Wer fragt, öffnet sich der eigenen Weite

In den Raum hinein, der sich aus meinem offenen Herz heraus ausbreitet, stelle ich sehr oft Fragen. Fragen sind der Treibstoff meiner Entwicklung. Ohne sie wäre ich nicht die, die ich heute bin und ich hätte nie entdeckt, dass ich anders bin, als ich dachte.

Ich habe mich dabei darauf spezialisiert, selbst Fragen zu hinterfragen, die sich mir spontan an den Widersprüchen des lebendigen Alltags stellen. Insbesondere wenn scheinbar nichts voran geht, stelle ich alles das, was ich bisher für selbstverständlich hielt, fragend auf den Kopf. So versuche ich zu dem, was in mir in Frage steht, eine neue Perspektive zu finden.

Mit der Zeit habe ich so auch den Mut entwickelt, mich Szenarien zu stellen, denen ich bisher aus Angst aus dem Weg gegangen bin. Vielleicht, weil sich diese Szenarien in eine Richtung zu entwickeln schienen, die mir unangenehm war, die ich meiden wollte. Und während ich so fragend übte, über das unangenehme Gefühl hinweg zu gehen, haben sich mir ganz neue Perspektiven geöffnet.

Das, was ich vorwegnehmend als wenig aussichtsreich erachtete, stellte sich als viel großzügiger heraus, als ich mir bis dato vorzustellen vermochte. Und mein Vorurteil entpuppte sich oft als der Versuch, einen alten Schmerz in die Zukunft zu projizieren.

Hätte ich nicht radikal zu fragen begonnen, wäre meine eingeschränkte Sicht auf mich selbst irgendwann mein Charakter geworden. Indem ich also meine Art und Weise, alles zu betrachten, hinterfragte, gewann ich an innerer Größe und Weite.

Warum das Fragen stellen mich so stark voranbrachte, ist ganz einfach zu verstehen: Fragen fokussieren die Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung. Sie bündeln den Geist auf einen bestimmten Aspekt meiner Realität. Und wenn ich nach dem Stellen der Frage betrachtend auf diesem Aspekt verweile, antwortet dieser Aspekt in mir. Achtsamkeit bewirkt Antworte
n.

Ein achtsamer, fokussiert ausgerichtete Geist erkennt. Reflektiert. Durchleuchtet. Und während ich das tue, verweile ich abwartend und nachspürend darauf, was sich ergibt.

Dies ist Kontemplation.


Zu kontemplieren funktioniert nicht nur mit Texten, die ich eventuell studiere oder Lerninhalten, die ich mir aneignen möchte, sondern bei allen Dingen des Lebens.

Indem ich übte, neben dem, was ich denke, auch auf meine Gefühle und körperliche Reaktionen zu achten, kam ich mir mehr und mehr auf die Spur. Sowohl dem, was mich einstmals verletzt hat und dem ich seitdem aus Reflex aus dem Weg gehe, als auch dem, was mich freudvoll anzieht und spontan begeistert.

Dieser Spur zu folgen, eröffnet neue Handlungsräume - sie fügt dem inneren Raum ständig neues Land hinzu. Ein Stück Weite, die befreit ist von Hindernissen und vereinnahmenden Verhaltensmuster. Und je weiter ich mich in das sich der Achtsamkeit des Fragens darbietende Neuland hinein bewege, desto tiefgründiger verstehe ich.


Was ich brauchte, um die richtigen Fragen zu stellen, war die Gewissheit, dass die fragende Betrachtung ungefährlich ist. Das nenne ich Vertrauen. Vertrauen, in mein Vermögen, mich diesem geistigen Spiel der Möglichkeiten zu stellen. Vertrauen, dass sich Antworten ergeben werden, die mich Wege finden lassen. Neue Wege, wo bisher eine Sackgasse war. Musste ich dieses Vertrauen anfangs noch als Vorschuss investieren, ist dieses Vertrauen inzwischen sicher da.

Mittels möglichst konkreter Fragen funktioniert dieses Frageprinzip am besten. Je konkreter und rigoroser ich nachhfrage, desto klarer die nachfolgenden Erkenntnisse und Antworten. Und danach bin imstande, mir eine Richtung zu wählen und mein Leben bewusst zu bestimmen. Nämlich so, wie es mir wirklich am Herzen liegt.

Hinterfrage ich nicht, was ich fühle und denke, bleibt mir hingegen nur eins: Den Weg zu gehen, der dadurch bestimmt wird, was ich gerade denke und fühle. Dann lebe ich nur das, was sich gerade in mir ereignet, doch ich zähme mich nicht. Ich entwickle mich nicht zum Herzen hin.
 

Nur wer fragt, erhält Antworten. Und diese sind die Pflastersteine auf dem Weg.

Aus verschiedenen Perspektiven und Antworten zu wählen, die ich zu einer Thematik, zu einer Schwierigkeit oder meinem Unwissen über etwas gewinne, ist logisch. Zu wählen, bedeutet immer, zu entscheiden. Ich scheide das, was mir im Inneren entspricht, von dem, was dem zuwider läuft. Und dabei richte ich mich ganz klar an Prinzipien und Werten aus, die das Wesen meines Herzens bilden.

Unabhängig davon, dass ich auch andere Perspektiven, Antworten, Wege und Entscheidungen gelten lasse, wähle ich  - der Aufrichtigkeit meines Herzens zuliebe - meinen ganz persönlichen Weg aus. Und ich entscheide mich bewusst. Und je bewusster ich entscheide, desto sicherer bewege ich mich durch mein Leben und meine Welt.

Ich stehe zu meinen Entscheidungen, weil ich weiß, warum ich sie getroffen habe und trage die Konsequenzen. Ich übernehme die Verantwortung. 

Noch etwas ist mir aufgefallen:  

Je beherzter ich frage, desto großherziger die Antworten.  Und je skeptischer ich meinen selbstverständlichsten Überzeugungen gegenüber bin, desto schneller offenbaren sich meine  Irrtümer.

Schaue ich zurück, auf die inzwischen vielen Jahre des Fragen stellens, so staune ich manchmal darüber, was ich dadurch zurücklassen konnte. Ich fühle mich um so vieles erleichtert, seitdem ich den Mut zu noch so absurd erscheinenden Fragen fand. So viel sinnloser Ballast ist von mir abgefallen: Vieles, was ich glaubte, tun zu müssen und zu sollen. Alles Muss und Soll, für das ich mich niemals selbst entschieden habe.

Manche Antworten, die ich in meinen zahlreichen Kontemplationen und Herz-Meditationen fand, haben mich zeitweise umgehauen. Indem ich mich verrückte, paradoxe und zweifelhafte Dinge fragte, lernte ich, auch die verrücktesten Antworten für möglich zu halten. Ich ließ die dunkelsten Atropien ebenso eine zeitlang fragend gelten, wie die glückseligsten Utopien. Ich ließ zu, in beide Welten fragend und wachsamen Auges einzutauchen, ganz gegen erste Reflexe der Vermeidung oder der Vorliebe an.

Diese Übung öffnete  mich so sehr, dass die folgenden Antworten gelegentlich wie Bomben einschlugen. Sie hatten die Kraft, meine bisherige Sichtweise und Parteinahme für das eine oder andere vorrübergehend oder nachhaltig in Schutt und Asche zu legen. Mochte dies zuerst auch verwirrend sein - denn diese Antworten entrissen mir hier und da den Boden unter meinen Füßen - so waren sie am Ende unglaublich heilsam.

Wenn ich erst einmal die Trümmer meiner bisherigen Engstirnigkeiten aufgelöst hatte, spürte ich diesen befreienden Zugewinn an innerem Raum. Inzwischen will ich dieses innere Wachstum nicht mehr missen. Denn je mehr Raum ich gewann, desto mehr zeigte sich in diesem Raum spontan mein innigstes Herz. Und je deutlicher ich dieses nun unhinterfragt erkennen und spüren konnte, desto deutlicher wusste ich plötzlich, wer und was ich wirklich bin.

Wenn man so will, wirken die Fragen wie ein Laser, der alles untersucht und auch gelegentlich zerstört, was diesen weiten, leeren Raum verstellt. Im Alltag hilft das Fragen mir, in Resonanz mit meinem Herzen zu sein und aus diesem Gleichklang heraus zu handeln.

Dieses Prinzip des Hinterfragens viel mehr auf mich und mein tägliches Erleben zu beziehen, als nur einen Text oder etwas, das ich lernen möchte, entwickelte sich für mich zur Königsdisziplin der inneren Entfaltung. Dieses Prinzip hat mich gelehrt, noch besser zuzuhören - mir selbst, dem anderen und dem Leben. 


Und Zuhören ist Achtsamkeit. Nachspüren ist Achtsamkeit. Achtsamkeit ist Liebe.

Denn alles, vorauf du deine liebevolle und wissbegierige Aufmerksamkeit richtest, egal ob Mensch, ob Tier, unbelebter Gegenstand, Gedanke, Gefühl oder körperlicher Zustand - wird sich dir früher oder später öffnen und offenlegen.






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