Die Wilde Herde sammelt sich ...

Ich wollte wissen, wie es um die Ankunft meines schwarzen Pferdes steht und ob die Zeit zum Aufbruch gekommen ist. Also schloss ich die Augen und begab mich in die Steppe, an jenen Platz, an dem ich vor wenigen Monaten mein Lager aufschlug, um auf das Pferd zu warten.

Dort hatte ich die letzten Wochen hindurch ausgeharrt, meditiert, gelauscht, bereinigt und Abschied genommen. Und als ich jetzt mit meinem Tagesbewusstsein die Lage checke, sehe ich mein schwarzes Pferd friedlich grasen, zusammen mit vielen anderen Pferden. Überrascht bin ich, dass es schon da ist.

Inmitten einer ganzen Herde sitze ich da und weiß auf einmal, was dies bedeutet: Ich werde diesmal nicht allein reisen. Ich warte dort darauf, dass die anderen Reisenden eintreffen. Ihre Pferde sind gemeinsam mit meinem bereits eingetroffen, doch die Reiter lassen noch ein wenig auf sich warten.

Vielleicht zögern sie. Wahrscheinlich zweifeln sie. Das kann ich ihnen nicht verdenken. Es ist nicht leicht, Vertrautes aufzugeben und in eine völlig unbekannte Zukunft aufzubrechen. Daher habe ich gern noch ein wenig Geduld. Eventuell sind sie noch gebunden und nicht frei darin, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und ihrer eigenen Wege zu gehen. Sie haben sich noch nicht mit einem entschlossenen Streich des Schwertes der unterscheidenden Weisheit alter Bindungen entledigt, um neue zu knüpfen.

Ganz ihre eigenen Wege werden sie nicht gehen. Im Gegenteil. Es wird der Weg sein, der ihnen die Wichtigste ihrer Verpflichtungen befiehlt. Und alle dieser höchsten Verpflichtung zugewandt, werden wir gemeinsam reisen. Dass dies niemals ein einsamer Weg sein kann und wird, begreife auch ich jetzt erst, wo ich mein schwarzes Pferd inmitten der anderen grasen sehe.

Besonders vertraut scheint mein schwarzes mit einem weißen Pferd zu sein. Sie gehen nebeneinander, in alter Verbundenheit und mit der spürbaren Gewissheit, sich auf einander verlassen zu können. Ein paar gescheckte Pferde laufen anhänglich hinterdrein. Je mehr ich die Herde betrachte, desto klarer erkenne ich eine Struktur. Ich bemerke die sozialen Beziehungen und Bindungen untereinander, die Stabilität, Sicherheit und Zielgerichtetheit vermittelt... Alles gute Voraussetzungen, um sicher zu reisen.

Wir, die wir eine lange Reise um der fühlenden Wesen willen vor langer Zeit begonnen haben, werden uns hier und da wieder treffen und ein Stück des Weges gemeinsam gehen. Es geht nicht anders, denn im physischen Körper ist keiner von uns fähig, alles allein zu machen. Jeder von uns hat sich in gewisser Weise auf etwas spezialisiert und ist Meister in einer bestimmten Fähigkeit oder bestimmten Fertigkeit. Und nur in Zusammenarbeit wird daraus etwas in höchstem Maße Nutzbringendes für möglichst viele Wesen entstehen.

Obwohl ich die letzten Jahre hindurch mich unter den Menschen oft auf mich selbst gestellt fand, war ich nie allein. Manchmal neigte ich nur dazu, dies zu vergessen. Und das waren sicherlich die dunkelsten Momente meiner Reise. Doch wenn es mir gelang, mich auch in schwierigen Situationen zu öffnen und mein Herz zu weiten, konnte ich dieses Netz hilfreicher Beziehungen deutlich spüren.

Ich sitze da still in jenem Lager in der Steppe und lasse an mein Herz heran, dass wohl die Zeiten vorbei sind, in denen ich relativ einsam reisen werde. So, wie diese Herde hier sich geformt hat und mit meinem schwarzen Pferd gemeinsam hier angekommen ist, um uns dem Gebirge dort am Horizont entgegegen zu tragen, so werden diejenigen sich nach und nach zusammenfinden, die sich zu Gleichem berufen fühlen. Ein Bündnis der Herzen wird auf natürliche Art und Weise entstehen.

Es wird Zeit für uns, das Gewohnte hinter uns zu lassen und in neue, unbekannte Welten zu gehen. Und diejenigen, die den Ruf in sich widerhallen hören, werden jetzt durch diese Tür gehen. Die Tür, die Maitreya uns in weiser Voraussicht geöffnet hat. Jetzt und in den kommenden Wochen. So, wie auch ich.

Stumm schaue ich mich um und sehe einige Mitreisende bereits neben mir. Still sind sie, wie ich. Nachdenklich. Einsgerichtet. Im Kontakt mit ihrem Herzen. Wieder und wieder vergewissern sie sich, was es bedeutet, diesen Ort hier und alles, wofür er steht, bald hinter sich zu lassen. Jeder von uns wird mit einem lachenden und einem weinenden Auge gehen. Aber voller Entschlossenheit.

In einem bin ich mir sicher: Keines der Pferde wird reiterlos bleiben. Es sind genauso viele, wie es Herzen gibt, die den Ruf zum Aufbruch klar erkennen. Es ist alles nur eine Frage der Zeit, bis alle Reisenden wie aus dem Nichts um mich herum auftauchen werden. Also warten wir. Uns allmählich und tiefgründig darüber bewusst werdend, was an Altem hinter uns bleibt. Und alle wissen wir, dass wir aufeinander angewiesen sind. Allein würde es keiner von uns schaffen.

Schon immer macht mich stutzig, wenn ich allzu selbstsichere Alleinreisende sehe. Die so oft den Eindruck machen, als seien sie losgelöst von allem Leid und aller Gefahr. Die meinen, sie seien auf nichts und niemanden angewiesen. Oder dass ihnen alles selbstverständlich zufallen wird. Ich weiß, dass sie früher oder später ernsthaft straucheln werden.

Doch manchmal sind sie lange Zeit verloren, mit allen ihren guten Fähigkeiten. Denn während sie ihr eigenes Potential zu entfalten wünschen, kapseln sie sich ein in eine parallele Wirklichkeit, in ihr persönliches, friedvolles Land. Nichts stört sie dort. Doch so, wie nichts sie erreicht, so nützen sie denen nicht, die ihre guten Fähigkeiten brauchen, um sich weiter zu entwickeln. In ihrem persönlichen, friedvollen Land jedoch, tangiert sie kein spezifisches Leid.

Äonen von Zeitaltern können sie dort verbringen. Und mühsam ist es, sie von dort wieder zurückzuholen und aufzuwecken zu dem, was wirklich wichtig ist: Mit allen fühlenden Wesen zu sein, egal, in was für einem Elend sie sich befinden. Mühsam ist es, ihnen beizubringen, dass sie ihre Fähigkeiten nur dank der Hilfe und Unterstützung anderer Wesen erlangen konnten. Und dass es nun an der Zeit ist, der Hilfe, die sie erhalten haben, Respekt zu erweisen.

Es ist leicht, in diese Art von Selbstüberschätzung abzudriften, die sich nur noch um den eigenen Frieden dreht und sich der eigenen Begabung und Genialität allzu sicher ist. Manch einer begehrt sein persönliches Nirvana so sehr, dass er nicht mehr bereit ist, Samsara als real anzunehmen.


Wenn ich mich dabei ertappe, nur meine Ruhe haben zu wollen, vergegenwärtige ich mir immer, was das für Folgen haben wird. Die größte und schlimmste Folge ist die Selbsttäuschung. Der Täuschung darüber, dass Nirvana und Samsara verschieden seien. In Wahrheit sind sie das nicht. Die wahre Befreiung liegt darin, sowohl Samsara als auch Nirvana als real anzuerkennen und jenseits von beidem liegt unser wahres Wesen.

Jene Mitreisenden sind nachdenklich, weil sie sich - so wie ich - von einigen Illusionen verabschieden müssen, an die sie lange geglaubt haben
.

Meine größte Wunschvorstellung war die, dass die buddhistische Tradition mir Heimat und Frieden bieten wird. Diesen Wunsch habe ich aufgegeben. Immer noch schmerzt es, das klar auszusprechen. Doch ich bin bereit, mich der Wahrheit meiner Wahrnehmung zu stellen.

Irgendwo zwischen Überlieferung und Moderne werde ich ein zeitweiliges Zuhause finden, das ist mein Ziel. Zuhause genug, um mir meiner Kraft sicher zu sein. Doch flexibel genug, um es, wenn notwendig, wieder aufgeben zu können. Ich werde mir keine sichere Burg bauen, in der mich nichts und niemand wirklich erreichen kann.

Ich werde weiter hart arbeiten müssen. Ich werde an mir arbeiten müssen. Ich werde mich darauf verlassen, geführt zu werden. Eine Zeit lang von meinem treuen Pferd und den Mitreisenden. Und natürlich von jenen, die über und mit mir sind.

Und ich weiß, du und du, vielleicht auch bald du, wirst dabei sein, auf dieser Reise ins Ungewisse. Davon bin ich zutiefst berührt. Tief gerührt verharre ich noch ein wenig mit euch, in der Steppe.

Wir sammeln unsere Kräfte.

Wir vergewissern uns unseres Bündnisses.

Dann wagen wir den Sprung auf unsere Pferde. Wie die Wilde Jagd rasen wir davon. Bis zur bisherigen Grenze unserer Welt...

Und weit darüber hinaus.

So sei es.







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