Und ewig grüsst das Murmeltier?

Für hochsensitive, introvertierte Menschen mit reichem Innenleben ist ein strukturierter Alltag äußerst wichtig. Oft suchen sie auch den Rückzug und sind nicht selten Einzelgänger. Struktur im Alltag und Abgeschiedenheit gibt ihnen Sicherheit. Die zahlreichen inneren und von außen kommenden Reize können nur so in einem ausbalancierten Niveau gehalten werden.

An und für sich sähe mein ideales Leben genau so aus. Doch in den letzten Jahren des Umbruchs war dies selten möglich: Weder die alltägliche Struktur, noch das Empfinden von Sicherheit.

So paradox dies angesichts meiner Veranlagung scheint, so habe ich mich letztlich immer gegen feste, sich allmählich einfahrende Strukturen entschieden und mich der Unsicherheit bewusst ausgeliefert. Mein inneres Wachstum und die Veränderung äußerer Umstände, die dafür Ursache und ebenfalls Wirkung ist, waren stets wichtiger für mich.


Vorübergehend bin ich selbst es gewesen, die das Reizniveau beständig erhöht hat und dadurch habe ich mich sehr oft überfordert gefühlt. Ich wusste oft nicht, was ich mit den auf mich einstürmenden Impulsen, Beobachtungen, Gefühlen und Gedanken anstellen sollte - und habe mit einer sehr starken, inneren Lähmung darauf reagiert. Dann ging vorübergehend gar nichts. Ich fühlte mich handlungsunfähig und das endete letztlich immer in Rückzug. "Mein System" verlangte danach, alles erst einmal zu verarbeiten. Vorher weigerte es sich, weiterzumachen.

Dieses Empfinden der Paralyse brachte mich dazu, mich intensiv zu hinterfragen. Ich begann zu beobachten, wann und wieso ich mich gelähmt fühlte und wo diese Paralyse in Harmonie mit meinem Weg war oder mich blockierte.

In Harmonie war sie dann, wenn ich wieder einmal aufgerufen war, auszusortieren: Welche Impulse wollte ich aufnehmen und weiterführen und welche konnte ich links liegen lassen? Ich erwähnte schon das Bild der Weizenkörner, die ich sorgsam ausgelesen habe. Manchmal half dieses Gefühl der Handlungsunfähigkeit mir also, mein Inneres auszusortieren und von Einflüssen zu bereinigen, die ich nicht in Resonanz mit meinen Herzenswünschen spürte.

Doch oft genug glich die Paralyse auch einer Blockade. Dann nämlich, wenn ich Veränderungen vornehmen wollte und "mein System" in Erwägung alles dessen, was eventuell schief laufen könnte, einfach erstarrte. Im Herzen wollte ich, aber de facto konnte ich nicht. Auch hier wurde also eine sorgsame innere Arbeit notwendig, bei der ich mir anschaute, was mein Katastrophendenken mir für Angstgefühle machte. Und indem ich mir selbst den Wind aus dem Dunkeldenken nahm, konnte ich allmählich wieder Entspannung finden und mit noch immer zitternden Knien, aber entschlossen, Veränderungen vornehmen.

Im Zuge der Jahre erkannte ich allmählich, wie "mein System" tickt. Dass ich Anlaufzeit für Veränderungen brauche und mich oft durch die Verkrampfungen meines Inneren hindurch entspannen muss, um weiter zu wachsen. Und das übte ich lange Zeit auf meinen Meditationskissen.


Ich bin dankbar für diese Lehrjahre, denn sie haben mich aus einem entscheidenden Fehlschluss über mich selbst geführt: Aufgrund meines feinfühligen, introvertierten Wesens dachte ich immer, etwas stimmt mit mir nicht und ich sei lebensunfähiger, als die anderen.

Heute weiß ich um meine Qualitäten und auch mit meinem Gefühl der Überforderung umzugehen. Ich habe verinnerlicht, was es bedeutet, direkt im Geschehen schon die auf mich einstürmenden Reize bewusst zu filtern, ohne mich zu verschließen. Früher schloss ich immer mein Herz, weil ich glaubte, das auf mich Einstürmende nicht verarbeiten zu können.

Ruhephasen danach brauche ich immer noch. Und ich schätze den notwendigen Rückzug inzwischen sehr, denn wenn ich auf dem Kissen oder ganz entspannt irgendwo noch einmal Ereignisse und Begegnungen Revue passieren lasse, fallen mir noch reichhaltige Details auf. Situationen oder Menschen zeigen sich mir deutlicher in ihren Beziehungen und Verflechtungen. Und diese Details ermöglichen mir eine ganzheitliche Sicht. Eine Sicht, die Offenheit und Raum gibt, für mich selbst und andere.

Ich erachte es für wichtig, das Augenmerk besonders auf die Tendenz zur Blockade zu richten. Einen spirituellen Weg zu gehen, schließt immer ein, von Moment zu Moment über die selbst gesetzten Grenzen zu wandern. Nur dann werde ich wirklich das Beste aus mir herausholen.

Dieses Vertrauen in meine eigene Buddha-Natur im Herzen und der Wunsch, für andere von Nutzen zu sein, ist für mich Alpha und Omega meiner spirituellen Orientierung.


Wenn ich mich von Herzen auf diese beiden Aspekte einlasse, dann gibt es zu Wachstum und damit verbundener Unsicherheit keine Alternative. Wachstum bedeutet Veränderung. Und je größer der Schritt hin auf die nächste Veränderung, desto schneller das Wachstum.


Und so zog mich in den vergangenen Jahren immer dieses subtile Empfinden, dass ich keine Zeit zu verlieren habe. Trotz aller Blockade in "meinem System" meinte ich, Gas geben zu müssen. Und mich zum größtmöglichen Fortschritt - ganz logisch zu Ende gedacht - eben auch der Unsicherheit und damit verbundenen Angst ausliefern zu müssen. In meinen Augen gibt es dafür auch heute noch keine Alternative.

Entweder ich vertraue auf mein Herz und die Buddha-Natur darin, oder ich vertraue ihr nicht und traue mir dadurch auch nicht zu, Veränderungen zu überleben.

Ich habe mich in der größten inneren Aufregung und Angst immer für das Vertrauen entschieden. Und immer hat es funktioniert: Ich bin an meiner Angst und Paralyse gewachsen. Ich bin über sie hinaus getreten, habe die selbst gezogene Grenze aufgelöst und habe jede Menge Einsichten dadurch errungen.

Ein wenig erschöpft fühle ich mich zurzeit schon. Daher wünsche ich mir auch einen noch besser strukturierten Alltag, um ein wenig zur Ruhe zu kommen. Eine Ruhe, die mich meinen Geist und meine Seele noch ein wenig nachholen lässt, aus den Turbulenzen der letzten Jahre. Doch völlig zurückziehen kann und werde ich mich dennoch nicht. Schön wäre für mich, wenn ich Struktur genug finden würde, um das im Nachhinein zu sortieren und zu würdigen, was während ereignisreicher Jahre wahrzunehmen nicht möglich war.

Doch einem hoffe ich, mein Leben lang zu entgehen: Dem "worst case", dass ich irgendwann mal in einem Alltag erwache, der von Strukturen erstarrt ist. Und ich voller Panik reagiere, wenn irgendetwas dieser Struktur zuwider läuft.

Dies kann hochsensitiven, introvertierten Menschen, wie mir, nämlich auch passieren. Dann nämlich, wenn sie nicht gelernt haben, mit ihrer Veranlagung umzugehen und mit Reizüberflutung, Versagensängsten oder Gefühlen der Überforderung nicht gearbeitet haben. Manch einer entwickelt Tics und Zwangshandlungen, weil er oder sie darin eine Art von Struktur findet, die dem inneren und äußeren Reizchaos Sicherheit verleiht.

Im Laufe der Jahre ist, aufgrund des Trainings, was ich mir selbst gegönnt habe, mein Belastungsniveau stetig gewachsen. Indem ich lernte, nicht mich selbst in äußeren Handlungen zu strukturieren, sondern stattdessen meinen Umgang mit Reizen zu strukturieren, bin ich stetig stabiler geworden.

Vieles lasse ich einfach durch mich durch gehen, im Vertrauen, dass in meinem Herzen genug Raum dafür ist. Nicht immer ist es notwendig, jeden Impuls, jeden Reiz, jedes Ereignis wirklich ernst zu nehmen.

Ich lernte, dass mein Herz der beste Filter ist, nicht jedoch der Kopf. Der Kopf oder das Tagesbewusstsein empfindet Überforderung. Das Herz sortiert alles unaufgefordert und beinahe von selbst.

Sich also in meiner Meditation und im Alltag ganz der Resonanz anzuvertrauen, die mein Herz zu den Ereignissen des Tages hat, funktioniert für mich immer besser. Das ist mein Weg vom Denken zum Einfühlen: Indem ich meine höchste Begabung, die Empathie oder Einfühlung, adäquat nutze, strukturiert sich alles wie von selbst.

Und wenn es mir im Moment an Struktur im Alltag mangelt, die mir die Ruhe schafft, Impulse der Vergangenheit noch durch mein Herz gehen zu lassen, so liegt das nicht am Außen. Ich weiß genau, dass ich die nicht strukturierten Elemente meines Alltags noch nicht mit meinem Herzen betrachtet habe. Wenn ich mein Bedürfnis nach Struktur auch in mein Herz nehme und im Raum meines Herzens nachfühle, was berücksichtigt und was getrost links liegen gelassen werden kann, wird es besser.

Was wird es sein, was ich links liegen lasse? Ganz einfach: Alles, was ich denke, das getan werden muss. Und was wird bleiben? Was sich richtig anfühlt, getan zu werden.


Ich bin dankbar dafür, dass ich über Jahre genau an den Verhaltensmustern gearbeitet habe, die einer ständigen Wiederholung glichen. Systematisch nahm ich mir genau diese vor, die mir oft wie ein verhängnisvoller Teufelskreis erschienen und kein Wachstum zeitigten. Genau diese bannten mich in etwas, indem ich zu ersticken drohte. In etwas, was mich beschämte, mich abwertete und mir schlechte Gefühle machte. In etwas, was mich zunehmend ängstlich und später aggressiv werden ließ. Diese Illusion aufgegeben zu haben, dass diese Dunkelheit real ist, macht mich glücklich.

In Zukunft werde ich meine Selbstverurteilung links liegen lassen und weiter munter über diese selbst erdachte Grenzen gehen. Das bedeutet Wachstum. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und wer sich selbst nicht da abholt, wo er steht, wird sich nicht auf sich selbst verlassen. Und wer nicht lernt, für sich selbst wirksam zu sein - wie könnte er jemals für andere wirksam sein?

Für mich ist das Ziel meiner menschlichen (und damit spirituellen) Entwicklung diese Eigenständigkeit, die sich nicht abhängig von anderen macht, die es vermeintlich besser können. Das Ziel auch als Buddhistin ist für mich nicht, mich an irgendjemandes Rockzipfel zu hängen, der mir den Mond zeigt. Ich sehe es als meine von Liebe durchdrungene Pflicht (die zugleich auch die Kür ist), selbst mein Bestes zu geben.


Sicher besteht die Möglichkeit, mich mein Leben lang in Praktiken zu üben, weil ich mich ausschließlich als Lernende betrachte. Doch was ist damit für dieses Leben gewonnen? Und was weiß ich, wozu ich im nächsten Leben in der Lage sein werde? Soll ich wirklich das Ausschöpfen meines Potentials auf eines der nächsten Leben verschieben? Wenn ich doch spüre, dass ich in diesem Leben noch nicht alles gegeben habe?

Ich kann das nicht. Ich muss und werde einfach immer weiter gehen. Mein Herz will es so, mag der Kopf sich auch noch so oft überfordert fühlen ...



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