wäre dann Quantität. Doch tatsächlich ist bei dieser Praxis nicht das Ansammeln der Mantras das Ziel. Sondern das Sprechen von Mantras fließt dann in die Praxis ein, wenn der Übende nicht mehr fokussiert und konzentriert auf "den Rest" ist. Daher habe ich schon seit Jahren aufgehört, die Anzahl der Mantras irgendwo aufzuschreiben.

Denn "der Rest" ist das Wesentliche und Eigentliche. Hier geht es darum, die jeweilige Gottheit, deren Mantra ich spreche und ihr Reich zu visualisieren und wirklich zu empfinden, wie sie so ist. Wie fühlt sich sich an? Wie sieht sie aus? Was macht sie? Wie ist es, sich vorzustellen, so ein großartiges Wesen zu sein und aus Weisheit und Mitgefühl für die anderen Wesen zu tun, was sie eben am besten kann. So lange, bis ich mit ihr eins geworden bin, mit ihren großartigen Fähigkeiten und Qualitäten. Schon wieder dieses Wort... ;-)

Dieses regelmäßige Training meiner Vorstellungskraft, die Gottheit zu sein und ihre Qualitäten zu haben, ist sehr wichtig. Irgendwann wird es mir gelingen, im beständigen Fluss dieser gefühlten Qualitäten zu sein. Und irgendwann findet dieser Fluss von ganz allein seinen Weg - wie ein Bächlein durch den Wald. Dann ist es nicht notwendig, sich mehr Gedanken darüber zu machen - die Qualitäten wirken durch mich nach außen. Die regelmäßige Wiederholung der Praxis dient dazu, die Vorstellung der guten Qualitäten so zu verinnerlichen, bis sie sich spontan und mühelos einstellen.

Weil gezählte Mantras eine messbare Größe sind, liegt wohl bei vielen Praktizierenden ein starker Fokus darauf. Vielleicht, weil die Zahl der gesprochenen Mantras das Gefühl vermittelt, etwas Greifbares erreicht zu haben.

Zahlen, Daten, Fakten. Ja, das mögen wir gern. Damit können wir was anfangen. So belegen wir, was wir "erledigt" haben. 111.111 Mantras soll ich ansammeln? Prima. Mache ich. Häkchen dahinter.

Qualität jedoch ist weniger belegbar. Qualität ist eine Größe, die wesentlich davon abhängt, "wie" ich etwas tue. Quantität hat mehr damit zu tun, nachzuweisen, was ich alles geschafft habe.

Das "Wie" ist mein Lieblings-Fragewort. Aus oben genannten Gründen. Wenn ich mich hinsetze, um zu praktizieren, achte ich auf das "Wie". Wie konzentriert bin ich? Wie bin ich bei der Sache, wenn ich Gebete spreche. Meine ich wirklich, was ich da sage? Oder rezitiere ich nur? Fühle ich wirklich, dass es ein großes Bedürfnis meines Herzens ist, für andere präsent, liebevoll, mitfühlend, großzügig, verständnisvoll zu sein? Oder spreche ich nur diese Formel da, aus dem Gebetstext - womöglich noch auf Tibetisch?


Bin ich mir wirklich meiner Stärken bewusst, wenn ich bete - und der Schwächen, also der ausbaufähigen Punkte? Und genau diese fortwährende Achtsamkeit auf dem "Wie" macht mich auf die Punkte aufmerksam, die ich noch besser kann. Ich spüre es, während ich achtsam bete.

Und wenn ich nicht viel Zeit habe, so bete ich nicht sklavisch jedes Wort, sondern denke an das, was in diesem Abschnitt gemeint ist und fokussiere mich darauf, das Wesentliche dieses Gebets zu fühlen. Und indem ich dieses Gefühl, was mit den Qualitäten des Gebetsinhalts verknüpft ist, erinnere und wachrufe, ist zugleich die Qualität im Hier und Jetzt präsent.

Ich bin mir absolut sicher, dass dieses deutlich gespürte "Wie" das Wesentliche der Vajrayana-Praxis ist. Und darin liegt zugleich auch ihr größtes Geheimnis. Sich möglichst klar diese Gottheit vorzustellen in ihren Qualitäten und mit der Zeit ein Gespür für sie zu haben und aktivieren zu können, indem ich dieses Gefühl wachrufe. Das ist es.

Und jede dieser Gottheiten steht für einen Aspekt, der latent in mir, meiner Seele oder Psyche vorhanden ist. Je intensiver ich achtsam Energie in diese hinein gebe, desto stärker habe ich sie auch präsent. Desto stärker gewöhne ich mich an sie. Desto stärker treten die guten Qualitäten zutage...

Daher wird in dieser Praxis auch jede Gottheit so detailreich dargestellt. Und jedes Detail ist Synonym zu bestimmten Qualitäten. Und sicher sind das auch die Mantras. Ohne Bezug zu den Qualitäten haben diese Mantras jedoch weniger Kraft. Das habe ich schon oft erprobt: Hatte ich Verbindung zur Bedeutung des Mantras, weil ein sorgsamer Lehrer mir diese erklärt hat und konnte ich diese Bedeutung gefühlt in mir präsent halten, während ich das Mantra sprach, so spürte ich augenblicklich, wie sich etwas ändert. Tat ich es nicht und sprach einfach nur so vor mich hin, geschah nichts. Dann macht es keinen Unterschied, ob ich das Mantra aufsage oder einen Kinderreim wiederhole.

Was hat das nun alles mit Herzblut und Effizienz zu tun? Ganz einfach: Wenn ich das, was ich tue, richtig tue - dann tue ich es effizient. Und indem ich effizient etwas tue, erzeuge ich Effekte - oder bin effektiv.

Anders gesagt: Verfolge ich meine buddhistischen Gebete und Übungen effizient, bin ich effektiv darin, die gewünschten Qualitäten in mir wachzurufen und präsent zu halten. Dann wirken sie unversehens in mein tägliches Tun hinein. Deshalb tue ich sie mit Herzblut.


Mir wird jeden Tag klarer, dass dieses deutlich gefühlte "Wie" einer Sache wirklich starke Effekte zeitigt. Das reicht weit, weit über die buddhistische Praxis hinaus. Denn das, was ich während dieser Praxis beobachtet habe, lässt sich auf jede, wirklich jede Tat im Alltag anwenden. Daher investiere ich mein Herzblut und will nicht schnell und oberflächlich sein, um etwas "erledigt" zu bekommen. Um irgendwo mein Häkchen dahinter zu setzen. Oder um die höchsten Stückzahlen vorweisen zu können.

Und nicht zuletzt spielt das "Wie" - oder die herzblütig gewollte Qualität  auch eine essentielle Rolle beim Ansammeln von Verdiensten: Nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung ist die Wirkung mit der Ursache verwandt. 

In den klassischen, buddhistischen Erklärungen findet sich oft folgendes Beispiel: Willst du eine Rose züchten, musst du auch einen Rosensamen pflanzen. Ursache und Wirkung haben direkt etwas miteinander zu tun. Sie sind wie Mutter und Kind, die sich niemals begegnen. Wenn das Kind geboren wird, ist die Mutter schon tot.

Und drei Arten von Verdienst kann man ansammeln:
  • Verdienst, der die Ursache für Heilsames oder Positives legt.
  • Verdienst, der die Ursache für Unheilsames oder Negatives legt.
  • Verdienst, der weder das eine, noch das andere verursacht. Dieser wird auch als "neutral" bezeichnet.

Bin ich nicht mit Herzblut bei meiner Praxis oder bei dem, was ich tue, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich damit keine Samen für Heilsames lege und das gewünschte Kind nicht die guten Voraussetzungen hat, die ich ihm hätte schaffen wollen. Wenn ich nicht meine, was ich bete - und nebenher vielleicht noch negative Gedanken hege, dann kann ich noch so viel beten... Es wird mir nichts nützen und mich nicht zu dem Menschen heranreifen lassen, der ich gern werden möchte.

Wenn ich einfach larifari ohne gefühltes Engagement Mantras vor mich hin rezitiere, werde ich auch nur larifari - oder neutrale - Verdienste ansammeln. Die Person, die ich in Zukunft sein werde, wird ebenfalls larifari sein. Und mit Larifari werde ich niemandem nutzen.

Was sind "Verdienste" demnach anderes, als Gewohnheiten, die ich einübe? So ist die Frage nach dem "Wie" und die Achtsamkeit darauf, mein Herzblut zu fühlen und einzubringen, auch ausschlaggebend dafür, an was ich mich gewöhne. Gewöhne ich mich an oberflächliches Larifari und Schnellschnell, dann... Aber das könnt ihr jetzt auch alles selbständig zu Ende denken.

Wenn ich mich während meiner Praxis dabei ertappe, dass ich larifari bin, dann halte ich inne. Natürlich gibt es auch berechtigte Gründe, Larifari zu sein: Müdigkeit oder dass mich eigentlich andere Dinge beschäftigen. Diese fordern meine Aufmerksamkeit, aber anstelle mich diesen zuzuwenden und diese zu klären - und zwar mit voller Achtsamkeit, hake ich mein tägliches Gebet ab.

Ist dem so, entscheide ich mich manchmal, mit dem Beten aufzuhören. Widme ich mich mit voller Aufmerksamkeit dem, was mich innerlich bewegt, ist das ebenso ein Gebet. Nämlich eins, was zutiefst durchdrungen ist vom Wunsch, mit mir selbst im Reinen und für das, was ich tue oder tun will, von Herzen offen und präsent zu sein. Und das Gebet verwandelt sich im Moment des Innehaltens und der Zuwendung zu dem, was da Aufmerksamkeit fordert, in etwas anderes und verschwindet. Und plötzlich bin ich achtsam und präsent und voller Mitgefühl und Verständnis für mich selbst. Und nur das kann die richtige Ursache dafür sein, dass ich irgendwann einmal genauso für andere präsent sein kann.

Irgendwann löst sich der Wunsch der zeitlich und räumlich abgegrenzten "buddhistischen Praxis" auf und geht natürlicher Weise über in einen permanenten Zustand der Aufmerksamkeit, der mit den Gegebenheiten und Bedürfnissen von mir selbst und anderen fließt. Dann ist der Moment erreicht, indem ich die Praxis - im Sinne der Übung - nicht mehr benötige.

Ich bin, ohne es bewusst zu bemerken, schon zum Ergebnis oder der Wirkung übergegangen: Ein liebevoller, verständnisvoller, mitfühlender und präsenter Mensch zu sein, der für sich selbst und andere da ist. Ein solcher Mensch ist stimmig, harmonisch, authentisch und wird immer ganz spontan nur das Heilsame wollen und im Moment dieses wollenden Gebets zugleich bewirken.




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