Weswegen ich Buddhistin bin

Als ich mich einst entschloss, zu meditieren und den buddhistischen Weg auszuprobieren, berührte mich tief im Inneren die Bedeutung von Bodhichitta. Auch, wenn ich damals mit dem Begriff nicht wirklich etwas anfangen konnte, fand ich Resonanz in mir, als ich von Bodhichitta las.

Der Geist und das Empfinden des Bodhichitta traf den Nerv meines Lebens. Doch dieser Begriff ging in mir in Resonanz, weil ich im Herzen bereits von Bodhichitta wusste. Nur fand ich in diesem Buch damals zum ersten Mal ganz klar in Worte gefasst, was ich selbst schon spürte und zu verwirklichen hoffte.

Und aus tiefster Überzeugung konnte ich so sagen: Ja, das ist es! SO will ich leben! Ein Funke war übergesprungen. Und so begann ich, mir wirklich jahrelang Mühe zu geben, mich mit typisch buddhistischen Begriffen anzufreunden.

Ich begann damals also unbewusst mit dem, was ich heute "Integration" nenne: Die Integration des Buddhadharma in mein bis dato kulturell, geschichtlich, gesellschaftlich und sozial vorrangig christlich geprägtes Leben.

Dieses erstes Buch über Lojong und Tonglen begleitete mich damals ab 1997 ein Jahr lang. So lange brauchte ich, dass diese Worte dort auf dem Papier sich mit Leben füllten. Mit dem Leben, das mir mein Alltag vorgab. Und dies gelang mir auch dank dessen, dass dieses Buch selbst schon von jemandem verfasst wurde, die im Westen groß geworden ist. Sonst hätte ich vielleicht noch viel länger gebraucht, diese Worte mit meinem Leben zu verknüpfen.

Ganz allmählich nahm ich das eine oder andere buddhistische Buch hinzu. Zögerlich nur und unter Verabreichung geringen Dosen dieser neuen Denk- und Lebensweise tastete ich mich vorwärts und stieg so nach und nach tiefer auch in die philosophischen Grundlagen des Buddhismus ein.

Ohne diese Vorbereitung von fast zwei Jahren persönlicher Verarbeitung und Meditation hätten die Unterweisungen Seiner Heiligkeit des Dalai Lama 1998 in Reinsehlen bei Hamburg mich nicht wirklich erreicht.

Nur der "Bodhichitta"-Funke sowie der Wunsch, zu meditieren und selbst auszuprobieren und zu hinterfragen, hatte den Boden in mir weit genug vorbereitet. Weil ich auf einer beinahe verzweifelten Suche war, das auszudrücken und zu leben, was ich selbst in meinem Herzen spürte und nirgendwo bisher so adäquat gespiegelt fand, als im Buddhismus, war ich bereit, persönlich zu investieren und auszuprobieren.

Wenn wir im Westen nicht bereit wären, uns zu öffnen, zu investieren und auszuprobieren, hätten viele der traditionell geschulten Lehrer keine Chance. Weder, hier Zentren zu gründen, noch ihrer kulturellen Prägung gemäß zu leben. Wir im Westen erlauben ihnen den Zugang zu uns und unserer Gesellschaft. Wir stellen ihnen Raum und Mittel zur Verfügung, um zu lehren, was sie gelernt haben. Wir erlauben ihnen, uns durch ihre Sicht einer universal vorhandenen Einstellung zu inspirieren.

Von welcher Motivation ist nun diese Öffnung hin zu einer anderen Lebensweise getragen? Ich persönlich neigte mich zum Dharma und zu einer fremden Kultur hin, um mich meiner selbst in meinem innigsten Streben zu versichern. Ich war bereit, dafür zu arbeiten - mit mir und meinen Gedanken und Gefühlen. Je mehr mir der Dharma half, in meinem Inneren mir selbst gegenüber eindeutiger zu sein, desto mehr nahm ich vom Dharma auf.

Letztlich aber war jener Tag, an dem ich über Bodhichitta las und wusste, dass es meinen eigenen, innigsten Wunsch zweifelsfrei und eindeutig spiegelte, der alles entscheidende Moment gewesen.

Der Wunsch, mit dem Leben und den Wesen um mich herum in herzlicher Offenheit zu sein, weil wir alle im Innern gleich sind: Wir wünschen das Gleiche, wir vermeiden das Gleiche, wir sind im Inneren alle von gleicher Natur (Buddhanatur). Und es bedarf eines jeden von uns, um aufgrund dieser Gleichheit fair und gerecht, liebevoll und duldsam, anerkenned und respektvoll miteinander umzugehen. Eine von solchem Anspruch getragene Gemeinschaft oder Gesellschaft ist der Traum eines jeden von uns.

Ein Fehlschluss wäre es daher, anzunehmen, dass wir hier nichts von Bodhichitta wüssten. Wir haben nur andere Begriffe dafür. Die Chance des Dharma hier im Westen sehe ich persönlich darin, dass er uns wieder diese essentielle universale Menschlichkeit in den inneren Fokus rückt, uns also dem Herzen unserer innigsten Veranlagung wieder näher bringt.

Und "Bodhichitta" ist getragen von zwei Aspekten: 1.) Dem Verstehen und der Einfühlung in unser Leben und die uns umgebende Welt und 2.) der daraus resultierende Wunsch der Hinwendung zum anderen und dem liebevollen Tätigsein für die Mitmenschen. Traditionell werden diese Aspekte das "endgültige"(oder "absolute") und das "relative" Bodhichitta genannt.

In unserer christlich geprägten Kultur ist ein Aspekt bereits stark vorhanden: Die Hinwendung zum anderen oder tätige Nächstenliebe - das relative Bodhichitta. Dieser Aspekt hat sehr viel mit dem Engagement im Außen zu tun, gesellschaftlich und sozial. Oft wird sogar gesagt, in diesem Aspekt des tätigen Engagement für andere könnten die Buddhisten viel von uns christlich geprägten Westlern lernen.

Und ohne diesen Aspekt und der daraus resultierenden Freigebigkeit würde kein Dharmazentrum funktionieren. Weder finanziell, noch ehrenamtlich. Dass Zentren sich mitunter nur schlecht selbst finanzieren und erhalten können, hat für mich naheliegende Gründe. Gründe, die sich in meinen Augen aus einem Ungleichgewicht des wechselseitigen Gebens und Nehmens ergeben. Doch das sei nur am Rande erwähnt.

Der Aspekt des "endgültigen" Bodhichitta ist es, der uns hier im Westen meiner Meinung nach am meisten mangelt und am meisten bereichert. Und auch in Zukunft bereichern wird. Doch dies nur dann, wenn derjenige, der darüber lehrt, immer wieder die Brücke zu schlagen versteht, dass nur beide Aspekte des Bodhichitta zusammen uns als Menschen zur vollen Reife bringen.

Vereinfacht gesprochen, hat das endgültige Bodhichitta viel mit dem "Wieso?" und "Warum?" zu tun. Mit essentiellen Fragen also, die sowohl den Mikrokosmos der eigenen Persönlichkeit umfassen - und die diesen Mikrokosmos schaffenden Gedanken und Gefühle - als auch den Makrokosmos. Mit Makrokosmos meine ich sowohl physikalische Gesetze als auch Entstehen und Vergehen von Kulturen, Gesellschaften und dem alltäglichen Zusammenspiel vielfältiger Einflüsse und Kräfte, die auf meinen "Mikrokosmos" wirken.

In meinen Augen sind die Erklärungen, die der traditionelle Buddhadharma dafür gibt, die Besten. Dies bedeutet jedoch nicht, dass nicht andere Kulturen und Religionen diese nicht hätten, nur liegt bei ihnen vielleicht der Fokus nicht so stark auf diesem Aspekt.

In der Philosophie des Buddhismus gibt es viele Argumentationen, warum der Buddhadharma besser ist, als andere (im traditionellen Indien vor langer Zeit vorhandene) Religionen. Doch diese Argumente anzubringen verbietet sich - für mich persönlich - aus Respekt vor der hiesigen, durch eine andere Religion geprägte Kultur ganz von selbst. Dies ist in meinen Augen klar zu vernachlässigen, weil es bei dem einen oder anderen vielleicht auch verhindern kann, sich mit unserer Kultur anfreunden zu wollen und auf Augenhöhe mit den Menschen hier sein zu wollen und zu bleiben.

Wenngleich ich die buddhistischen Erklärungen zum "Warum?" und "Wieso?" für die Besten halte, bin ich davon überzeugt, dass viele buddhistische Lehrer noch nicht die für unsere Kultur passende Sprache dafür gefunden haben. Und dies resultiert oft noch aus einem Mangel an Hinwendung zur westlichen Kultur.

Verstehe ich die Zusammenhänge, in denen ich täglich lebe und funktioniere sowie gleichermaßen meine Außenwelt, werde ich automatisch auch den Wunsch haben, diese Welt meiner Vision eines guten Miteinanders gemäß zu prägen und zu verändern. Ich werde automatisch mitmachen und mich einbringen wollen. Ein tiefes Verständnis entsteht nicht allein nur aus dem intellektuellen Herleiten von Gesetzmäßigkeiten, sondern auch aus meiner einfühlenden Beobachtung, wie sich diese Gesetzmäßigkeiten auf mich und meine Mitwesen auswirken können. Nur allein Gesetze zu lehren oder zu lernen, nicht aber sie in ihren alltäglichen Auswirkungen wahrzunehmen und mit aus dem Alltag gegriffenen Beispielen zu illustrieren, erzeugt kein Bodhichitta oder entspricht nicht dem Geist von Bodhichitta.


Wird also das differenzierte Wissen über das Wieso? nicht in diese Lebenswelt integriert, bleibt es Wissen und wird niemals zur Lebensweisheit. In der Aneignung von Wissen sind wir im Westen Spezialisten. Doch wie erden wir dieses Wissen ins lebendige Hier und Jetzt? Durch die Methoden der Kontemplation und Meditiation. Und dies ist das Mittel, was den Buddhismus für mich außerordentlich macht.

Für mich kristallisierten sich mit der Zeit zwei Punkte heraus, weswegen ich gerne und bewusst Buddhistin geworden bin: Einmal das Üben und Fokussieren auf das Essentielle Erleuchtungsdenken oder Bodhichitta, insbesondere durch klares Erkennen und Einfühlen in das, was gerade ist und mich umgibt (endgültiges Bodhichitta). Daraus ergibt sich ganz natürlich das Bedürfnis, für andere liebevoll und fürsorgend da zu sein (relatives Bodhichitta). Und dies alles wird in meinem Inneren ermöglicht und erreicht mit einem hervorragenden Mittel: der Meditation (der Kontemplation ebenfalls natürlich vorausgeht). 


An diesen Punkten messe ich demnach auch einen guten Lehrer: A) kann er mir erklären, wie ich und die Welt funktioniert und welche psychischen und physischen Gesetze dem zugrunde liegen (endgültiges Bodhichitta)? B) Kann er mir durch Beispiele aus dem lebendigen Alltag zeigen, dass in mir bereits natürlich Bodhichitta vorhanden ist, nur noch nicht bewusst gewollt wird (Buddhanatur)? C) Kann er mir beibringen, wie ich selbst Einsichten (endgültiges Bodhichitta) generiere aus meinem Alltag, indem er mich die Mittel des Kontemplierens und Meditierens lehrt (relatives Bodhichitta)? D) Kann er mir hilfreiche Hinweise geben, wie ich auf Schwierigkeiten und Hindernisse im Miteinander mit anderen angemessen reagieren kann sowie Situationen positiv beeinflussen kann (relatives Bodhichitta)?

Was ich in meinen bisherigen Ausführungen vernachlässigt habe: Im Buddhismus spricht man auch von zwei Wünschen, aus denen Bodhichitta besteht: 1.) anderen zu helfen und 2.) dafür eben sich selbst so weit wie möglich zu vervollkommnen (Erleuchtung zu erlangen). Im ersten Wunsch treffen wir zugleich auch wieder auf den Aspekt der Nächstenliebe, der im Westen stark kulturell integriert wurde. Im zweiten Wunsch treffen wir auf das, was im Osten stärker ausgeprägt ist, als im Westen: Dem Wunsch, an sich selbst zu arbeiten und dabei so weit wie möglich zu gehen, koste es, was es wolle. Dieser zweite Wunsch ist für uns im Westen sehr heilsam, wenn wir diesen stärker in den Mittelpunkt rücken. Daraus erwächst überhaupt auch erst der Wunsch, Antworten auf das Wieso? zu finden.

Doch wenn dieser zweite Wunsch zu stark betont wird, kann sich in meinen Augen wieder eine Vernachlässigung des ersten Wunsches ergeben. Hier gibt es ein Ungleichgewicht, die traditionelle, tibetisch-buddhistische Praxis betreffend. Diese Überbetonung des zweiten Wunsches in den Westen zu übernehmen, fände ich fatal. Und das aus folgendem Grund: Das Leben hier gibt uns kaum Mittel und Möglichkeiten, sich in die persönliche Praxis zurückzuziehen.

Meiner Meinung nach ist es nicht zeitgemäß, sich selbst nur durch Rückzug ins Retreat vervollkommnen zu wollen. Doch der Eindruck entsteht, dass dies die bevorzugte Lebensweise der buddhistisch ernsthaft Praktizierenden sei. Manchmal spüre ich sogar so etwas wie die Auffassung, dass die wahre Erleuchtung nur durch Rückzug in eine Höhle oder jahrelanges Retreat möglich wäre. Ich zweifle daran, dass dies wirklich so in den Sutras steht.


Ich gehe davon aus, dass die Notwendigkeit zum einsamen Retreat eine kulturell tibetisch bedingte Überbetonung ist. Das Land Tibet gab die Möglichkeit des Verweilens in Zurückgezogenheit einfach her. Doch was wir heute brauchen, das ist etwas anderes: Wir brauchen Menschen, die uns im täglichen Miteinander abholen und bereichern. Da, wo das Leben tobt, dem sich keiner von uns entziehen kann. Für übermäßige Mantrapraxis hat kaum einer von uns Zeit. Das ist ein Luxus, den die wenigsten unter uns sich wirklich leisten können. Diese Betonung des einsamen Retreats ist nichts, was ich für in unsere Kultur integrierbar erachte. Regelmäßige, tägliche Phasen des Rückzugs in unseren turbulenten, westlichen Alltag integrieren zu lernen, wird für uns wirklich nützlich sein.

Aus dieser kleinen Bilanz gelingt es einem aufmerksamen Leser sicher, Folgendes zu entnehmen: Ich habe mich wirklich hinein gekniet, zu verstehen, anzuwenden und auszuprobieren. Und ich fühle mich durch und durch affin zum tibetischen Buddhismus. Doch mir ist vollkommen klar, dass ich in diesem Leben nicht in Tibet lebe und mich meinen jetzigen Lebensbedingungen und Umständen gemäß vervollkommnen muss. Dieses Muss erfordert, Adaptionen vorzunehmen. Dieses Muss erfordert, lieb gewordene, aber nicht anwendbare Methoden einfach fallen zu lassen. Dieses Muss erfordert, sich dem Wesentlichen zuzuwenden.

Und das Wesentliche ist das, was uns hier und heute dabei nützt, gute Menschen zu sein. Ein guter Mensch ist der, der seinen Mitmenschen ehrt und ihm zuliebe bereit ist, sein Bestes zu geben. Weil er im Schmerz des anderen sich selbst erkennt. Und immer nur die Schuld anderen zuzuschieben und zu warten, dass andere kommen und irgendetwas verändern, widerspricht der Erkenntnis, dass wir im Herzen alle gleich sind. Und weil es mir vielleicht sogar viel besser geht, als meinem mitleidenden Nachbarn, liegt es bei mir, die Ärmel aufzukrempeln. Das ist der Geist von Bodhichitta, wie ich ihn bisher verstanden habe. Das ist der Funken, der in meinem Herzen glimmt und zunehmend stärker wird.

Nur sage mir bitte einer - falls überhaupt noch jemand mit mir ist und die Geduld hatte, diesen langen Beitrag zu Ende zu lesen: Wieso habe ich trotz allem permanent den Eindruck, dass es mir seitens vieler Vertreter des tibetischen Buddhismus an Hinwendung zu mir, meiner eigenen Kultur und christlich geprägten Lebenswelt fehlt?

Weil mein Anspruch zu hoch ist? Dass er hoch ist, weiß ich. Ich fand bisher kaum einen tibetisch-buddhistischen Lehrer, der oben genannte Bedingungen erfüllt, die ich an den richtigen Lehrer habe. Doch wenn mein Anspruch nicht so hoch ist, werde ich mein Ziel in diesem Leben einfach nicht erreichen können. Und wer weiß, ob ich in meinem nächsten Leben den Buddhadharma wieder treffen werde ...

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Sollte ich irgendwo etwas falsch verstanden oder falsch geschlussfolgert haben, so bin ich für jeden Hinweis und jede Berichtigung offen und dankbar. Ich lerne gerne dazu, denn nur das bringt mich der vollkommenen Wachheit meines Herzens näher. Und diese möglichst noch in diesem Leben zu erreichen, das ist - aus vorgenannten Gründen - mein Weg und mein Ziel.

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