Bei Anbruch der Morgenröte

Während der Reise, die ich sattel- und gepäcklos auf meinem schwarzen Pferd antreten werde, werde ich mich regelmäßig vergewissern, dass dies auch so bleibt: Unnötiges Gepäck, was meine Kräfte einschränkt und die Geschwindigkeit verlangsamt, werde ich wieder und wieder zurücklassen. Dies grenzt den Hort meiner Energien und meiner inneren Ausrichtung (Motivation) ein und verhindert so, dass Kräfte sich zerstreuen und ich den Grund und das Ziel meiner Reise aus den Augen verliere.

Ich verzichte schon seit Jahren auf Etliches, obwohl ich als buddhistischer Laie ein normales, weltliches Leben führe. In meinem Alltag und meinem Zuhause läuft vieles weder rund, noch perfekt. Vieles bleibt liegen, weil ich den Bedürfnissen meines Herzens und der anderer Wesen Herzen zu folgen, tiefer verpflichtet war. Für alles Weitere hatte ich kaum Energie und Zeit übrig.

Da ich mich aber entschlossen habe, zu reisen, werde ich nun vernünftig sein. Und Anfängergeist entwickeln, was alles Liegengebliebene, aber Notwendige betrifft. Es ist meinem Herzen durchaus spürbar logisch, Abstriche zu machen und mich nun auch in vernachlässigte Bereiche meines Lebens hineinzubewegen.

Trennte ich diese notwendigen Schritte bisher oft von der Liebe meines Herzens, steht mir immer klarer vor Augen, dass diese Maßnahmen aufgrund gegebener Umstände und Bedingungen zu ergreifen, durchaus ein Akt der Liebe und Fürsorge für mich selbst und meine Zukunft ist.

Somit fokussiere ich mich neu, bündele meine Energien anders und richte sie auf andere Ziele aus. Ich nehme meinen Geist aus der Breite der Möglichkeiten heraus und mache ihn zum Vektor in eine bestimmte Richtung. Und zwar in die mir derzeit mögliche Richtung. Nicht die, die ich mir gewünscht oder erträumt habe.


Das Leben hat immer recht, las ich irgendwo. So ist es. Ich bin gewillt, dem Leben und dem Weg, den mein Herz durch selbiges weist, zu vertrauen. Ich passe mich den Gezeiten an. Und das tue ich heute, weil ich weiß, dass ich mir sonst nur etwas vormache.


Ich ziehe verzichtend Grenzen und lasse dadurch Wünsche und Hoffnungen los. Denn das starke Greifen nach selbigen, bannte meine Energien. Denn in der leisen stillen Hoffnung, dass sich noch andere Türen auftun würden, verharrte ich. Und wartete vergeblich auf den Moment, in dem sie sich öffneten.

In diesem Stadium, sich alle Türen irgendwie offen halten oder öffnen lassen zu wollen, kann man ewige Zeiten verbringen. Ich weiß, dass es eine mutigere und konsequentere Methode gibt, durch das Labyrinth an offenen und geschlossenen Türen des Lebens zu wandeln:

In Zukunft gehe ich ohne langes Hinterfragen oder Zögern einfach durch die Tür, die ich vor der Nase habe und die sich mir öffnet - oder die ich selbst öffnen kann.  Und geschlossene Türen hypnotisiere ich nicht länger - ich lasse sie hinter mir. Basta.

Diese Form von Entsagung beruhigt und konzentriert den Geist. Dieser Verzicht ermöglicht mir ein schlankes, wendiges, hochtouriges und lernintensives Leben.

Indem ich mir selbst innerlich Klarheit verschafft habe, dass ich Fokus und Richtung meines Willens überdenken, entschlacken und neu justieren muss, hat sich etwas verändert. Der Fokus meines Vertrauens wurde dadurch ebenfalls, und ohne mein bewusstes Zutun, neu ausgerichtet.


Seither denke ich öfter ganz absichtslos an Buddha Maitreya - den Buddha der liebenden Güte.

Mein Wurzellehrer hatte zu seinen Lebzeiten in seinem Spirtuellen Zentrum die Tradition eingeführt, immer zum Jahreswechsel dessen Ermächtigung zu geben. Einerseits tat er dies, weil er und alle seine Schüler als ersten Namen den Maitreyas (tib. Jampa) tragen. Andererseits steht Maitreya für eine neue Zeit, eine Phase, für die Maitreya sich als nächster Buddha nach Buddha Shakyamuni verpflichtet hat, den Dharma neu auf die Erde zu bringen. Was hätte besser passen können, als diese Ermächtigung zu Neujahr zu geben?

Ich denke gerne an Maitreya, weil dieser mir aus einem weiteren Grund nahe steht: Im Gegensatz zu den meisten anderen Buddhas, wird er nicht in der Robe eines Mönches, sondern in normaler Kleidung abgebildet. Oft sitzt er aufrecht auf einem Thron, wie wir im Westen auf dem Stuhl. Aus dieser Position ist es ein Leichtes für ihn, aufzustehen, um den Wesen zu helfen. 


Ganz andere Zeiten werden anbrechen, wenn er sich auf den Weg zu uns macht.

Und plötzlich sehe ich deutlich, diese Neu-Zeit hat für mich  j e t z t  begonnen. Ich spüre Maitreya in meiner Nähe, fast täglich nun, wenn ich an die Herausforderungen des neuen Jahres denke. Von so jemandem in den kommenden Monaten unterstützt zu werden, käme mir gerade recht. Und als hörte er mein Bitten um Geleit, geht er mir nicht mehr aus dem Sinn. Als wollte er mir täglich ins Ohr flüstern: Ich bin schon da! Und ich warte auf dich.

Als wollte er mir Trost dafür spenden, dass ich wieder auf Vieles, das mir lieb geworden ist, verzichten werde, um neue Wege ergründen zu können. Als ermunterte er mich, dass genau dies folgerichtig ist. Dies tröstet in der Tat und befriedet in mir allmählich alle Zweifel. Ich kann es fühlen.

Meine neuen Wege führen in die Welt, nicht in die Einsiedelei. Sie führen zu den Menschen, nicht in das alleinige Studieren und Verinnerlichen von Schriften. Ich werde Neues lernen und dafür auch dies und das lesen und studieren müssen. Aber nur, um dies sofort zu erproben und zu verinnerlichen im Umgang mit anderen Menschen, nicht auf dem Meditationskissen.

Natürlich bereitet mir das innerlich Lampenfieber. Mich durchwirbeln täglich noch Gedanken wie: Kann ich das? Schaffe ich das? Ist das wirklich der folgerichtige, konsequente, nächste Schritt für mich? Doch ich bin mir sicher, dass diese demnächst verblassen werden.

Währenddessen strebe ich bereits hinüber, in dieses andere Zimmer meines Lebens.

Denn von dort strahlt sie, die gütige, warme Morgenröte Maitreyas.

Er ist der wärmende Lichtstrahl, der durch die offene Tür dort auf mich fällt. Durch die Tür, zu deren Schwelle ich bis vor etlichen Wochen noch keinen Weg sah. Plötzlich bin ich schon im Begriff, über diese Schwelle zu treten und kann nicht einmal sagen, wie ich zu ihr gelangt bin.

Und wenn ich meinen Schritt verlangsamen will, sehe ich Maitreya dort: Lächelnd, aufrecht stehend,  mich telepathisch zu sich heranwinkend... Spielerisch wippt er mit seinem linken Fuß. Es klingt beinahe so, als klopfe er nachdrücklich insistierend auf den Boden und mahnte mich damit zur Eile. Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich durchaus schneller voran gehen könnte, wenn es nach ihm ginge. 

Während ich ihn so vor dem inneren Auge sehe, verstehe ich, dass ich mich zu ihm hingezogen fühle. Alles dies will ich auch: Ich will durch die Tür, ich will die Morgenröte, ich will die Veränderung und in seine Richtung. Und zwar schnell. Er und ich begrüßen alles dies. Und in dieser Gewissheit fühle ich mich zunehmend geborgen und dankbar.

Für dieses stille, freundliche, einladende Heraufdämmern eines neuen Morgens, will ich schlussendlich sehr gerne Grenzen neu setzen, meine Energien bündeln und dann endlich weiterziehen: Einfach weiter reisen, zu neuen Möglichkeiten und Wegen hin, die ich in einer ausufernd archivierten, komplexen, unübersichtlichen, nicht klar fassbaren, Raum greifenden, Zeit und Aufmerksamkeit fordernden Vergangenheit nicht mehr finden werde ... 

... dem Licht des nahenden Tages entgegen ...


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