Automatismen und Rädchen im spirituellen Getriebe

Ich wünschte mir, dass insbesondere im Buddhismus weniger Betrieb gemacht wird. Zu vieles von dem, was uns im Westen beigebracht wird, hat sich noch nicht organisch mit unserem Hier und Jetzt verbunden. Es mag gute Tradition sein, doch eine, die irgendwo im Raum schwebt. Was Wunder, dass es nicht gelingt, die Herzen der Menschen zu erreichen und zu öffnen.

Wenn die eingesetzten Mittel nicht in Übereinstimmung mit der hiesigen Ursache der Krankheit geschlossener Herzen sind, können sie auch nicht die gewünschte Heilung bringen.

Ich wünschte, es gäbe eine Art Wirtschaftsprüfung auch im spirituellen Bereich. Und dass nicht falsch geurteilt wird, wir im Westen seien schwierig und schwer zu erreichen. Vielmehr sollte intensiver geprüft werden, ob genug Berührungspunkte da sind, zwischen Tradition und westlichem Alltag, die ermöglichen, sich auch auf Höhe des Herzens zu erreichen und zu verstehen.


Es ist möglich, jede Menge Gründe zu finden, um an einer Situation, in der man geduldig ausharrt, nichts zu ändern. Der mir lange Zeit Stichhaltigste war der, zu meinen, mich in der Beurteilung auch dieser Situation zu irren.

Ich saß oft lange da, untersuchte die Gegebenheiten von allen Seiten und versuchte, ihnen etwas Positives abzuringen. Letztlich war es die ständige Wiederholung des Unangenehmen, was das Fass zum überlaufen brachte. Und da ich mich selbst nicht in einer wenig nutzbringenden Situation immer wieder beobachten wollte, raffte ich mich irgendwann auf und ging.

Lange war ich durchdrungen von Angst und Schuldgefühlen, weil ich mich auf den Weg machte und bisher Vertrautes hinter mir ließ. Nicht sofort fand ich Bestätigung dafür, dass mein Handeln richtig war.

Ich spürte nur im Herzen, dass ich einfach etwas ändern muss, weil ich mein inneres Weinen nicht mehr ertragen konnte. Ich weinte darüber, dass der Dharma, von dessen Nutzen ich im Herzen so viel weiß, so wenig Nutzen zeigte. 

Viele Jahre später erst stellte sich für mich heraus, dass mein Handeln und mein Aufbruch richtig war. Richtig fühlte sich der Aufbruch stets dann an, wenn die Veränderungen, die ich einleitete, mir persönliches Wachstum brachte. Und Grund zum Aufbruch gab letztlich auch die Abwesenheit desselben. Nur mein persönliches Wachstum, so wusste ich, würde sich je positiv auf die Menschen auswirken, die mir im Laufe des Lebens begegnen würden.

Einige hartnäckige Ängste und Schuldgefühle aber gab es. Ab und an suchen sie mich auch heute noch heim.

Wenn ich mich ganz tief in meine Schuldgefühle einfühlte, so führten sich mich stets an einen bestimmten Punkt: Ich fühlte mich schlecht, weil ich vor einiger Zeit meinen Platz verlassen habe. Eine auf bestimmte Art und Weise definierte Rolle und Tätigkeit, die Teil eines größeren Ganzen oder eines spirituellen Getriebes gewesen war. Indem ich diesen Platz verließ, verließ ich zugleich die Gemeinschaft derer, die - wie ich - ein Teil, ein Rädchen in diesem Getriebe waren. Sie hatten Sinn und Zweck darin erkannt und anerkannt, eben ein solches Rädchen in genau diesem Getriebe zu sein.

Mit ihrem ganzen Sein und Haben widmeten sie sich einer Sache oder einer spirituellen Person. Und konnten sich oftmals nicht vorstellen, dass es anders sein könnte oder sollte. Irgendwie schienen sie angekommen.

Doch bei mir schwand mit der Zeit das Gefühl, angekommen zu sein. Ich sprang irgendwann aus dem Getriebe und rollte in Einsamkeit davon ...

Mein dann einsetzendes Reframing gelang nur so gut, weil ich a) jenes große Ganze, dessen Teil ich bis dato war, als weniger sinnstiftend wahrnehmen konnte, als bisher. Und b), dass ich in mir einen höheren Sinn spürte, dem dieses verlassene Getriebe nicht erfüllen konnte und von dessen Existenz ich doch zutiefst überzeugt war. Diese innere Wahrnehmung eines noch tieferen oder nutzbringenderen Sinnes als bisher, vermochte alle meine Zugehörigkeitsgefühle zu übertrumpfen.

Sich auf die Suche nach einem besseren, spirituellen Platz zu machen, an dem ich mehr ich selbst und in der Blüte meiner Herzenswerte sein konnte, war stets meine größte Triebkraft.

Doch was meine Herzenswerte sind und waren, das zeigte sich oft nur als Ahnung und als Unvermögen, faule Kompromisse zu machen. Oder als tiefere Anlaysefähigkeit und im Empfinden, dass die Situation so, wie sie jetzt ist, einfach nicht ausreicht und meinem Ideal nicht nahe genug kommt. Da geht noch mehr, dachte ich. Und ging weiter.

Eine zeitlang meinte ich, dass ich ein Rädchen in irgendeinem Getriebe bleiben könne. Irgendwann, so meinte ich, träfe ich auf die andere spirtuelle Maschinerie, die meine Werte spiegelt und in die ich mich wieder fügen werde. Doch dem war nicht so. Und meine Identität als ein irgendwohin passendes Zahnrädchen aufzugeben, das machte lange Zeit ebenfalls Angst- und Schuldgefühle.

Heute ziehe ich in Betracht, dass trotz aller inneren Zwiespälte für mich nicht in Frage kommt, mich nahtlos und widerspruchsfrei in einem bestehenden, spirituellen Betrieb einzufügen. Und das aus folgendem Grund: Ich werde nicht imstande sein, meine Augen zu schließen und meine eigene Wahrnehmung zu verleugnen. Denn im Zuge des Wanderns in Einsamkeit lernte ich, mich auf mich selbst zu verlassen.

Was ich sehe, das sehe ich. Und wenn ich spüre, dass etwas nicht stimmt, kann ich das nicht ignorieren. Ich weiß, was es für mich für Schmerzen mit sich bringen würde, wenn ich nur wegen meines Wunsches nach Gesellschaft dulden würde, was sich nicht echt und harmonisch anfühlt. Vor allem kann ich geschlossene Herzen nicht ignorieren. Denn aus ihnen entsteht kein Nutzen, sondern Schaden. Und diesen Schaden kann ich einfach nicht mehr in Kauf nehmen.


In der heutigen Zeit ist das geschlossene Herz leider die Regel - und das geöffnete Herz noch die Ausnahme. Selbst unter spirituellen Lehrern grassiert die Mode des gut automatisierten Abspulens dessen, was sie einst von Kindheit an in ihren Klöstern gelernt haben. Ob es wirklich zu den Menschen, die Hilfe suchend zu ihren Füßen sitzen, durchdringt oder nicht, das interessiert sie nicht tiefgründig genug.

Viele Lehrer, so scheint mir, gehen davon aus, dass die traditionelle Art des Lehrens schon funktionieren wird, weil es ja seit Generationen immer geklappt hat. Sie machen sich nicht die Mühe, sich zu ihren Schülern wirklich hinzuneigen und ihre Kultur, ihre Lebensart und die damit einher gehenden Symptome des geschlossenen Herzens zu verstehen. 


Wie könnte ich jemals ein fleißiges Zahnrädchen in deren Getriebe werden? Wo sie mich in dem, was ich bin und woran ich leide, gar nicht wahrnehmen?  Wie blind müsste ich sein, mich deren Wirken und Schaffen zu unterwerfen, im hoffnungslos verfehlten Wunsch, dadurch befreit zu werden?

Und genau dazu zu stehen, dass ich dies manchmal so wahrnehme, das habe ich mich lange nicht getraut. Diese Wahrnehmung geschlossener Herzen auch bei buddhistischen Lehrern trieb mich dazu, aufzubrechen und meiner Wege zu gehen. Jahrelang quälten mich Schuldgefühle wegen dieses Urteils und ich tadelte mich: "Wie kannst du nur so respektlos sein und behaupten, der und der Lehrer ist nicht richtig mit seinem Herzen präsent?"

Gegen meine eigene Wahrnehmung kann ich mich nicht wehren und ich kann sie mir auch nicht aussuchen. Sie ist meine Basis und mein Pfad, meine Frucht. Und wenn sich trotz gründlicher Meditation an diesem Aspekt der Wahrnehmung nichts ändert, sondern sich dieser Aspekt sogar verfeinert und erhärtet, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als dies als die Wahrheit anzunehmen.


Und wenn das meine Wahrheit ist, die von Herzen zu mir spricht, dann bin ich verpflichtet, ihr gemäß zu handeln. Diese Wahrheit mag auch schmerzlich sein, doch nichts würde mehr schmerzen, als Selbstbetrug. Der Selbstbetrug, der entsteht, wenn man hofft, von einem Laubbaum Äpfel zu ernten.

Meinem Herzen die Treue zu halten, bedeutet zugleich, meiner Wahrnehmung zu trauen. Und wenn diese mich zum Aufbruch mahnt, weil das spirituelle Getriebe, dessen Teil ich bin, mir trügerisch dünkt, dann muss ich folgen. Sonst unterstützte ich durch mein Tun nur etwas, was nicht die gewünschten Ergebnisse bringt. Weder für mich, noch für andere.

Sicher finden sich, außer mangelndem Selbstvertrauen, noch viele weitere Gründe, dennoch das Rädchen im Getriebe zu bleiben: Mitgefühl mit den Betroffenen zum Beispiel. Oder eine Verpflichtung, die man vielleicht vor Jahren schon eingegangen ist.

Doch wenn der Schaden in deiner Wahrnehmung größer ist, als der Nutzen, so bitte ich dich, zu handeln.

Denn wahres, mit Weisheit versehenes Mitgefühl, wird den Betroffenen stets das Bessere wünschen und niemals das Schlechtere aufrechterhalten, nur um deren Illusionen nicht zu zerstören.

Manchmal ist es weiser, jemanden unsanft auf dem Boden ankommen zu lassen, als über Jahre an etwas zu gewöhnen, was in eine spirtuelle Sackgasse führt. Schließlich kommt irgendwann der Punkt auf ihrem Pfad, an dem die Betroffenen lernen müssen, sich diesen Irrweg wieder mühsam abzugewöhnen, um wahrhaftig Befreiung zu erlangen.




Kommentare

  1. Liebe Josephine,

    wahrscheinlich ist das Ziel dieser Gruppen und Lehrer einfach nicht, ein offenes Herz zu haben... so dass es dann natürlich dort auch nicht wirklich gelehrt und gelebt wird.

    Vielleicht ist es an dir, wenn dir die Begegnung mit Menschen mit offenem Herzen so wichtig ist, genau nach solchen Menschen/Gruppen zu suchen und dich mit ihnen zu umgeben.

    Liebe Grüße

    Tao

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    1. Lieber Tao,

      vielleicht.

      Vielleicht geht es im Dharma - wie er mir im Herzen geschrieben steht - genau darum, die Herzen zu befreien.

      Vielleicht würde jemand anderes andere Begriffe dafür finden. Aber in meiner Begriffsbildung für mein Empfinden werde ich mir treu sein. Niemand muss sich damit identifizieren, der das nicht möchte oder kann.

      Und warum ich hier darüber schreibe, dass manche Gruppen und Lehrer daran vorbei gehen, ist für jene berechtigt geschrieben, die das genau so empfinden.

      Mir geht es nicht um meine persönliche Lösung und ich suche in meinem Blog nicht persönlichen Rat.

      Und es scheidet sich an der Rezeption meiner Beiträge Spreu und Weizen allein schon daran, ob sie als permanente Hilferufe verstanden werden oder als Option, eine neue Sicht zu entwickeln und zuzulassen.

      Dies könnte vielleicht eine Einstellung zum Buddhismus sein, die tiefgründig genug ist, um auch diesen meinen, hier beschriebenen Anspruch wahrzunehmen, zu benennen und zu leben. Weil das Vorhandensein meiner Sicht in mir bereits das Leben ist. Ich bin überzeugt davon - und weiß dies auch - dass auch andere Menschen nachempfinden können, was ich meine.

      Buddhismus ist für mich mehr als private Selbstfindung und Therapie.

      So schreibe ich ganz bewusst, um die mir gemäße Sicht auszudrücken, ihr Farbe, Substanz, Stimme zu geben. Denn dies bedeutet zugleich, dass ich dabei bin, sie zu leben. Auf die eine oder andere Weise ;-)

      Und andere, die ähnliche Ansichten hegen, sind durchaus herzlich eingeladen, ihnen gemäß mit mir zu sein... :-)

      Sei herzlich gegrüßt
      Josephine

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  2. Das ist wieder so ein schöner und wahrer Beitrag, dem ich nur zustimmen kann. Auch ich habe mich schon lange von meiner Kirche distanziert, vor allem weil mir die Sprache, mit der über Spirituelles gesprochen wird, nicht zusagte, mich nicht berührte. Es sind oft hohle Worte, die den Kern nicht treffen. Ich bin aber nicht traurig darüber, weil ich ja meine eigene Wahrheit in mir selbst gefunden habe.
    Ganz liebe Grüße!
    Anke

    P.S. Schönes Profil-Foto!

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    1. Liebe Anke,
      auch ich kenne dieses Phänomen aus meinem christlichen Umfeld seit der Kindheit.

      Schon damals hat mich gestört, dass Menschen, die fleißig jeden Sonntag den Gottesdienst besucht und sich in der Kirche engagiert haben, kein bisschen Glauben von Herzen gelebt haben. Es ist anzunehmen, dass ich deshalb dagegen so allergisch bin.

      Wenn spirituelle Überzeugungen nur wie ein Gewand getragen werden, aber dich nicht tief im Inneren zu einem ethischen Menschen machen, wozu sind sie dann gut? Nach außen, in der Öffentlichkeit mimten sie den aufrichtigen Christen, doch in ihrem täglichen Sprechen und Handeln hinter den Kulissen, waren sie oft gewissenlos und herzlos.

      Traurig ist es für die Menschen, die sich an solchen Schauspieler wenden, weil sie ernsthaft Halt und Orientierung suchen. Ich kann das nicht kritiklos mit ansehen ...

      Viele liebe Grüße an Dich,
      Josephine

      P.S.: Danke für das Kompliment für das Foto. ...alles nur viel Make-up und extrem vorteilhaft ausgeleuchtet ;-)

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