Wenn es weh tut, dann tut es weh

Früher habe ich meine Eigenschaft, Dinge so auszusprechen, wie ich sie gerade wahrnehme und empfinde, immer als "deutsche Direktheit" bezeichnet.  Heute nun spüre ich dem nach und möchte das gern korrigieren: Dass ich das, was ich wahrnehme, so ausspreche, wie ich es in diesem unmittelbaren Moment wahrnehme, hat für mich viel eher mit einer klaren Verbindung zu meinem Herzen und meinen Gefühlen zu tun.

Das ist nicht "deutsch". Ich war schon immer so. Und auf dieser Grundlage der direkt gefühlten Wahrnehmung aus dem Augenblick heraus, schreibe ich meine Beiträge hier. Aus dieser Offenheit für mich, meine Empfindungen und dem Austausch mit meiner Umgebung.

Daraus ist für mich viel Schmerz entstanden. Oder, besser formuliert: Wenn ich in Momenten des Schmerzes offen genug war, ihn auch wahrzunehmen und auszusprechen, wurde alles noch viel schmerzhafter.

Ich erinnere mich an meinen elften Geburtstag. Dies war ein schlimmer Tag für mich, denn damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie sich Schmerz durch meine Offenheit potenziert. An diesem Tag kam es zu einem Zwischenfall, zwischen meiner Mutter und mir.

Weil es mir nicht darum geht, das Verhältnis zu meiner Mutter zu bewerten oder fest zu kategorisieren, sei nur so viel erwähnt: Meine Mutter war mit mir einen Moment lang nicht einverstanden und sehr wütend und ich in Tränen aufgelöst.

In diesem Augenblick spürte ich so viel Schmerz und ich sprach ihn aus, in dem ich zu meiner Mutter sagte: "Du liebst mich gar nicht." Kaum hatte ich das aus meiner Verzweiflung heraus gesagt, nahm die Katastrophe erst richtig ihren Lauf. Und die nachfolgende Reaktion meiner Mutter bestätigte letztendlich, was ich in diesem Moment gefühlt und verbalisiert hatte.

Damals begriff ich, wie verhängnisvoll für mich ist, klar auszusprechen, was ich im unmittelbaren Geschehen erlebe: In diesem Moment war in meiner Mutter die Liebe zu mir nicht präsent. Und dass ich es sagte, machte für sie die Situation schlimmer. Für sie waren meine Worte ein Vorwurf.

Wenn ein Mensch im gegebenen Moment keine Liebe fühlt, wird er auch nicht aus Liebe zuhören und ebenfalls nicht mit Liebe handeln. Das Herz ist geschlossen und dann wird auch nichts Herzliches geschehen.

Von da an lernte ich um und schwieg. Um den Schmerz zu vermeiden, der die Folge ist, wenn Schmerzen ausgedrückt werden...

Seither habe ich mir diese Tendenz zur Offenheit sehr lange verboten. Als natürliche Reaktion auf den verschlimmerten Schmerz und aus dem innigen Wunsch heraus, keine Schmerzen zu haben. Dieser Wunsch ist uns wohl allen gemeinsam.

Gerade heute kam ich darüber ins Gespräch mit meiner sehr guten Freundin. Sie kennt mich in dieser Tendenz sehr gut. Ich bin diejenige, die aktiv den Finger in ihre Wunden legt. In den letzten Jahren hat sie deshalb sehr häufig mit ähnlicher Ablehnung auf mich reagiert.

Ich verstehe sehr gut, dass niemand auf seinen Schmerz hingewiesen werden möchte. Doch auch im Schmerz präsent zu sein, ist für mich schon immer eine positive Option gewesen. 

Wahrzunehmen, dass etwas weh tut, weckt nicht nur auf, sondern ermöglicht mir, gütig zu mir und anderen zu sein. Im Moment des Erwachens am Schmerz wird sehr oft möglich, sofort alles Notwendige zu unternehmen, ihn zu stoppen. Dabei ist es nebensächlich, ob die Ursache des Schmerzes in mir liegt, oder von außen kommt, oder bei einer anderen Person liegt.

Warum sollte ich diese Chance, für mich und andere etwas Gutes zu tun, ungenutzt verstreichen lassen?


Meine Motivation, Schmerzen zu erkennen, als das, was sie sind, ist sehr stark, weil ich mächtige Erinnerungen an große Schmerzen habe (jedoch nicht aus diesem Leben). Und diese wünsche ich niemandem. Und derjenige, der Gewalt erlebt hat, wird diese Motivation nachvollziehen können.

Ich erkenne nicht nur anhand des Beispiels meiner Mutter oder meiner Freundin sehr klar, wie wir in unserer Psyche veranlagt sind: Wir versuchen auf unausweichlichem Schmerz mit Verdrängung zu reagieren. Das ist eine Art natürlicher Schutzmechanismus.

Doch dieser Schutz funktioniert nur so lange gesund und richtig, so lange der durch Schmerz verursachte Stress in einem maßvollen Rahmen bleibt. Wer sich mit Psychologie ein wenig befasst hat, der weiß, dass zu stark auf uns wirkende Stressoren auch zum Tod führen können. Wenn es nicht ganz so schlimm ausgeht, dann entwickeln wir verschiedene Krankheitsbilder.

Und Psychotherapeuten tun sehr oft nur eines: Die verdrängten Ereignisse und Seelenanteile wieder zurückzuholen.

Daher erachte ich inzwischen meine Offenheit im Umgang mit Schmerzen als vollkommen gesund:

Es tut weh...

Ich fühle, dass es weh tut... 

Ich bekenne mich dazu, dass ich den Schmerz wahrnehme...

Ich lasse damit den Schmerz zu...

Ich versuche, dessen Ursachen und sein Entstehen zu erkennen.

Ich heile den Schmerz, sofern es mir möglich ist.


Das ist ein wichtiger Teil der Arbeit mit mir und meinem Herzen. Und ich bin überzeugt davon, dass er in die Freiheit führt. Die Freiheit, ich selbst zu sein und andere sie selbst sein zu lassen.

Meine Freundin gab heute offen zu, dass sie mich oft dafür verteufelt hat, sie nicht ihren Verdrängungsmechanismen überlassen zu haben. Immer wieder habe ich sie in meiner Direktheit aufgeweckt, zu ihrem Schmerz. Und heute verstünde sie, dass sich nur durch Wachheit für den Schmerz ihr Wunsch erfüllen wird, wirklich an ihrem Leben beteiligt zu sein. Währenddessen Verdrängung sie in ein unwirkliches Niemandsland führt, ohne echte Gefühle und ein warmes Herz.

Wirklich sich für sein Leben zu engagieren, bedeutet, gewaltlos gegen sich und andere zu sein. Und wie will ich das lernen, wenn ich mich nicht damit auseinander setzen möchte, was Gewalt ist?

Gewalt erzeugt Schmerzen.

Gewalt hat viele Gesichter, viele Ebenen, Abstufungen oder Nuancen. 

Jeder, der sich an Gewalt gewöhnt, wird sich selbst oder anderen Gewalt zufügen. 

Und damit Schmerzen.

Meine Mutter war damals, als ich elf war, mitten in einer Lebensphase, in der sie sich viel Gewalt angetan hat. Viele Jahre lang hat sie versucht, den Einklang mit ihrem Leben zu finden. Doch so sehr sie sich auch anstrengte - es wollte einfach nicht gelingen.

Und wenn ich versuche, mit meinem Leben im Hier und Jetzt im Einklang zu sein, muss ich wirklich achtsam sein. Achtsam darauf, ob ich mir Gewalt antue und damit den Schmerz zu potenzieren beginne - sei es für mich oder andere:

Die Gewalt, die automatisch entsteht, wenn ich zu intensiv verdränge.


Die Gewalt, die notwendig ist, um den real existierenden Schmerz nicht wahrzunehmen.


Die Gewalt, die ich anwende, um anderen zu verbieten, mich wieder in Kontakt mit meinen Schmerzen zu bringen.

Die Gewalt, die ich aufwenden muss, um meine Illusion einer heilen Welt ohne Schmerzen aufrechtzuerhalten.


Gewalt gegen mich und andere beginnt auch da, wo die Stressfaktoren einfach nicht mehr zu bewältigen sind und ich es dennoch versuche. 

Dies alles sind keine guten Optionen für mich. 

Daher sage ich mir lieber: Ja, meine Situation tut weh. Ich leide. Und wenn es weh tut, dann tut es weh. Punkt.

Lieber registriere ich meine Schmerzen und beseitige deren Ursachen, so gut ich kann, als dass ich mir selbst oder anderen tagtäglich Gewalt antue. 

Die gesunde Reaktion auf Schmerz ist, diesen zu beseitigen. Und ungesund ist, mich zu zwingen, etwas vermeintlich Gutes in eine überaus anstrengende und stressige Situation zu interpretieren, wo in Wirklichkeit nur Schmerz ist. Dies wird mich früher oder später nur zu Krankheit und Tod bringen.

Wenn ich den Einklang mit einer schmerzhaften Situation und den sie begleitenden Faktoren im Hier und Jetzt partout nicht finden kann, dann muss ich einen Ausweg suchen. Oder eine Tür. Dann ist es der Ausweg oder die Tür, die die innere Balance und den Einklang mit dem Leben wieder herstellt.

Und zwar dort, im Herzen, wo ich unmissverständlich fühle, dass es weh tut, wenn es weh tut.

Und aus Liebe zur Gewaltlosigkeit, wird mein Herz dem Verstand, der so gerne Situationen schön redet, ganz sicher das Wort verbieten...










Kommentare

  1. Liebe Josephine,
    nichts ist schlimmer, als Schmerzen zu verdrängen! Sie wirken dann im Unbewussten weiter und vergiften uns. Ich habe erst neulich wieder die Erfahrung gemacht, dass dem Schmerz Ausdruck zu verleihen, einen sehr erleichtert. Man muss es einfach aussprechen, so wie man es fühlt, auch wenn man den anderen erst mal vor den Kopf stößt. In der Folge entwickelte sich ein heftiger Streit zwischen der betreffenden Person und mir, aber nach diesem Gewitter war die Luft rein und klar und von Liebe und Respekt bestimmt, mehr als zuvor, wo alles unterschwellig war. Man kommt einem Menschen erst dann wirklich nah, wenn man ganz offen ist. Dies vermisse ich aber bei vielen Menschen, dass sie nicht ehrlich und direkt aussprechen, was sie gerade fühlen. Ich fühle da eine Wand zwischen ihnen und mir, die nicht sein müsste und die auch einen leichten Schmerz erzeugt, den der mangelnden Achtung und Fürsorge.
    Liebe Grüße!
    Anke

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    1. Liebe Anke,
      ja, diese Wand zu fühlen, ist selbst schon schmerzhaft. Sie ist ein Symptom des geschlossenen Herzens. Und mit geschlossenem Herzen ist Nähe unmöglich. Ich kenne wenig Menschen, deren Herz mir offen zugewandt ist und so stehe ich oft allein da, mit meinem offenen Herzen.

      Der Schmerz, in meinem offenen Herzen die geschlossenen Herzen der anderen wahrzunehmen, wird irgendwann unerträglich. Dann gehe ich auch auf diejenigen zu, die mir am Herzen liegen und drücke den Schmerz aus. Doch sich immer wieder neu diesem reinigenden Gewitter stellen zu müssen, kostet viel Energie. In meiner unmittelbaren Privatsphäre, die ich für meine Regeneration brauche, steht mir diese selten zur Verfügung. Das schafft Co-Abhängigkeit, über die ich in meinem nächsten Beitrag schreiben werde...

      Ich freue mich für dich, dass deine Auseinandersetzung zu Liebe und Respekt geführt hat. Das zeigt, dass du dieser Person wirklich am Herzen liegst, ebenso wie sie dir. Das ist sehr kostbar.

      Herzliche Grüße
      Josephine

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