Die bittere Süße nahender Veränderungen

Als ich über das "Jahr das Pferdes" schrieb, das mir schon einmal eine Fülle an lang ersehnten Veränderungen brachte, ahnte ich nur. Doch nun nimmt diese Ahnung in konkreten Entscheidungen und Gelegenheiten Form an. Formen, von deren Entstehen und Erscheinen ich vor 30 Tagen noch nichts wusste.

Doch ich nehme mich selbst beim Wort und tue, was zu tun ist, um neuerlich einen quälende Stagnation in ein Dasein auf einer neuen Ebene, einem Leben  mit einem neuen Geschmack, fließen zu lassen. Mit Beginn des westlichen neuen Jahres nehmen erste Veränderungen ihren Lauf...

Wo während der vergangenen dreißig Tage ein Nebel aus Unsicherheit, Verwirrung und unterschwelligem Stress herrschte, hat das Wetter plötzlich aufgeklart. Die tief hängenden Wolken sind verschwunden und die Luft ist derart kristallin, dass ich in der Ferne die Berge wieder sehen kann. Nahe sind sie gerückt und ich erkenne in voller Schärfe ihre Konturen. Berge, zu denen ich bald aufbrechen werde, um von da in mir unbekannte Welten zu gehen.

Ich bin mir absolut sicher, dass diese Reise sein muss. So lieb und vertraut mir die im letzten Zyklus von etwa 12 Jahren geschaffene Umgebung geworden ist, so unwirklich wird sie inzwischen schon. Und über die weite Ebene, die mich jetzt noch von jenen Ehrfurcht gebietenden Gebirgszügen trennt, treibt der scharfe Wind mir Geräusche entgegen. Und je mehr ich diesen Bergen entgegen lausche, desto besser vermag ich diese Töne zuzuorden:

Da nähert sich Hufgetrappel - da nähert sich ein Pferd im vollen Galopp. Und zwischenzeitlich wiehert es, ungeduldig und entschlossen. Es naht, um mir seine Kraft und Geschmeidigkeit zur Verfügung zu stellen.

Noch stehe ich da, in dieser weiten Ebene und sehe, wie der Wind das schneefreie, aber winterlich welke Gras kämmt und peitscht. Und während ich im Pfeifen des Windes das Nahen des Pferdes spüre, schließe ich kurz die Augen, um ihm entgegen zu sehen. Schwarz ist es. Das war es schon immer. Ich weiß nicht warum. Und bald wird es kurz vor mir zu Stehen kommen.

Beherzt werde ich in seine Mähne greifen und mich auf seinen sattellosen Rücken schwingen. Und dann fliegt es mit mir ohne zu Zögern über die kahlen Felder, in rasender Geschwindigkeit, jenem Gebirge entgegen...

Nichts wird also aus meinen Plänen, zur Ruhe zu kommen. Doch wusste ich schon damals, als ich diesen frommen Wunsch nieder schrieb, dass er Wunschdenken bleiben wird, da gar nicht nötig. Verwirrt war ich nur, der mangelnden Perspektive wegen. Diese habe ich noch immer nicht, doch wird sie sich wandeln, je mehr ich mich der Zielstrebigkeit dieses Pferdes anvertraue.

Ich habe mich entschlossen, mich den sich anbietenden Veränderungen hinzugeben. Ein wenig freudig aufgeregt bin ich schon, obwohl der Wandel mich in eine andere Richtung führen wird, als ich gedacht hatte.

Darin bin ich konsequent zu mir und meinen Einsichten gegenüber, die ich in den letzten Jahren gewonnen habe: All die Jahre lang wurde mir wieder und wieder direkt vor Augen geführt, dass ein Teil meiner Wünsche nicht Wirklichkeit werden kann. Wenn sie es täten, würde ich in zwei Welten leben müssen. Doch ich will nur Teil einer Welt sein - und zwar in dieser. Und in diese hinein möchte ich alles integrieren, was mir kostbar ist.

So habe ich mich gegen eine Parallelwirklichkeit entschieden, zu der, die mir diese manchmal so fremde Kultur abverlangt. Fremd ist sie mir, trotzdessen ich in ihr Geburt annahm. Fremd ist sie mir, weil sie mir einen wichtigen Teil  von mir - mein Herz - nicht spiegelt.

Lange lebte ich im Zwiespalt, zwischen zwangsläufiger Beschäftigung mit dem, wofür ich mich nicht freiwillig entschieden habe und dem, was ich von Herzen leben will. So vieles, was meine Kultur und meine Gesellschaft ausmacht, wollte ich nie. Doch ich lebe in ihr und damit in dem, was sie von mir verlangt. Davor möchte ich mich nicht länger verschließen. Weder offensichtlich, noch subtil. Ich möchte mit ihr sein, indem ich das eigenhändig in sie hinein trage, was sie mir nicht spiegeln kann. Indem ich täglich tue, was  - meinem Herzen nach - zu tun ist. Sei es beruflich, oder privat.

Ich habe mich damit auch bewusst gegen eine buddhistische Parallelgesellschaft zu meiner sozialen und kulturellen Umgebung entschieden. Auch wenn es mir schwer fällt, weil ich damit so vieles nicht tun werde, was ich mir schon lange gewünscht habe. Doch wenn ich im Herzen aufrichtig sein will, muss ich mich der Einsicht stellen, dass ich den Dharma tiefgründiger in mein Leben fließen lassen muss. Nicht wie ein sonntäglicher, buddhistischer Kirchgänger, sondern jemand, der die Essenz des Dharma auch ohne offensichtliche spirituelle Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft lebt.

Darin liegt ein wenig Bitternis. Die bitter schmeckende Erkenntnis, dass ich in keiner buddhistisch geprägten Kultur lebe. Und das kultivierter Buddhismus immer noch in geschlossenen Räumen verbleibt. Doch ich will in Freiheit und Offenheit leben. Ohne Grenzen und Mauern zu den Menschen, mit denen ich täglich so viele Stunden meines Lebens verbringe - und die zu mindestens 99% eben keine Buddhisten sind.

Ich will mich nicht ausgrenzen, sondern einbringen. In das Leben hier. So, wie es hier gewachsen ist und mit dem, zu dem ich geworden bin und immer noch werde.

Den Weg dahin habe ich sehr lange gesucht.

Und? Habe ich ihn auch gefunden? 

Das vermag mir nur diese Reise, die ich antreten werde, zu zeigen. Von heute aus kann ich das noch nicht wissen. Doch ich bin bereit, alle bisherigen Wunschvorstellungen hinter mir zu lassen.

Meine alten Wunschvorstellungen verurteile ich nicht. In Erforschung meiner Vergangenheit kann ich sie sehr gut verstehen: Ich möchte das, was mir seit Menschengedenken lieb und teuer war, auch in neue Zeiten hinüber zu retten. Intuitiv versuche ich, das beizubehalten, was mich einst und häufig sehr glücklich sein ließ.

Bitter ist es, dies nun ein Stück weit loszulassen. Bitter, sich einzugestehen, dass hier etwas (noch) nicht kompatibel ist, mit dem, was aus dieser meiner Lebenswelt heute geworden ist. Doch loslassen muss ich, will ich mit dem Zeitgeist gehen, um ihn auf meine Art mitzuprägen.

Deshalb ließ ich in den letzten, stummen Tagen noch mehr Weite zu.

Tiefer atmetet ich ein, noch großzügiger aus.

Ich stellte mir vor, wie ich meine mir selbst gesetzten Grenzen immer mehr ausweite. Wie ich Ereignisse und Wendungen in mein Leben zu treten gestatte, die ich für unvorstellbar hielt.

Ich tat dies, weil ich den Druck nahender Veränderungen bereits spürte. Und anstelle mich durch Gegendruck des mich Versteckens dagegen zu stämmen, erweiterte ich einfach den Empfangsradius meines Herzens.

Und da spürte ich sie langsam aufkeimen: Die Süße des Herzens, wenn es ahnt oder versteht, dass es noch Hoffnung gibt. In allen Dimensionen und auf allen Ebenen meines Seins. Die Hoffnung, mich diesem Leben doch noch vollständig hinzugeben. Fast hätte ich angenommen, dass dies unmöglich sei.

Plötzlich schmeckte ich die Süße neugieriger Zuversicht und freudiger Erwartung. Und so fühlte ich, eine Veränderung betreffend, bei der ich das nicht erwartet hatte. Und indem ich dieses Empfinden zuließ und schweigend lauschte, was mein Herz mir Inspirierendes dazu zu sagen hatte, ergab alles unvermutet einen neuen Sinn...

So warte ich jetzt auf die Ankunft meines schwarzen Pferdes. Noch stehe ich da, spürend und lauschend, in der Ebene. Stehe still und weiß wie immer nur die grobe Richtung. Doch ich weiß, es ist richtig, wieder aufzubrechen. Das fühlt sich gut an.

Und wenn ich auf dem Rücken des Pferdes mich jenen, mir heute in der klaren Luft so nah scheinenden Bergen, entgegen tragen lasse, werde ich nur eins tun: Mich diesem wilden Galopp und jedem der Schritte meines Pferdes vollständig anzuvertrauen. Denn irgendwie ist es auch ein Teil von mir. Ein Teil, den ich vernachlässigt habe.

Dann, wenn ich diesen Anteil zu mir zurückgenommen habe, werde ich am Fuße der Berge stehen. Ich werde genau wissen, welcher der Bergrücken es sein wird, den ich erklimmen werde. Ohne jemals einen Atlas konsultiert zu haben.

Und dann werde ich einfach losgehen und dem Pass des Berges zielstrebig entgegen wandern...



Kommentare

  1. Das klingt ja sehr geheimnisvoll! Ich frage mich, ob es wohl mit einem Ortswechsel verbunden ist!
    Einen wunderschönen 2. Advent wünscht Dir Anke!

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    1. Liebe Anke,

      ja, mit einem geistigen Ortswechsel ;-) - nicht aber mit einem physischen! Obwohl ich auch nach zehn Jahren München nicht als meine Wahlheimat betrachte, bleibe ich hier.

      Meist ist das Wechseln der geistigen Ebene jedoch auch mit äußeren Veränderungen verbunden... Mehr verrate ich hier nicht!

      Ich wünsche dir auch einen schönen 2. Advent!

      Herzliche Grüße
      Josephine

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