Entscheidungen des Herzens

Das Leben ist kein Kinosaal, in dem wir, von den flackernden Bildern vor uns und durch sie entstehende Emotionen gebannt, Popkorn essen. Das Leben findet auch nicht auf der Couch vor unserem Fernseher oder auf dem ergonomischen Bürostuhl vor unserem PC statt.

Und das Leben sind auch nicht die Bilder und Impulse, die wir täglich aus unserem Inneren aufsteigen sehen und dabei beobachten, wie sie wieder ungenutzt verschwinden.


In der Meditation wird gerade das gelehrt, so scheint es: Ich sitze auf meinen Kissen, sehe die Gedanken kommen und gehen, und erkenne, dass dies alles nicht wirklich existiert. Und es gibt viele Menschen auf dieser Erde, die ihr Leben damit verbringen.

Doch wenn du wahrhaftig in die Tiefe gehst, so wirst du erkennen, dass auch dein Geist keine Leinwand ist. Denn alles, was sich dir auf deinem Kissen zeigt, steht in Verbindung mit deinem täglichen Denken, Sprechen und Handeln. Und allein zu erkennen, dass vieles, was du für echt, solide und undurchdringlich gehalten hast, eigentlich fließend, leer und veränderlich ist, regelt noch nicht deinen Alltag.

Während du dich durch dein Leben bewegst, triffst du ständig Entscheidungen. Es gibt Personen und Ereignisse, die du bewusst zu dir einlädst, andere nicht. Es gibt Erfahrungen, die du immer wieder verneinst, obwohl du sie dir wünschst. Und es gibt Erlebnisse, die dich immer wieder heimsuchen, obwohl du sie schon lange nicht mehr haben willst.

Das ist eben anders, als sich mit der Fernbedienung durch alle Kanäle zu zappen und dir dann das auszusuchen, was du gerade haben willst. Und bevor du dich ins Kino setzt, hast du auch eine Entscheidung getroffen, ob du den Gruselschocker, den Actionfilm oder die neueste Romanze anschaust.

Wenn ich tief in mein Herz hinein gehe, dann offenbart mein inneres Universum mir die Frucht aller meiner Entscheidungen. Das Herz zeigt sich mir in allen seinen glücklichen und verwundeteten Momenten und zeigt mir die Relation meiner Haltung zu mir und dem, was mir begegnet.

Wenn ich tief in Kontakt mit mir selbst gehe, erkenne ich immer wieder neu auch die Muster meiner Entscheidungsfindung und wie sie verknüpft ist, zum neuerlichen Schmerz oder zu der Fähigkeit, das Glück wirklich zu mir einzuladen.

Wenn ich tief von meinem Universum koste, dann treffe ich auf die ständigen  Wiederholungen meiner Gedanken, die in mir die Angst, den Schmerz, die Scham und Schuld dressieren und zurecht stutzen wollen.

Und weil ich tief, tief hinab tauche, durch diese Gedankensphären hindurch, fühle ich sehr deutlich. Ich fühle den Schmerz der Diskrepanz zwischen dem, was ich denke und dem, was ich so gern fühlen möchte. Diese tiefen, warmen, schönen, harmonischen Empfindungen des Herzens nämlich, die dauerhaft und beständig sein können. Und damit so anders, als der flüchtige Schauer, den Filme oder das Lesen von Büchern in meinen Spiegelneuronen verursachen.


Wenn ich nicht aus Gewohnheit an der Oberfläche bleibe, durchströmt mich die wortlose Sprache meines Herzens voll und ganz. Nichts höre ich dann mehr an Kommentaren, warum dies zu tun richtig und das zu lassen falsch wäre. Es gibt dort keine Erwägungen, sondern nur pures, pulsierendes Leben, der spürbare Herzschlag wirklichen Seins.

Schrieb ich vor wenigen Tagen von Überdruss, so zeigte mein Herz ihn mir in der Tiefe durch unerträglichen Schmerz. Der Schmerz darüber, dass das, was ich am meisten liebe nur einen winzigen Bruchteil meines alltäglichen Lebens ausmacht. Und der Rest ist nur die Mühsal zu funktionieren und Regeln zu befolgen, die mich als Teil dieses meines sozialen und gesellschaftlichen Umfeldes am Leben lassen. Nicht mehr.

Der Schmerz, von dem getrennt zu sein, was ich liebe, ist Ausdruck meines mehrfach gebrochenen Herzens. Und ich will nicht, dass es so bleibt
.

Denn wenn du dich wirklich ganz in der Tiefe mit Dir verbindest, so tust du dies immer in Großzügigkeit, voller Wohlwollen und in tiefem Mitgefühl. Wenn du alles dies nicht fühlst, während du dich dir zuwendest, kannst du ganz sicher sein, dass dein Herz geschlossen ist. Und demnach bist du irgendwo zwischendrin stecken geblieben und nicht ganz in deine eigene Offenheit für das Leben gegangen.

Diese Offenheit, die bereit ist, von allem zu kosten, was dein Universum des allumfassenden Gefühls zu bieten hat. Nichts anderes als das ist dein offenes Herz. Einmal die Offenheit für Dich - und einmal eben die gleiche Offenheit, die genau dies auch anderen wünscht. Das ist dein Herz
.

Mein Schmerz des gebrochenen Herzens ist es, der mich beunruhigt. Denn während ich ihn in meiner Offenheit für mich koste, sehe ich zugleich, dass ich ihn nicht allein heilen werde. In der Gesundung, die ich mir für mein Herz wünsche, werde ich auf offene Herzen anderer angewiesen sein. Wie jedes Herz ist auch mein Herz davon abhängig, auf heilende Resonanz im anderen zu treffen.

Angelegenheiten des Herzens haben immer und einzig nur mit tiefen Gefühlen zu tun. Aus ihnen schöpfen sie, diese verschenken sie und durch starke Resonanz potenzieren sie diese.


Und indem Herzen heilen - sich gegenseitig heilen - heilt irgendwann die ganze Welt.

Ich gehöre nun zu den Menschen, die bereit sind, für ihr Herz einiges zu riskieren. Ich bin bereit dazu, weil ich weiß, dass nur in der Resonanz offener Herzen wirkliches Leben geschieht.

Alles andere ist nur erdacht, erdichtet, vorgestellt, erkauft und irgendwo geliehen. 

So, wie unsere Lieblingsseifenoper im Fernsehen, der neuste Kinofilm, der uns zwei Stunden fesseln konnte oder das neueste High, was ich mir abgeholt habe, indem ich einem besonderem spirituellen Ereignis beigewohnt habe.

Wenn ich sage, ich bin bereit, noch einmal ganz von vorn anzufangen, dann weiß ich ganz genau, warum und wofür: Ich möchte das Verhältnis umkehren, dass die alltägliche Mühsal 90% meines Daseins ausmacht, während das, was ich von Herzen liebe, sich mit 10% begnügen muss.

Ich möchte das Verhältnis umkehren.

Ich muss es umkehren.

Ich werde es umkehren.

Weil alles andere mein Herz töten wird.


Dann wäre alles das, was ich bisher zu investieren bereit war, um mein Herz vollkommen zu öffnen und in voller Strahlkraft wahrhaftiger Gefühle sein zu lassen, umsonst gewesen. Und das darf auf keinen Fall sein.

Dann nämlich würde ich nur jeden Tag damit verbringen, die Oberflächlichkeit abzuwehren, zu der mich diese alltägliche Mühsal verdammt. Und genau das tue ich im Moment. Es ist der tägliche Kampf des Sisyphos. Jeden Tag beginne ich wieder aufs neue, den schweren Felsen diesen idiotischen Hang hinauf zu stemmen... Wie absurd ist das denn?

Die Lösung, die ich auf mich als sanft heilenden Lichtstrahl fallen sah, aus jener Tür, zu der ich den Weg noch nicht kenne, war diese: Ich sah ein Bündnis offener Herzen von aufrichtigen Menschen, die nicht mehr bereit sind, Kompromisse einzugehen.

Diesen Stein jeden Tag aufs neue den Felsen hinaufzurollen - das ist ein Kompromiss.

Die Option zuzulassen, am nächsten Tag ihn wieder am Fuße des Abhangs vorzufinden, ist ein Kompromiss.

Am nächsten Morgen nach dem ersten Frühstück ergeben die Hemdsärmel aufzurollen, um ihn wieder nach oben zu rollen, ist ein Kompromiss.

Und dieser Kompromiss besteht nicht mehr und nicht weniger als aus einem Gedanken. Einen Gedanken, den das Herz so nicht kennt, weil es jenseits der Gedanken erst wahrhaft offen ist. Ein Gedanke, den ich dennoch urteilend anwende, weil ich diesen Gedanken irrtümlicherweise für bodenständiger als mein eigenes Herz halte.


Und dieser Gedanke lautet: Es geht nicht anders. Und wenn ich noch ein wenig weiter warte, folgt ein weiterer Gedanke: Ich habe keine andere Wahl. Noch ein wenig gewartet, höre ich: Alles andere ist viel zu weit von den Möglichkeiten meines derzeitigen Daseins entfernt. Ehe ich mich versehe, habe ich eine nette Argumentationskette gegen mein eigenes, lebendiges, andere umarmen wollendes Herz beisammen.

Hinter dieser Tür, die ich dort offen stehen sehe, wartet etwas anderes auf mich. Eine Allianz kompromisslos offener Herzen. Ein Bündnis großmütiger Herzen, die, so wie ich, von faulen Kompromissen einfach die Nase gestrichen voll haben.

Weil diese Menschen offenen Herzens deutlich spüren, wie ineffektiv dieses Leben aus gedanklichen Kompromissen ist.

Weil sie spüren, wie trügerisch es ist, die Flamme des Herzens immer wieder zu dämpfen, als sich endlich mit den Herzensflammen dieser anderen, offenen Herzen zu vereinigen.

Entscheidungen des Herzens sind vollkommen kompromisslos für nur eine Sache: Die Öffnung des Herzens für das wahre Leben. Ein Leben in Liebe, Mitgefühl, Frieden, Harmonie und Weisheit. Jenseits aller Erwägungen der Machbarkeit. Trotz aller Bedenkenträger.

Entscheidungen des Herzens wissen um den neuen Tag, selbst wenn es dunkelste Nacht ist.

Entscheidungen des Herzens lassen hinter sich, was - von außen betrachtet - in Ordnung scheint, aber sich kalt und leer an fühlt.

Entscheidungen des Herzens lassen Vertrautes hinter sich, um sich auf eine neue, erfüllende Ebene des Lebens zu wagen.

Entscheidungen des Herzens vertrauen darauf, dass der Weg zu dieser Tür sich zeigen wird, wenn die kritische Masse derjenigen gefunden ist, die bereit sind, jenes Bündnis bis zum Ende der Zeit einzugehen.

Und meine Entscheidung für mein Herz will genau dies. Und nur dies.


Deshalb ist es an der Zeit, dass ich - trotz der Angst, ich könnte einst allein hinter dieser Tür dort stehen, meine Entscheidung jetzt und hier treffe. Unabhängig davon, ob die anderen ihre Entscheidung dafür oder dagegen schon getroffen haben.

Ja. Ich möchte jenseits dieser Tür gelangen. Ganz ohne gedanklich konstruierte Kompromisse. Ich möchte diese neue Wirklichkeit.

Und weiß doch auch, in tiefstem Vertrauen in mein Herz und voller Zuversicht für meine Herzensfreunde, dass wir uns eines Tages dort finden werden.

Indem ich mich jeden Tag an diese Entscheidung erinnere, bin ich mir sicher, dass sich täglich ein Stück des Weges zu dieser Tür offenbaren wird. So sei es.








Kommentare

  1. Beim Lesen musste ich an ein Zitat von Dag Hammarskjöld denken, dass mir oft Trost spendet und mir die Richtung weist.

    "So - wenn einen die Arbeitsgedanken loslassen, dieses Erlebnis von Licht, Wärme und Kraft. Von außen -. Ein tragendes Element wie die Luft für den Segelflieger, das Wasser für den Schwimmer. Ein intellektueller Zweifel, der Beweis und Logik verlangt, hindert mich zu "glauben" - selbst dies. Hindert mich, dies in Fachausdrücken zu einer Wirklichkeitsdeutung auszubauen. Doch mich durchschwebt die Vision von einem seelischen Kraftfeld, geschaffen in einem ständigen Jetzt von den vielen, in Wort und Taten ständig Betenden, im heiligen Willen Lebenden.
    --- "Die Gemeinschaft der Heiligen" und - in dieser - ein ewiges Leben."

    Ich wünsche mir so sehr aus der Ferne, dass Du Deinen Herzensweg gehen kannst!

    Anke

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    1. Fühle dich einmal herzlich umarmt für deine beständige, ermutigende und liebevolle Anteilnahme, liebe Anke! Vielen Dank. Ich fühle, dass du im Herzen mit mir bist...

      Ja, die Gemeinschaft der Heiligen - oder in meinen Worten: das Bündnis der Herzen.

      Liebe Grüße
      Josephine :-)

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