Über Stillstand, Unruhe, Satelliten und Türen

Für mich gibt es derzeit viele Gründe, von Stillstand zu sprechen. Dieses Gefühl, dass mein Leben in einem Zustand äußerer Routine eingefroren scheint - einen Zustand, den ich eigentlich nie mehr haben wollte.

Sag niemals nie, lautet das alte Sprichwort...

Vielleicht ist das, was ich im Äußeren als Stillstand erlebe, auch etwas anderes. Eine Veränderung der Wahrnehmung und des Erlebens, als es mir in den letzten zehn Jahre eigen war, zum Beispiel.


Rasant waren die letzten zehn Jahre. Sie erschienen mir mehr als Fluch, als dass ich darin täglich Segen zu sehen vermochte. Doch wenn ich etwas damals wirklich gut beherrscht habe, dann trotz nicht vorhandenen Bodens unter meinen eigenen Füßen, zuversichtlich zu sein. Ich kenne "worst case"-Szenarien durch und durch. Und dabei verliere ich nicht die Nerven. Höchstens eine Schrecksekunde lang.

Doch wenn der Druck der im Zeitraffer vorbeirasenden Ereignisse und Erfordernisse von mir abfällt, dann fühle ich ihn plötzlich, den nicht vorhandenen, inneren Boden. Denn die Nerven behalten zu müssen, ist eine Form von Fokus. Und einen Fokus zu haben, ist ein Boden. Es gibt dem Geist ein Objekt, an dem er sich (fest)halten kann.

So absurd sich die Geschehnisse oft darstellten - viele im geistigen Verstehen und Erleben sich abspielend, so ereignete sich doch etwas in meinem Leben. Es gab Fortschritt, es gab Erkenntnis, es gab überwundene Schwierigkeiten. Oder, wie wir Menschen des Westens sagen: Es gab Ergebnisse.

Diese Zeit ist vorbei. Jetzt herrscht dieser Stillstand, der mich zurzeit mehr ängstigt, als jeder "worst case". Ich überzeichne ein wenig das Bild, wenn ich von komplettem Stillstand spreche, weil der Unterschied so eklatant und krass ist, zwischen dem temporeichen Leben von einst - und der Ruhe jetzt.

Die Wirkung des Stillstands alltäglicher Routine (Aufstehen, Meditieren, Arbeiten, alltägliche Erledigungen, Meditieren, Schreiben, schlafen) ist das bewusste Bemerken meiner inneren Unruhe. Einer subtilen, versteckten Unruhe. Diese Unruhe lässt mich das, was eigentlich Routine werden möchte, immer wieder durchbrechen. Diese Unruhe will mit sich selbst nichts zu tun haben und torpediert daher jeden Anflug täglicher Routine. Wieder und wieder.

Früher war das gut. Früher war das notwendig. Doch heute? Heute könnte dieses Durchbrechen der Routine eine bekannte, aber nicht mehr angebrachte Strategie sein...

Im Stillstand der Routine wird Unruhe sehr scharfkantig. So deutlich und unerbittlich zeichnet sie sich ab: Diese innere Unfrieden, ein Unvermögen, mit meinem Leben, wie es so eben gerade ist, ganz in Akzeptanz zu gehen. Obwohl ich mir nichts mehr als Frieden wünsche - so viele Jahre schon.
 

Im routinierten Stillstand wird sie so laut, die Unruhe. Und in ihr offenbart sich jede Menge anderes, dem ich noch kein Wort und keine Stimme geben mag. Aus keinem anderen Grund, als der Angst, dass sich neuerlich Untiefen auftun.
 

Untiefen, die ich einst aus dem Wunsch, sie zu überbrücken, aufbrach. Und noch immer sind sie da. Tiefe Schluchten in meinem verwundeten Herzen, in die ich keine Zeit fand, zu stürzen, weil andere meine Aufmerksamkeit forderten. Weil ich mit anderen in deren Schluchten reiste, während meine brach lagen.

Ich veränderte vor mehr als zehn Jahren radikal mein Leben, um meines ersehnten Friedens willen - doch in Wahrheit habe ich die ganze Zeit andere befriedet. Aus dem Wunsch, meinen Frieden zu machen, brachte ich ihn anderen. Und das ist es, was ich schon mein Leben lang tue.

Und so soll es ja auch sein. Denn was ich dir tue, das tue ich auch für mich.

Doch manche Schluchten sind nun einmal die ganz eigenen, privaten, intimen, die  man nicht jedem zeigen kann. Deren schmerzliches Erkunden ich nicht mit jedem erleben kann. Oder will.

Jetzt, wo ich mit meinem Unfrieden plötzlich allein bin und er mir so deutlich vor Augen steht, erschreckt es mich, erneut Anfängergeist zu benötigen.

Aufgebracht laufe ich im Kreis. Im Kreis. Im Kreis.

Dem Stillstand davon laufend, der nötig wäre, um mich nun ganz auf meinen persönlichen, äußerst intimen, ganz privaten Schmerz einzulassen.

Das ist die Ebene tiefer.

Unerwartet trifft es mich, eine lange Zeit des Suchens und Findens seinem Ergebnis nach als etwas anderes zu erkennen, als das, was ich bisher für das Ergebnis gehalten habe.

Wieder wird ein Schleier gelüftet.

Und wie vor zehn Jahren schon, schmerzt die neugewonnene Klarheit und Schärfe meiner Sicht zuerst schrecklich in meinen Augen.

Verblüfft stelle ich mit dieser neuen Sicht heute fest, dass ich noch immer nicht ganz bei mir angekommen bin.
 

Dass ein Teil von mir noch auf mich wartet. Ein Teil meines Herzens, der wund und brach liegt. 
Eine ungesunde, weit offen stehende Tür, durch die zu viel meiner Lebenskraft einfach so ungenutzt entweicht.

Verwundert frage ich plötzlich, was ich eigentlich die ganzen Jahre über getan habe - und wozu das gut war.
 

Und dies alles ist mit einem übermächtigen Bedürfnis nach Stille verbunden, das meinem Herzen entsteigt. 

Dieses Bedürfnis ist deutlich da, während ich mich selbst immer noch dabei beobachte, wie ich dieser Stille und dem Stillstand, den diese für ihr Entstehen braucht, zu entkommen versuche.

Dieser aussichtlose Fluchtweg - immer nur im Kreis, im Kreis, im Kreis.
 

Ich kreise um meine eigene Sphäre. Genau so, wie ich es vor beinahe zwanzig Jahren einst Jean Beaudrillard so übel nahm. Damals las ich ein Buch von ihm und war zutiefst entsetzt, als er voraussagte, dass die Menschen, in seiner postmodernen Vision der Zukunft, zu einsam um die Erde kreisenden Satelliten würden... Eine Entropie, die ich so niemals akzeptieren wollte.

Und auch heute akzeptiere ich diese nicht. Sonst spräche ich nicht so oft von der Befreiung des Herzens.

Ich blicke also derzeit auf meine ewigen Selbstversuch der Erlösung - und finde mich wieder, als um mich selbst einsam kreisenden Satelliten. Es schmeckt schal, akzeptieren zu müssen, dass Beaudrillard eben doch Recht hatte. Zumindest für diesen Moment, in dem ich gerade bin und die Momentaufnahme, die ich gerade dabei bin, aufzuzeichnen und mit Euch zu teilen.

Auf eine neue Ebene zu gehen - oder in größere Tiefen des gebrochenen und ungezähmten Herzens hinabzusteigen, war für mich immer eine gute Nachricht. Ich dankte stets den Wesen meines Vertrauens, wenn ich weitergehen durfte und in keinem Status Quo verharren musste.

Ein hermetischer, statischer Status Quo ist es, der mich mürbe und unzufrieden macht. Dies als Objekt meiner Unzufriedenheit auszumachen, ist vielleicht nicht mehr, als meine eigene Utopie. Eine, die sich nicht erfüllen wird. Eine, die vielleicht auch eher eine Entropie ist...

Diese Ahnung ist Sendbote der neuen Ebene, ist wie ein Lichtschein, der durch die neu für mich sich öffnende Tür sanft auf mich fällt.

Nicht jene Tür, ins Reich der Dunkelheit, die meine Lebenskraft frisst, meine ich hier. 

Sondern jene, die einen Blick auf die Güte der Heilung erhaschen lässt. Warm ist dieser Lichtstrahl.

Doch jener noch immer wunde Teil meines Herzens fürchtet sich davor und mag noch nicht an Heilung glauben. Selbst wenn er manchmal die Richtigkeit dieses Weges durch diese Tür sehr deutlich spüren kann...

Das Rätsel um diesen Unfrieden in mir will nun gelöst werden.

Ich habe keine Ahnung, was diese Unruhe genau meint.

Ich weiß nicht, was sie mir mitteilen möchte.

Ich sehe nicht einmal, was es jetzt zu tun oder nicht zu tun gibt.

Aber ich sehe die Tür.

Doch zwischen mir und dieser Tür ist nichts.

Noch vertraue ich nicht ganz, dass es meine Tür ist.

Noch sehe ich keine Schwelle.

Noch keinen Weg, auf dem ich, meine Füße Schritt für Schritt setzend, letztlich zur Tür und durch sie hindurch gelangen könnte.

Denn ich erwähnte ja schon: Da gibt es keinen Boden unter meinen Füßen, außer dem Stillstand täglicher Routine. Dieser Stillstand, der so scharf sein grelles Scheinwerferlicht darauf wirft, dass der Boden bis zur Tür eben nicht vorhanden ist.

Doch ich gehe davon aus, dass ich irgendwann demnächst damit aufhören werde, im Kreis um mich selbst zu laufen. 
 

... Dass ich bald den Mut und die Kraft finden werde, mich auf den Stillstand einzulassen und mich ganz dieser Unruhe zu überantworten.
 

... Dass ich dann aufhören werde, etwas zu sein, was ich nicht sein möchte: Ein einsam um mein innigstes Herz kreisender Satellit, der es versäumt, sich vollständig in dessen flammende Korona zu werfen...
 

...Dass ich einfach ausprobieren werde, was passiert, wenn sich dieser Ich-Satellit rückstandslos in jenem, bisher unentdeckten Teil meines brennenden und zugleich sehr bedürftigen Herzens, für immer auflöst...
 

Ich gehe davon aus, dass mein innigstes, wahres, echtes Ich selbst dafür sorgen wird, dass ich jene neue Art und Weise der Heilung einfach annehmen werde.
 

Jene Heilung, die dort, jenseits der Schwelle, beständig auf mich wartet...

So sei es.

Om Amidewa Hrih


Kommentare

  1. Ja, liebe Josephine,

    oft schauen wir auf etwas - wo wir meinen endlich hinkommen zu müssen.
    Dann haben wir den Eindruck, es steht etwas im Weg - es steht etwas dazwischen.

    Doch das was dazwischen steht, ist genau das, worum es jetzt geht.
    Das was direkt vor uns steht, ist stets genau das, worum es jetzt geht.

    Das was dazwischen steht, will gesehen werden,
    will genommen werden...
    will einen Platz im eigenen Herzen haben.....

    Dies ist ein Weg.... Schritt für Schritt......
    und sehr behutsam mit sich selbst...

    Herzliche Grüße

    Tao

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    1. Lieber Tao,

      vielen Dank für deinen Kommentar.

      Ja, das was dazwischen steht, will gesehen werden. Nur passt es nicht immer ins Herz, insbesondere wenn es nicht von Herzen kommt.

      Doch bereit sein, es zu sehen und zu fühlen, ermöglicht, dessen wahre Natur zu erkennen. Wenn es zum Herzen gehört, wird es im Herzen seinen Platz finden. Wenn nicht, ist es gesund, es zurückzuweisen...

      So vieles in diesem Leben ist eine Frage der Entscheidung. Und gerade in der heutigen Zeit gibt es leider viel zu viel davon, das niemals seinen Platz im Herzen finden wird. Und sich gegen diese, dem authentischen Herzen fremden, Dinge zu entscheiden, führt zu einem Leben in Harmonie und Einfachheit.

      Denn die ganze Schöpfung zu umarmen, bedeutet für mich, den Werten des Herzens immer treu zu sein.

      Manchmal kann das ein sehr langer, sehr weiter Weg sein.

      Aber die Hauptsache ist, ihn Schritt für Schritt zu gehen - egal wie lang es dauert...

      Herzliche Grüße und Gutes Gelingen für Dein Seminar!
      Josephine :-)

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