Ich will keine Lösung, sondern Leben

Auch, wenn wir oft das Gegenteil gesagt bekommen: Das Leben ist ein Prozess - und es geht nicht nur um das Ergebnis. Denn was könnte das Ergebnis des Lebens sein, wenn nicht der Tod? Und leben wir um des Todes oder des Lebens willen?

Mitunter bleibt mir dann nichts anderes, als manchen Einfluss, der mich immer zu irgendeinem Ergebnis bringen möchte, abzuwehren. Dazu gehört auch, für jede momentane Befindlichkeit immerzu nach einer Lösung zu suchen und auf eine Lösung hinzustreben.


Insbesondere, wenn ich schreibe, geht es mir niemals um eine Lösung, sondern um eine Momentaufnahme der Situation, wie sie gerade ist. Inmitten des Prozesses, in dem sie steht. Mit aller Freude, allem Schmerz, allem aktuellen Irrtum und ebenso der manchmal aufkeimenden Weisheit. Da hinein gehört Ärger ebenso wie Freude. Und Ablehnung ebenso wie Zuneigung. Und vor allem ist dieser Moment, indem ich schreibe, randvoll gefüllt mit maßloser Unvollkommenheit.

Ja, natürlich möchte ich glücklich sein! Und zu nichts anderem strebe ich hin, als zum Glück. Doch der Weg dahin ist durchsetzt mit so vielen Nuancen von Abweichungen von dem, was ich für Glück halte. Warum sie nicht benennen, wenn dies die Einflüsse sind, die ich mitten in diesem fließenden Prozess gerade wahrnehme?

Vielleicht ist dieses Prozessfühlen - denn Prozessdenken ist nur die Spitze des Eisberges - was sehr typisch für stark empathisch veranlagte Menschen ist. Ich lebe mit ständig wechselnden inneren Zuständen, ohne an meiner persönlichen Substanz oder an Charakter zu verlieren. Weil ich mitten im Leben stehe und wechselseitig interagiere, mit vielfältigen Einflüssen und Impulsen.

Dafür möchte ich keine Lösung. Nicht mehr. Denn ich spüre sehr gut, dass dieser Prozess selbst mein Leben ist.

Früher gab es ständig Menschen, die mir ihre Lösungen aufzwingen wollten. Vielleicht, weil sie nicht wissen, was ein Empath so innerlich erlebt. Dazu ist es richtig, ein klares, sachliches "Nein" zu sagen und das einfach als nicht zu mir gehörig stehen zu lassen.

Doch lange Zeit nahm ich diesen übergriffigen Menschen übel, dass sie gar nicht versucht haben, sich zuerst in mich einzufühlen. Oder, falls ihnen das Einfühlen nicht liegt, wenigstens mal nach mir und meinem Befinden und Erleben zu fragen. Dass sie schon alles vorher wussten, traf mich immer tief.

Eventuell vermochten sie keinen Kontakt herzustellen, weil ihr Herz nicht offen war. Oder weil sie es schnell wieder schlossen, sobald es einmal kurz offen war. Weil sie nicht bereit waren, den Schmerz durch sich gehen zu lassen, den ich manchmal spüre. Wahrscheinlich schützten sie sich nur und wollten von Schmerz nichts wissen. Und deshalb suchten sie schnell eine Lösung. Eine Lösung für den Schmerz. Und diese offerierten sie mir, damit auch ich den Schmerz schnell los werden kann. Vielleicht "meinten sie es nur gut mit mir".

Empathen möchten aber den Schmerz nicht los werden. Menschen, die stark empathisch sind und diese Gabe als Teil ihres eigenen Wesens akzeptieren, lassen Schmerz gelten, wenn er auftritt. Und sie wünschen sich denjenigen als besten Freund, der mit ihnen bereit ist, den Schmerz zu kosten und in ihm auszuharren, solange er eben dauert. Und sich in seine Ursachen und sein Entstehen einzufühlen. Um des Wesen des Schmerzes und seines Vergehens willen.


Ich als Empath will kein Ergebnis und keine Lösung.  Ich möchte die Gedankenwellen genauso surfen, wie die der starken Gefühle. Ich möchte in dem, was ich bin und was ich wahrnehme, mitten im Leben stehen. Und ich möchte mich äußern darüber, wie sich mein Leben anfühlt. Und wie der Schmerz entsteht und wieder nachlässt ...


Wenn in meinen Beiträgen daher Widersprüche auftauchen, oder Schmerz beschrieben wird, dann ist das so. Weil ich so bin - und ich kann niemand anderes sein. Und das Leben wird von mir so erlebt, wie ich es beschreibe. Und für dieses Erleben gibt es keine Heilung und keine Lösung.

Was ich wirklich und ernsthaft heilen will, dass ist die Tendenz, eben doch zu oft mein Herz aus Reflex und Schutz zu schließen. Und mich so in einen unüberwindlichen Kokon einzusperren. Unüberwindlich für die Sprache des Herzens und dem Miteinander mit den Wesen, die mich in diesem Augenblick umgeben und die mit mir sein wollen.

Ich möchte diese Tür stets offen halten, denn höchstes Leben findet statt, wenn Herzen sich in aller Verletzlichkeit und Unverfälschtheit treffen. Wenn sie im Moment dieser Offenheit in vollkommenen Einvernehmen miteinander schwingen.


Bei diesem Einvernehmen geht es nicht um Überzeugungen, um territoriale Kämpfe oder um Rechthaberei. Das Herz dieses Einvernehmens ist ein grundlegendes "Ja" dazu, dass ich meinem Gegenüber gleich bin. So gleich, dass ich zwar noch das andere Wesen außer mir spüre. Doch ich und du sind uns sicher, in unserer innigsten Essenz nicht verschieden zu sein.

In Momenten dieser Begegnung braucht es keine Lösung für irgendetwas. Oder eine Heilung. Daher bedarf es auch keiner Hilfe oder keines Rates. Dieser Zustand innigster Umarmung der Herzen ist per se der heile Zustand selbst.


Und das einzige, was diesen überaus herzgesunden Zustand außer Kraft setzt, ist eine geschlossene Herzenstür. Und diese schließt sich meist durch Intervention des lösungsorientierten Verstandes.

Heilung bedeutet für mich, die Offenheit meines Herzens. Jetzt und für immer.

Und achtsam darauf, ob mein Herz offen oder geschlossen ist, macht mich a) mein Wunsch, es offen zu halten, weil es der wahre, heile Seinszustand ist. Sowie b) der Prozess des täglichen Auf und Ab der inneren und äußeren Gedanken- und Gefühlswellen, die in Interaktion zwischen Innen und Außen, mir und dir, verebben und neu entstehen. Ganz lebendig und frisch, mit aller Freude und allen Schikanen.

Inzwischen weise ich daher weit von mir, wenn mir irgendjemand wieder eine Lösung präsentieren möchte, ohne vorher wirklich im Gespräch mit mir oder im Nachspüren gewesen zu sein.

Ich lasse nicht mehr zu, dass mir jemand, den ich nicht richtig kenne und der mich seine Herzenswärme nicht hat spüren lassen, für mein momentanes Befinden eine Diagnose stellt. Der mir ganz genau sagen kann, wo ich stehe, warum das so ist und was daran falsch läuft. Und was ich für eine Maßnahme brauche, um es zu ändern. Verändern, zu irgendeinem vermeintlich normalen oder idealen Zustand hin.


Diagnosen frieren ein. Diagnosen sind nicht prozessfähig. Diagnosen schließen Herzenstüren und können verletzen. Diagnosen wollen kategorisieren und in Schubladen sperren.

So ist das Leben nicht.

Das ist höchstens das, wozu wir das Leben machen wollen: Hübsch kategorisierbar und verhandelbar für den Verstand. Der in all seiner Schlauheit immer wieder vergisst, dass sogenannte Anomalien letztlich die Spezies Mensch über etliche Zeitalter gerettet haben. Und nicht der Durchschnitt, genannt Schema F.

Empathen sind in der Regel gute Zuhörer. Sie hören dem Leben zu und spüren ihm nach. Sie kennen das innere Fließen, mit aller Wechselhaftigkeit und allen Untiefen und manchmal Höhen. Sie akzeptieren das Gegenüber ebenfalls in seinem Werden und Vergehen. Und sich einzufühlen und einzuhören, wo sich der andere gerade stehen sieht, mitten in seinem Leben, braucht Zeit und Hingabe.

Ich weiß, dass nicht jeder so denkt und fühlt. Doch ich bin nicht jeder. Ich bin ich - und werde nicht jemand anderes sein. Zumindest nicht in diesem Leben. Früher versuchte ich jemand anderes zu sein. Als ich glaubte, alle die Lösungen, die wegen meiner vermeintlichen Probleme an mich herangetragen wurden, annehmen zu müssen. Ich bemühte mich redlich. Doch lernte dabei nichts über das Leben. Oder über mich.

Jetzt stehe ich mitten im Prozess meines Lebens und sehe mittlerweile genau, wo die "Lösung" für mich liegt. Wenn ich den Anspruch, etwas zu lösen, als Weg der Heilung deute, dann ist die für mich richtige Lösung, mich mehr und mehr dem "Mittendrin" anzuvertrauen. Alle  augenblicklichen Irrungen und Wirrungen meiner Gedanken und Gefühle inbegriffen. Denn je wacher ich diesen Prozess  beobachte, desto mehr "spricht" er mit mir.

Indem ich meinen Prozess fühle, erklärt sich mir mein Leben. Und aus dem, was aus diesem achtsamen und beachteten Prozess inmitten meines möglichst offenen Herzen aufscheint, generiere ich den nächsten Augenblick. Und den nächsten. Und wieder den nächsten...

Ich merke, dass ich keine Hilfe im Sinne einer Lösung brauche. Wohl aber manchmal Unterstützung. Unterstützung und Bestätigung für mein Sein, dass mitten im Werden ist. Unterstützung darin, zu schaffen, was ich im Herzen will und Bestätigung dafür, dass es möglich ist.

Einfach, weil ich es bin.

Ich - das Leben.

Ich - mitten im Werden und zum Vergehen neigend.

Und irgendwann dem Tod geweiht.

Doch der - der Tod ist wirklich erst die letztendliche Lösung, auf diesen Körper bezogen.

Und danach?

Danach geht der Prozess, der Leben ist, immer noch weiter.

Und weiter.

Wahrscheinlich vergesse auch ich noch zu häufig, dass dieser Prozess unendlich ist, inmitten unseres heutigen Ergebnis- und Lösungswahn ...


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