Der Zauber des ursprünglichen Herzens

Draußen will es nicht Winter werden. Zwar lag heute Morgen alles unter Raureif, doch ob Schnee und Kälte uns demnächst wirklich erreichen, wussten die Meteorologen gestern Abend noch nicht sicher zu sagen.

Ich vermisse den Winter. Ich mag Schnee und die Stille, die er über die Landschaft legt. Vor fünfundzwanzig Jahren kroch ich des Morgens von meinem dicken Schaffell und aus dem Federbett darüber, um fröstelnd in meinem unbeheizten Zimmer ein Loch in die Eisblumen an meinem Fenster zu hauchen. Ich blinzelte dann einäugig durch dieses kleine Loch nach draußen, um freudig den Neuschnee und den Tag zu begrüßen ...

Vorbei ist diese Zeit. Und wer weiß, ob sie jemals nochmals wieder kommt. Ich vergegenwärtige mir in den letzten Tagen sehr genau dasjenige, was vorbei ist.

Einiges davon ist gut, dass es vorbei ist: Inzwischen weiß ich beheizte Zimmer durchaus zu schätzen! ;-) Doch der Zauber des Winters ist, seitdem ich alle Vorzüge einer modernen, beheizten Wohnung mit fließend Warmwasser genieße, nicht mehr der Gleiche für mich. Schon gar nicht mitten in der Großstadt.

Und so stirbt manches Besondere, manches Außerordentliche und mir im Herzen Heilige einfach so dahin. Ob ich will oder nicht, werde ich es gehen lassen müssen, um mit den neuen Zeiten zu gehen.

Manche nennen diesen Prozess der Entzauberung auch »Erwachsenwerden«. Ich möchte so weit nicht gehen und hoffe, dass mich bis zu meinem letzten Herzschlag noch viele Ereignisse und Phänomene verzaubern werden. Dass mein Herz sich noch oft freudig staunend ausdehnen und die Welt und die Wesen darin spontan um alles des Wunderbaren Willen umarmen mag.

Ein liebevolles, offenes, warmes und neugieriges Herz gehört zu dem, was ich an Wunderbarem in dieser Welt niemals missen möchte. Und ich hoffe mir Selbiges ebenso zu bewahren, wie meine Fähigkeit zum Staunen über allen Zauber, den die Welt, das Leben und das Wirken anderer Wesen mit sich bringen kann.

Die Berührung des Herzens ist nichts anderes als Magie. Wer darüber nicht staunen, sie würdigen und ganz tief in sich aufzunehmen vermag, dessen Herz wird allmählich verknöchern und versteinern. Möge dir das niemals geschehen!


Falls du das Glück hast, Kinder zu haben, so hoffe ich sehr, dass du dich dank ihrer Fähigkeit, Wunder zu erleben, wieder erinnern wirst. Daran, wie weich, biegsam und erweiterbar jeder zauberhafte Moment werden kann, durch den du dein Herz berühren lässt. Nichts anderes wird dein Herz offen und am Leben halten, als der Wunsch, dich berühren zu lassen.

Die tiefe Berührung des Herzens ist nichts anderes als Liebe. Und daher steht für mich das offene, berührende und berührte Herz immer im Mittelpunkt meines Lebens. Einen zauberhaften Moment in dein Herz zu lassen, vielleicht versehen mit diesem kleinen Hauch Freude, versetzt dich in den Urzustand deines wahren Seins. Flüchtig sind sie, zugegeben. Doch wenn du sie hier und da erlebst, kannst du dir deines lebendigen Herzens immer gewiss sein.

Dein lebendiges Herz ist dieser Zustand, in dem du verzaubert bist. In dem Moment, wo du anderen wie durch Zauberhand das Beste tun möchtest, ist dein Herz in seinem Element. Und beides ist nichts anderes als Liebe.

Auch Trauer um etwas, das vorbei ist und vielleicht niemals mehr sein wird, trägt oft diesen Zauber. Den Zauber der Liebe - doch hier versehen mit dieser manchmal großen, manchmal kleinen Dosis Traurigkeit und Abschiedsschmerz. Auch dies fühlst du aus keinem anderen Grund, als aus Liebe.

Wenn du im Zauber dieser Liebe verweilst, bist du dein Herz. Und »Herz« ist hierbei nur eine Benennung, ein Synonym für einen Zustand, ein Sein, was so nicht fassbar und greifbar ist. Und die Grundlage für diese Benennung ist das, was du tief im Inneren wirklich bist. Ein von Moment zu Moment fließender Zustand, nicht mehr und nicht weniger. Ein Wesen, das erkennt, dass es diesen Zustand erlebt. Und dieses Wesen sagt dazu »Ich«.

Dieses »Ich« geht durch so viele Ebenen des Erlebens und Erkennens. Und wenn ich davon schreibe, im Herzen zu sein und das Herz verwirklichen zu wollen, dann wünsche ich mir einfach, möglichst nahe an diesem Urzustand des Empfindens von Liebe und des Wirkens in Liebe zu sein. Liebe selbst ist der Zauber, der dem Leben in mir und um mich herum etwas Heiliges, Respekt Gebietendes und zu Verehrendes verleiht.

Diesen Zustand des im Herzen und damit des in der Liebe seins zu pflegen und zu bewahren ist das Sinnstiftendste und Kostbarste in meinem Leben.

»Erwachsenwerden« scheint mir oft genug konträr entgegengesetzt zu sein, zu diesem Zustand. Erwachsenwerden hat mit dem Erlernen und Anerkennen ausgefeilter Regelsysteme und hierarchischer Strukturen zu tun. Und je mehr wir uns in diese einarbeiten und sie befolgen, desto weniger zauberhafte Momente erleben wir. Ist es nicht so? Desto weniger sind wir vorurteilsfrei und offen und desto weniger werden unsere Herzen spontan von etwas berührt.

Im Kopf haben wir dann die Abfolge und Struktur unseres Lebens gemäß dieser vorgegebenen Mechanismen schon fertig. Für Ungeplantes ist darin kaum Platz. Und unsere Wahrnehmung ist derartig voreingenommen durch alle diese Systeme und Pläne, dass wir unsere Sinne gar nicht mehr offen halten.  Alles scheinen wir dann schon gesehen, gehört, gelesen, geschmeckt und angefasst zu haben.

Selbst wenn wir uns Neuem zuwenden, geht das Neue durch unsere Wahrnehmung und unser Großhirn anhand des durch vorher Erlerntes erschaffenen Rasters. Hängen bleibt, was ihm entspricht. Der Rest wird einfach ausgeblendet und über Bord geworfen. Ein wenig Balance zwischen unserem Urzustand und dem voll programmierten Zerebrum finde ich wünschenswert.

Dein Herz verweilt in seinem Urzustand nicht nur in Liebe, sondern aufgrund dieser Liebe auch im Anfängergeist. Wenn du versuchst, ihm nahe zu sein, setzt es deine Wahrnehmung so oft wie es geht wieder zurück auf Anfang. Indem du nah am Herzen bleibst, leerst du die Voreingenommenheit deiner Sinne aus. So ist dein Herz nicht nur ein Zustand von Liebe, sondern zugleich wie ein Gefäß, das bereit ist, das Neue durch sich gehen zu lassen oder neu zu erleben. Und mit Liebe betrachtet, ist eins niemals wie das andere. An allem und jedem entdeckt dein innigstes Herz das Leben neu.

Diesem Anfängergeist nahe zu bleiben, erfordert Übung. Die Praxis, sich immer wieder auszuleeren und zu öffnen, in Erwartung des Wunderbaren. Und nicht dein Herz ist es, dass da geleert wird, sondern dein Verstand oder dein Tagesbewusstsein. Wenn es gelingt, täglich ein wenig locker zu lassen, vom Wunsch, alles zu können, zu wissen und auf alles eine erlernte Antwort zu haben, stellen sich allmählich neue Wunder ein.

Unser Tagesbewusstsein ist so etwas wie ein ständiger Reflex unseres Gehirns. Im Gehirn findet es auf alles Erleben durch Rückgriff auf in der Vergangenheit Erfahrenes eine adäquate Reaktion. Das Herz dagegen ist die Stimmgabel des Lebens. Bringst du dein Herz zum Klingen in dem dir gemäßen Ton und lässt diesen Ton all dein Denken, Sprechen und Handeln durchdringen, so wird es voller Liebe und somit offen für das Heute und das Morgen sein.

Die Liebe zum Leben und zu den fühlenden Wesen um dich herum will  - um des Lebens und der Wesen willen - immer frisch und offen sein. An wirklicher, inniger Liebe vermag kein Regelwerk, keine Tradition, keine Überlieferung lange zu haften. Im Gegenteil: Liebe brachte einst hervor, was später notiert, kategorisiert, klassifiziert, archiviert und überliefert wurde. Und weil Liebe immer wieder neu und mit den fühlenden Wesen sein möchte, findet sie nie dagewesenen Ausdruck, eine neue Sprache.


So betrachtet, gibt es keinen Grund, dem Vergehen einer Tradition oder dem Fehlen der Eisblumen an meinem Fenster nachzutrauern. Mein Herz in seinem Urzustand der Liebe wird neue Resonanz mit neuartigen Wundern finden. Und dafür andere Worte zu finden, ist manchmal wichtiger, als die alten auf Gedeih und Verderb zu wiederholen. Denn die Zeiten ändern sich.

Und dass die Liebe deines Herzens weiter mit der Welt und den fühlenden Wesen ist, ist unerlässlich. Für diese Zeiten die richtigen Worte der Liebe zu finden, ist elementar.

Aus Liebe werden sich neue Wunder ihren Weg zu uns bahnen. Durch dich oder durch mich.

Damit wir warm und weich und offen bleiben und nicht verkümmern und erstarren. Nicht allein für die Wunder dieser Welt. Sondern vor allem für dich und für mich. Und manchmal gewürzt mit einem Hauch Traurigkeit oder einem Hauch Freude.

Ja, wenn es nottut, bahnen sich neue Worte an, um alle fühlenden Wesen zum Herzen - zum Urzustand unseres Seins - zurückzugeleiten. Um uns zu allen Zeiten daran zu erinnern, wie wir ursprünglich wirklich sind.


Kommentare

  1. Liebe Josephine,
    auch ich vermisse den Winter dieses Jahr sehr. Wie Du, mag ich den Zauber verschneiter Landschaft. Stattdessen stellen sich schon langsam Frühlingsgefühle ein. Wenn wenigstens knackiger Frost wäre und die Luft rein und klar. Und wie Du, habe ich um den Jahreswechsel öfter an meine Kindheit denken müssen. All die Freuden, das Spiel, die Unbeschwertheit. Es lässt sich wohl nicht zurückholen, aber vielleicht durch anderes ersetzen. Ich versuche, jeden Tag als ein Geschenk zu nehmen, versuche ihn mit Freude und Licht zu füllen. Und es gab tatsächlich schon dunklere Zeiten...
    Ein schönes Wochenende wünscht Dir Anke!

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    1. Hallo liebe Anke,

      gerade als ich deinen Kommentar lese, denke ich: Wie soll das erst werden, wenn wir 80 sind? *lol* Jetzt sind wir erst um die 40 und schon so nostalgisch.... *zwinker*

      Ich bin absolut deiner Meinung und mir sicher, dass es eine Kunst ist, die Wunder im Alltag zu entdecken und damit auch die Unbeschwertheit unseres innigsten Wesens.

      Vor etlichen Jahren noch spürte ich mich nur von Dunkelheit umzingelt und vielerorts handlungsunfähig. Unfähig, mein Leben in eine Richtung zu lenken, die meinen Herzen entspricht. Dadurch hat sich eine Art Gewohnheit, das Dunkle statt das Lichtvolle zu erwarten, eingeschlichen. Und darum geht es. Diese Gewohnheit, das Schlechte zu erwarten, loszulassen, das Vergangene loszulassen, die Andersartigkeit der Kindheit zum Heute loszulassen - und sich die Chance auf neue Wunder im Hier und Jetzt zu geben.

      Und damit die Chance darauf, jahrelang gehegte Träume auf ein herzerfülltes und sinnvolles Hiersein. Ich fühle mich auf einen guten Weg.

      Liebe Anke, ich hoffe sehr, dir in den nächsten Tagen ein E-Mail zu schreiben, mit einem kleinen Update über meinen Werdegang. Hier im Blog werde ich ja nicht allzu konkret... Bis dahin wünsche ich dir eine inspirierte Zeit.

      Herzlichst
      Josephine

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    2. Liebe Josephine,
      ich würde mich sehr freuen über ein paar private Details!
      LG Anke

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    3. Liebe Anke,
      da ich in der Regel tue, was ich verspreche: Ich schreibe dir heute noch :-)

      Ich weiß, du wartest schon lange auf ein paar Details und ich möchte sie dir schon sehr lange und sehr gerne mitteilen.

      Wir lesen uns später. :-)
      LG Josephine

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