Geduld

Verwandle dich in einen Schmetterling. Spinne dich eine zeitlang tief in dich selbst ein, um eines Tages deine schillernden Flügel zu entfalten...    Dies ist für einen Empathen - einen Menschen, der in sich Gefühle und Gedanken anderer wahrnimmt - gar nicht so einfach. Vielleicht ist das eines meiner größten Schwierigkeiten bisher gewesen. Und deshalb habe ich mich mit der so genannten "Co-Abhängigkeit" beschäftigt.

Dieser Begriff spielt eine große Rolle in der Sucht-Therapie und bezeichnet eine bestimmte, beeinflusste und beeinflussende Beziehung von Suchtkranken und ihrer nächsten Angehörigen. Vereinfacht gesprochen, geht es um die wechselseitige Abhängigkeit, die wir alle zueinander haben. Wir beeinflussen einander ständig in unserem Tun und Lassen, ob gut oder schlecht.

Eventuell könnte man mich aufgrund der Tatsache, dass ich sehr lange brauchte, in meinem inneren Erleben zwischen Einflüsse von außen und anderen sowie meinen eigenen Regungen zu unterschieden, als Spätzünder bezeichnen. Sehr viele Jahre habe ich unbewusst Ansprüche anderer erfüllt, weil ich sie für meine eigenen hielt.

Wenn ich nicht zugleich auch wahrgenommen hätte, dass ich mich permanent schlecht und unharmonisch fühlte, mit meinen Entscheidungen und Handlungen, wäre ich nicht so weit in mir selbst in Tiefe gegangen. Irgendwann konnte ich meinen eigenen Widerstreit, zwischen der klaren Herzstimme und diesen, von anderen integrierten Stimmen, nicht mehr aushalten.

Zutiefst davon überzeugt, dass das eigene Streben des Herzens immer ein freudvoller, harmonischer Impuls ist, lernte ich unterscheiden. Auf dem Meditationskissen betrachtete und fühlte ich tief nach, was mich täglich zu handeln veranlasste, sei es geistig, in Worten oder äußeren Aktivitäten.


Ich wurde aufmerksam darauf, wie Nähe und Verhalten meiner Mitmenschen auf mich einwirkte und wie ich selbst darauf reagierte. Und bald entdeckte ich die Symptome meiner typisch empathischen Co-Abhängigkeit. 


Hatte ich zum Beispiel aufbrausende, extrovertierte Menschen in meiner Nähe, die ihr inneres Empfinden heftig im Außen abzureagieren pflegten, begann ich sofort gegenzusteuern. In meinem typisch introvertierten Bedürfnis nach Harmonie unternahm ich alles, um die Disharmonie im Verhalten, Fühlen und Denken des Gegenübers auszugleichen. Ich ließ es meist nicht so stehen, wie es sich äußerte, weil es schmerzte und unerträglich war.

Da ich seit frühester Kindheit das aufbrausende Verhalten aus meiner eigenen Familie kannte, wusste ich nichts von einer Wahl, mich einfach zurückzuziehen. Damals hatte ich diese nicht. Und so gewöhnte ich mir an, im Umfeld der mich überfordernden Person zu bleiben und stattdessen alles zu tun, dass diese ruhiger und stiller wurde.

Daraus entstanden zwei Extreme: 

Einerseits tat ich oft nur um der Harmonie willen das, was diese Person äußerte, zu brauchen. Einfach nur, damit es ihr wieder besser ging und sie wieder friedlich war.

Ich gab dafür irgendwann jede Option auf, mich für mein eigenes, starkes Bedürfnis nach Raum, Stille und  Sanftheit stark zu machen. Wagte ich es doch einmal, so erstickte dieser Ansatz meist schnell im Keim, weil die Äußerungen meiner Bedürfnisse auf meine stille Art nicht bemerkt wurden. Versuchte ich es etwas heftiger, wurde darauf wiederum heftig reagiert. Und das verschlimmerte die Lage.

Andererseits gewöhnte ich mir dadurch unbewusst eine Art Helfersyndrom an: Andere in Harmonie zu bringen, wurde mir zur zweiten Natur, weil dadurch indirekt irgendwann so etwas wie Frieden entstand, den ich so schmerzlich entbehrte.


Doch die Energie, die ich als introvertierter Empath aufbringen musste, um ansatzweise ein Ausgleich und damit Harmonie herzustellen, stand in einem eklatanten Missverhältnis zu meinem eigentlichen Energieniveau. Erschöpfung und Depression waren die Folge.

Ich nenne diese Beziehung zu meinen Mitmenschen deshalb Co-Abhängigkeit, weil für Co-Abhängigkeit ein Verhalten oft als typisch beschrieben wird: Ich verließ diese abhängige Situation nicht, sondern unterstützte sie durch mein Handeln sogar indirekt. Anstelle dass sich für beide Seiten etwas zum Besseren entwickelte, hielten unsere Reaktionsmuster das beiderseits schädliche Verhalten am Laufen.


Im Zuge meiner Selbsterforschung durch Meditation lernte ich über die Jahre, dass es richtig und gesund ist, eine meinen Veranlagungen nach so nicht zuträgliche Situation zu verlassen. Dies geschah durch Schaffen eines Rückzugsortes und größere Privatsphäre oder durch wirkliches Verlassen der jeweiligen Person.


An diesen Punkt zu kommen, dauerte sehr lange, denn im ersten Moment kam mir mein Rückzug falsch vor. Die Situation für mich zu ändern, indem ich sie verlasse, erschien mir egoistisch und lieblos, den vermeintlich Zurückgelassenen gegenüber. Ich hatte innerlich sehr viele Einwände dagegen, die ich irgendwann als nicht zu mir gehörig oder aus meinem Herzen stammend erkannte. Und dies erlaubte mir irgendwann, sie loszulassen und verstärkt meiner eigenen Wege zu gehen.


Was mir mein langes Verweilen in diesen, mir wesensfremden Verhältnissen einbrachte, das war meine Fähigkeit, auch extrovertiert zu reagieren, wenn es notwendig war. So bin ich meinem Wesen nach eher zurückhaltend und stehe nicht von mir aus gern im Mittelpunkt. Doch wenn es die Situation fordert, kann ich starke Präsenz und Intensität zeigen. Für mich ist dieses Verhalten aber, gegenüber meiner natürlichen, aus dem Herzen gefühlten Tendenz zur Zurückhaltung, immer die schlechtere, mühsamere Wahl.

Von einem Menschen wie mir erfordert es sehr viel Kraft, meine eigenen Bedürfnisse immer wieder links liegen zu lassen, und mich selbst den raumgreifenden Äußerungen anderer auszuliefern.

Was sich dadurch in mir entfaltet hat, ist ein hohes Maß an Geduld.
  • Geduld mit der Abwesenheit dessen, was ich mir wünsche.
  • Geduld mit permanenter, sensorischen Reizüberflutung, erzeugt, durch die Nähe extrovertierter Anderer.
  • Geduld, die notwendig ist, immer wieder meinen eigenen Raum - die Privatsphäre - preiszugeben.
  • Geduld, manche Situation abzuwarten und auszusitzen, im Vertrauen darauf, dass ich, irgendwann später, auch noch dazu komme, meine Bedürfnisse zu erfüllen.
  • Geduld damit, dass andere nicht bemerken, wie es mir gerade geht, weil sie  die leisen Signale, die ich sende, übersehen.
  • Geduld damit, wenig Energie zu haben.
  • Auch Geduld damit, mich sehr lange zu beobachten, wie ich anderen gebe, was sie von mir einfordern, anstelle das, was sie wirklich brauchen.
  • Geduld, die notwendig ist, darin immer wieder die fehlende Weisheit zu erkennen.
  • Geduld, mit mir, in Momenten innerer Überforderung und daraus resultierender Depression, auszuharren.
  • Geduld, den richtigen Zeitpunkt feinfühlig zu erkennen, eine anstrengende Situation zu verlassen.

Und gerade die Fähigkeit zu entfalten, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen und abzuwarten, ist sehr schwierig. Sie erfordert tiefe Einsichten in die Ursachen und Umstände sowie Veranlagungen der involvierten Personen. Und Fingerspitzengefühl. Hier habe ich wahrlich noch nicht ausgelernt.

Im Anbetracht dieser Bedingungen und Umstände, in denen ich meinen Weg bis heute ging und aufgrund meiner starken Empathie, erlebe ich mich selbst daher oft als Spätzünder. Meine Gefühle von denen der anderen zu entwirren und aus alten Verhaltensmustern auszusteigen, kostete viel Zeit. In gewisser Weise hat aber gerade dieses lange Verweilen im Unannehmbaren mich viel über Abhängigkeiten gelehrt. Insbesondere das Verweilen damit und Durcharbeiten dessen auf dem Meditationskissen.

Keiner von uns kann frei seinen Weg gehen, sofern eigene Anlagen und Umstände es nicht erlauben. Auch nicht, wenn die Mitmenschen es nicht erlauben und dies durch Beeinflussung und Vereinnahmung - sei es bewusst oder unbewusst - verhindern oder erschweren. Jeder von uns ist auf förderliche Ursachen und Umstände angewiesen - und diese kann man nicht nur allein aus sich selbst heraus schaffen.

Und selbst, wenn ich mich jeden Tag bemühe, die nicht förderlichen Umstände in meinen Weg zu nehmen oder in meinen Weg zu verwandeln, sehe ich das völlig unromantisch: Es ist schwierig, oft belastend und fühlt sich unterwegs alles andere als gut und harmonisch an.

Dieses geschickte Mittel des Umwandelns, das in der Psychologie auch "Reframing" genannt wird, dient dennoch dazu, letztlich eben auf Umwegen den Freiraum zu finden, den jeder braucht, um sich eine zeitlang ganz und gar in sich selbst zurückzunehmen
.

Die Möglichkeit, ganz man selbst und mit sich selbst sein zu dürfen und näher zu erforschen, braucht es unbedingt, um sich irgendwann in diesen ersehnten Schmetterling zu verwandeln und in die Lüfte zu schwingen.

Diesen Raum und diese Zeit jetzt öfter zu haben, als früher, zählt daher auch zu meiner größten Errungenschaft und meinem größten Glück.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, so ersuchte ich jeden darum, den Weg heraus aus ungesunden Co-Abhängigkeiten, bitte schmucklos als das zu sehen, was er tatsächlich ist: mühsame und harte, geistige und seelische Arbeit. Alles andere sind Verklärungen und Beschönigungen. Die innere Leichtigkeit kommt erst später, irgendwann, wenn der eigene Raum geschaffen wurde.

Des weiteren wäre ich dafür, dass die Tendenz, Menschen besonders hervorzuheben, die viel erduldet haben, um sich zu befreien, abgeschafft wird. In dieser Tendenz liegt so etwas wie die Verheißung, dass der, der nach Freiheit strebt, immer überaus Schweres erdulden muss, um es zu schaffen. Das ist in meinen Augen ungütig.

Im Buddhismus wird gelehrt, dass Leben per se Leiden ist. Da dies die Wahrheit ist, gilt es das Leiden, das Leben so mit sich bringt, zu akzeptieren, jedoch nicht zu erleiden.


Daher wünsche ich:

Mögen alle Wesen den Weg in die Freiheit leichtfüßig finden.

Mögen sich nun für sie Türen öffnen, die vorher unsichtbar waren.

Mögen diejenigen, die lange Zeit in Co-Abhängigkeiten gelitten haben, nun in glücklicher Dimensionen ihres Lebens überwechseln, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.

Und mögen die in der Glückseligkeit innerer Freiheit Lebenden den Wunsch verspüren, anderen ebensolche Türen und Auswege zu zeigen und zu öffnen




Kommentare

  1. Liebe Josephine,

    die vergangenen Wochen waren ausgefüllt damit, mich eingehend mit der Lehre Buddhas zu beschäftigen, in meinen Augen das Beste, das ich für mich derzeit tun konnte. Mit dem Hintergrund dessen, habe ich begonnen Deine Beiträge von Neuem zu lesen und, wie soll es auch anders sein, mit "anderen" Augen. Es ist emotional nichts leichter geworden dadurch, jedoch ist das Gefühl, den Boden unter den Füßen verloren zu haben, einem Gefühl von Kraft gewichen, die durch den Leitfaden entstanden ist und wenn es auch hin und wieder bedeutet "nichts zu tun", was ja ebenfalls sehr kraftvoll sein kann.
    Ich freu mich sehr nun durch die Labelfunktion thematisch zusammengehörige Beiträge lesen zu können, sie so authentisch aus der deutschen Lebenswirklichkeit sprechen, dass es mit gelingt Anregung oder Bestätigung auf dem eigenen Weg zu erhalten.

    Mit herlichen Grüssen aus Schweden
    Beate

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  2. Liebe Beate,

    die Freude ist ganz meinerseits! Was gibt es Schöneres, als zu wissen, dass alles,was ich mich entschlossen habe, zu teilen, einen Leser findet?

    Schön ist auch, zu lesen, dass die Auseinandersetzung mit Buddhas Lehre dir gut tut. Auf den Buddhadharma getroffen zu sein, war für mich der größte Glücksfall, eine Erlösung fast, oder endlich das Gefühl von Zuhause. Von daher kann ich mir vorstellen, wie es sich anfühlt, nun einen Kraft spendenden Leitfaden zu haben, der dich leise Richtung innere Heimat zieht...

    Klar tut dieser Faden das durch alle emotionalen Auf und Abs hindurch und diese sind einem vertraut, wie eh und je. Ich wünsche dir immer wieder neue Blickwinkel und Standpunkte zu ihnen, sodass sie nach und nach ausdünnen und du dahinter die ruhige Weite deines wahren, unbegreifbaren Herzens erahnen und immer deutlicher als verlässliche Stütze erleben kannst!

    Von Herzen alles Gute nach Schweden. Habe einen schönen Sommer!
    Josephine

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