Du musst...! Du sollst...!? - Nein, danke.

Während der letzten Wochen des alten Jahres geisterte mir mein Überdruss schon durch die Knochen und Eingeweide. Meistens warte ich ein wenig ab, um herauszufinden, ob der Überdruss aus einer Laune heraus entsteht und dann wieder verschwindet. Doch wenn er bleibt, so wird es Zeit, etwas zur Sprache zu bringen.

So beginne ich das neue Jahr mit einer Absage. Eine Absage an alles und jeden, der mir aufzwingen möchte, was ich tun muss oder soll. Zum Beispiel, um ein guter und richtiger Buddhist zu sein. Oder ein echter Freund. Oder in meinem Job diejenige, die es richtig macht.

Ich nehme gerne Einladungen an, wenn ich spüre, dass sie offen sind und für mich nicht insgeheim schon eine Schublade oder ein Nest bereitet haben, wohin ich gesteckt werde. Wo ich, kaum, dass sich die Tür desjenigen hinter mir geschlossen hat, in dessen Haus ich freien Willens gekommen bin, schon von Erwartungen und vorgefertigten Meinungen erdrosselt werde.

Das schließt ein, dass ich nicht immer nett sein werde. Wenn ich spüre, dass ich für irgendjemandes Zwecke oder Irrtümer vereinnahmt werde, kann ich ziemlich streng sein und sehr direkte Worte finden.

Anders ausgedrückt:  
Ich verspreche dir hiermit, dass ich alles zurückweisen werde, was die Wärme meines Herzens nicht frei zirkulieren lässt.

Ich habe keine Zeit für faule Kompromisse und eigennützige Verstrickungen zu verschwenden. Da ich im Westen geboren bin, habe ich es nämlich eilig. Ich mag nicht auf unendliche zukünftige Existenzen hoffen, in denen ich ja alles irgendwie noch nachholen kann, was ich im jetzigen Leben versäumt habe. Das ist nicht effizient. Und ich bin auch keine zwanzig mehr. Und auch keine dreißig. Die Lebensuhr tickt. Laut und vernehmbar.

Mein verlässlichster Kompass ist mein Herz. Auf mein Herz habe ich mich nun ca. 18 Jahre lang eingestimmt und unsaubere Verbindungen erkenne ich sofort an einem gewissen Maß an Unwohlsein. Manchmal will ein Teil von mir dieses Gefühl gern ignorieren und sich dennoch einlassen. Meist bewahrheitet sich jedoch das, was ich bereits in diesem anfänglichen Gefühl vorausgeahnt habe. Ich weiß inzwischen, was mir gut tut und nehme mir fest vor, dem im Jahr 2014 noch eindeutiger zu folgen.

Denn wenn ich dies nicht tue, gerate ich aus dem Tritt und verliere meine Spur. Meine Spur ist mein offenes Herz und die großzügige Einladung, die es einem jeden ausspricht. Die Einladung, ebenfalls offenen Herzens zu sein. So gut es eben geht. Und gemeinsam daran zu wachsen, die Offenheit des Herzens zu üben und beizubehalten.

Lasse ich also mein Herz durch irgendetwas vereinnahmen, dem selbst nicht ein offenes Herz zugrunde liegt, werde ich an Kraft und Richtung verlieren. Ich werde lange damit beschäftigt sein, eventuelle Verstrickungen wieder zu bereinigen. Das ist nicht effizient. Besser ist, solche Verbindungen gar nicht erst einzugehen oder sich auflösen zu lassen, wenn sich die Offenheit verliert. Das kann auch vorkommen.

Das offene Herz sendet auf einer anderen Frequenz, als diejenigen, die ständig Bedingungen oder Erwartungen aufstellen. Das Herz verbindet sich ganz natürlich und spontan mit jemandem, der selbst offenen Herzens ist. Sich zu verbinden und liebevoll auszutauschen, liegt in seiner Natur. Daher ist es vollkommen überflüssig, Verträge auszuhandeln oder einen Katalog von Bedingungen auszuarbeiten, anhand dessen eine Beziehung eingegangen oder beibehalten wird. Und offene Herzen lassen dem Herzen des Gegenübers immer einen freien Raum.

Die Basis des offenen Herzens ist Vertrauen. Das Vertrauen in das grundlegende Gutsein des anderen Herzens - und damit des Menschen, der du bist. Ein offenes Herz wird das Herz des anderen stets ermuntern, sich auszudrücken und zu entfalten. Und zwar so, wie es DIR entspricht. Ein offenes Herz würdigt deine Erfahrungen, die von dir über Jahre und unendliche Leben angesammelt wurden.

Mein offenes Herz vertraut darauf, dass auch dein Herz fähig ist, in Liebe und Weisheit den richtigen Weg und das richtige Auskommen zu finden. Durch alle Schleier hindurch.

Mein offenes Herz ist geduldig, dich deine eigenen Erfahrungen in Freiheit machen zu lassen, weil nur daraus sich allumfassende Liebe und Weisheit in diesem Leben, in diesen Körper äußern wird. Und so das Miteinander auf dieser Welt erhellen und bereichern wird.

Und den freien Raum, den ich Dir zugestehe, weil ich verstehe, dass du ihn zu deiner Entwicklung und Entfaltung unbedingt (bedingungslos) brauchst, benötige auch ich.

In einem respektvollen Miteinander von Herz zu Herz findet Vervollkommnung statt. In dieser natürlichen Verbindung testen wir das Leben aus, um noch gütiger und weiser mit uns und den uns umgebenden Wesen zu sein. In einer Beziehung von Herz zu Herz zirkuliert viel Frischluft, weil es keinen Grund gibt, dem Herz des anderen zu misstrauen.

Das ist die Grundvereinbarung, die offene Herzen miteinander treffen, ohne jemals darüber gesprochen zu haben. 


Und weil diese Grundvereinbarung meinem innigsten Wesen und meinem Lebensweg entspricht, weise ich alles zurück, was dieser widerspricht.

Davon unterscheidet sich massiv die Frequenz des "Du musst..." und "Du sollst..." oder des "Das macht man so..." oder des "Wenn du ein guter Mensch/Buddhist/... sein willst, dann musst du...". Diese Frequenz bindet, während die der offenen Herzen befreit.

Daher werde ich nicht immer nett und freundlich sein. Das "muss" ich auch nicht. Ich werde noch öfter Kritik üben oder scharfe Worte nutzen, wenn es sich im Herzen richtig anfühlt.

Es gibt viele Ebenen oder Frequenzen des Denkens, Sprechens und Handelns, die der des offenen Herzen widersprechen. Ihnen liegen subtil unsaubere Motivationen oder eigennützige Pläne zugrunde. Manchmal verbergen sie sich gut. Und Worte allein können täuschen. Um mein Herz offen zu halten, werde ich mich immer wieder bewusst dagegen entscheiden.

Ein Beispiel: Du nimmst vielleicht Kontakt zu einer buddhistischen Gemeinschaft auf. Das, was der Lehrer sagt klingt gut, heilsam und harmonisch und du lässt dich darauf ein. Du folgst den Empfehlungen deines Lehrers, praktizierst, was er empfiehlt, kniest dich über Jahre richtig rein... Doch nichts passiert.

Die Fortschritte, die du erhoffst, bleiben irgendwie aus. Du fühlst, das etwas nicht stimmt, hast vielleicht sogar keine Lust mehr, zum fünften, sechsten, siebten Mal das gleiche Retreat mitzumachen.

Der Lehrer sagt immer noch, dass du auf dem richtigen Weg bist.

Du fühlst dich zunehmend schlecht. Irgendetwas im Laufe der Zeit hat sich in dir gewandelt.

Die Unterweisungen, die der Lehrer gibt, transportieren dennoch so viel Wahrheit, denkst du. Und du zwingst dich, weiterzumachen, obwohl du inzwischen spürbar andere Bedürfnisse hast. Sie äußern sich in diesem schwer in Worte fassbaren, unerträglichen Gefühl, dass irgendetwas nicht mehr stimmig ist ...

Woher kommt deiner Meinung nach dieses nonverbale Empfinden? Wer oder was in dir ist es, der sich nicht wohl fühlt? Und wie wirst du dich entscheiden: Folgst du weiter den weisen Worten des Lehrers? Oder nimmst du deine Beine in die Hand und folgst diesem Empfinden, dass du dringend eine Veränderung brauchst?

Ich kann dir die Entscheidung nicht abnehmen, solltest du dich in einer solchen Situation befinden.

Aber ich weiß, was sich da äußert. Es ist dein Herz. Meiner Erfahrung nach ist es in der Lage, dich zu allen Erlebnissen und Erfahrungen zu führen, die du brauchst. Die du brauchst, um dein Bestes zu geben.

Denn die Wahrheit und Hilfe kommt nicht nur von außen - zugleich ist sie auch schon in dir.

Mein Bestes, für mich und die anderen zu geben, das ist es, was ich für mein Leben gern will. Daher kann ich keine Kompromisse machen. Ich muss weiter und weiter gehen. So, wie mein Herz es wünscht. Um alles das zu erfahren, was mich nach und nach in die Lage versetzt, wirklich für andere nützlich zu sein.

Das Herz macht vor keinen intellektuell gezogenen Grenzen, erdachten Bedingungen und aus persönlichem Mangel entstehenden Erwartungen halt. Indem mein Herz mir beibringt, alle Grenzen, Bedingungen und Erwartungen zu transzendieren, werde ich morgen noch mehr dir, diesem Leben und dem Guten in dieser Welt zugewandt sein. Und dafür brauche sowohl ich als auch du die Freiheit, möglichst viele, eigene Erfahrungen zu machen.

Daher brauche ich kein "Du musst... " und "Du sollst...". Sondern eine Einladung zum mutigen Ausprobieren.

Mögest du im neuen Jahr 2014 wieder und wieder Menschen und anderen Wesen begegnen, die dir eine bedingungslose Einladung aussprechen, offenen und neugierigen Herzens mit Ihnen zu sein!

Und ich wünsche dir die Freiheit, einfach herauszufinden, was passiert, wenn du diesen Einladungen folgst ... 

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