Inmitten großzügiger Weite

Wenn im Herzen ein innerer Raum da ist, in dem ich mich wirklich sein lasse, was ich bin, entsteht Freude. Dieser kleine Hauch an guter Laune und Zuversicht, mit dem ich mir selbst und meinem Leben alles zutraue.

Die vergangenen Jahre erschienen mir hingegen ein stetiger Kampf. Als drohte dieser inneren, leeren Weite, in der ich bin und sich alles zeigen darf, beständig der Tod. Der Erstickungstod durch giftigen Efeu der Fremdeinflüsse, der alles zu überwuchern und zu vereinnahmen trachtete. Und ich fuchtelte mehr schlecht als recht mit einem viel zu großen und schweren Schwert umher, um mein Terrain zu behaupten und Herrin alles erfolgreich enthaupteten Dickichts zu werden.

Was genau der Moment oder das Ereignis war, der mich nun den ermüdeten Arm  hat senken  und das Schwert hat fallen lassen, kann ich nicht sagen. Plötzlich aber sind alle Wucherungen zum Erliegen gekommen. Und das Gemüt, was fröhlich, herzlich und weit mir schon als Kind zu eigen war, strahlt öfter und unverhofft hervor.

Wir alle sind eingebunden in Ereignisse, Bewegungen und Entwicklungen, die so viel größer sind, als ein einzelner Mensch und sein oft lapidares, alltägliches Dasein. Kosmisch könnte man sie nennen. Und so entwickle ich langsam ein Gespür dafür, ob gerade kosmische Winde wehen, oder ich mir selbst noch im Weg stehe. Letzteres ist kaum noch der Fall.

Dass dieser Raum, der ich bin, nun deutlicher als je zuvor in meine Wahrnehmung tritt, hat demnach zwei Ursachen: Einerseits habe ich jahrelang um ihn gerungen. Andererseits aber ist die Wahrnehmung einer neuen Leichtigkeit etwas, was auch andere betrifft und was diese mir bestätigt haben.

Ich bin dankbar dafür.


Ich könnte jetzt hergehen und sagen: Wofür habe ich mich all die Jahre so abgekämpft, wo die gewünschte Weite nun, einem Fingerschnippsen gleich, einfach da ist? Hätte ich mich nicht all die Jahre zurücklehnen und einfach der Ereignisse harren können, die ganz ohne mein Zutun eintreten werden?

Berechtigt mag sie sein, die Frage. Doch die Antwort darauf ist ein klares "Nein". Denn nun, da die Zeit gekommen ist, bin ich bestens vorbereitet: Mein Ringen um Eindeutigkeit in dem, was ich im Herzen wirklich bin, hat mich gelehrt, Spreu von Weizen zu trennen.

Ich habe mich jeden Tag neu und bewusst gegen die Spreu entschieden und sorgfältig Weizenkorn für Weizenkorn ausgelesen. Die ausgezeichneten Körner, die eine gute, neue Saat ergeben, habe ich im Herzen aufbewahrt. Und den Rest habe ich entsorgt. Aufgelöst, in meinem Herzen. Genau gesagt, in der Weite des Herzens, die einst mir nicht größer schien, als eines dieser Körnchen. Doch vertraute ich darauf, dass in diesem Körnchen die Unendlichkeit und die Leerheit herrscht. Und alles das, was nicht zu mir gehört, was nicht harmonisch ist und mir eine Last war, habe ich in dieses Körnchen Herz hinein aufgelöst. 

Und das Bewahren aller guten, reifen Körnchen sowie das Auflösen der schlechten, hat meinem Herzen Nahrung und damit zunehmende Beständigkeit und Präsenz verliehen. Im Herzen sind dann die guten Körnchen gekeimt, während die schlechten vergangen sind, um einen fruchtbaren Boden zu bilden. Die Saat ist aufgegangen und ließ aus dem einen, wohlgenährten Körnchen Leerheit, eine große, liebevolle, sanfte, präsente Weite wachsen.

Eine Weite, die gütig zu mir ist, was immer auch geschieht. Und diese Unparteilichkeit an Güte gewährt sie auch anderen.


Die Wahrheit der Weite in mir hat Raum gewonnen und reicht inzwischen weit über mich hinaus. Was einst nur ein Körnchen war, hat sich in Fülle nach außen gekehrt. Diese Sphäre meines Herzens wird immer in Bewegung bleiben und sich wandeln, vor dem Hintergrund dessen, was Dharmadhatu genannt wird. Aber nun ist dieser Raum unverrückbar da und kann mir nicht mehr genommen werden.

Keine Invasionen unwillkommener Gäste wird ihn betreten. Wie durch Geisterhand werden die vermeintlich feindlichen Truppen beim Betreten meines Raumes umgewandelt, in etwas, was niemandem Schaden zufügen oder Herzen verletzen kann.

Vor Jahren behauptete ich nur - aber das todesmutig - dass der wahre Weg zu mir nur der ist, den ich in meinem Herzen erkenne. Selbst, wenn das Herz verschleiert ist, gibt es keinen anderen Weg zum Herzen, als das Herz.

Ich behauptete dies, weil es mir selbst an Erfahrungen mangelte, die dies hätten belegen können. Doch mit großer Sturheit, dieser Ahnung unbedingt vertrauen zu wollen, ließ ich nicht davon ab. Keinesfalls, weil ich irgendwem etwas beweisen wollte, sondern weil ich fühlte, dass ich auf irgendeine Art innerlich sterben würde, wenn ich es nicht tat.

So, wie ich mich mühselig durch alle Schleier vorantastete, vor Angst und Zweifeln bibbernd, so zeichneten sich die Zweifel auch in den Gesichtern der Menschen ab, denen ich begegnete. So funktioniert das Gesetz der Resonanz.

Jetzt, wo meine Erfahrungen, Irrungen und Wirrungen über Jahre meiner Behauptung zur Wirklichkeit verhalfen, fallen nach und nach auch die letzten Zweifel ab.

Erleichternd ist das Empfinden, dass ich im Herzen recht behielt.

Nun ist alles klar.


Selbst meine Beziehungen zu anderen sind nicht mehr wankelmütig und von Unsicherheit durchdrungen. Ich bin diesen Weg in mein Inneres gegangen, um meinen Raum einzunehmen. Und diese Reise ist vollendet. 


Keine Sekunde interessiert es mich, ob das andere auch so sehen. Denn dieser innere Raum, den ich jetzt bewohne, ist der typisch meine. Niemand anderes, außer mir, hätte ihn erschließen können. Niemand anderes, als ich, weiß also, ob dieser Raum real ist, oder nicht.

Ich bin dankbar, dieses Gefühl, dem zu frühen Tod geweiht zu sein, entronnen zu sein. Diese Gefahr besteht nicht mehr.

Ich habe mich selbst errungen, um mich im nächsten Moment der Leerheit dieses Raumes schon wieder preiszugeben. Von Moment zu Moment, ein Kommen, ein Erkennen und dann das Vergehen. Wie Wellen, die sanft - und manchmal stürmisch - ans Ufer meines inneren Wesens schwappen. Und in der Gleichförmigkeit, in der die Wellen anrollen und verebben, erzeugen sie ein beständiges, harmonisches Geräusch. Das Geräusch, das Leben ist.

Nichts daran hat für mich mit dem so oft gepredigten Hier und Jetzt zu tun, indem wir ankommen sollen. Denn diese Wellen tragen so viel heran und wieder davon, was Jetzt, aber nicht immer Hier ist. Manchmal tragen sie Botschaften mit sich, die von ganz woanders zu kommen scheinen. Sie werden in mein Jetzt gespült, um mich auch mit dem zu Verbinden, was nicht Hier ist.

Sie weben in allem, was sie heran und wieder davon tragen ein viel größeres Geflecht an Zusammenhängen und Stimmungen. Seien es andere Dimensionen, Wahrnehmungsebenen oder Zeiten, seien es Momente und Gefühle, die ich in anderen spüre und die nicht zwangsläufig zu mir oder zu meinem Raum gehören. Manchmal gehe ich ihnen nach und lasse mich überraschen, in welche anderen Räume anderer Wesen und anderer Zeiten sie mich führen.


Nichts von dem entspricht dieser Vorstellung, im Hier und Jetzt zu sein, wie sie so oft zum Imperativ wirklichen, spirituellen Da-Seins erhoben wird.

Doch genau dieser Vorstellung keine Bedeutung mehr beizumessen und ihr keine Entsprechung in meinem Raum zu gewähren, lässt mich diesen Raum bewahren. Ich registriere am Rande die Wellen, die mir solche Vorstellungen und Zuschreibungen zu Füßen spülen wollen und widme mich stattdessen lieber meiner eigenen Wahrnehmung. Meiner authentischen Wahrnehmung von Realität, indem ich mich dem rhythmische Rauschen dieser Wellen in mir hingebe.

Ich fühle mich glücklich darin, diesen spirituellen Vorstellungen nicht mehr entsprechen zu müssen, um Zugehörigkeiten zu erzeugen und zu erfüllen. Denn weit, weit dahinter, im nicht benennbaren Hintergrund, ist letztlich die Summe aller Gemeinsamkeiten ewig präsent. Warum sollte ich also irgendwem meine Zugehörigkeit beweisen?


Keine Angst, letztlich ist alles beim Alten geblieben. Die Tage verlaufen so, wie sie immer waren, mit gleichbleibenden, täglichen Verpflichtungen. Manche sind leicht, manche sind schwer, manche sind nichts von beidem. 

Doch eine neue Stille ist eingekehrt. Die grundlegende Stille, die sich dessen gewiss ist, dass alles seinen rechten Platz hat, selbst wenn wir diesen nicht immer sehen. Den eigenen Platz oder Raum zu sehen, hängt von einer Veränderung der Perspektive hin zur entsprechenden Ebene meines Herzens ab. Ihn vorübergehend nicht zu sehen, heißt nicht, dass er verschwunden wäre.

Doch die Stille dieses inneren Raumes ermöglicht nun, gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen des Geistes zu sein. Ich spüre den Raum meines Herzens und ebenso die Einflüsse und Interferenzen, die ihm nicht entsprechen. An meiner Wahrnehmung zweifle ich nicht mehr.

Ich bin vorbereitet darauf, aus dieser stillen Gelassenheit meines Raumes dem gemäß zu handeln, was mein Herz mich lehrt. So begebe ich mich aus der Mitte meines Raumes nicht hinaus und bin dennoch entspannt gespannt und bereit, mich zu bewegen. Wach auf die nächste Gelegenheit wartend. Die Gelegenheit, die eine oder andere Welle nach Belieben zu surfen - oder unbeteiligt verebben zu lassen.

Welches die richtige Welle ist, entscheidet sich ganz von selbst. Ich werde es wissen, wenn ich sie surfe. Und alle die übrigen Wellen, überlasse ich getrost den anderen, die sie vielleicht gern surfen wollen. Ohne ein Gefühl des Bedauerns oder des Verlustes.

Ganz nach dem Motto: To whom it may concern ...




Kommentare

  1. Liebe Josephine,
    Danke für diesen Text und wie schön, dass Dein inneres Licht jetzt mehr zum Strahlen kommt! Ich wünsche Dir für die Zukunft, dass Wärme und Zuversicht immer häufiger hervorscheinen und dass Dich das durch den Alltag trägt!

    Ganz liebe Grüße!
    Anke

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    1. Liebe Anke,

      vielen Dank für Deine wie immer herzlichen Wünsche!

      Zum Glück ist es ein Gesetz, dass jeder von uns früher oder später erntet, was er gesät hat. Und wenn ich doch all die Jahre beständig Samen gesät habe, um zu meinem ursprünglichen Licht zurückzukehren, wie sollte es dann nicht irgendwann strahlen?

      Es ist schön, dass die Saat aufgegangen ist und es genug nährstoffreichen Hindernisse gab ;-)

      Herzliche Grüße und einen schönen Sonntag für Dich!
      Josephine

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    2. Passend dazu habe ich gestern folgenden Satz von Chiara Lubich gelesen:
      "Die Liebe eines Menschen entspricht dem Schmerz, den er erlitten und in Liebe umgewandelt hat."

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    3. Ja, nur die persönliche Erfahrung von Schmerz weitet das eigene Herz. Alles andere ist nur von anderen geliehen und wird in Momenten tiefer Bedürftigkeit anderer - also wenn es wirklich darauf ankommt, präsent zu sein - zum Rückzug, anstelle zur Umarmung führen.

      Nichts ist wichtiger, als das, was in der realen Begegnung von Mensch zu Mensch, von Wesen zu Wesen passiert. Daran dachte ich heute. Das inspiriert oder prägt uns am nachhaltigesten. Und immer hat es mit Liebe und/oder Schmerz zu tun.

      Wie schön wäre es, das Herz so zu öffnen und auszudehnen, dass aus ihm nur die Liebe spricht. Im Umkehrschluss bedeutet dies, im gleichen Maße Schmerz tragen zu können...

      Liebe Grüße,
      Josephine

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