Keep it simple

Ich werde mit leichtem Gepäck reisen. So viel steht fest. So nutze ich die Zeit, die mir noch bis zur Ankunft des Pferdes bleibt, um sorgfältig auszusortieren. Ich entledige mich dessen, was diesen Raum, der so offen und weit in mir lebendig atmen möchte, unnütz füllt.

Die Herausforderung wird sein, mich nur auf das zu verlassen, was ich im Herzen mitnehmen kann.

Vielleicht wird einiges, was ich zurücklassen werde, auf anderem Wege wieder zu mir zurückkehren. Doch vorerst möchte ich beide Hände frei haben.

Die wirklich elementar wichtigen Dinge wissen wir im Herzen. Das meiste, woran wir so verbissen festhalten, lehrt uns unsere Kultur. Doch wenn es darum geht, wirklich ein herzensguter Mensch zu sein, müssen wir weit, weit über alle Kultur hinaus unser Herz weiten können. Zu wissen, wie das geht, ist daher essentiell. Vielleicht die Essenz der Essenz überhaupt. Alles andere ist schmückendes Beiwerk.

Vor etlichen Monaten schaute ich mir im Internet ein Interview an, das ein  bekannter tibetischer Rinpoche anlässlich seines Aufenthaltes in Russland gab. Ein Satz brannte sich bei mir ein. Er sagte sinngemäß: "Wenn jemand ohne das Kulturelle praktizieren kann, ist das gut."

Hätte ich diesen Satz einfach nur gelesen, so wäre er mir nicht so nachdrücklich geblieben. Doch in diesem youtube-Video sah ich, wie er es sagte, nahm seine Haltung wahr und spürte so hinter diesem Satz etwas auf, was ich in gewisser Weise als Hilflosigkeit beschreiben würde. Dass uns im Herzen nicht gedient ist, die in einer anderen Kultur gewachsenen Rituale nachzuahmen, weiß er sehr genau. Doch was er nicht recht weiß: Wie macht man das eigentlich - das Kulturelle am tibetischen Buddhismus weglassen?

Ich gebe zu, dass ich ein wenig verärgert bin. Darüber, dass dieser in meinen Augen alles entscheidende Punkt so vernachlässigt wird. Von denen, die uns im Westen den Dharma lehren. Die Integration der Lehre des Buddhas in den Alltag ist Gewähr dafür, dass der Dharma seinen Nutzen für uns entfalten kann und lebendig bleibt. Im Moment fühle ich mich zu 90% damit allein gelassen, diese Integration zu schaffen.

Lange beschäftigte mich die Frage, wer dafür eigentlich zuständig ist, Dharma so aufzubereiten, dass er zu uns und unserem Alltag passt. Der Lehrer oder der Schüler? Oder beide? Sie beschäftigt mich, seitdem ich in diesem Leben wieder auf den Dharma getroffen bin.

Meistens zwingt einen das Leben dazu, sich früher oder später zu entscheiden. Und an einem solchen Scheideweg stehe ich im Moment sehr bewusst. Ich muss mit leichtem Gepäck reisen, oder ich reise gar nicht. Doch nicht zu reisen, käme einer Selbstaufgabe gleich. Also entledige ich mich alles dessen, was mir vertraut war. Im Wissen, dass meine Kraft, meine Energie, meine Zeit dafür nicht ausreicht, alles beizubehalten.

Umso ärgerlicher ist es für mich, zu sehen, wie so viele Lehrer einfach unhinterfragt weitermachen können, wie bisher. Manchmal frage ich mich, wo ist eigentlich deren Bodhichitta?

Bodhichitta ist für mich eine innere Haltung, die mich immer wieder dazu treibt, mich zu meinen Mitmenschen hinzuneigen und mich in meinem Tun und Lassen ihnen anzupassen, wenn ich spüre, dass ein gutes Miteinander sonst nicht funktioniert. Ein Miteinander der offenen, weiten Herzen steht und fällt mit meiner Fähigkeit, mit ihnen in lebendigen Kontakt zu stehen. Jeden Moment, in jeder Situation des Tages, egal, was gerade abgeht.

Lebendiger Kontakt besteht unter anderem darin, eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Gewohnheiten zu finden. Verlange ich vom anderen nur, dass er sich mir anpasst und lernt, was ich einmal in einer anderen Welt gelernt habe - ist das dann der Geist von Bodhichitta? Wenn ich vielleicht sogar erwarte, dass derjenige, dem ich die Medizin des Dharma bringen möchte, erst einmal Englisch oder gar Tibetisch lernt und in wöchentlichen Übungssitzungen althergebrachte Rituale übt, die keinerlei Beziehung zu hiesigen Gewohnheiten und Ritualen haben?

Bodhichitta - oder Menschenliebe - erwartet nicht, sondern bewegt sich auf den bedürftigen Mitmenschen hin. Nicht umgekehrt.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich von verschiedenen Praktiken zu verabschieden, will ich im Herzen noch mit mir und den Menschen sein, denen ich täglich begegne. Es zerreißt mich sonst. Ich kann die Spannung zwischen Alltag und dessen, was diverse Vertreter meiner Herzensreligion mir lehren, persönlich nicht länger aushalten. Gesegnet seien die, die damit nicht vergleichbare Probleme haben...

Möchte ich mich aus tiefsten Herzen in mein gegenwärtiges Leben hinein verwirklichen, gilt es, Abschied zu nehmen.

Was oft übersehen, vergessen oder nicht erkannt wird, ist der Unterschied zwischen Kultur und Religion. Religion ist Privatsache, Kultur etwas Kollektives. Buddhadharma hat etwas mit meiner persönlichen, inneren Vervollkommnung zu tun, das Abhalten diverser Rituale dient dem Stärken der Gemeinschaft. Und vieles, was wir Kultur nennen, ist aus verschiedenen Regeln entstanden, die einst dazu gedacht waren, innerhalb einer bestimmten Gesellschaft Zusammenhalt zu schaffen und das Befriedigen unterschiedlicher Bedürfnisse zu koordinieren. Sehr vieles hat wiederum mit Macht zu tun.

Solange der Dharma unsere Herzen noch nicht erreicht und erweckt hat, wird das Abhalten dieser Rituale von keinerlei Nutzen für irgendwen sein. Es wird uns höchstens ein oberflächliches, trügerisches und vergängliches Gefühl von Zusammengehörigkeit vermitteln. Doch dieser Moment geht vorbei und in den entscheidenden Augenblicken, wo es darauf ankommt, ein guter Mensch zu sein, versagen wir kläglich. Wem nützt das Ganze dann?

Inzwischen bin ich mir ganz sicher, dass es den Buddhas, die uns führen und leiten, ziemlich egal ist, was und wie viel ich praktiziere. Sie freuen sich daran, dass ich im Herzen versuche, ein guter Mensch zu sein und Bodhichitta zu entfalten. Sie wägen dies nicht nach meinen Verpflichtungen ab, sondern würdigen jeden Moment meines Daseins, in dem ich reinen Herzens bin.

Eine wichtige Frage ist also: "Für wen ist das buchstabengetreue Befolgen der (gesellschaftlich und kulturell intendierten) Regeln eigentlich von Belang?"

Und darüber hinaus: Würden die Buddhas jemals befürworten, dass ich mich von meinen buddhistischen Verpflichtungen ebenso unter Druck und Stress gesetzt fühle, wie es mein Arbeitsalltag im Westen sowieso schon tut? Ich habe einen sehr anstrengenden, Energie raubenden Job. Ohne Job kann ich weder leben, noch buddhistische Unterweisungen oder Zentren finanzieren.

Ohne weiteres kann ich aus allen Verpflichtungen, die das Leben in dieser Gesellschaft von mir verlangt, nicht aussteigen. Wenn ich aussteige, isoliert mich das auch von meinen Mitmenschen. Und wem gegenüber übe ich dann Bodhichitta? Wie verwirkliche ich sonst das, was der Dharma mich lehrt, im Alltag?

Noch einmal: Gesegnet seien die, die keinerlei Hindernisse und Widerstände sehen, zwischen ihrer tibetisch-buddhistischen Praxis und ihrem Alltag. Doch gesegnet seien auch die, deren Herzschmerzen so andauern, wie die meinen.

Möge uns allen bald das Glück beschieden sein, das Herz unseres Vertrauens in jedem Augenblick unseres Hierseins wachzuhalten und zu verwirklichen. Durch alle Schwierigkeiten hindurch. Und so, wie es den heutigen Herausforderungen des Alltags am Besten entspricht.

So sei es.






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